"Christen sind Liebhaber des Lebens"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Jugendwallfahrt 2001

Erfurt (BiP). "Markenzeichen des Christen ist es, ein Liebhaber des Lebens zu sein." Mit dieser Botschaft wandte sich Bischof Joachim Wanke an rund 1.500 Jugendliche, die sich bei strahlendem Sonnenschein zum Jugendwallfahrtsgottesdienst auf der Severiwiese eingefunden hatten. Wanke forderte die Jugendlichen auf, weiter zu sagen, warum Christen dem Leben trauen und sich an ihm freuen können. In Anspielung auf die Diskussion um die Euthanasie (= guter Tod) sagte der Bischof, ein Christ rede von "Euzoesie" (gutes Leben), nicht vom guten Tod.

Anlage: Dokumentation der Predigt

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Jugendwallfahrt zum Mariendom in Erfurt am 13.Mai 2001

Liebe Jugend!

Verwechslungen kommen vor. Der Fischverkäufer, der eben hier herumlief, hat im Prinzip schon richtig gedacht: Hier muß ich zur Stelle sein. Hier kann ich was loskriegen! Freilich, in einem hat er sich geirrt: Hier ist wohl doch etwas anderes los als ein "kollektives Riesenpicknick"!

Da fällt mir allerdings eine Szene aus der Hl. Schrift ein, die doch so etwas hat wie von einem "Picknick". Ich sage nur einen Satz aus dem Bericht - und ihr werdet sofort wissen, welche Begebenheit ich meine. "Dann befahl er den Jüngern den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen" (Mk 6,39). Beinahe wie hier auf der Severiwiese. Jesus nimmt die fünf Brote und die zwei Fische (!) und sättigt auf wunderbare Weise die Menge. Und es passiert ja heute auch ähnliches wie damals: Im Auftrag und in der Vollmacht des Herrn darf ich dann das Brot nehmen, den Lobpreis sprechen, das Brot brechen und euch austeilen. Diese Feier jetzt ist kein "Picknick"! Es geht hier nicht um leibliche Sättigung. Es geht um unseren tiefsitzenden Lebenshunger, den im Herzen, und nicht um den im Magen.

Da sind wir beim Thema. Worum geht es, wenn wir sagen: Das macht einen Menschen zum Christen? Hat Christsein etwas mit dem Lebenshunger zu tun? Kann es für den überhaupt Sättigung geben?

Als sich nach Ostern die Jünger als Kirche sammelten, gaben sie sich mit der Zeit den Namen Christen. Sie benutzten in der Frühzeit gern auch eine Art Geheimzeichen: den Fisch, weil mit dem griechischen Wort für Fisch ichthys der Christusname angedeutet wird. Die Buchstaben des Wortes ichthys sind die Anfangsbuchstaben der griechischen Worte für: Jesus - Christus - Gott - Sohn (Gottes) - Retter. Wir finden dieses Zeichen, den Fisch häufig in der frühchristlichen Kunst, auf Altären, auch an christlichen Gräbern. Die Botschaft des Fisch-Zeichens lautet: "Ich gehöre zu Christus, im Leben und im Tode". So bekannten es die Gläubigen damals, so tun wir es heute, und so werden es morgen wieder andere bekennen, ob in Afrika, auf den Philippinen oder in Brasilien. Knapp zwei Milliarden Christen rings um die Erde kennen dieses Christus-Zeichen, unser heutiges Wallfahrtssignet.

Christ ist - wer an Jesus Christus glaubt. Das ist eine erste, ganz allgemeine Antwort, die ich unserem Fischverkäufer geben kann. Aber an Christus glauben - nicht wie an Lenin glauben (solche Leute soll es immer noch geben), oder wie an Michel Jackson glauben, oder an Schalke 04, oder an das, was ich beim Surfen im Internet aufschnappe, oder was mir Astrologen aus den Sternen oder andere aus dem Kaffeesatz prophezeien. Die Leute heutzutage sind ja - so gesehen - sehr gläubig!

Nein. Mit dieser Art von Leichtgläubigkeit hat unser Christ-Sein nichts zu tun. Im Gegenteil: Christen glauben eine ganze Menge nicht:

Damals glaubten sie nicht, dass der Kaiser in Rom wie ein Gott verehrt werden müßte und dass Jupiter vom Himmel her Blitze schleudert. Die Christen der Frühzeit gehörten zum Ärger der damaligen Machthaber zu den Religionskritikern. Ja, manchen galten sie sogar als Atheisten, die die schöne religiöse Ordnung durcheinander brachten und deshalb potentiell gefährlich waren.

