Bischof Joachim Wanke: "Verantwortung der Mediennutzer"

Gedanken zu einer zeitgemäßen Publikumsethik

Dokumentation des Vortrages von Bischof Dr. Joachim Wanke auf dem 6. Thüringer Mediensymposium am 5. und 6. Oktober 2001 in den Erfurter Messehallen

Eine ethisch fundierte Kultur ist nicht kostenlos zu haben. Sie bedarf der Unterweisung, sie bedarf der Einübung (beispielsweise in der Familie) und sie bedarf der Bekräftigung, z. B. durch die öffentliche Meinung. Man könnte auch sagen: Sie bedarf der Medien. Alle drei genannten Bereiche sind gleich wichtig: Unterweisung, Einübung und Bekräftigung. Wenn ein Bereich fehlt, kann schnell das Ganze Schaden nehmen.

Die Medien sind sicherlich weithin Spiegelung gesellschaftlicher Tatbestände. Aber irgendwie haben die Medien auch mit Bekräftigung, mit Einübung, ja selbst mit Einweisung in eine ethisch fundierte Kultur zu tun. Ich denke etwa an die Art, wie der in Erfurt beheimatete Kinderkanal die Kinder selbst zum Mittun und Gestalten einlädt. Ich denke an die offenen Kanäle, die direkt auf Eigenbetätigung der Bürger angelegt sind. Und wenn in den vielgesehenen vorabendlichen Familienserien gezeigt wird, wie Menschen wie Du und Ich ihre Alltagsprobleme lösen, hat das einen beachtlichen Einfluss auf das ethische Bewusstsein der Zuschauer. Eine Reihe wie "Schwarz greift ein" kann bewusstseinsprägender sein als eine lange Predigt. Kein Wunder, dass die Kirche, die ja eine jahrhundertelange Erfahrung mit Kommunikationsmitteln hat, auf die heutigen Medien mit besonderem Interesse schaut.

Medien spiegeln nicht nur Wirklichkeit, sie gestalten sie auch mit. Darum hat sich meine Kirche mit eingesetzt für den soeben aus der Taufe gehobenen "Erfurter Netcode", ein Qualitätszeichen im Internet für Kinder. Hinschauen ist angesagt, näherhin - und das ist das mir gestellte Thema: - hinschauen auf den Mediennutzer, also auf uns selbst.

Verdrängte Verantwortung?

Ich beginne mit einer Erfahrung. Zu den Angeboten, die die Erwachsenenbildung in unserem Bistum nicht nur den eigenen Kirchenmitgliedern, sondern einer breiteren Öffentlichkeit anbieten, zählen auch solche, die den verantwortlichen Umgang mit Medien betreffen. Die Mitarbeiter machen dabei eine widersprüchliche Erfahrung. Auf solche Veranstaltungen angesprochen, sagen viele: "Ja, das Thema ist wichtig. Aber wir sind es leid, ständig gesagt zu bekommen, dass wir selbst für unser Medienverhalten Verantwortung tragen!" Es ist offensichtlich leichter, auf die Verantwortung der Medienmacher zu verweisen.

Uns Kirchenleuten geht es manchmal wie Paulus auf dem Marktplatz von Athen. Die Apostelgeschichte berichtet diese kleine Episode, die für mich als Bischof sehr tröstlich ist (vgl. Apg 17,16-34). Paulus hält eine kluge, dem Denken und Empfinden seiner Zuhörer sehr entgegenkommende Rede. Das Echo freilich ist mehr als bescheiden. Als er zum Kern seiner Rede kommt, zur Botschaft von der Auferstehung, da sagen die Athener spöttisch: "Darüber wollen wir dich ein andermal hören!"

