Damit die Kirche nicht alt aussieht

Erfurter Bischof sendet drei neue Gemeindereferenten in die Seelsorge; deren Einsatzorte liegen im Eichsfeld und in der Diaspora

Marlena Diewald, Christoph Hackel, Sarah Maria Alt (v.l.); Bild: privat

Erfurt (BiP). Manchmal sieht die Kirche alt aus. Nicht aber am Samstag, 23. Juni im Erfurter Dom. Dann sendet Bischof Ulrich Neymeyr im festlichen Rahmen einer Heiligen Messe drei junge Menschen als Gemeindereferenten in den Seelsorgedienst des Bistums Erfurt. Die Sendungsfeier beginnt um 9.30 Uhr. Den Gottesdienst gestaltet eine Jugendband aus Leinefelde mit.

Sarah Maria Alt (27), Marlena Diewald (30) und Christoph Hackel (27) erklären sich im Gottesdienst bereit, die frohe Botschaft des Evangeliums zu verkünden und am Aufbau der Kirche im Bistum Erfurt mitzuwirken. Nach der Beauftragung überreicht der Bischof den neuen Gemeindereferenten die Ernennungsurkunde, ein kleines Kreuz und eine besonders gestaltete Kerze, die an diesen Tag erinnern soll.

Christoph Hackel wird von Verwandten und Freunden gerne als „Erklärbär“ in Anspruch genommen, wenn sich das Gespräch um religiöse Fragen dreht. Bei seiner Arbeit in der Seelsorge sieht er sich dagegen nicht als Experte oder gar Dienstleister. „Meine Erwartung und mein Wunsch ist es, zusammen mit den Menschen in meiner Pfarrei am Reich Gottes mit zu bauen. Das geht nur gemeinsam“, sagt der 27-Jährige, der aus Wendehausen im Eichsfeld stammt und heute mit seiner Frau in Erfurt wohnt. Der Wunsch, etwas „mit anderen Christen zusammen auf die Beine zu stellen“, hat seine Wurzeln in der Jugend. „Meine ehrenamtliche Tätigkeit in der Kinder- und Jugendpastoral war mir immer wichtig und hat mir viel Spaß gemacht.“

Die Entscheidung, sich auch beruflich in der Kirche zu engagieren, reifte nach dem Abitur während eines Freiwilligen Sozialen Jahres im MCH, wie das katholische Jugend- und Erwachsenenbildungshaus Marcel Callo in Heiligenstadt abgekürzt heißt. Dafür gab Hackel sogar seinen ursprünglichen Plan auf, Deutsch- und Geschichtslehrer zu werden, und studierte stattdessen bis 2015 in Erfurt Theologie. Ein berufspraktisches Jahr führte ihn anschließend in die Pfarrei Corpus Christi in Saalfeld und ins „CentrO – Offene Kinder- und Jugendarbeit“ in Rudolstadt-Schwarza. 2016 wechselte Christoph Hackel als Gemeindeassistent und Dekanatsjugendseelsorger nach Leinefelde, wo er auch als Gemeindereferent künftig arbeiten wird. 

Sarah Maria Alt in Jena packt dagegen schon die Umzugskartons. Ihr Mann Sebastian ist auch Gemeindeassistent und tritt im Sommer eine neue Stelle an. Beide freuen sich auf ihr zweites Kind, das im September zur Welt kommen soll. Der gebürtigen Mühlhäuserin wird deshalb nach der Sendungsfeier keine neue Stelle zugewiesen. Sie geht nach der Geburt in die Elternzeit. Dass die meisten Gemeindereferentinnen und -referenten heutzutage verheiratet sind und Kinder haben, hat sich im Vergleich zu früher geändert. Noch vor 30 Jahren bildeten die Alleinstehenden, die oftmals sogar bewusst ehelos lebten, die Mehrheit.

2018 stehen Christoph Hackel, Sarah Maria Alt und Marlena Diewald wie andere Kolleginnen und Kollegen auch vor der Herausforderung, den Beruf mit der Familie und der Berufstätigkeit des Ehepartners überein zu bringen. Nicht immer eine leichte Aufgabe, auch nicht für die Personalplanung im Bischöflichen Ordinariat. 

Sarah Maria Alt sieht die Situation nüchtern. „Wir leben derzeit in einer Zeit des Wandels und des Umbruchs, die auch vor kirchlichen Strukturen nicht Halt macht. Daher erwarte ich für die kommenden Jahre, dass sich der Beruf der Gemeindereferentin wandelt“, meint die junge Frau. Ein wenig hadert sie mit der Berufsbezeichnung „Gemeindereferentin“. „Ich persönlich finde die Bezeichnung nicht ganz treffend, da sie das Bild vermittelt, Gemeindereferenten seien für die Gemeinden da. Vielmehr sind wir für die Menschen da, die in der Gemeinde bzw. auf dem Gebiet der Pfarrei leben, für katholische Christen, aber darüber hinaus auch für alle, die Anliegen haben.“ Sie verstehe sich als Seelsorgerin, sagt Alt, deren Begeisterung für die Themen des Religionsunterrichtes und das Leben in der Heimatgemeinde in Mühlhausen zu dem Wunsch führte, Theologie zu studieren. Erst gegen Ende des Studiums in Erfurt, das bis 2015 dauerte, wurde ihr klar, dass „ich die Kirche in meinem Heimatbistum Erfurt aktiv mitgestalten möchte und entschied mich so für die Ausbildung zur Gemeindereferentin.“ Praxiserfahrungen sammelte sie dabei in Jena. „Die Ausbildungsjahre sind und waren für meinen Mann und mich eine wertvolle Zeit, in der wir beruflich wie privat gewachsen sind und auch unsere Grenzen ausloten durften“, sagt Sarah Maria Alt. Bevor es aber beruflich weitergeht, freut sie sich erst einmal auf die Zeit für die bald vierköpfige Familie.

