Ü;ber Religion und Gesellschaft, die Familie, Hartz IV, Extremismus und die SED-Diktatur...
Im Folgenden dokumentieren wir die Ansprache von Bischof Joachim Wanke, die er am 13. Juni zum Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2006 in der Bildungsstaätte St. Martin in Erfurt gehalten hat:
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch wenn sich in diesen Wochen alles um den Fußball dreht - und ich hoffe, unsere Mannschaft spielt weiterhin so gut wie am vergangenen Freitag gegen Costa Rica -, möchte ich Sie dennoch für einige aus meiner Sicht wichtige Punkte interessieren.
I.
Religion und Gesellschaft heute
Die Kirche hat es in der Vergangenheit gelernt, in den unterschiedlichsten Gesellschaftsformen und kulturellen "Großwetterlagen" ihren Auftrag zur Verkündigung des Gottesglaubens zu erfüllen. Es ist ihr in der Geschichte immer wieder gelungen, das Evangelium in die konkreten gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte "einzustiften" und diese damit positiv zu beeinflussen. Ohne die Vorgaben des christlichen Glaubens (wie etwa die Besinnung auf die Personenwürde, die Wertschätzung körperlicher Arbeit, die neue Sicht der Natur als Betätigungsfeld des Menschen, die Betonung der Gewissensfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat u.a.) wäre der Geist der Moderne überhaupt nicht verständlich. Daraus ist m.E. zu folgern: Diaspora, also die Minderheitensituation von Christen inmitten einer nichtchristlichen Bevölkerung, ist nicht ein zeitweiliger kirchengeschichtlicher Notstand der Kirche, sondern die Grundbestimmung ihres Daseins. Das Bild vom Sauerteig als Ferment für das Ganze, das Jesus von Nazareth selbst gebraucht hat, gilt auch für heute.
Unsere heutige Zeit ist durch zwei Stichworte gekennzeichnet: Pluralismus und geweitete Freiheitsräume. Das bedeutet: Die Glaubensverkündigung und die Selbstdarstellung von Kirche stehen in der Öffentlichkeit einem kritischen und auswählenden (und manchmal auch abwählenden) Votum der Menschen gegenüber. So fragwürdig und beschwerlich dieser Pluralismus, also die Vielfalt von Lebens- und Weltdeutungen, und die gewachsene Freiheit des Individuums in unserer Gesellschaft sind, bergen sie aber auch eine Chance in sich, dass Glaubensentscheidungen nachhaltig getroffen und durchgetragen werden. Es ist weniger an religiöser "Dressur" möglich. Wir leben in mancher Hinsicht religiös ehrlicher als vorangegangene Generationen.
Ich verstehe den Zugewinn von Freiheit für den einzelnen Menschen als ein Zeichen der Zeit. Predigt und Seelsorge können durchaus daran anknüpfen. Dass solche aus der Mitte des eigenen Ich getroffenen Entscheidungen seelsorglich gestützt und kirchlich vernetzt werden müssen, steht außer Frage. Aber zunächst einmal müssen wir davon ausgehen, dass "Bekehrungen" nie bloße Ü;bernahme vorgegebener Verhaltensmuster sind, sondern aus der Einsicht heraus erfolgen, durch das Christsein eine Weitung des eigenen Lebenshorizontes zu erfahren, gleichsam das eigene Leben in einem neuen, "österlichen" Licht sehen zu können. Das ist für jene, die sich als Erwachsene haben taufen lassen, durchweg eine typische Erfahrung.
Der christliche Glaube braucht deshalb die Moderne nicht als Feind des Glaubens ansehen. Wir Seelsorger können im Gegenteil in ihr neue Chancen erkennen. Für meine Arbeit als Bischof in Thüringen sind mir diese Erfahrungen wichtig geworden:
- Eine geistig pluralistische Welt, in der das Christliche nicht von vornherein das Selbstverständliche ist, macht auf den christlichen Glauben neugierig.
- Der geweitete Freiheitsraum mit seinen Wahlmöglichkeiten, auch weltanschaulicher und religiöser Art, macht den einzelnen Christen selbstbewusst und sein Glaubenszeugnis für andere interessant.
- Je mehr Sachwissen (technischer, wissenschaftlicher Art) uns zur Verfügung steht, desto größer wird die Sehnsucht nach Orientierungswissen. Kein Mensch kann ohne Visionen leben. Genau diese Vision von einem neuen Leben und einer neuen Welt schenkt das Evangelium. Es geht heute um eine Seelsorge, die auf die innere Ü;berzeugungskraft des Evangeliums baut, es als Angebot einer neuen Welt- und Lebenssicht versteht und die Menschen einlädt, in der religiös gedeuteten Erfahrung des eigenen Lebens und der Welt für sich eine neue Weite zu gewinnen.