Diese biblische Episode lenkt unseren Blick auf einen wichtigen Faktor medialen Geschehens, den Empfänger. Es ist immer sehr bequem, Medienschelte zu betreiben. Von irgendeiner Seite bekommt man meist Beifall. Schon die Athener hatten daran ihren Spaß. Kritik hat immer Unterhaltungswert. Nun ist Medienkritik nicht rundweg falsch und in vielen Fällen auch mehr als berechtigt. Darüber darf man aber nicht den Empfänger vergessen, der ja nicht nur passiver Rezipient, sondern auch beim Hören und Sehen aktiv ist. Bezieht er sich in die Kritik ein? In einer kirchlichen Verlautbarung fand ich diesen für Medienleute sicher erfreulichen Satz: "Die Medienschaffenden, die Verantwortung zu übernehmen versuchen, verdienen ein Publikum, das sich seiner eigenen Verantwortung bewusst ist." (1) Wie schaut das aus: ein verantwortliches Publikum?

Wechselseitige Kommunikation.....

Das Mediensystem ist seinem Wesen nach wechselseitige Kommunikation, auch wenn es auf den ersten Blick nach dem Modell Sender - Empfänger aufgebaut ist. Es geht im medialen Kommunikationsprozess um Sinn, es geht um Deutung, um Interpretation von Wirklichkeit. Wir müssen uns dies immer bewusst machen, damit wir nicht an der Oberfläche einer Diskussion bleiben, die dann vielfach sich nur am Gewaltthema festhakt, etwa mit dem Tenor: Je mehr in Medien gezeigte Gewalt, desto mehr Gewalt in der Gesellschaft. Das ist eine zu einfache Rechnung. Gewalt ist eine Realität, zugegeben. Sie hat verschiedenste Gesichter. Die Frage ist nicht die der medialen Spiegelung von Gewalt, sondern die nach der Rolle, die Gewalt im Leben des Einzelnen und in der Gesellschaft übernehmen darf und kann.

Ich will dieses Thema "Gewaltdarstellung" nicht verharmlosen. Ich möchte es aber gern auf einen tieferen Kern zurückführen. Im Mediensystem geht es letztlich, wie in jeder Kommunikation, um Wahrheit. "Gewalt" gehört zur Realität des Menschen, aber sie definiert nicht den Menschen. Die Frage ist also: Was definiert eigentlich den Menschen? Was macht sein Wesen, was macht seine Menschlichkeit aus? Erst vor diesem Hintergrund wäre dann die Frage nach der Rolle der Gewalt zu diskutieren, z. B. auch die Anwendung legitimer Gewalt.

Hinter dieser Diskussion eines einzelnen Wirklichkeitsbereiches leuchtet also die Frage auf: Was ist der Mensch? Was soll er tun? Was darf er hoffen? Das sind bekanntlich die berühmten Fragen Immanuel Kant?s! Es geht letztlich um eine Wahrheit, die Verbindlichkeit einfordert. Aber eben das ist heute umstritten. Das macht Medienethik zu einem schwierigen Geschäft.

Hier muss ich einen kurzen sprachphilosophischen Exkurs einschieben. Die Postmoderne kann man ja geradezu definieren als den Versuch, die Welt von eigenen Ich her zu entwerfen. Die neueren sprachphilosophischen Gedankensysteme gehen von "Sprachspielen", von "Sprachwelten" aus, die prinzipiell austauschbar sind. In solchen unterschiedlichen Welten, die ihre je eigene "Wahrheit" haben, ist Gewalt beispielsweise ein äußerst relativer Begriff. Tschetschenien, Afghanistan, Palästina, Nordirland, Südsudan - wir erleben ja täglich, wie zwischen Terrorismus und Freiheitskampf hin und her jongliert wird, je nach Interessenlage. Eine Kommunikation über die Grenzen dieser unterschiedlichen Welten des Eigeninteresses und des politischen Kalküls hinaus ist dann nicht mehr möglich. Es wird z. B. gesagt: Die Wirtschaft habe ihre eigenen Gesetze. Stimmt das wirklich - in jeder Hinsicht? Oder: Die Welt der Medien habe ihre eigene Wahrheit. Und die heißt: Quote! Im alten Staatssozialismus der DDR hatte z. B. der Begriff Frieden einen spezifischen Inhalt. Östliches oder westliches Reden vom Frieden waren längst nicht miteinander vergleichbar. Die entscheidende Frage für Kommunisten war vielmehr: Wem nützt der Friede, den wir gerade propagieren? So war es mit vielen Begriffen, auch etwa dem der Solidarität, der Völkerverständigung, den bürgerlichen Freiheitsrechten, wie sie auch in der DDR-Verfassung standen. Worte wurden zu Worthülsen, die beliebig mit Inhalt gefüllt wurden.