„Menschen müssen wie Menschen behandelt werden, sonst verlieren sie die Menschlichkeit.“ Diese Einsicht gewann Marlena Diewald während eines Praktikums bei einem Gefängnisseelsorger in Bochum. Damals studierte sie Theologie und Religionswissenschaften, erst in Bonn, dann in Bochum. Ihr Berufsziel: Journalistin mit dem Schwerpunkt Theologie. Das Praktikum änderte alles: „Mein Wunsch war nicht mehr Journalismus, sondern ganz klar Seelsorge. Ich wollte für die da sein, die kaum jemanden haben. Ihnen zusprechen, dass sie nie alleine sind.“ Ein weiteres Praktikum, diesmal im Generalvikariat des Bistums Essen, befeuerte ihren Wunsch, in die Seelsorge zu gehen, nur noch mehr. Mit dem theologischen Bachelor-Abschluss aus Bochum wechselte Marlena Diewald mit der erklärten Absicht, Gemeindereferentin zu werden, zur Religionspädagogik nach Paderborn und begann danach ihre Praxisausbildung in Bochum. 

Die Stadt liegt bekanntermaßen nicht in Thüringen. Aber der stete Ortswechsel scheint eine Konstante im Leben der heute 30-jährigen Frau zu sein. 1987 im polnischen Bartenstein geboren, wuchs Diewald ab dem zwölften Lebensjahr in der Nähe von Köln auf. Das Studium brachte weitere Umzüge. Dass sie heute in Gotha wohnt und in Heiligenstadt mit je einer halben Stelle als Dekanatsseelsorgerin und Jugendreferentin im MCH arbeitet, verdankt sie ihrem Mann. Der ist Militärseelsorger und hatte sich nach Thüringen beworben. Und Marlena Diewald ging mit. Besondere Erwartungen an ihren Beruf hat sie keine. „Ich schaue, was mir auf meinem weiteren Weg von Gott geschenkt wird. So war das bis jetzt auch. Das ist das Schöne an dem Beruf, ich kann weiterhin offen und flexibel bleiben und auf das Geschenk entsprechend reagieren“, sagt sie. 

Diese Haltung wird Marlena Diewald den Dienst erleichtern, denn durch die größer werdenden Pfarreien ändern sich auch die Anforderungen an die Gemeindereferenten. Waren die früher an eine eher überschaubare Kirchengemeinde gebunden und gewissermaßen für alles und jeden zuständig, Küster- und Pfarrbürodienste eingeschlossen, bewegen sie sich heute in einem größeren Raum und können nicht gleichzeitig überall und schon gar nicht überall dabei sein. Gemeindereferenten sind nicht die „Macher“, sondern dafür da, die Arbeit der Ehrenamtlichen zu unterstützen – theologisch, pädagogisch, methodisch – und sie geistlich zu begleiten. Für die Gemeinden mag das oft noch ungewohnt sein. Aber die neue Praxis ist nicht zuletzt auch der Einsicht des II. Vatikanischen Konzils geschuldet, das der gemeinsame Glaube die Sache aller ist, also nicht nur der hauptamtlichen Seelsorger. Jeder Gläubige ist an seinem Platz berufen, für Welt und Kirche, das Leben in den Gemeinden und die Weitergabe des Glaubens Verantwortung zu übernehmen. Nachfolge Christi heißt das in traditioneller Diktion. Damit die Kirche nicht alt aussieht.

Stichwort: Gemeindereferentin, Gemeindereferent

Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten sind Seelsorger im pastoralen Dienst der katholischen Kirche. Angestellt beim Bistum Erfurt, arbeiten sie in vielen Bereichen der Verkündigung, Diakonie und Liturgie, z.B. als Klinik- oder Hochschulseelsorger, als Referent im Seelsorgeamt oder in den Pfarreien. Gemeinsam mit den Priestern und Diakonen haben sie in den Pfarreien die Aufgabe, die ehrenamtlichen Dienste theologisch, pädagogisch und methodisch zu unterstützen und sie geistlich zu begleiten.  

Um im Bistum Erfurt als Gemeindereferent/in tätig sein zu können, absolviert man zuvor entweder ein Bachelorstudium der Religionspädagogik oder in Erfurt ein Magisterstudium der Theologie und schließt die Ausbildung mit einem berufspraktischen Jahr ab. Nach zwei Jahren der Berufseinführung als Gemeindeassistent/in wird man im Rahmen einer Sendungsfeier durch den Bischof in den unbefristeten Dienst des Bistums gesandt.