Heute glauben Christen beispielsweise nicht an einen automatischen Fortschritt, oder daran, dass die Wissenschaft allein schon alles richten wird, oder dass unser ganzes Glück in der Globalisierung der Märkte liegen soll. Nichts gegen eine gute, sachgerechte Wirtschaftspolitik - aber wir glauben nicht, dass der Mensch vom Brot und wohlgefüllten Supermärkten allein lebt. Er lebt von mehr. Er lebt von Freude, vom Erbarmen, vom Gestreichelt-Werden, von einem guten Wort, er lebt - wenn er hoffen und lieben darf, ohne Angst, dabei veralbert zu werden. "Du, Herr, hast Worte, denen wir trauen können, Worte des Lebens!" - so sagt es Petrus. Und so sprechen wir Christen es ihm nach. Wir bekennen, dass wir in Christus schon das Leben haben.

1. Der Christ ist ein sicherer Lebensanwärter. Er hat die Eintrittskarte für das große Fest des Lebens schon in der Tasche, und zwar durch seine Zugehörigkeit zu Christus, dem Auferstandenen, dem, der die gefährlichsten Besatzungsmächte, denen Menschen ausgeliefert sind, die Sünde und den Tod, besiegt hat. Zu Ostern haben wir diesen Sieg gerade wieder gefeiert.

Ich sage es einmal in einem militärischen Bild: Wir gehören der Truppe an, die den entscheidenden Sieg schon errungen hat - aber wir müssen aufpassen, dass wir bei den Nachhutgefechten mit dem schon geschlagenen Feind nicht doch noch zu Schaden kommen! Der Sieg ist errungen, aber die endgültige Siegsfeier, gleichsam die Festparade in der Heimat steht noch aus. Das ist - im Bild gesprochen - die Situation des Christen in dieser Welt. Er ist ein sicherer Anwärter für das Leben, weil er durch Glaube und Taufe, durch Firmung und Eucharistie mit Christus, dem Anführer des Lebens, für immer verbunden ist. D. h. aber nicht, dass wir uns deshalb zur Ruhe setzen könnten. Es lohnt sich, ja es ist notwendig, dass wir den christlichen "Kampfanzug" noch an lassen, wie Paulus es einmal sagt. Christ-Sein ist kein Spaziergang. Das volle Leben anzuzielen ist keine Sache für Spießbürger oder Pantoffelhelden (für "Warmduscher" oder "Weicheier" sagt man heute!).

Darum diese zweite Charakteristik des Christen: Wir sind nicht nur Lebensanwärter, wir sind

2. Lebensgestalter. Ich könnte sogar sagen: Wir sind in gewissem Sinne Lebenskünstler, Fachleute für christlichen life-style, für ein bestimmtes österlich geprägtes out-fit, also nicht für ein out-fit, das sich mit Pomade, Ohrringen und bestimmten Klamotten begnügt, sondern für eine Lebensgestaltung, die an Jesus Christus Maß nimmt.

Habt ihr das schon einmal erlebt, dass man zu einem bestimmten Anlaß nicht das passende out-fit hatte? Alle sind feierlich - und Du hast nur dein Schlappersachen an! Alle sind locker - und du hast dir einen Schlips an den Hals gewürgt! Irgendwie komisch: Aber Kleidung muß zur Situation passen. Zur Hochzeitsgesellschaft kommt man nicht im Strand-Look und in die Disco geht man nicht im Konfirmandenanzug. Situation und mein dressing müssen zusammenpassen.

Ich will das auf unser Wallfahrtsthema übertragen. Es muß zusammenpassen - unser Getauft- und Gefirmt-Sein mit meinem Leben, wie ich lebe, was ich tue und was ich lasse, was mir wichtig ist, eben: ob die "Kleider" passen angesichts der neuen Realität, in der wir als Christusgläubige leben.

Ich gebrauche nochmals einen Vergleich: Es ist schon manchmal traurig bis makaber, wenn man Leuten begegnet, die 10 Jahre nach der Wende noch ihre alte DDR-Mentalität vor sich her tragen. Als ob sie nicht in eine neuen, veränderten Zeit und Gesellschaft leben würden. Der Staat soll?s richten; die anderen sollen für mich sorgen; die Zeitungen haben immer recht; wahr ist etwas, weil es im Fernsehen gekommen ist, und im übrigen: Ich hab keinen Bock auf Politik, ich will nur meine kleine private Nische, meine Kuschelecke.