..... in der Wahrheit

Worauf ich hinaus will: Mit dem Begriff Wahrheit führen wir ein letztlich nicht mehr relativierbares Element in die Diskussion über eine sachgerechte Medienethik ein. Wahrheit hat einen kommunikativen Sinn. Sie stellt nicht nur im Blick auf den Sprechenden Anforderungen (im Sinne von Wahrhaftigkeit), sondern begründet auch einen Maßstab für die Informationsbearbeitung und Ü;bermittlung.

Ich weise zur Illustration des Gemeinten auf das Phänomen der Ausrede hin. Eine Psychologin, Irmgard Tarr Krüger, hat einmal geschrieben: "Der größte Feind von Ausreden ist: zu viele davon. Nichts ist peinlicher und mühsamer als weitere Ausreden für seine Ausreden erfinden zu müssen." (2) Die Forderung, stets bei der Wahrheit zu bleiben, hat ja durchaus auch eine lebenspraktische Relevanz. Robert Spaemann hat einmal gesagt: "Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis und Geistesgegenwart. Wer die Wahrheit sagt, braucht nichts dergleichen. Jeder wahre Satz ist mit jedem anderen wahren Satz kompatibel." (3)

Aber eben die Ü;berzeugung, dass es in sich wahre Sätze gibt, die überall und für jeden gelten, wird heutzutage angezweifelt, eben von jenen, die Wahrheit nur als relativen Begriff, als Wahrheit in und für ein bestimmtes Bezugssystem verstehen können. Daran krankt übrigens auch das landläufige Verständnis von Religion, das weithin die Wahrheitsfrage ausklammert, zum einen aus Furcht, in Intoleranz abzugleiten ("Talibanisierungseffekt"), zum andern aber auch aus erkenntnistheoretischer Resignation. Das ist freilich ein eigenes Thema.

Ich möchte hier nur deutlich machen: An dieser Stelle, bei der Frage nach Geltung und Anerkennung von Wahrheit, fallen Grundentscheidungen auch für eine Medienethik. Im Letzten geht es um die Kommunikationsfähigkeit überhaupt, aber auch um das, was wir Anschlussfähigkeit von Wahrheit nennen, also eben jene Kraft der Wahrheit, unabhängig von subjektiven Vorgaben und Prämissen für alle Menschen kompatibel zu sein.

Anschlussfähigkeit von Kommunikationsinhalten

Die Teilhabe an der Wahrheit als einer Grundbestimmung des Seins, auch des Menschseins (im Sinne des verum, des "Wahren", wie die mittelalterliche Philosophie gesagt hat) umfängt Medienmacher und Mediennutzer. Wahrheit ist gleichsam ein gemeinsamer Raum, in dem Menschen sich dialogisch verhalten können, ohne Angst davor, sich nicht gegenseitig zu verstehen oder gar von anonymen Mächten manipuliert zu werden. "Was dem Einen gehört, muss (und kann! Anm. vom Verf.) allen zu Gute kommen; was der Eine für sich behält, ist allen entzogen", hat der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar einmal formuliert. (4) Dies gilt für den zwischenmenschlichen Bereich, aber auch für den öffentlichen Raum. Denn wenn jeder jeden der Unwahrheit verdächtigt, kann es letztlich keine gesellschaftliche Kommunikation geben. Dann gibt es nur Indoktrination und Propaganda - oder das große Schweigen.

Wahrheit bedarf also der freien Zustimmung des Hörenden, des Mediennutzers. Die Verhinderung von Wahrheit in der Kommunikation betrifft das Verhältnis des Menschen zur moralischen Ordnung überhaupt. Der Gegensatz von wahr und falsch ist Ausdruck einer Ordnungsdimension, die nicht veränderbar, sondern nur zerstörbar ist. Es geht in einer Medienethik eben nicht nur um die wahre oder falsche Wiedergabe der Wirklichkeit in Worten und Bildern, sondern um eine personale Entschiedenheit, der Wahrheit des Seins, auch des eigenen Menschseins entsprechen zu wollen.

