Gehalten im Coelicum des Erfurter Domes am Freitag, 23. April 2004
Einführung
Vor 1250 Jahren, am 5. Juni 754, ist Bonifatius von friesischen Räubern erschlagen worden. Diese Tat war ein ungeheurer Frevel, den Bonifatius war ein berühmter Mann, Missionserzbischof und päpstlicher Legat für Germanien immerhin. Das über 80 Jahre währende Leben des Angelsachsen war turbulent und spannungsreich, nicht nur an seinem Ende. Denn es fiel in eine umfassende Wendezeit, Aufregendes und Umstürzlerisches hat sich in ihr getan.
Das gilt in besonderem Maße für das Todesjahr des Bonifatius. Damals reiste zum allerersten Mal in der Geschichte des Papsttums ein Stellvertreter Petri über die Alpen. Sein Ziel war nichts Geringeres als die sakrale Legitimation eines Staatstreiches, der 751 durch die Absetzung des letzten Herrschers aus dem Geschlecht der Merowinger und die Wahl des Karolingers Pippin zum König der Franken eingeleitet worden war. Im Januar 754 war Papst Stephan II. von Pippin in Ponthion empfangen worden, und am 28. Juli 754 salbte der Papst ihn in St. Denis zum König der Franken. Damit war die Machtübernahme durch die Karolinger mit dem Segen der Kirche abgeschlossen. Das war ein Vorgang von historischer Tragweite, denn das Papsttum löste sich von Byzanz und orientierte sich nach Westen, während das Frankenreich fortan Verantwortung für die römische Kirche übernahm.
Bonifatius aber war nicht zugegen, um den Papst zu empfangen. Er hatte sich schon Mitte 753 vom Zentrum des Geschehens an den Rand des Reiches zu den widerständigen Friesen begeben. Das ist mehr als überraschend. Hatte er nicht zeitlebens mit aller Energie den Gedanken der christlichen Universalität, repräsentiert durch Rom, vertreten? Hatte er sich nicht stets dafür eingesetzt, dass sich die Herrscher der Belange der Kirche annehmen sollten? Und jetzt, wo das von ihm eingefädelte Bündnis Wirklichkeit wurde, er die Krönung seines Lebenswerkes hätte miterleben können, jetzt zog er sich zurück an die Nordseeküste. Nötig war seine Anwesenheit dort nicht, in dem Projekt Friesenmission gab es genügend Mitarbeiter. Warum also war Bonifatius nicht an der Seite seines obersten Dienstherren, des Papstes? Die Gründe bleiben im Dunkeln. Möglicherweise wollte er mit seinem Fernbleiben ein Zeichen setzen, dass nämlich die Mission bei den Heiden für die Kirche wichtiger sei als alle politisch-kirchlichen Bündnisse.
Doch zurück nach Friesland. Diese Region war geradezu schicksalhaft mit dem Leben des Bonifatius verbunden. Bereits 716 hatte er privat eine Missionsfahrt zu den Friesen organisiert, die am Widerstand des Herzogs Radbod, eines hartnäckigen Heiden, kläglich gescheitert war. Später, in den Jahren 719 bis 721, hatte er dort mit seinem Kollegen Willibrord zusammengearbeitet. Und nun, als Bonifatius nach mehr als dreißig Jahren wieder friesischen Boden betrat, fand er dort den Tod. Mit seinen über fünfzig Begleitern wollte er wenige Tage nach Pfingsten 754 eine größere Schar von gerade getauften Friesen in Dokkum firmen. Doch dazu kam es nicht, denn das weithin bekannt gemachte Großereignis muss eine dort umherstreifende Räuberbande auf den Plan gerufen haben, die reiche Beute machen wollte. Andere Motive wie Hass auf das Christentum oder gar eine gezielte Aktion oppositioneller Kräfte aus dem Karolingerreich, die den unbequemen Missionar beseitigt haben wollte, sind eher unwahrscheinlich. Es handelte sich also um einen verbrecherischen Ü;berfall. Genau genommen erlitten die Frommen um Bonifatius daher auch nicht das Martyrium, denn sie starben nicht um ihres Glaubens willen, aber die Christen haben es natürlich so verstanden.
Der Tod des Bonifatius wird im christlichen Abendland schnell bekannt geworden sein. Von England bis nach Monte Cassino reichten seine Kontakte, vielerorts wirkten seine Schüler als Äbte und Bischöfe, Herrscher und Päpste standen mit ihm in Briefkontakt. Wie kaum ein anderer repräsentierte Bonifatius den Ü;bergang von der Phase der Mission in einer religionsgeographisch noch zersplitterten Zeit zu jener der Christianisierung, welche die Kirche zu dem Fundament eines einheitlichen Europa werden lassen sollte. Vorreiter dieser Entwicklung waren das angelsächsische und das fränkische Reich mit ihrer Romorientierung, nicht von ungefähr die Wirkungsbereiche des Bonifatius.
Dokkum, 5. Juni 754: Der Mensch Bonifatius war gestorben, aber sein Tod war gleichzeitig die Geburt eines Heiligen. Durch seine Verdienste direkt in die himmlische Welt an den Thron Gottes versetzt, glaubte man an die heilende Wirkung seiner Fürbitte. Wer aber war dieser Bonifatius, der eigentlich Wynfreth hieß und einst als Vierzigjähriger seine Heimat für immer verlassen hatte, um auf dem Kontinent als Missionar, Klostergründer, Bildungsvermittler und Kirchenorganisator erfolgreich zu wirken? Betrachten wir, freilich nur in gedrängter Auswahl, einige Stationen seines Lebens.