II.
Familie und Thüringer Familienoffensive
"Der Krieg der Generationen findet nicht statt", betitelte DIE WELT einen Artikel über das von Allensbach erstellte Generationen Barometer 06. Das wichtigste und vielleicht von manchen nicht erwartete Ergebnis dieser Studie ist, dass den meisten Menschen (76 % der Befragten) die Familie als wichtigster Lebensbereich gilt. Vor allem der solidarische Zusammenhalt in der Familie und zwischen den Generationen wird besonders geschätzt. Der Krieg der Generationen findet also tatsächlich nicht statt, und die Familie ist kein auslaufendes Lebensmodell. Das sind gute Nachrichten!
Doch es gilt auch anzumerken: Die allermeisten Befragten beurteilen den Zusammenhalt in der eigenen Familie als "stark/sehr stark" (84 %), aber nach dem vermuteten Zusammenhalt der Familien in Deutschland befragt, antworten 47 Prozent mit "gering". Es besteht also eine deutliche Diskrepanz zwischen der verbreiteten, doch offensichtlich irrtümlichen Annahme, es gebe keinen Zusammenhalt, und dem tatsächlichen als stark empfundenen Zusammenhalt in der eigenen Familie.
Ich möchte darum Politik und Medien ermuntern, Werbung, ja Mut zu machen für die Familie. Offensichtlich gibt es hier genug Positives zu berichten und zu verstärken. Von Seiten der Kirche unterstützen wir daher auch weiterhin die Thüringer Familienoffensive. Sie räumt den Familien mehr Entscheidungsfreiheit ein. Ü;ber die Frage, ob das eigene Kind in der Familie oder in einer Kindertagesstätte betreut wird, sollten die Eltern entscheiden. Die Familienoffensive sieht diese Möglichkeit vor. Das ist durchaus gut! Denn die Entscheidung zur Selbst- oder Fremdbetreuung und den damit verbundenen Fragen nach den eigenen Erziehungszielen und Erziehungsmöglichkeiten, nach den Erziehungsorten und -mitteln kann den Eltern und Alleinerziehenden niemand abnehmen.
Was die Umsetzung des Thüringer KiTa-Gesetzes als ein Baustein der Familienoffensive angeht, werden wir die Vertragsgestaltung zwischen den Kommunen und den kirchlichen Trägern, hier an erster Stelle unsere Pfarreien, aufmerksam beobachten und begleiten. Bisher gibt es natürlich so gut wie keine Erfahrungswerte. Das Bistum legt bei aller Kompromissbereitschaft darauf Wert, dass die Autonomie der Träger geachtet und berücksichtigt wird.
III.
Aufarbeitung der SED-Diktatur
Die Unverfrorenheit und Frechheit, mit der ehemalige Stasi-Leute in der jüngsten Zeit aufgetreten sind und ihr Handeln in der DDR selbstgerecht verteidigt haben, ist in meinen Augen ungeheuerlich. Vielleicht gibt es hie und da stille Zustimmung, weil manche Bürger der DDR befürchten, die eigene Biographie werde entwertet, wenn die DDR als Unrechtsstaat dargestellt wird. Doch der Einzelfall zählt: Auch in einem ungerechten Staat gibt es Gerechte, auch in einer Diktatur kann es persönliches Glück und individuelle Lebensleistung geben.
Dennoch muss man vor einem Perspektivenwechsel warnen: Der Geschichte der DDR wird nur gerecht, wer sie aus der Perspektive der Opfer und nicht der Täter schreibt. Und solange die Rehabilitierung der Opfer nicht abgeschlossen ist, ist jede Forderung nach einem Schlussstrich unter die Geschichte blanker Hohn.
Immer noch leiden Menschen an dem, was ihnen im Namen der DDR und der sozialistischen Menschengemeinschaft angetan worden ist. Wer als Gegenargument anführt, in der DDR sei nicht alles schlecht gewesen, muss sich fragen lassen, warum es dennoch vielen so schlecht ergangen ist, die anders leben, reden, denken, glauben und reisen wollten, als es der Staat vorschrieb. Diktatorische Gesetze machen "Gesetzesbrecher" zu Opfern, nicht zu Tätern.
IV.