Wenn es stimmt, dass sich aus dem Gelingen aber auch dem Misslingen von Kommunikation Folgen ergeben, dann ist es um so wichtiger, den Mediennutzer als Subjekt in den Blick zu nehmen. Die Medien reißen sich um den Zuhörer, um den Zuschauer. Aber nehmen sie ihn wirklich als entscheidungsfähiges Subjekt wahr, das auch Angebote dankend ablehnen kann und vielleicht auch sollte? Billigen sie ihm wirklich Autonomie und Freiheit zu? Reklame kann pfiffig und gekonnt sein. Aber manchmal fühle ich mich als Adressat von Reklame in die Rolle eines Geisteskranken versetzt, zumindest eines unmündigen Kleinkindes, dem man gut zureden muss.

Nun ist Reklame nur ein Teilbereich medialer Wirklichkeit. Die gesellschaftliche Entwicklung geht in Richtung immer stärkerer Segmentierung. Das verändert auch die Welt der Medien. Es entstehen Teilöffentlichkeiten. Wir sprechen von wachsender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung. In der Konsequenz dieses Strukturwandels wird der "gemeinsame Marktplatz" einer Gesellschaft immer kleiner. Ich nenne nur das Stichwort: Spartenkanäle. Immer kleiner wird die Schnittmenge allgemeinen Interesses, immer kleiner wird auch die Gemeinsamkeit von Normen und Wertmustern. Das liegt im Trend unserer gesamten Entwicklung, besonders im Bereich der Natur- und besonders der Biowissenschaften. Der einzelne Mensch weiß immer mehr - über immer weniger! In der Atomphysik mag das angehen. Aber geht das, wenn eine Gesellschaft zu bauen ist? Eine europäische Union? Oder ganz einfach: wenn Kinder zu erziehen sind?

Kompetenz für Auswahl

Freilich: Angesichts der Fülle von Wissen und Information kommt der Nutzer von Medien gar nicht umhin, eine Auswahl zu treffen Der Mediennutzer muss diesen Spagat schaffen: Auszuwählen und doch einen gewissen Ü;berblick zu behalten. Das Problem ist ja die immer schnellere Informationsbeschaffung und Aufbereitung. Der zunehmende Druck, dabei möglichst die Kosten niedrig zu halten, geht zu Lasten der Recherche und der Qualität. Auch führt die wachsende Quantität des Informationsflusses nicht automatisch zur Informiertheit aller, sondern zu einer Informationsüberlastung. Man muss notwendig auswählen - oder einfach auf Durchlauf, auf sofortiges Vergessen umschalten.

Bereits auf Seiten des Medienmachers erfolgt eine selektive, durch Wertungen bestimmte Darstellung der Realität. Diese Selektion durch den Medienmacher entspricht einem Ausblendungseffekt auf Seiten des Rezipienten. Auch er nimmt die noch immer in überreicher Fülle angebotenen Informationen nur durch ein subjektives Rezeptionsraster wahr. (5) Diese Wertung unterliegt seiner Verantwortung. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Bilder des 11. September 2001, die von sprachloser Betroffenheit bis zum fanatischen Jubel reichten, ist vielleicht ein krasses, aber deutliches Beispiel. Eine Nachricht muss bewertet werden, aber nicht nur aus subjektiver Sicht, sondern in Anerkennung der hinter der Nachricht sich eröffnenden Wirklichkeit. Es gilt also z. B. fremdes Leid als reales Leid wahrzunehmen, unschuldige Opfer nicht mit ihren Verfolgern auf eine Stufe zu stellen, selbst wenn man politisch anders denkt als die betroffenen Opfer. (6) Aus dieser Verantwortung für die eigene, in der Wahrheit des Seins gründenden Wirklichkeitskonstruktion kann der Mediennutzer nicht entlassen werden.

Gerade die anwachsende Informationsmenge bedarf einer ebenso wachsenden Auswahlkompetenz des Rezipienten. Der Nutzer der Medien wird genötigt, im Blick auf das Mediensystem kompetent und für seinen Gebrauch geschult zu sein. Der zunehmende Individualisierungsprozess erfordert im wachsenden Maße die aktive Eigenleistung des Individuums bei der Abwägung von Interessen, von mitgelieferten Rechtfertigungen, von Handlungsfolgen etc., kurz: bei der ethischen Bewertung eines Medieninputs.