So etwas nenne ich anachronistisches Verhalten, unzeitgemäßes Verhalten. Das Kleid paßt nicht zum Anlaß, das Verhalten nicht zur veränderten Wirklickeit. Eine neue Zeit verlangt Veränderung. Jesus sagt einmal: Neuer Wein benötigt neue Schläuche.

Das meine ich mit christlicher Lebensgestaltung. Es gilt, österliches out-fit anzulegen. Es gibt Getaufte, denen quillt noch ihre alte EGO-Mentalität aus jedem Knopfloch. Schade. Diese "anachronistisch" lebenden Christen sind die größte Belastung für die Kirche. Zu der neuen Welt, die mit Christus und seiner Auferstehung begonnen hat, gehört eine österliche Lebenshaltung, gehört österliches out-fit. Wie sieht das aus? Ich nenne drei Dinge:

- Angstfrei sein, besonders frei von der Angst, etwas zu verpassen. Ich sehe heutzutage viele gestreßte, angebotsgestreßte Leute, auch Jugendliche. Irgendwie machen sie auf mich immer den Eindruck, mit hängender Zunge irgendetwas, irgendeinem event hinterherzulaufen. Ihr Leben besteht aus der Angst, etwas zu verpassen. Vor Grenzübergängen steht manchmal bei Tankstellen ein Schild: Letzte Gelegenheit zu tanken! Die Tankwarte rechnen mit dieser Panikstimmung der Leute: Nicht die letzte Gelegenheit verpassen. Schade. Manchmal kann man hinter der Grenze viel billiger tanken!

Laßt euch nicht Angst machen, ihr würdet etwas Wichtiges versäumen, wenn ihr da oder dort nicht dabei seid. Macht nicht 100 Dinge nebeneinander, sondern entscheidet euch für eine Sache und bleibt dabei - ganz und ungeteilt. Z.B. bei einem Wochenende im Marcel-Callo-Haus oder im Haus St. Sebastian. Verpassen tust du nur etwas, wenn du überall sein willst und dadurch nirgends richtig bist.

- Zum christlichen out-fit gehört: Auf Substanz Wert legen, nicht auf Statussymbole. Das Handy macht aus dir noch keine Persönlichkeit, und die Menge des konsumierten Alkohols noch keinen Supermann. Mach dich nicht abhängig von sekundären Dingen - meistens wollen andere nur an dein Geld heran (oder an das deiner Eltern!). Auf Können Wert legen, auf Substanz, denn das allein zählt. Wer ich bin und welchen Wert ich habe, bestimmen nicht meine Marken-Klamotten, mein styling, die Zahl meiner Freunde und Freundinnen. Ich bestimme selbst, was ich mir wert bin. Gott ist es, der mir mein Gesicht gegeben hat, und mein Leben dazu. Die wirkliche Lebensqualität kommt nicht von dem, was du dir um den Hals hängst, sondern von dem,was in dir drin steckt. Die PS in dir sind entscheidend, nicht die deines Motorrades oder Autos.

Diese Souveränität wünsche ich euch. Zum christlichen Lebenstil heute gehört es, Widerstandskraft zu entwickeln - auch etwa gegen die Werbung. Nicht auf jeden Zug aufspringen, nicht jedem Trend hinterhelaufen! Laßt euch nicht "belöffeln" von Leuten, die nur an euch verdienen wollen.

Und ich sage das ausdrücklich auch auf eure Sehnsucht nach Liebe hin. Die geschlechtlichen Kräfte sind uns nicht gegeben, um damit Schindluder zu treiben. Sie sollen Ausdruck von Liebe sein, von Zuneigung, von Treue auf Dauer. Seid euch zu schade für das, was manche heute für normal und zeitgemäß halten. Wir scheinen ja nicht mehr weit zu sein von Berufsschulen für Prostitution. (Was nicht besagt, das man solche Frauen nicht auch schützen muß!). Habt als junge Christen Mut, zu echter Liebe und zu einer Treue, auf die man ein Leben lang bauen kann. Es gibt nichts Schöneres. Auf die Substanz kommt es an, auch in dieser Beziehung. Verplempert nicht eure sexuellen Kräfte. Habt Mut und Vertrauen, auf eine gute Ehe und Familie hin zu leben. Das gelingt auch heute. Allerdings: Nur denen, die Substanz haben. Und dazu sollt ihr gehören. - Und schließlich:

- Christ ist ... Geschmack haben an Gott. Manchen merkt man es auf 10 m Gegenwind an, ob sie Geschmack haben oder nicht haben. Aber - für manche zum Trost - man kann Geschmack lernen, durch Umgang mit geschmackvollen Leuten. "Dafür hat sie, dafür hat er ein Fingerchen!" Ü;ber wen das gesagt wird, kann sich freuen. Das ist ein schönes Lob.