Die Anfänge
Tag und Ort der Geburt sind ebenso unsicher wie der familiäre Hintergrund des Bonifatius. So müssen wir uns mit der ungefähren Angabe geboren 672/675 in der Nähe von Exeter begnügen. Des Bonifatius Behauptung, aus schlichten Verhältnissen zu stammen, ist demütig, aber nicht ganz wahrheitsgetreu. Denn seine Eltern verfügten über einigen Grundbesitz und gehörten wohl zum großbäuerlichen niederen Adel. Als Stammhalter zum Erbe ansehnlicher Ländereien ausersehen, war Wynfreths Lebensweg als Landedelmann in Wessex vorgezeichnet. Das waren jedenfalls die Pläne seines Vaters, aber Gott, so zumindest die spätere Sicht, wollte es anders. Denn wunderbarerweise war der kleine Knabe schon im Alter von vier bis fünf Jahren allem Vergänglichen abgewandt und trachtete nach dem Klosterleben. Der durch diesen Wunsch verblüffte Vater sah seine Pläne durchkreuzt und versuchte, teils durch Drohungen, teils durch Versprechungen, den Sohn von seinem Vorhaben abzubringen. Nach dem, wie könnte es anders sein, Eingreifen Gottes gab der Vater nach und Wynfreth trat um 680 in das Kloster Exeter ein. Offensichtlich begabt, erwarb er rasch umfassende Kenntnisse, die er vor allem im Kloster Nursling, in das er vor 700 wechselte, vertiefen konnte. Seinem Biographen Willibald zufolge glänzte er bald "in hoher geistiger Bildung" (V 467). Nicht als Landedelmann, so schien es, sondern als angesehener Gelehrter im Kloster sollte Wynfreth seine Lebenserfüllung finden.
Klosterkarriere
Rund 35 Jahre hat Bonifatius im Kloster verbracht. In dieser langen Lebensspanne hat er sich all das angeeignet, was ihm später bei seinen Aktivitäten auf dem Kontinent von Nutzen sein konnte: umfassende Vertrautheit mit den biblischen Schriften und den Werken der sie auslegenden Kirchenväter, seelsorgerliche Fähigkeiten, Verkündigung des Evangeliums in der Predigt, Gelehrsamkeit auf den verschiedensten Feldern, gehorsame Verankerung im benediktinischen Mönchtum, Kenntnisse des Kirchenrechts, das Wissen um die Notwendigkeit einer festgefügten kirchlichen Ordnung und Struktur, Sicherheit auf dem diplomatischen Parkett und nicht zuletzt das lebendige Bewusstsein des christlichen Absolutheitsanspruches, bestimmt von der universalkirchlichen Verbundenheit mit den römischen Päpsten als den Leitern der einen Christenheit.
Zunächst hat sich Wynfreth auf das Studium der Bibel konzentriert, die er zu großen Teilen auswendig gelernt und sich mit Hilfe einschlägiger exegetischer Kommentare erschlossen hat. Seine späteren Briefe zeigen, wie gut ihm das gelungen ist und wie sehr die Bibel ihm Kraftquelle für ein entsagungsvolles Leben außerhalb des Schutzraumes der Klöster und Grundlage für seine missionarische und reformerische Arbeit gewesen ist. Immer wieder zitiert er sie, teils aus dem Gedächtnis, teils aus den ihm während seines Reisedaseins zur Verfügung stehenden Handschriften.
So ist Wynfreth zu einem gediegenen Scholaster und anerkannten Lehrer geworden, dessen Ruf sich rasch im Lande verbreitete. Sein Biograph Willibald wird nicht müde, die Tugendgröße und Weisheit seines Helden, eines "sichtbaren Wegweisers apostolischer Bildung", mit vielen Worten zu rühmen (V 471). Mag er dabei auch etwas stark aufgetragen haben, so lag er mit seiner Einschätzung doch nicht ganz daneben. Das belegen verschiedene Lehrbücher, die Wynfreth verfasst hat, wie eine Grammatik und eine in Bruchstücken erhaltene Metrik. Auch in der Dichtung hat er sich versucht, Gelehrte Tätigkeiten also, die von dem kommenden Missionar noch nichts ahnen ließen.
Alles sah nach einer wissenschaftlichen Karriere in Wessex aus. Sie wurde bald ergänzt durch die Aneignung weiterer Fähigkeiten, die Wynfreth zu einem geeigneten Kandidaten für das Bischofsamt heranreifen ließ. In dem Zeitraum 702 bis 705 zum Priester geweiht, überzeugte er nicht nur als wortgewaltiger Prediger, sondern auch als geschickter Diplomat auf dem kirchenpolitischen Parkett. Deshalb war es nur folgerichtig, dass er nach einer gescheiterten Missionsreise nach Friesland 717 zum Abt des Klosters Nursling gewählt wurde. Es bedurfte einiger Ü;berredungskunst, um Wynfreth zur Ü;bernahme dieses ehrenvollen Amtes zu bewegen, denn seine persönliche Lebensplanung sah inzwischen anders aus.
Lebenswende
Im Herbst des Jahres 718 nahm Wynfreth endgültig Abschied von seiner angelsächsischen Heimat, um als Missionar auf den Kontinent zu gehen. Was den gelehrten Kirchenmann zu dieser überraschenden Lebenswende veranlasst hat, liegt im Dunklen. Willibald beschränkt sich auf die üblichen fromm verbrämten Formeln. Vielleicht gab es Konflikte im Kloster, vielleicht fühlte sich der nun schon 40jährige Wynfreth von der täglichen Tretmühle seiner Pflichten eingeengt, vielleicht hatte er aber auch das Gefühl, das bisher Erreichte könne nicht alles in seinem Leben sein.