Stärkung der Eigenverantwortung durch gesellschaftliche "Resonanz"

Ich bin überzeugt davon, dass damit auf Dauer der sich selbst überlassene Einzelne überfordert ist. Hier bedarf der Rezipient ebenso wie der Medienmacher der solidarischen Unterstützung durch die Gesellschaft, etwa durch eine kluge Medienpolitik, durch gesellschaftliche Institutionen, die den Einzelnen stabilisieren können. Mediennutzer und Medienmacher bedürfen solidarischer Hilfe, aber auch nur soweit, dass sie in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln. Das bewährte Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre greift auch hier!

Zur Zeit scheint mir das Interesse aber mehr den Bedürfnissen der Medienmacher zu gehören. Dies gilt auch für meine Kirche, die große Anstrengungen unternimmt, etwa die journalistische Ethik und die Professionalisierung der Journalisten zu fördern. Es gibt z. B. ein kirchliches Institut unserer Kirche zur journalistischen Aus- und Weiterbildung.

In seiner Botschaft zum 35. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel am 27. Mai 2001 hat Papst Johannes Paul II. aber auch einmal die Mediennutzer angesprochen. Er schreibt: "In allen Kulturen und zu allen Zeiten - gewiss auch in den globalen Umwälzungen unserer Tage - stellen Menschen dieselben Grundfragen nach dem Sinn des Lebens ..." Nun verlangt keiner, auch die Kirche nicht, dass diese Grundfragen täglich und von jedem plakativ vorgetragen werden. Aber manchmal vermitteln die Medien das Gefühl, dass sich kein Mensch mehr für diese grundsätzlichen Fragestellungen unseres Lebens und der Welt interessiert. Dann jedoch gibt es wieder Momente im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, in denen wir sehr drastisch auf die Grundfragen unserer Existenz stoßen. Die Reaktion der Menschen auf den Terrorangriff auf New York und Washington am 11. September hat das gezeigt. In den Tagen nach diesem schrecklichen Ereignis waren die Kirchen voll wie in Wendezeiten!

Pflicht zu umfassender Information

Aus der vom Papst angesprochenen Verpflichtung des Menschen zur Selbstvergewisserung leitet sich die Aufgabe ab, sich als Zeitungsleser, als Fernsehzuschauer um eine breite und ausgewogene Information zu bemühen. Das schließt auch die Aufgabe ein, andere Positionen und Meinungen wahrzunehmen. Der Wille zur Wahrheit bedeutet auch, sich vor Fanatismus und Engstirnigkeit zu bewahren. Zu diesen Aufgaben gehört auch, sich gegenüber dem medialen Ü;berangebot eine innere Distanz und Urteilsfähigkeit zu erhalten und sich seine Freiheit nicht durch ein Ü;bermaß an Medienkonsum einengen zu lassen. Einmal im Kirchenjahr begehen wir katholischen Christen in den Pfarrgemeinden einen "Welttag der sozialen Kommunikationsmittel", der die Gläubigen für diese Fragen sensibilisieren soll.

Dieser Umgang mit Medien muss erlernt werden. Das fängt im Kindergarten an und hört selbst im Seniorenheim nicht auf. Besonders auch deswegen, weil die eigentlichen Gefahren nicht in den möglicherweise unmoralischen Inhalten von Sendungen, sondern in einem übermäßigen Medienkonsum und in der Verführung zur Passivität liegt. Auch hier ist "das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten". Der Züricher Philosoph Herrmann Lübbe gesteht uns 5 Minuten täglichen Medienkonsum zu. Aber dabei hat er wohl mehr an sich selbst gedacht! Etwas mehr darf es schon sein, wenn man wirklich verantwortlich sich informieren will. Auch sollte man Unterhaltung, emotionale Entspannung, ästhetisches Erleben und die Entlastung von ständiger bewusster Stellungnahme auch positiv bewerten. Nicht der Genuss ist das Problem, sondern der Umgang damit.

