Christentum ist keine geistige Weltanschauung

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr in der Missa chrismatis am 07. April 2020

Bild: Peter WeidemannIn: Pfarrbriefservice.de

Wir müssen diese Ölweihmesse im kleinsten Kreise feiern. Es ist in unserem Bistum gute Tradition, dass fast alle Priester die Missa chrismatis mitfeiern. Daher vermisse ich sie in diesem Jahr ganz besonders, ebenso die Diakone, die Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten und die vielen Gläubigen, die üblicherweise diesen beeindruckenden Gottesdienst mitfeiern.
 
Wir alle leiden darunter, dass wir nicht gemeinsam Gottesdienst feiern können und wir leiden darunter, dass die Spendung der Sakramente durch die Infektionsschutzmaßnahmen erheblich beeinträchtigt ist. Tauf- und Firmfeiern sind verschoben worden. Auch die schönen Gottesdienste, in denen die Kinder zum ersten Mal die heilige Kommunion empfangen, mussten verlegt werden, ebenso wie viele Traugottesdienste und Dankgottesdienste anlässlich von Ehejubiläen. Die Spendung des Sakramentes der Krankensalbung an Corona-Erkrankte ist kaum möglich, ebenso wie der Empfang des Bußsakramentes, so dass Papst Franziskus für diese Fälle die Generalabsolution, also die Absolution ohne Sündenbekenntnis, ermöglicht hat.

Auch die in diesem Jahr vorgesehene Diakonenweihe von Lukas Hennecke musste auf den 12. September 2020 verschoben werden. Die durch das Corona-Virus erforderlichen gravierenden Einschränkungen sozialer Begegnungen treffen uns in unserer Kirche sehr hart.

Der Grund dafür ist in der Mitte unserer christlichen Religion verankert. Das Christentum ist keine geistige Weltanschauung. Vielmehr gehört das Existieren in Leiblichkeit, in Mitmenschlichkeit und in Geschichtlichkeit wesentlich zum Christentum und zum christlichen Leben.
 
Wir glauben, dass der Dreifaltige Gott in Jesus von Nazareth in unsere leibliche Verfasstheit gekommen ist. Und wir trauen der Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass derjenige, der mit dem Menschen Jesus zu tun hat, mit dem lebendigen Gott zu tun hat. Der Logos ist in unsere menschliche Existenz gekommen, die eine Einheit von Materie und Geist ist.

Das biblische Menschenbild beschreibt Adam, den Mann der Erde, den von der Adamah genommenen Erdling, als eine Ganzheit, eine Einheit aus Ackerboden und Lebensodem. (Siehe: Theodor Schneider, Zeichen der Nähe Gottes (Mainz 1979) S. 24 f.) Dieses Existenzial hat der Logos angenommen: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.“ (Philipper 2, 6-7)
Diese Union von Gott und Mensch wirkt in den Sakramenten fort. Deswegen sind die Sakramente in der menschlichen Verfasstheit, der Leiblichkeit, der Mitmenschlichkeit und der Geschichtlichkeit verortet.

Die Gestalt der Sakramente hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt und sie wird sich weiter wandeln. Die Feier der Sakramente setzt die Gemeinschaft von wenigstens zwei oder drei Menschen voraus. Die Feier der Eucharistie ohne Gläubige ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, wie wir sie in der derzeitigen Krise haben und sie bedarf der geistlichen Interpretation. Schließlich haben alle Sakramente eine leibhaftige Dimension: Ohne das Übergießen mit Wasser kann eine Taufe nicht gespendet werden. Ohne Salbung mit Chrisamöl ist eine Firmung nicht möglich. Wesentlicher Bestandteil des Sakramentes der Weihe ist die Handauflegung auf den Kopf. Zum Sakrament der Krankensalbung gehört wesentlich die Salbung mit Krankenöl. Zur kirchlichen Trauung gehören das Anstecken der Ringe und das Ineinanderlegen der Hände. Und selbst bei der Spendung des Bußsakramentes ist eine leibhaftige Dimension vorgesehen, nämlich die Handauflegung während der Absolution. Da dies im Beichtstuhl aus berechtigten Gründen der Prävention nicht möglich ist, bleibt wenigstens eine Ausstreckung der Hand zum Pönitenten hin. Das Sakrament der Eucharistie wird durch den Empfang der konsekrierten Gaben sogar leiblich verinnerlicht.

Gerade in Zeiten, in denen mitmenschliche Begegnung und leibliche Kontakte extrem zurückgefahren werden, wird uns bewusst, wie sehr in unseren Sakramenten die Inkarnation, die Leibwerdung des Logos, in Jesus Christus weiterlebt.
Die älteste Nachricht über die Ölweihmesse stammt schon aus dem frühen zweiten Jahrhundert. In einer alten Kirchenordnung, der traditio apostolica, ist das Weihegebet überliefert: „Heilige dieses Öl, Gott, und gib denen Heiligkeit, die damit gesalbt werden und es empfangen. Wie du damit Könige, Priester und Propheten gesalbt hast, so schenke Stärkung denen, die davon kosten und Gesundheit denen, die es brauchen.“ (Nr. 5)

 

Diese Predigt gibt es auch als Podcast - und zwar hier