Heute geht ein
Stück Kirchengeschichte im Bistum Erfurt zu Ende: Ein Vierteljahrhundert
hast Du als Bischof dem Bistum Erfurt gedient. Du bist ein Bischof der klaren
Worte, der leisen Töne, bei denen man sehr genau hinhören muss und ein
großartiger Seelsorger. Als Hirte Deiner Herde warst Du immer der Pfarrer, zu
dem man mit seinen Sorgen hingehen konnte, der einem zuhörte und Rat wusste. "Pastor
bonus" - der gute Hirte. Kaum ein Bild trifft besser auf Dich zu als genau
dieses.
Es ist mir eine
Ehre und Freude, als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz heute einige Worte an Dich richten zu dürfen. Ich mache das
gerne in Vertretung für unseren Vorsitzenden, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,
von dem ich herzliche Grüße übermittle.
Lieber Joachim,
wer Dich kennt, weiß Deine Art - einfühlsam und zielorientiert - sehr zu
schätzen. Du wolltest nie "klein beigeben", sondern eine Lösung für
das Ganze war Dein Ziel. Mit diesem guten Maß an kontinuierlicher
Beharrlichkeit hast Du das Bistum Erfurt und unsere Bischofskonferenz geprägt.
Dabei bist Du mit Achtung und Respekt den Menschen begegnet: den Katholiken und
den Protestanten, den Christen und den
Nichtchristen; nie hast Du nachgelassen, auch die Nichtgetauften als Adressaten
eines guten Wortes und der Frohen Botschaft zu verstehen. Dein Leitungsstil war
geprägt vom Vertrauen in die engagierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Deiner Diözese. Von diesen ist das Wort von Dir überliefert: "Wenn es
keine Lösung gibt, dann finden wir eine." - Das nenne ich
Leitungsverantwortung.
Dankbar schauen
wir heute auf Deinen engagierten und aufopferungsvollen Dienst in unserer Bischofskonferenz.
Als einer der dienstältesten Bischöfe war Dein Rat immer gefragt. 14 Jahre
warst Du Vorsitzender unserer Pastoralkommission. Ich möchte Dich jetzt nicht
als Propheten titulieren, aber doch als visionäre Kraft Deiner theologischen
Erkenntnis bezeichnen, wenn ich daran erinnere, dass auf Deine Initiative hin
im Jahr 2000 das vielbeachtete Wort der deutschen Bischöfe "Zeit zur
Aussaat" entstand. Bereits damals hast Du herausgestellt, mit welcher
missionarischen Dynamik die Kirche erfüllt werden müsse - ein Thema, das jüngst
auf der Bischofssynode in Rom erörtert wurde. Ein Bischof aus Thüringen konnte
uns besonders gut in Erinnerung rufen, dass Mission nur in Demut und Selbstbewusstsein
gelingen kann.
Das Bemühen um
einen missionarischen Impuls ist bleibender Kompass für die Neuorientierung der
Pastoral und die Reform der Pfarrei. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass Dank
Deines Einsatzes die Arbeitsstelle für Missionarische Pastoral, eine
Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz, vor einigen Jahren hierher nach
Erfurt gekommen ist. Die Deutsche Bischofskonferenz ist Dir darüber hinaus für
Deine profunden biblisch-exegetischen Kenntnisse dankbar, auf die wir immer zurückgreifen
konnten. Das gilt insbesondere für die Revision des Neuen Testaments der
Einheitsübersetzung aber auch bei der Erarbeitung des neuen Gebet- und
Gesangbuches.
Lieber Joachim,
Du giltst für viele Gläubige Deines Bistums als Bischof der Einheit. Was Du selbst
in der DDR erlebt hast, hat Dich geprägt. Das Geschenk der Wiedervereinigung
war für Dich Befreiung und Auftrag: Die durch den staatlichen und politischen
Einigungsprozess möglich gewordene Zusammenführung kirchlicher Strukturen
wurden von Dir mit großem Einsatz vorangetrieben. Die Anliegen der ostdeutschen
Ortskirchen hast Du kraftvoll und überzeugend in den Beratungen der
Bischofskonferenz und im Verband der Diözesen Deutschlands eingebracht. Immer
wieder gelang es Dir, Dich für die Ü;berwindung von Blockaden zu verwenden. Oft
hat durch eine humorvolle Wortmeldung aus einem drohenden Gegeneinander ein
fruchtbares Miteinander werden können.
Ein solches
fruchtbares Miteinander haben wir im vergangenen Jahr erlebt, als Du mit der schon
eingangs erwähnten kontinuierlichen Standhaftigkeit den Heiligen Vater
überzeugen konntest, Thüringen zu besuchen. Manche Geschichte und Debatten um
die Programmgestaltung, um die Frage, ob der Heilige Vater in Erfurt
übernachten könne, über die Einbindung der eigentlichen Ortskirche sind
überliefert. Du warst es, der Benedikt XVI. in diese Stadt gebracht hat. Ohne
Dich wäre es nicht zu der bewegenden Marienfeier in Etzelsbach gekommen, an die
ich heute noch in großer Dankbarkeit zurückdenke. Der Aufenthalt des Heiligen
Vaters in Ostdeutschland trägt Deine Handschrift. Und noch einmal zur
kontinuierlichen Standhaftigkeit: Als die Wagenkolonne in Etzelsbach aufbrach
und das Fahrzeug des Heiligen Vaters vor der Kapelle nicht mehr anhielt, bist
Du in aller Seelenruhe aus dem Wagen gestiegen und hast eine Glocke und einen
Stein gesegnet - ungeachtet nervöser Sicherheitsbeamter, eines plötzlichen
Kolonnenstaus und wartender Hubschrauber. Dir war das Zeichen wichtig, das Du
mit dem Segen in diesem Moment setzen konntest.
Wir alle denken
in dieser Stunde auch an den historischen Besuch des Heiligen Vaters hier im Erfurter
Augustinerkloster. Der Besuch war Ausdruck dessen, was Du für die Ökumene geleistet
hast: Die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den getrennten Brüdern
und Schwestern im Glauben hat dank Deines Einsatzes weit über die Grenzen
Thüringens hinaus Strahlkraft entwickelt. In diesem Sinne hast Du lange Jahre
in der Ökumenekommission unserer Bischofskonferenz mitgewirkt und hast leitende
Aufgaben in der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen
wahrgenommen.
Lieber Joachim,
ich bin überzeugt, dass viele Deiner zukunftsweisenden Initiativen weiter wirken
werden. Denn Du hast uns immer wieder daran erinnert, dass wir nur dann die
Zukunft gewinnen, wenn wir uns des Ursprungs der Kirche vergewissern. Dieser
Ursprung aber ist Christus selbst, der in seiner Kirche lebt und wirkt. Dies
macht uns Mut, das anzunehmen, was kommt. Dein Wirken hat unserem bischöflichen
Amt viel Glaubwürdigkeit und Ü;berzeugungskraft verliehen. Dein Rücktritt ist
deshalb ein Verlust für die ganze Kirche in Deutschland. Gleichwohl gönnen wir
Dir von Herzen den wohlverdienten Ruhestand.
28.11.2012