Zum kompetenten Umgang mit Medien gehören Brücken zwischen der primären und sekundären Erfahrungswelt. Ohne den Austausch im persönlichen Gespräch, ohne die Möglichkeit der bewussten Verarbeitung von Medieninhalten führt mediale Unterhaltung den Mediennutzer in Vereinzelung. Das Umgekehrte ist richtig: Medien sollen die Weltsicht erweitern und dem Einzelnen Material zur kommunikativen Begegnung mit anderen zur Verfügung stellen. Konkret: Kinder bedürfen nach dem Fernsehen der Chance, darüber sprechen zu können! Es ist eine pädagogische Todsünde, Kinder mit Hilfe des Fernsehens ruhig zu stellen und sie danach mit dem Gehörten und Geschauten allein zu lassen.

Mut zur Meinungsbildung

Neben der Verpflichtung zur verantwortlichen Auswahl von Medieninhalten ist in unserer demokratischen Gesellschaft auch die Möglichkeit der freien Meinungsbildung eine ethische Herausforderung an den Mediennutzer. Bewusste Partizipation, Einmischung und Widerspruch gehören zur Teilnahme an öffentlicher Kommunikation. Mediennutzer stehen in der Pflicht, alle Möglichkeiten der Einflussnahme und der Rückkopplung innerhalb des medialen Kreislaufes zu nutzen. Ich nenne beispielsweise: Leserbriefe, Hörerzuschriften, Buchbesprechungen, Medienkritik in Tageszeitungen, Bürgerforen. In Thüringen gab es einmal eine Initiative: "Rote Karte gegen Gewalt", die in manchen Redaktionen durchaus Eindruck machte. Auch gezielte Befragungen sind durchaus aussagekräftig und meinungsbildend. Auch das Messen von Einschaltquoten ist nicht von vornherein eine Sünde! Es ist gut, wenn hier und da auch Gegendarstellungen eingefordert werden, und zwar nicht nur im Kleindruck auf der hintersten Seite oder in den Spätnachrichten. Das Publikum, auch dort, wo es über keine öffentliche Organisationsform verfügt, ist keine amorphe Masse, der alle Einflussrechte versagt wären. "Kann das Publikum wollen?" hat Theodor W. Adorno Ende der 60er Jahre in einem Aufsatz gefragt. (7) Wir dürfen mit ihm antworten: Ja, wenn es seine Feedback-Möglichkeiten innerhalb des Medienkreislaufes bewusst nutzt.

Mein ethischer Ansatz stellt die Autonomie und die Würde des Einzelnen im medialen System in den Mittelpunkt, freilich, nicht ohne diesen Einzelnen durch gesellschaftliche, z. B. auch kirchlich-religiöse Vernetzung stark und gegen Ideologieversuchungen resistent zu machen, so wie etwa Christen für die Ideologie des alten Systems hierzulande im Schnitt weniger anfällig waren. Damit wird auch deutlich, dass die sozialen Zusammenhänge in einer modernen Gesellschaft nicht nur eine Gefährdung des personalen Daseins, sondern auch ein Zuwachs an Autonomie und Selbstentfaltung der Person bedeuten können. Das hat schon Romano Guardini 1965 betont, wenn er in seinem Buch "Ende der Neuzeit" schreibt: "So seltsam es klingen mag: Die gleiche Masse, welche die Gefahr der absoluten Beherrschbarkeit und Verwendbarkeit in sich trägt, hat auch die Chance zur vollen Mündigkeit der Person in sich." (8)

Diese Verschränkung des Einzelnen mit der Gesellschaft, dieses Spannungsfeld, das durch die Medien in besonderer Weise geprägt wird, ist zugleich der Ort, an dem sich die Verantwortung des Einzelnen bewähren muss. Mediale Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Die moderne Kommunikationswissenschaft spricht von der sogenannten Anschlusskommunikation (7), durch die das Gesehene, das Gehörte und Gelesene über eigenes Darstellen, Reden und Schreiben in die soziale Welt zurückfließt. Auf diese Weise entsteht in komplexen Gesellschaften ein Austausch unterschiedlicher Lebensauffassungen und Verstehensweisen von Welt. Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland sprechen in ihrer gemeinsamen Erklärung "Chancen und Risiken der Mediengesellschaft" (1997) vom Leitbild einer "freien Kommunikation mündiger Menschen in einer verantwortlichen Gesellschaft".