Umgang mit dem Rechtsextremismus
Mit der "Initiative für Demokratie und Toleranz" haben sich alle Fraktionen im Thüringer Landtag einig gezeigt, unser freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen gegen Extremisten zu verteidigen. Mit Blick auf den Rechtsextremismus, der sich besonders in den Neuen Bundesländern zu verbreiten sucht, ist ein solches Parteien übergreifendes Signal notwendiger denn je.
Die Medien tragen nicht unwesentlich dazu bei, dass und wie wir unsere Aufmerksamkeit auf verfassungsfeindliche Bestrebungen und Gefährdungen der Gesellschaft richten. Darum möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich den Thüringer Tageszeitungen, aber auch Hörfunk, Fernsehen und den Nachrichtenagenturen, für ihre Berichterstattung über den Rechtsextremismus danken. Sie haben, was man Medien mitunter vorwirft, ein Problem nicht aufgebauscht, sondern mitgeholfen, es als solches zu erkennen und dagegen vorzugehen. Und je mehr Sie über gelungene Aktionen berichten, wie dem Rechtsextremismus die rote Karte gezeigt werden kann, ermutigen Sie Menschen, sich mit diesem Thema zu befassen und zu engagieren.
Ich hoffe, dass so auch deutlich wird: Nicht jene verhalten sich problematisch, die den Finger in die gesellschaftliche Wunde des Rechtsextremismus legen, sondern diejenigen, die wegschauen, bagatellisieren oder gar von "Nestbeschmutzern" reden und nicht etwa die Rechtsextremen, sondern ihre Gegner meinen.
Es bleibt viel zu tun. Im Bistum Erfurt wollen wir künftig unsere pastoralen Mitarbeiter, besonders in der Jugendseelsorge, für das Problem des Rechtsextremismus verstärkt sensibilisieren. Als eine große Gefahr beurteile ich, wenn die Extremisten immer öfter nicht als "Bürgerschreck", sondern im bürgerlichen Gewand daherkommen, um gesellschaftliche Gruppen und Bereiche zu unterwandern und in ihrem Sinne zu beeinflussen oder gar zu formen (zum Beispiel in der Kultur-und Jugendarbeit, in der Thüringer Jugend-Musikszene). Rechtsextreme Ideologie verändert so schleichend Denken, Haltungen und Mentalitäten.
Ein Gemeinwesen, in dem dieses Gedankengut gesellschaftsfähig wird, kann nicht gedeihen. Es gilt also wachsam zu bleiben und nicht nur das, was geschieht, zu beurteilen, sondern auch, warum und zu welchem Zweck es getan wird. Denn buchstäblich gilt: Mit dem Rechtsextremismus, überhaupt: mit jedem Extremismus ist kein Staat zu machen!
V.
Debatte um Hartz IV
Zu diesem Thema kann ich mich kurz fassen, weil der SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck mit seinen Äußerungen zu den "Mitnahmeeffekten" bei den Hartz IV-Geldern eine Diskussion losgetreten hat, an der ich einige Momente verstärken möchte.
Nicht den Hartz IV-Empfängern, sondern dem Gesetzgeber ist es anzulasten, wenn die getroffenen Gesetzesregelungen legal, aber wider die eigentlichen Absichten genutzt werden. Es gibt sicherlich Menschen, die lieber alimentiert werden, als selber zu arbeiten. Aber der Großteil der Arbeitslosen benötigt das ihm zustehende Geld.
In Zeiten knapper Kassen muss über Geld gesprochen werden. Jedoch ist das eigentliche Ziel der Arbeitsmarktreform nicht, Geld zu sparen, sondern Menschen wieder in Lohn und Brot zubringen, also Arbeitsplätze zu schaffen. Das darf nicht vergessen, wer vorrangig über Missbrauch und Leistungskürzungen sprechen will: Das eigentliche Problem, besonders in den Neuen Bundesländern, sind die fehlenden Arbeitsplätze. Dieser Umstand muss im Vordergrund der Diskussion stehen! Die Arbeitsmarktreform bleibt ein Torso, wenn es nicht gelingt, Arbeitsplätze zu schaffen.
Zum Schluss gilt mein Dank Ihnen als den Vertretern der Medien hier im Freistaat. Eine gut informierte Öffentlichkeit ist wesentlicher Bestandteil einer gut funktionierenden Demokratie. Auch die Kirchen profitieren davon. Ich freue mich auf die Gespräche und Begegnungen mit Ihnen am heutigen Abend.
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