Diesmal versuchte er sich nicht als Einzelkämpfer, sondern begab sich mit einigen Gefährten zunächst auf eine Pilgerfahrt nach Rom. Die Ewige Stadt symbolisierte für ihn das irdische Zentrum seines Glaubens, und man kann sich daher gut vorstellen, dass die angelsächsische Reisegruppe sofort in die Kirche des Apostelfürsten Petrus eilte. Bis zum Mai 719 blieb Wynfreth in Rom, ausgiebig Kirchen und gewiss auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt besuchend. Aber das touristische Programm war zweitrangig, der Angelsachse hatte ein anderes Ziel. Er erreichte es, denn am 15. Mai 719 ernannte ihn Papst Gregor II. zum Missionar bei den Heiden. Er sollte seine "Gnade der Kenntnis des göttlichen Wortes in unablässiger Bemühung auf das Werk heilbringender Predigt verwenden, um ungläubigen Völkern das Geheimnis des Glaubens bekannt zu machen" (B 12, 47). Dem Brauch der Zeit entsprechend erhielt Wynfreth auch einen neuen Namen, und zwar den des Heiligen vom Vortag, Bonifatius, einem Märtyrer. Dieser Namenswechsel bedeutete die Aufnahme in die engere Gemeinschaft der römischen Kirche. Damit war Wynfreth am Ziel seiner Wünsche und am Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Seinen angelsächsischen Geburtsnamen benutzte er fortan nur noch sehr selten, denn jetzt verstand er sich ganz als Mann des Papstes. Der Weg in die Mission stand ihm offen.
Gibt es nicht doch Hinweise auf die eigentlichen Motive für diese radikale Lebenswende? Individuelle Gewissenserforschung liegt frühmittelalterlichen Quellen nicht, aber natürlich fordert diese Frage eine Antwort. Willibald hat nichts anzubieten, er belässt es bei den üblichen hagiographischen Formeln. Hilfreicher sind die Briefe des Bonifatius, weil sie gleichsam den Blick frei geben auf sein Innenleben. Als Kind seiner Zeit hat er das allerdings auch nicht ständig ergründet, aber immerhin in einem späteren Brief Rechenschaft über seinen Lebensentwurf abgelegt. Darin beklagt er zunächst, seine Arbeit habe Ähnlichkeit mit der eines Hundes, "der bellt und sieht, wie Diebe und Räuber das Haus seines Herrn ... verwüsten, aber weil er keine Helfer zur Verteidigung hat, nur knurrend wimmert und jammert" (B 78, 245). Dann aber beruft er sich darauf, wie einst Paulus den ganzen Ratschluss Gottes verkündet zu haben. Durchaus selbstbewusst sieht er sich in der Nachfolge des Apostels und erklärt, was ein Lehrer des Evangeliums und Wächter der Kirche zu tun und zu lassen habe. Der Brief gipfelt in dem Ausdruck seines Lebensziels, nämlich "den Frieden auf Erden den Menschen guten Willens" bringen und das "Wort des Lebens verkünden" zu wollen (B 78, 249). Deshalb wolle er kein ?stummer Hund sein, ... sondern ein besorgter Hirt, der über die Herde Christi wacht? (B 78, 251 und 253).
Bedrängt von den Zeitläuften, angewiesen auf die bisweilen ungeliebte Zusammenarbeit mit weltlichen Herrschern, zornig über unfähige Kirchenleute und vor allem bemüht, es Rom recht zu machen, das war die Geisteslage des großen Bonifatius. Vor allem sorgte er sich um die ewige Seligkeit, und zwar sowohl die eigene wie auch diejenige der ihm anvertrauten Menschen. Darin folgte er dem Missionsauftrag Christi und predigte das Evangelium, um im letzten Gericht Gottes bestehen zu können. Auch wenn Bonifatius das alles erst in hohem Alter offen ausgesprochen hat, liegt hier der eigentliche Beweggrund für seine Lebenswende im Jahre 716. Die Nachfolge Christi als Ziel ließ ihn aus dem geschützten Raum des Klosters hinaustreten in die raue Welt, in der er ihm vier Jahrzehnte lang dienen sollte.
Missionsalltag
Seit dem 15. Mai 719 war Bonifatius also päpstlicher bestallter Heidenmissionar und sollte, wie Willibald es ausdrückt, "die wilden Völker Germaniens besuchen und erforschen, ob die unbeackerten Gefilde ihrer Herzen von der Pflugschar des Evangeliums zu beackern seien" (V 483). Wo aber gab es damals überhaupt noch reinrassige Heiden? Die Sachsen waren ein solches Volk, gewiss, aber dieses Problem sollte erst Karl der Große in Angriff nehmen. Von Anfang an verschob sich deshalb die Aufgabe des Bonifatius, denn er bekam es mit Stämmen des fränkischen Reichs zu tun, die zwar nominell christlich waren, ohne dass der neue Glaube jedoch wirklich im Volk verankert gewesen wäre.