All denen, die aus verständlichen Gründen die Manipulierbarkeit durch Medien und Medienmacher befürchten, sei gesagt, dass Mediennutzer möglichen Manipulationen alles andere als wehrlos ausgeliefert sind. Daraus leitet sich aber auch die Verpflichtung ab, nicht nur den eigenen Wissenshorizont zu erweitern, nicht nur sich selbst und den eigenen Ü;berzeugungen treu zu bleiben, sondern sich auch aktiv in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden.

Auf einige Möglichkeiten habe ich oben hingewiesen. Die freie Zivilgesellschaft ist darauf angewiesen, dass sich möglichst viele ins Gespräch einbringen. Wer diese Möglichkeiten nicht nutzt, hat auch kein Recht zum Wehgeschrei über die ach so bösen Medien.

Die hier geforderte Kompetenz des Hörers, Lesers und Zuschauers ist aber nicht aus dem Stand zu erlangen, auch wenn es sicher so etwas wie ein grundsätzliches Empfinden von Gut und Böse gibt. Motive und Interessen aller Beteiligten in den Blick zu nehmen, verlangt eine Aufmerksamkeit, die neben dem Engagement gesellschaftlicher Institutionen, ich denke z. B. an die Landesmedienanstalten und deren Ü;berwachungsfunktion, auch Anforderungen an das Bildungssystem, an Lehrer und Erzieher stellt. Vor allem die Familie bleibt als Einübungs- und Bewährungsort von Medienkompetenz unersetzbar. Aber auch der gesamte Kunst- und Kulturbereich hat hier ureigene Aufgaben. Die geforderte Verantwortung verlangt ein zunehmendes Wissen um die sozialen, psychischen und gesellschaftlichen Wirkungen der Medien. Jede Hilfe dazu schafft uns und unserem Gemeinwesen Zukunft.

Medien und Politiker

Lassen Sie mich zum Schluss noch kurz auf einen Mediennutzer besonderer Art eingehen, den Politiker. Es lohnt sich, das Wechselspiel von Politik und Medien einmal genauer zu betrachten. Wir stellen dabei eine weitgehende Ü;berlagerung des politischen Systems und des Mediensystems fest. Politik erzeugt nicht nur selbst Nachrichten, sie ist auch davon abhängig, was für Medien einen Nachrichtenwert hat. So wird Politik von den Medien geprägt und mitbestimmt. Umgekehrt nutzt Politik die Medien aber auch für ihre Zwecke. Bewerber um Spitzenämter in Parteien und im Staat übertragen die mediale Logik der Selbstdarstellung auf die Politik. Das Mediencharisma einzelner Persönlichkeiten wird zu einer eigenständigen und dominanten Machtressource. Gerade im politischen Bereich zeigt sich die komplizierte Verstrickung des Mediennutzers in das Mediensystem. Auf der einen Seite macht sich der Politiker das Instrumentarium der Medien dienlich. Auf der anderen Seite ist er angewiesen und abhängig von diesen Instrumentarien, bis dahin, dass er politische Inhalte und Prioritäten des politischen Handelns selbst wiederum dem medialen System entnimmt.
Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist nicht nur ein Problem von Politik und Medien. Es würde sich auch lohnen, dies für andere gesellschaftliche Teilbereiche, z. B. für die Biowissenschaften mit ihren nicht immer nur hehren wissenschaftlichen Interessen, aber auch für die Kirchen zu thematisieren.

