Corona-Virus deckt viele Fehlentwicklungen auf

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr am 7. Juni 2020 auf dem Hülfensberg

(c) Franziskaner Hülfensberg

Ohne Vorankündigung war Bischof Ulrich Neymeyr am Dreifaltigkeitssonntag auf dem Hülfensberg und feierte dort unter freiem Himmel mit etwa 300 Gläubigen den Sonntagsgottesdienst. Nachfolgend seine Predigt, die er dort hielt:

Die Corona-Pandemie liegt auf allen Völkern, deswegen heißt sie so: Das griechische Fremdwort heißt wörtlich übersetzt „auf allen Völkern“??Weltweit sind?ungefähr 400.000 Menschen daran gestorben. Zur Sorge um die Erkrankten und ihre Angehörigen kommt die Furcht vor Ansteckung. Zudem haben die erforderlichen Schutzmaßnahmen verheerende Folgen für die Wirtschaft. Die Familien sind am Rand ihrer Kräfte, weil sie Kindergarten, Schule, Tagespflege und Arbeitsplatz in einem sind.

Viele Menschen fragen sich: Warum? Auch wir Christen fragen uns: Warum? Und wir werden gefragt: Warum macht Euer Gott so etwas?

Auf die Frage nach dem Warum werden wir keine schlüssige Antwort finden. Die Frage „Wozu das alles?“ ist dagegen eine andere Frage, über die sich viele Menschen Gedanken machen. Das Corona-Virus deckt viele Fehlentwicklungen auf: die Familien waren und sind deswegen überlastet, weil unsere ganze Gesellschaft darauf ausgerichtet ist, dass die Erwerbstätigen für die Bedürfnisse der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Deswegen werden sie von der Sorge um die Kinder und die alten Menschen entlastet, für die vollumfänglich Betreuungseinrichtungen geschaffen wurden und werden, die jetzt möglicherweise Infektionsbrennpunkte sind. Die Pandemie hat die Wirtschaft deswegen in eine große Krise gebracht, weil sie die Schwächen des globalen Kapitalismus offenbart, indem die einzelnen Teile der Produktion von Waren in aller Welt gefertigt und durch Lieferketten zusammengefügt werden. Dies macht die Wirtschaft anfällig. Es wird dort produziert, wo die Löhne am niedrigsten und die Umweltstandards am großzügigsten sind. Wo die Produktion nicht verlagert werden kann, nämlich in der Bauwirtschaft und der Landwirtschaft, werden Arbeitskräfte geholt, die ohne ihre Familien in anderen Ländern in Sammelunterkünften hausen, die auch bei uns zu Brennpunkten der Virusinfektion geworden sind. Corona offenbart auch das Problem unseres Gesundheitswesens. Das Gesundheitswesen ist bei uns nämlich den Gesetzen des Marktes unterworfen. Es zählt die Effizienz. Das hat sich in diesen Zeiten als eine große Schwäche erwiesen.

So gibt es viele kritische Erfahrungen, die zugleich Antworthinweise sind auf die Frage, wozu das Virus über die ganze Welt gekommen ist.

Auch in unserer Kirche hat das Virus Manches aufgezeigt: Der Schwerpunkt der pastoralen Bemühungen lag in den letzten 50 Jahre auf der Förderung des Gemeindelebens. Die Familie als Hauskirche kam erst durch das Corona-Virus wieder in den Blick, als das Gemeindeleben nicht mehr möglich war. Jedem wurde klar, wie wichtig ist, dass auch in der Familie gebetet und vom Glauben gesprochen wird. Ein weiteres wurde offenkundig: Als gemeinsame Gottesdienste nicht möglich waren, hatten viele den Eindruck, jetzt sei die Kirche abgemeldet. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt aber als die wichtigste Aufgabe der Kirche nicht den Gottesdienst, sondern die Verkündigung. Ich danke allen, die mit viel Kreativität Verkündigungsformate entwickelt haben, um die Botschaft des Glaubens auf neuen Wegen zu den Gläubigen zu bringen.
Schließlich wurde auch entdeckt, wie wichtig die Seelsorge um den Einzelnen ist: Statt zum Seniorennachmittag zu gehen, der nicht stattfinden konnte, oder statt eines Geburtstagsbesuches  haben Pfarrer ältere Menschen angerufen und sehr gute Gespräche geführt.

Wozu das Virus? – auf diese Frage gibt es auch in unserer Kirche Antworten. Auf die Frage, warum dieses Virus über uns gekommen ist, können wir Christen nur auf das Kreuz verweisen. Deswegen bin ich auch zum Hülfensberg gefahren, nachdem ich verfügen musste, dass keine gemeinsamen Gottesdienste stattfinden können. Das Wallfahrtsziel ist ein Kruzifix. Die Frage nach dem Warum hat Jesus am Kreuz in alle Welt geschrien: „Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Jesus hat den Psalm 22 zitiert. Seit Menschen an Gott glauben, stellen sie diese Frage. Jesus hat sich am Kreuz in alle Erlösungsbedürftigkeit der Menschheit begeben:

  •     Diese zeigt sich zunächst in der Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit des Leibes. Jesus war ein junger Mann, als er umgebracht wurde.
  •     Unsere Gesundheit und unser Leben sind ständig gefährdet.
  •     Wir sind nicht nur bedroht durch Krankheiten, Unfälle oder Naturkatastrophen, sondern auch durch die Tötungsabsicht anderer. Bei Jesus forderten sogar alle seinen Tod. Er wurde im Namen des Volks gekreuzigt.
  •     Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen zeigt sich auch in seiner Fähigkeit zur Lieblosigkeit, zur Gemeinheit und zum Verbrecher: „Er wurde zu den Verbrechern gerechnet.“ (Lk 22,37)


Am Kreuz hat Jesus die Menschen und die Welt von innen erlöst. Dieses Werk der Erlösung bekommt die Menschheit nicht übergestülpt. Es muss freiwillig angenommen werden durch Umkehr und Glaube sowie durch den Empfang der Sakramente.

Da aber das Werk der Erlösung nur unvollkommen angenommen wird, ist die Schöpfung nicht erlöst. Das lehrt uns nicht nur das Corona-Virus, sondern jede Tageszeitung und jede Nachrichtensendung. Paulus hat das im Römerbrief in unnachahmliche Worte gefasst, die sehr nüchtern die Wirklichkeit aus der Sicht des Glaubens wahrnehmen und zugleicht großartige Hoffnungsworte sind: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.“ (Röm 8,22-25)