Zuerst sah er in Thüringen nach dem Rechten. Dem Prinzip der Mission von oben nach unten entsprechend wandte Bonifatius sich mahnend an die Herrscher und die Priester. Begeistert war er nicht von den Verhältnissen, denn die einen waren "von schlechten Lehrern verführt" und die anderen zum Teil "durch Hurerei beschmutzt und verunreinigt" (V 485). So wurde Bonifatius gleich zu Beginn seiner zweiten Karriere mit den drei Problemen konfrontiert, die ihm noch viel zu schaffen machen sollten. Erstens war er wegen deren sakraler Verantwortung auf die Zusammenarbeit mit den Machthabern angewiesen, und die machten es ihm nicht gerade leicht, zumal sie religiöse Fragen allein nach politischem Nutzen behandelten. Zweitens musste er erkennen, dass im Volk pagane Vorstellungen und Gebräuche nur sehr langsam ausgerottet werden konnten. Und drittens befand sich die fränkische Kirche in einem ziemlich desolaten Zustand, was dem römischen Ordnungsgedanken total zuwiderlief. Um in dieser Situation etwas ausrichten zu können, bedurfte es machtvollen Auftretens. Bonifatius aber besaß noch nicht einmal bischöfliche Autorität, wurde deshalb kaum gehört und zog noch 719 weiter nach Friesland. Dort klappte die Zusammenarbeit mit Willibrord nicht, und schon musste er sich wieder ein neues Arbeitsfeld suchen. Ein erfolgreicher Anfang war das nicht gerade.
Dann aber, ab 721, entwickelten sich die Dinge für Bonifatius günstiger. Hessen und Thüringen und später Bayern erlebten in den nächsten Jahren einen unermüdlich predigenden, ermahnenden, aufbauenden und reformierenden Bonifatius. Zuerst konnte er sich im Osten Hessens als Missionar bewähren. Das ist ihm nach Willibald bestens gelungen, denn er soll "viele Tausend Menschen vom alten Heidentum gereinigt und getauft" haben (V 489). Diese grandiosen Erfolge stellten sich innerhalb weniger Monate des Jahres 722 ein. Offensichtlich taufte er die Leute, nachdem er sie in energischer Predigt vom Nutzen des stärkeren Gottes überzeugt hatte und vertraute darauf, dass die kirchliche Nacharbeit sie schon zu guten Christen machen würde. So gingen alle seine Kollegen vor, funktionieren konnte das jedoch nur, wenn es auch die Voraussetzungen für die notwendige Unterweisung in Ethik und Dogmatik gab. Dazu bedurfte es geordneter Kirchenstrukturen und vor allem fähiger Priester. Das aber konnte nur eine Autoritätsperson im Bündnis mit den Herrschern ausrichten.
Bonifatius musste also seine Machtposition ausbauen, und das gelang ihm 722/723 mit dem Prinzip der doppelten Rückversicherung. Während seiner zweiten Romreise wurde er am 30. November 722 von Papst Gregor II. zum Missionsbischof ernannt und mit Empfehlungsschreiben an die weltliche und geistliche Elite des Reiches ausgestattet. Das machte sich sofort bezahlt, denn Karl Martell, der um den Nutzen einer funktionierenden Kirchenordnung für die Stabilisierung seiner Macht wusste, nahm ihn unter seinen Schutz. Jetzt, mit der staatlichen Autorität im Rücken, konnte Bonifatius seine Arbeit in Hessen energischer vorantreiben.
Das hat Bonifatius denn auch getan, indem er den Hessen die Macht des Schöpfergottes vor Augen stellte. Bloße Worte reichten dafür nicht immer aus, es musste auch schon einmal handfest bewiesen werden, dass die Götter Nichtse waren. Eine solche Tat ereignete sich 723. In einer Aufsehen erregenden Aktion fällte Bonifatius die dem Gott Donar geweihte heilige Eiche bei Geismar. Willibald malt die Szene mit großem Pathos aus und ist damit zum Vorbild der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts geworden. Die Heiden, so erzählt er, hätten Bonifatius als Feind ihrer Götter verwünscht, die Eiche sei, kaum dass die Axt an sie gelegt worden sei, in für einen Kirchenbau genau passende Stücke zerborsten und die Heiden seien sofort zum neuen Glauben gewechselt. Manches davon ist sicher übertrieben, aber ein Höhepunkt der missionarischen Arbeit des Bonifatius war es gleichwohl. Sorgen um seine körperliche Unversehrtheit musste Bonifatius sich bei dieser Aktion übrigens nicht machen, denn für alle Fälle stand in der Nähe eine fränkische Garnison bereit.
Solche Paukenschläge garantierten Aufmerksamkeit, bewirkten wohl auch kurzfristige Erfolge, aber das Normale waren sie nicht. Wichtiger war die missionarische Kleinarbeit, von der die Quellen mangels fehlender Möglichkeiten der Glorifizierung kaum berichten. Bonifatius zog kreuz und quer durch das Land, rief in den Ortschaften die Leute auf dem Marktplatz zusammen und verkündigte ihnen das Evangelium. Da er das nicht alles alleine schaffen konnte, muss er nebenher Mitarbeiter ausgebildet und eingesetzt haben, die er häufig aus seiner angelsächsischen Heimat rekrutierte. Außerdem wurden etwa in Amöneburg, Fritzlar und Ohrdruf sowie später im Maingebiet in Tauberbischofsheim, Ochsenfurt und Kitzingen Klöster gegründet, die stets die Doppelaufgabe Erziehung des Nachwuchses und Christianisierung der Bevölkerung hatten. Daneben mussten die Kontakte zu den örtlichen wie überregionalen Machthabern gepflegt werden, lief doch letztlich ohne ihre fördernde Unterstützung kaum etwas. Da schließlich mehr oder weniger umfangreiche Ansätze einer kirchlichen Organisationsstruktur schon vorhanden waren, rückte deren Pflege und Reform oft in den Vordergrund. Für die hier und da im Lande schon wirkenden Geistlichen war es nicht leicht, die ausgefahrenen Gleise zu verlassen. Das aber verlangte Bonifatius in seinem Bestreben um vollkommene Angleichung der fränkischen Kirche an den Kurs Roms unerbittlich und wohl nicht immer gerade diplomatisch. Zunehmende Auseinandersetzungen mit den geistlichen Kollegen, die durchaus nicht immer seiner Meinung waren, zeichneten sich ab, und allmählich verschoben sich die Gewichte seiner Arbeit von der Mission zur Reform.