Folgerungen

Welche möglichen Folgerungen lassen sich aus meinen Ü;berlegungen ziehen? Ich nenne drei Punkte:

    1.Wir brauchen in unserer Gesellschaft eine öffentliche Diskussion über gemeinsame Wertmaßstäbe der Mediengestaltung und Mediennutzung.
    Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dieser Diskurs nicht mit einem Konsens in allen Einzelfragen enden. Ich behaupte beispielsweise, Schüler sollten nicht nur mit dem Computer vertraut gemacht werden, sondern möglichst auch mit einem Musikinstrument. Eine solche Diskussion wird die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein vieler für die Grundlagen bzw. die Rahmenbedingungen eines soliden Umgangs mit Medien wecken und schärfen, also z. B. das Gespür für einen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt nach menschlichem Maß, für die Notwendigkeit einer gemeinsamen Anerkennung von Wahrheit und das Ethos der Wahrhaftigkeit. Einfacher gesagt: Das gemeinsame Haus muss in Ordnung bleiben, auch wenn in den einzelnen Zimmern Unterschiedliches getan (manchmal auch "getrieben") wird.

    2. Verantwortung im medialen System ist nicht an den Einzelnen allein delegierbar, sondern muss durch ein soziales Netzwerk mitgetragen bzw. abgestützt werden.
    Der Mediennutzer bedarf der Unterstützung durch Institutionen, die Werthorizonte eröffnen (z. B. Familie, Schule/Bildung, Kirche, Parteien, Verbände etc.). Medienmacher bedürfen der Rückkopplung mit dem Rezipienten. Umgekehrt müssen Mediennutzer den Medienmachern bewusst ein Feedback, ein Echo auf ihre Arbeit, auf ihre Botschaften geben.

    3. Strafrechtliche Sanktionen und ihre effektive Durchsetzung und im Verbund damit einforderbare Qualitätsstandards für Medienprodukte bleiben unverzichtbare und unterstützende Elemente einer verantwortlichen Medienarbeit.
    Die glaubhafte Androhung von Sanktionen gibt der "freiwilligen Selbstkontrolle" eine gewisse Wirksamkeit. Es ist naiv, allein auf Selbstreinigungskräfte auf diesem Felde zu bauen. Ich denke nur an Leute, die faschistoide Botschaften propagieren wollen, etwa in Musik und Videoclips verpackt. Ins Positive gewendet: Es braucht dringlich die Erarbeitung von Qualitätsstandards für "Medienprodukte", die durch gesellschaftlichen Konsens abgestützt sind. Diese Qualitätsstandards müssen den Medienmachern unerbittlich abverlangt werden, notfalls durch Abschalten.

Ich trete für eine sachliche und auf Zukunft hin orientierte Diskussion über die Rolle der Medien in unserer Gesellschaft ein. Gelassenheit und Optimismus gehören dabei für mich zusammen. Das christliche Menschenbild weiß um das Versagen, um Schwäche, es weiß um Sünde und Schuld. Ein aufklärerisches Pathos vom Menschen, das diese anthropologischen Konstanten übersieht, mündet meist in Resignation und Selbstblockade. Es ist gegen alle Wahrscheinlichkeit, diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz des Menschen nicht auch bei gesellschaftlichen Systemen, also auch bei den Medien zu erwarten. Aber nicht die Angst vor den Medien darf uns bestimmen, sondern der Wille, diese zu einem Ort der "freien Kommunikation mündiger Menschen in einer verantwortlichen Gesellschaft" zu machen.

Anmerkungen:

(1) Päpstlicher Rat für die soziale Kommunikation (4. Juni 2000): Ethik in der sozialen Kommunikation, Reihe: Arbeitshilfen Nr.153, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn.
(2) I.T. Krüger, Von der Ummöglichkeit, ohne Lüge zu leben, Zürich 1977, 42.
(3) R.Spaemann, Personen, Heidelberg 1996, 138. Zum Ganzen: E. Schockenhoff, Zur Lüge verdammt? Politik, Medien, Medizin, Justiz, Wissenschaft und die Ethik der Wahrheit, Freiburg - Basel - Wien 2000.
(4) Hans Urs von Balthasar, Theologik, Bd. 1, Einsiedeln 1985, 192.
(5) Vgl. E. Schockenhoff, a.a.O. 289.
(6) Vgl. E. Schockenhoff, a.a.O. 298.
(7) Th.W.Adorno, in: Gesammelte Schriften Bd. 20,1, Frankfurt a.M. 1986, 342-347.
(8) R.Guardini, Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1965, 71.
(9) Vgl. E. Schockenhoff, a.a.O. 282.


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