Lernt Geschmack finden an Gott und dem, was von ihm kommt. Dazu muß man Gott kennen. Erinnert ihr euch noch an die Jugendwallfahrt im letzten Jahr? Das Thema war: Pass-Wort Gott. Hast Du dein Pass-Wort für den Kontakt mit Gott gefunden? Gelingt dir der Zugang zu Jesus Christus in deinem Alltag, eben auch dort, wo es nicht nach Weihrauch duftet? Dazu braucht man ein offenes, hörbereites Ohr. Dazu braucht man Stille für sich selbst, Zeit für das Gebet, für das Lesen in der Schrift, für gute Gespräche mit denen, von denen man ahnt, dass sie an Gott Geschmack gefunden haben.

Frag öfters einmal: Was hast du, Gott, mit mir vor? Zeig mir den Weg, den ich gehen soll. Laß mich immer mehr an Dir Freude finden, vielleicht sogar einmal auch als Ordensschwester, als Priester, als Gemeindereferentin, oder eben als Christ mitten in einem anderen Beruf! Ich weise euch gern wieder auf das geistliche Zentrum in der Clemenskapelle im Kreuzgang des Domes hin. Christ ist ... wer Gottes-connection hat. Verbindung haben ist alles - ihr wißt es!

Christ ist... Lieber Fischverkäufer - reichen Dir meine Antworten? Der Christ hat es mit dem Leben. Das dürftest du begriffen haben. Er ist sicherer Lebensanwärter. Er ist an seinem Oster-out-fit zu erkennen. Und daran, dass er sich am Leben freuen kann. Markenzeichen des Christen ist es, ein Liebhaber des Lebens zu sein.

Alle reden heute von Euthanasie. Jetzt mute ich euch einmal ein von mir erfundenes Wort zu: Ein Christ ist einer, der von "Euzoesie" redet, nicht vom guten Tod (das griechische Wort für Tod heißt thanatos), sondern vom guten Leben (zoe). Natürlich kann menschliches Leben auch schwer und leidvoll sein. Wir alle müssen durch den leiblichen Tod hindurch für den Himmel geboren werden. Das bleibt keinem erspart. Aber das von Gott geschenkte Leben, das wir durch Glaube und Taufe, durch unsere Gottes- und Christus-connection besitzen, steckt schon in diesem irdischen Leben drin. Das macht mit seine Schönheit, seine Lebendigkeit, seine Vielseitigkeit aus. Leben ist eine kostbare, im letzten unbezahlbare Gabe, eine Verheißung, die keinem Kind im Mutterschoß vorenthalten werden darf - nicht nur wegen unserer späteren Renten.

Seid Liebhaber des Lebens, so wie Gott, der Erfinder des Lebens, ein Liebhaber des Lebens ist. Und sagt anderen weiter, warum ihr dem Leben trauen und euch an ihm freuen könnt!

Jetzt feiern wir wieder in der Eucharistie Christus, der uns durch sein Sterben und Auferstehen das Leben neu geschenkt hat. Durch ihn sind wir Lebensanwärter "auf Nummer sicher". In ihm lernen wir österlich zu leben und unösterliches Verhalten mehr und mehr abzulegen. Jeden Sonntag begehen wir dieses Lebensgedächtnis. Versäumt nicht, immer wieder dabei zu sein - auch dort, wo der Sonntagsgottesdienst nicht so lebendig gestaltet sein kann wie heute bei der Wallfahrt. Der Inhalt jeder Hl. Messe ist derselbe, ob wir sie hier feiern oder in Arnstadt oder in Leinefelde oder vielleicht nur auf einer kleinen Station. Jede Hl. Messe ermöglicht mir Christus-Berührung, Gottes-connection. Und ihr wißt: eine Liebe, die den anderen nicht immer wieder regelmäßig "berühren" kann, stirbt mit der Zeit.

Lieber Fischverkäufer! Fisch zu verkaufen reicht nicht zu Leben. Du brauchst mehr dazu. Wir alle brauchen mehr dazu. Das laßt uns jetzt gemeinsam im Credo der Kirche bekennen.
Amen.

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