Die Missionspredigt blieb gleichwohl seine vornehmste Aufgabe. Aber was hat Bonifatius eigentlich gepredigt? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil sich in den Quellen keine entsprechenden Texte finden. Eine große Variationsbreite werden die Ansprachen nicht gehabt haben, ging es doch um die Vermittlung weniger Grundsatzaussagen. Wahrscheinlich hatte Bonifatius ebenso wie die anderen Missionare seiner Zeit eine Standardpredigt im Gepäck, die er an den verschiedenen Orten auswendig vorzutragen wusste. Im Kern ging es dabei immer um die Konfrontation von Götzen und Gott sowie um die werbende Aufforderung zum Religionswechsel. Mit der Taufe verband sich daher auch stets zuvor die Absage an die als nichtig erkannten Götter. Natürlich erfolgten Predigt wie Tauffragen in der Volkssprache. Leicht war das alles nicht, denn nicht nur die Worte, auch die Inhalte mussten verstanden werden. Im Eifer des Gefechts wird es dabei bisweilen an der nötigen Sorgfalt gefehlt haben, und bei Massentaufen mögen die Antworten auch schon einmal im Chor nachgesprochen worden sein. Bonifatius kam es aber sehr wohl auf individuelle Ü;berzeugungsarbeit an, denn er verlangte vor der Taufe eine "Befragung nach dem Glaubensbekenntnis" durch die Priester (B 26, 93).
Die eigentliche Arbeit fing danach freilich erst an, denn nun mussten die Leute dazu gebracht werden, auch als Christen zu leben. Das war noch schwieriger, und dazu bedurfte es der Zusammenarbeit von weltlicher und kirchlicher Macht. Die Politik sah durchaus den Nutzen der Kirche für ihre Belange, und natürlich lag den fränkischen Bischöfen an einer durchgreifenden Christianisierung des Volkes. Aber für einige von ihnen war Bonifatius zu romorientiert, was ihre Kreise stören konnte, und außerdem war er Ausländer. Papst Gregor III. erkannte die Problematik und stärkte dessen Position, indem er Bonifatius 732 zum Missionserzbischof erhob. Nun, auf dieser neuen Stufe der kirchlichen Karriereleiter, konnte er Bischöfe weihen und Diözesen einrichten. Das aber berührte die Interessen der etablierten Bischöfe, und so kamen auf Bonifatius einige Probleme zu.
Reform und Kirchenpolitik
Im Sommer 737 pilgerte Bonifatius zum dritten und letzten Mal nach Rom. Die Reise war ein triumphaler Erfolg, denn der Angelsachse war der wichtigste Mann des Papstes im Frankenreich. Man empfing ihn mit allen Ehren und Papst Gregor III. erhob ihn zu seinem Legaten für Germanien. Eindringliche Schreiben gingen darüber hinaus an alle Großen des Frankenreiches mit der Aufforderung, Bonifatius in seiner Arbeit zu unterstützen. Das war auch nötig, denn in den folgenden Jahren geriet er mehr und mehr in den Strudel der Politik. Dabei sollte sich zeigen, dass Bonifatius allen Widrigkeiten zum Trotz hartnäckig seine Pläne zu verfolgen verstand und auch als Kirchenmann sehr wohl machtpolitisch zu taktieren verstand.
Auf der Rückreise von Rom ordnete er zunächst 738/739 die kirchlichen Verhältnisse in Bayern mit den Bischofssitzen Regensburg, Passau, Salzburg und Freising. Das war wegen der Zwistigkeiten zwischen Herzog Odilo und den Karolingern eine brisante Sache, und prompt geriet Bonifatius auch zeitweilig zwischen alle Stühle. Aber schlussendlich gelang es ihm, das Modell einer romverbundenen bischöflichen Herzogskirche durchzusetzen mit einer Neuorganisation, die im Kern bis heute besteht.
Große Veränderungen mit Langzeitwirkung brachte das Jahr 741. Am 22. Oktober starb Karl Martell. Die Herrschaft im östlichen Teil (Austrien) des Reiches übernahm Karlmann, die im westlichen Teil (Neustrien) Pippin der Jüngere. Beide standen den Plänen des Bonifatius zunächst offen gegenüber. Tatsächlich konnte er in den nächsten Jahren einige bahnbrechende Erfolge erreichen, weil den Karolingern an einem guten Einvernehmen mit Rom lag. Das hatte weniger religiöse als vielmehr machtpolitische Gründe. Denn Karlmann und Pippin wollten das merowingische Schattenkönigtum beenden und auch nominell Könige werden. Ein solcher Wechsel von einem Geschlecht zum anderen war eine ziemlich gewagte Angelegenheit, und deshalb musste den nach der Macht greifenden Karolingern daran gelegen sein, ihre bislang fehlende dynastische Legitimation durch höhere Weihen auszugleichen. Da bot sich allein das Papsttum als Bündnispartner an, konnte es doch in Gottes Stellvertretung zum König salben. Das war gleichsam die schwebende Problematik des nächsten Jahrzehnts, die in alle anderen Bereiche hineinspielte.
