Christliche Identität achtet die Vielfalt

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr zur Bistumswallfahrt am 20. September 2026

Foto: Andrea Wilke

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

„Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Markus 10,15). Mit diesen Worten macht Jesus die Kinder zum Vorbild für Erwachsene. Für Jesus sind Kinder deswegen vorbildlich, weil sie rückhaltlos vertrauen können. Sie vertrauen den Erwachsenen, die für sie da sind. Der Begriff vom gesunden Misstrauen ist ihnen fremd. Damit geben sie uns ein Vorbild: Auch wir Erwachsenen sollen ohne Zweifel und ohne Versicherung auf Gott vertrauen und mit Psalm 63 beten: „Deine rechte Hand hält mich fest.“

Das große Vertrauen, das Kinder zu Erwachsenen haben, erleben die Erwachsenen als hohen Anspruch. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer wissen, welch verantwortungsvolle Aufgabe sie haben. An anderer Stelle im Markus-Evangelium sagt Jesus sogar: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ (Markus 9,37). Es ist eine schöne, aber auch große Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihre individuelle Persönlichkeit zu entfalten und ihre Identität zu entwickeln. Ich bewundere alle, die sich dieser Aufgabe Tag für Tag stellen, als Eltern, Großeltern, im Kindergarten, in der Schule und an vielen anderen Orten. Danke für Ihren Dienst und für all Ihre Mühe!

Die Herausforderungen sind groß in Zeiten der Pluralisierung. Schon bei einem Gang durch eine Stadt kann man die Pluralisierung und Individualisierung sehen: Frauen, die Kopftuch tragen, Männer mit vielen Ketten an ihrer Kleidung, Menschen mit blauen Haaren, Jogger, die einen Kinderwagen vor sich her schieben, Senioren mit Turnschuhen, die Welt ist bunt und vielfältig. Viele erleben diese Vielfalt als beängstigend. Dann haben jene leichtes Spiel, die eine bestimmte Identität als die einzig wahre vorgeben wollen.

Gefährlich ist die Identität des völkischen Nationalismus: „Du gehörst zu diesem Volk. Wer diese Identität nicht hat, benötigt eine Therapie.“ Der Mainzer Generalvikar Philipp Jakob Mayer hat schon im Jahr 1929 erklärt, dass eine Überspannung des Nationalismus zu Geringschätzung und zum Hass gegen fremde Völker führe, insbesondere gegen das jüdische Volk. Das waren prophetische Worte, die leider auch heute wieder gelten. Dabei spricht so vieles gegen das Modell einer einheitlichen völkischen Identität: Nicht jeder Mensch hat nur eine völkische Identität, es gibt Menschen mit Eltern aus verschiedenen Völkern. Außerdem ist die Zugehörigkeit zu einem Volk, gerade in Deutschland, vielen nicht so wichtig. Auch manch einer unter Ihnen wird sagen: Ich bin Deutscher und Thüringer, aber hauptsächlich bin ich Eichsfelder. Ein Bayer kann durchaus sagen: „Bei uns in Bayern ist es so, wie ist es bei euch in Deutschland?“ Und schließlich hat die Identität eines Menschen viele weitere Aspekte, nicht nur eine nationale. Familiäre Identitäten sind für die meisten Menschen die wichtigsten Identitäten, dass jemand Vater ist oder Oma. Auch der Beruf ist für viele wichtig, dass jemand Tischler ist oder Ärztin. Für nicht wenige ist es wichtig, dass sie Fan eines Sportvereins sind, ob das Borussia Dortmund oder der Thüringer Handballclub ist. Wir sollten diese Vielfalt schätzen und uns an ihr freuen. Vielfalt macht unser Leben reich und zeigt die grenzenlose Phantasie Gottes, der alle seine Geschöpfe liebt.

Wir Katholikinnen und Katholiken haben ohnehin zwei völkische Identitäten, denn wir sind Glied des Volkes Gottes, zu dem Menschen auf der ganzen Welt gehören. Der Erzbischof von Paderborn Dr. Udo Bentz hat in seinem Festvortrag bei den Salzburger Hochschulwochen im August die christliche Identität als eine Beziehung beschrieben, die wir empfangen haben, die wir uns gegenseitig erzählen und die wir leben. Er hat gesagt: „Christliche Identität beginnt mit der Einsicht, wir gehören uns nicht selbst. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“, heißt es im Galaterbrief (Galater 2,20). Das widerspricht der Versuchung einer jeden religiösen Identitätslogik, die sagt, das ist unseres und wir verteidigen das gegen die anderen durch Ausgrenzung und Abwertung der anderen. Eine solche, sich abgrenzende kirchliche Identität findet Resonanz und Inspiration in politischen identitären Bewegungen. Es bereitet mir Sorge, dass die Seelenverwandtschaft zwischen solchen politischen identitären und autoritären Strömungen und gewissen Gruppen und Dynamiken in der katholischen Kirche nicht mehr nur ein exotisches Randthema ist“. „Christliche Identität wird nicht einfach behauptet oder bewahrt. Sie wird auch nicht einfach ausgehandelt, sondern sie bildet sich in Beziehung zu Christus und zur Kirche, zu den kulturellen und geschichtlichen Bezügen und zu den Menschen, mit denen wir gemeinsam glauben, leben und handeln.“ Soweit Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Unser Bistum gehört gemeinsam mit den Bistümern Fulda und Magdeburg zur Kirchenprovinz Paderborn. Er ist also unser Erzbischof.

Er hat darauf hingewiesen, dass dieses Verständnis von christlicher Identität fast von alleine in die Herausforderung der Synodalität mündet: „Die eigene Hoffnung bekennen, ohne die Freiheit anderer zu bedrohen. Sprechen, ohne andere zu übertönen. Widersprechen ohne zu zerstören. Einladen, ohne zu vereinnahmen.“ Das sind die Herausforderungen des synodalen Miteinanders in unserer Kirche, zu dem Papst Franziskus so eindringlich aufgerufen hat und das Papst Leo fortsetzt. Ich danke allen, die an den synodalen Veranstaltungen in unserem Bistum teilgenommen haben, an den Diözesan-Foren und an den Dekanats-Foren. Es waren lebendige und lebhafte Begegnungen engagierter Christinnen und Christen, die die Realität unseres Bistums kennengelernt haben und sich über die Zukunft der Pastoral in unserem Bistum ausgetauscht haben. Wir werden im Jahr 2040 voraussichtlich nur noch halb so viele Pfarrer haben wie heute. Vor allem beim Diözesanforum Ende August haben 72 engagierte Christen unseres Bistumes sich auf synodalen Wegen darüber ausgetauscht. Es war für mich sehr ermutigend, dass darunter sehr viele Jugendliche und junge Erwachsene waren. Gerade die engagierten Christen wissen, wie wichtig der Dienst der Priester, der Diakone und der Gemeindereferentinnen und -referenten ist. Selbstverständlich erfüllen wir den Auftrag Jesu, für Arbeiter in seinem Weinberg zu beten. Wir sehen aber auch, wie viele Menschen sich neben ihrer Familie und ihrem Beruf im Ehrenamt in den Kirchengemeinden und im Caritasverband engagieren. Auch sie sind Arbeiterinnen und Arbeiter im Weinberg des Herrn. Ich danke allen von Herzen, die das Leben mit Gott in der Gemeinschaft der Gläubigen hier in unserem Bistum wagen. So gehen wir gestärkt und ermutigt den Weg der katholischen Kirche in Thüringen gemeinsam weiter.