Bonifatius wollte aus der von den Interessen des grundbesitzenden Adels beherrschten Staatskirche eine romverbundene Landeskirche machen. Auf lange Sicht bedeutete das nichts anderes als die Grundlegung des christlichen Europa, aber wer ahnte das damals schon. Dazu musste allerdings den Widerstand gewisser aristokratischer Kreise überwunden werden, denen die Entwicklung überhaupt nicht passte. Die Macht dieser Leute beruhte zu großen Teilen auf Kirchengütern, die sie widerrechtlich in ihre Gewalt gebracht hatten, und manche ihren Familien entstammende Bischöfe hatten alles im Sinn, nur nicht die Förderung der Christianisierung des Volkes. An die Anerkennung der päpstlichen Autorität im fernen Rom dachten sie schon gar nicht. Das alles war Pippin, Karlmann und Bonifatius sehr wohl bewusst, und deshalb taten sie sich zu einem durchaus nicht nur taktisch motivierten Bündnis zusammen, das ihnen allen Nutzen bringen sollte.
Den Auftakt des Reformprogramms bildete das berühmte Concilium Germanicum, zu dem wohl am 21. April 742 einige fränkische Bischöfe unter der Leitung von Bonifatius und Karlmann zusammentraten. Die Beschlüsse der Synode zielten auf einen angelsächsisch geprägten Neubeginn, eben die organisatorische Grundlegung der fränkischen Kirche als romorientierter Metropolitanverband. In der ziemlich ungeordneten Artikelsammlung finden sich Nebensächlichkeiten wie die Vorschrift, Kleriker sollten nicht zur Jagd gehen, neben zentralen Vorhaben wie dem, den Kirchen ihr Vermögen zurückzuerstatten. Dieses anspruchsvolle Reformprogramm war zunächst einmal nichts anderes als ein Idealbild voll frommer Wünsche, die ohne die Kraft zur Umsetzung auch solche bleiben würden. Umsetzen wollte man sie wohl auch, das zeigen die bekräftigenden Folgesynoden der nächsten Jahre. Rühmend vermerkte Bonifatius dem Papst gegenüber, welche Hilfe er in den Herrschern habe. Plötzlich schien alles zu gelingen. Zur Durchsetzung seiner Vorstellungen gründete Bonifatius Bischofssitze in Büraburg, Würzburg und Erfurt (bald Eichstätt), die er mit angelsächsischen Vertrauten besetzte. Sogar ein lang gehegter Wunschtraum ging in Erfüllung, die Gründung des Klosters Fulda 744, gedacht sowohl als Missionsstützpunkt wie auch als Altersruhesitz und Grablege.
Noch aber, und das war bedrohlich, gab es mächtige Reformgegner unter den alteingesessenen fränkischen Bischöfen, und die konnten im Sommer 744 Erfolge verbuchen, so dass die hochgespannten Reformpläne ins Stocken gerieten. Besonders im Westteil des Reiches waren sie fest etabliert und hatten durch geschickte Personal- und Pfründenpolitik Abhängigkeiten geschaffen, so dass ihnen schwer beizukommen war. Vor allem aber gehörten sie dem grundbesitzenden Adel an, und wenn die Hausmeier Pippin und Karlmann, die eben noch keine Könige waren, ihre Position erhalten wollten, mussten sie sich mit dieser Machtelite arrangieren. Namentlich Pippin war Realpolitiker genug, um die prekäre Situation rasch zu erkennen und blies deshalb zum Rückzug. Damit wurde er keineswegs zum Gegner der Kirchenreform, nur wollte und musste er sie behutsamer und langsamer angehen. Das aber war nicht die Sache des Bonifatius, der ruhe- und kompromisslos nach vorne drängte. Anpassungsbereit war er kaum, und seine Fähigkeit zum diplomatischen Vorgehen hatte ihn wohl im Alter verlassen.
So aber wurde die Lage immer problematischer. Sogar Mordpläne sollen gegen den unbequemen Ausländer geschmiedet worden sein. Nichts verdeutlicht die Außenseiterposition des Bonifatius mehr als der Umstand, dass er noch immer Missionserzbischof ohne festen Sitz war. Abhilfe sollte geschaffen werden, und Köln wurde als Metropolitansitz für ihn bestimmt. Aber 746 scheiterte auch dieser Plan, Bonifatius wurde mit dem Bistum Mainz abgefunden und der Aufbau von Erzbistümern gelang später erst Karl dem Großen. Es sollte noch ärger kommen. Der inzwischen im achten Lebensjahrzehnt stehende Bonifatius rückte mehr und mehr an den Rand des Geschehens. Pippin hielt es jetzt für klüger, ihn mit Rücksicht auf die Reformgegner zu umgehen und selbst engere Fühlung mit Rom aufzunehmen. Durch einen Boten schickte er einen Katalog von 27 Fragen zum Kirchenrecht an den Papst, die Zacharias am 5. Januar 747 ausführlich beantwortete. Kein Wort verlor der Papst jedoch darüber, dass Pippin mit dieser Anfrage den Dienstweg und somit seinen Legaten Bonifatius übergangen hatte, der peinlicherweise erst später von dem Vorgang erfuhr.
Gerne hätte Bonifatius in jener Zeit "das einmal übernommene Steuer der Kirche gänzlich aus der Hand" gegeben (B 78, 215), aber der Papst ließ seine Pensionierung nicht zu. Es ist unbekannt, ob und in welcher Weise er auch weiterhin versuchte, im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Das einschneidende politische Ereignis des Jahres 747, der Rücktritt Karlmanns, wird ihm dies jedenfalls nicht leicht gemacht haben. Die Gründe für den Machtverzicht von Pippins Bruder liegen im Dunklen und geben bis heute Raum für Spekulationen. Wie dem auch sei, kirchenpolitisch war Karlmanns Rückzug für Bonifatius eine totale Niederlage. Denn mit dem Verlust seines wichtigsten Förderers stand er allein und musste den Aktivitäten Pippins nahezu taten- und vor allem machtlos zusehen. Der Franke steuerte nun energisch auf die Ablösung des Merowingerkönigs Childerich III. und auf einen Staatsstreich hin. Vorrangig war das politische Ziel, und dafür musste Ruhe an der Kirchenfront herrschen. Das aber bedeutete, weder Adel noch bischöfliche Reformgegner zu reizen und vor allem den ebenso unbeugsamen wie undiplomatischen Bonifatius zu opfern. Durch geschicktes Taktieren gelang es Pippin, sowohl mit dem traditionellen Adel wie auch mit fränkischen Reformern auszukommen und seine Interessen in direktem Kontakt mit Rom voranzutreiben.
Bonifatius selbst hatte in jenen Jahren wohl keinen Blick für diese Zusammenhänge, er war in erster Linie enttäuscht und verbittert. Deshalb und seines hohen Alters wegen bereitete er seinen allmählichen Rückzug vor. Derweil wurden im Spätjahr 751 Fakten geschaffen. Die Reichsversammlung rief Pippin zum König der Franken aus, und seine fehlende Legitimität wurde durch die kirchliche Salbung nach alttestamentlichem Vorbild ersetzt. Vorgenommen wurde dieser Akt wohl nicht von Bonifatius, der eigentlich zuständig gewesen wäre und der ihn letztlich vorbereitet hatte, sondern von fränkischen Bischöfen. Damit war eine neue Achse geschmiedet, die in den nächsten Jahrhunderten geschichtswirksam werden sollte. Das in der Spätantike wurzelnde traditionsreiche römische Papsttum und die aufstrebende germanische Großmacht im Westen taten sich zu einem politisch-kirchlichen Bündnis zusammen. Das war eigentlich genau das, was Bonifatius wollte, denn nur so konnte die fränkische Kirche zu einer romorientierten Landeskirche umgestaltet werden. Dass Kirchenleute wie Chrodegang von Metz und Fulrad von St. Denis das im Verein mit Pippin bewerkstelligten, zeigt im Grunde seinen nachhaltigen Erfolg. Die persönliche Tragik des Bonifatius lag darin, dass er sich damit selbst überflüssig gemacht hatte. Die Franken regelten ihre Angelegenheiten mit Rom persönlich und bedurften keines angelsächsischen Mittlers mehr.
Das Ende
Bonifatius blieb nichts mehr, als seine Dinge zu ordnen. Für Fulda erreichte er 751 ein päpstliches Exemtionsprivileg, ein schöner Erfolg. Mit Papst Zacharias erörterte er zum wiederholten Male kirchenrechtliche Fragen. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verzagtheit des alten Mannes, dass er dabei auch ängstlich in ganz alltäglichen Dingen um Weisung bat. So ging es um das Problem, ob Christen Vögel, Hasen, Biber und Wildpferde essen dürften, wann man Speck genießen könne und "an wie vielen Stellen bei der Feier des heiligen Messopfers Kreuze gemacht werden sollen" (B 87, 301). Man kann sich leicht vorstellen, dass der Papst bei solchen Fragen auf eine Geduldsprobe gestellt worden ist. Ferner sorgte Bonifatius sich um seine angelsächsischen Schüler und setzte Lul als seinen Nachfolger in Mainz ein. Im Mai 753 kam es zu einer letzten Begegnung mit Pippin, dann zog Bonifatius sich auf das friesische Missionsfeld zurück.
Dort starb er, wie eingangs erzählt, am 5. Juni 754 durch die Hand friesischer Räuber. Die Berichte über das dramatische Geschehen sind eine Mischung aus wahrscheinlichen und legendenhaften Teilen, sie können hier nicht mehr ausgebreitet werden. Besonders ansprechend ist die Behauptung der zweiten Bonifatiusvita (um 825 von einem Utrechter Presbyter verfasst, nur in einer nach 900 entstandenen Bearbeitung erhalten), Bonifatius habe einen Evangeliencodex schützend über sein Haupt gehalten, bevor ein Friese ihm dasselbe abgeschlagen habe. Verbunden mit dem durch kräftige Hiebspuren beschädigten Codex Ragyndrudis, einem tatsächlich aus dem Besitz des Bonifatius stammenden Buch, hat sich daraus die Legende des sich gleichsam in Fechtermanier mit einem Codex gegen den Angreifer verteidigenden Heiligen ergeben. Sie war im Laufe der Jahrhunderte so erfolgreich, dass die Handschrift fast in den Rang einer Reliquie aufrückte und auf allen bildlichen Darstellungen Bonifatius mit Schwert und durchbohrtem Buch als Attributen zu sehen ist. Dieser Siegeszug macht die Geschichte nicht wahrscheinlicher, aber sie ist zumindest hübsch erfunden.
Den Hagiographen kam es eben darauf an, Bonifatius als Märtyrer und Heiligen zu präsentieren, da mussten die Fakten schon einmal um des höheren Zieles willen zurechtgebogen werden. Ein kostbarer Besitz waren die Gebeine des nun zum Heiligen aufgestiegenen Angelsachsen allemal, und deshalb entbrannte alsbald ein harter Kampf um den Leichnam, den Fulda für sich entscheiden konnte. Aber das ist eine andere Geschichte, ebenso wie die des Nachlebens, in dem die eigentliche Persönlichkeit des Bonifatius mehr und mehr verdeckt und als Instrument zur Durchsetzung anderer Interessen missbraucht worden ist.
Schluss
Lässt sich abschließend die Frage beantworten, wer denn nun dieser Bonifatius gewesen ist? Würde man ihn nach seiner eigenen Einschätzung der erbrachten Leistungen fragen, so wäre sie wohl eher negativ bis skeptisch. In der Tat hat es den Anschein, als sei die Phase seiner ersten Karriere in angelsächsischen Klöstern die erfolgreichste gewesen, denn sie brachte ihm höchste Anerkennung ein. Der Ertrag des dann folgenden missionarischen Einsatzes lässt sich schwer messen. In Friesland, Hessen und Thüringen hat Bonifatius etliche Menschen für das Christentum gewinnen können, freilich auf Vorarbeiten anderer aufbauend. In rein heidnische Gebiete vorzustoßen ist ihm versagt geblieben, und vor allem sein Hauptziel, die Mission bei den stammesverwandten Sachsen, hat er nicht erreicht. Was die Reformbemühungen des Bonifatius anbetrifft, so wird er selbst auch diese als mäßig eingeschätzt haben.
War der hohe und unermüdliche Einsatz letztlich vergebens, ist Bonifatius erfolglos gewesen? Ganz gewiss nicht, auch wenn er selbst das in seiner, modern gesprochen, bisweilen depressiven Stimmung so gesehen haben mag. Seine missionarische Verkündigung des Evangeliums hat zahlreiche Menschen erreicht und durch die Taufe in die Kirche eingegliedert. Seine Reformvorstellungen hat er auf Synoden im Frankenreich festgeschrieben. Sie standen zwar zunächst nur auf dem Papier, bildeten aber eine ausbaufähige Grundlage für die weitere Arbeit. Trotz mancher Rückschläge ist Bonifatius es denn auch gewesen, der im Verein mit den Herrschern den Einfluss des von der Aristokratie beherrschten Episkopats zurückdrängte und die romorientierte fränkische Landeskirche schuf. Und er ist es auch gewesen, der entscheidend das Bündnis der Karolinger mit dem Papsttum vorbereitet und damit die Weichen für die Entwicklung der mittelalterlichen Welt gestellt hat.
Das alles ist freilich eine Einschätzung aus der Rückschau. Die Tragik des Bonifatius liegt darin, dass er durch seinen Konflikt mit den Machteliten und durch seine bisweilen verengte, die politischen Möglichkeiten nicht genügend beachtende Sicht der Dinge den Eindruck haben musste, wenig erreicht zu haben, obwohl das Gegenteil der Fall war. Genau diese Widersprüchlichkeit scheint typisch für sein Leben gewesen zu sein, denn sie spiegelt sich auch in seiner zwischen Ängstlichkeit und Glaubensmut wechselnden Persönlichkeit. Ein Visionär mit großem Entwurf für die Gestaltung der Zukunft war Bonifatius nicht, denn er ist von den dramatischen Ereignissen seiner Zeit mitgerissen und gleichsam in sie hineingeworfen worden. Dann aber hat er sich ihnen gestellt und ohne jedes Wanken seine Grundüberzeugungen durchzusetzen versucht. Seine Größe bestand wohl in erster Linie genau darin, dass er sich durch nichts davon abbringen ließ. Das wiederum muss ihn vor allem im Alter zu einem unbequemen Gesprächspartner gemacht haben, der gewieften Machtpolitikern als starrsinnig und unbeweglich erschien.
Bei alledem war für Bonifatius Rom der irdische Hort göttlicher Weisheit, und deshalb folgte er den Anweisungen der Päpste punktgenau. Insofern war Bonifatius autoritätshörig. Das ließ ihn einerseits in Abhängigkeit von der Herrschern geraten und veranlasste ihn andererseits zu autoritärem Verhalten seinen Mitarbeitern und vor allem jenen gegenüber, die nicht so glaubten, wie es seiner Meinung nach zu sein hatte. Gerade weil er die kirchlichen Gebote peinlich genau einhielt, meinte er festlegen zu können, wie und was die Menschen zu glauben hatten. Für Bonifatius war das gleichbedeutend mit Gehorsam Gott und seiner Kirche gegenüber, deren Einheit zu bewahren ihm höchstes Gut war. Im Grunde seiner mitunter widersprüchlichen Persönlichkeit war er, soweit sich das überhaupt feststellen lässt, ein im positiven Wortsinn einfältiger Mensch, der alles dem christlichen Glauben, so wie er ihn schon in seiner Kindheit im Kloster zu verstehen gelernt hatte, unterordnete. Deshalb war sein höchstes Ziel auch die Verkündigung dieses Glaubens. Eigentlich wollte Bonifatius immer Missionar sein, zum Reformer haben ihn die Umstände gemacht. In beiden Rollen aber ist er zu einem der Baumeister des christlichen Europa geworden.
Literaturhinweis:
Lutz E. v. Padberg, Bonifatius - Missionar und Reformer (C. H. Beck Wissen in der Beck?schen Reihe 2319), München 2003
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