Bischof Joachim Wanke: Trotz allem das Vertrauen nicht verlieren

Predigt zur Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis am 9. Mai 2002

Textdokumentation:


Liebe Wallfahrer!


Die Schreckensnachrichten mehren sich. Ich kann mir die Daten bald nicht mehr merken. 11. Sep-tember 2001: Terroranschläge in New York und Washington. 26. April 2002: 16 Personen in einer Erfurter Schule von einem Schüler ermordet. Wann war das noch mit dem Amoklauf im Stadtparlament des Pariser Vororts Nanterre, in der Schweizer Stadt Zug? Im bayerischen Freising? Wann die Ermordung der Lehrerin inmitten ihrer Schulklasse in Meißen?


Ich gebe zu: Verbrechen haben mehr Publicity als gute Nachrichten. Aber ständig von Mord und Tot-schlag zu hören macht auf Dauer Angst. Das habe ich nach den Morden im Erfurter Gymnasium oft sagen hören: Kann man denn heutzutage überhaupt noch vor seinem Mitmenschen sicher sein? Sollen wir denn die Schulen zu Festungen machen oder die Lehrer gar bewaffnen?


Und doch: Es gibt auch dies. Eine Stadt, die in ihrer Trauer und im Mitleid mit den Opfern der Gewalt zusammenrückt. Eine Welle mitmenschlicher Anteilnahme ging durch die Bevölkerung, nicht nur in Erfurt. Bei der Trauerfeier am letzten Freitag auf dem Domplatz mit den Tausenden von Menschen, beileibe nicht alles Christen, haben alle bei den Fürbitten geantwortet, so bezeugte es mir jemand, der mitten in der Menge stand. Für viele war es sicher seit langem oder überhaupt das erste Mal, dass sie an einem Gottesdienst teilgenommen haben. Gott berührt die Herzen der Menschen auf vielen Wegen.


"Euer Herz verzage nicht!" Dieses Leitwort unserer Wallfahrt war schon lange vor der Erfurter Bluttat von dem Vorbereitungskreis der Männer bestimmt worden. Aber was soll ich euch angesichts der schrecklichen Ereignisse zu diesem Wort sagen? Euch beschwichtigen? Euch ablenken? Das Geschehene bagatellisieren? Das wäre unverantwortlich.

Ich möchte euch in dieser Stunde drei Gedanken auf den Weg mitgeben:

1. Realistisch sein

2. selbstkritisch bleiben und

3. trotz allem - das Vertrauen nicht verlieren.



1. Realistisch sein!


Das gehört zu unserem Christsein. Wir dürfen uns nichts vormachen. Das Herz des Menschen ist ein Abgrund. Auch Psychologen können ihn nicht ausloten. Man merkt es, wie hilflos die Fachleute beim Versuch sind, die Motive des jugendlichen Mörders von Erfurt zu erhellen. Es ist, als ob wir in einem Nebel herumstochern. Wir sollten uns einfach an die Bibel halten. Und die sagt: "Meerestiefe und Menschenherzen erforscht der Herr, er (allein) kennt alle ihre Geheimnisse" (Sir 48,18).


Wir bleiben uns selbst in vielem ein Rätsel. Der Mensch ist "krummes Holz" - und er versucht doch immer wieder "den aufrechten Gang". Der Zwiespalt zwischen Gut und Böse geht mitten durch unser eigenes Herz.


Darum gehört zur realistischen Welt- und Menschensicht unseres Glaubens das Wissen: Verbrechen, auch schlimme Verbrechen, können nie ganz verhindert werden. Wir leben in einer Welt, in der Hell und Dunkel sich mischen. Sich darüber aufzuregen ist zwecklos. Man kann überlegen, wie man vom Bösen abschreckt, wie man Verbrechen möglichst effektiv verhindert (z. B. dadurch, dass Waffen unter Kontrolle gehalten werden). Aber all das wird nicht verhindern, dass einzelne Menschen sich bewusst für das Böse entscheiden.


Das beantwortet auch die in diesen Tagen oft gestellte Frage: Musste das passieren? Natürlich musste es nicht passieren. Und auch Gott kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Gott ist kein Feuerwehrmann für das, was Menschen anstellen. Solche Geschehnisse wie in der Gutenbergschule in Erfurt sind der Preis der Freiheit, die Gott uns zumutet - einer Freiheit zum Guten, aber auch einer Freiheit zum Bösen. Freiheit: Das ist ein gefährliches, aber auch ein wunderbares, großartiges Geschenk. Ich möchte sie nicht missen. Sittlich wertvoll ist nur, was in Freiheit geschieht. Alles andere wäre nur Dressur. Tiere kann man dressieren, Menschen müssen, um Menschen bleiben zu können, frei sein.


Unser Glaube weiß freilich um die menschliche Geneigtheit zur Sünde. Auch wissen wir um den bestimmenden Einfluss unserer Umwelt. Wir sind geprägt vom Erbgut der Eltern, von den Medien, von der Dorfmentalität, von den Biertischmeinungen und manchem anderen mehr. Und doch: Irgendwo sind wir - bei aller Eingebundenheit in Natur, Gesellschaft und Erziehung - immer auch frei, Ja oder Nein zu sagen. Die vielen, die sich in der Geschichte auch unter widrigen Umständen für das Gute entschieden haben, bezeugen das. Wir sind mehr als das Produkt unserer Umwelt oder unserer Gene. Sonst hätten wir in der alten DDR wohl alle im Gleichtakt Hurra schreien müssen. Wir haben es nicht getan. Ergo gibt es Freiheit. So einfach ist das.


Doch müssen wir deshalb gleich den zweiten Gedanken hinzufügen: Weil das so ist, weil wir frei, aber in der Freiheit auch gefährdet sind, gilt es


2. selbstkritisch (zu) bleiben.


Jede Sünde, jeder Missbrauch von Freiheit fängt im Herzen des Menschen an. Von dort geht er in den Kopf und dann folgt die Umsetzung in die Tat. Das Wort Jesu ist auch heute aktuell: "Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft" (Mk 7, 21f). Es ist, als ob Jesus täglich in einer Thüringer Tageszeitung gelesen hätte!


Was mir immer wieder begegnet und was Seelsorger mir berichten, ist eine gewisse Naivität, die sagt: Das mag es ja alles geben, aber nicht bei mir! Und auch nicht bei meinen Kindern. Da will ein Lehrer, ein Seelsorger mal mit den Eltern über ihren Sprössling sprechen - und da werden gleich beide Hände über ihn gehalten. "Der kann doch in der Schule gar nicht so schwach sein, wie Sie das darstellen! Sie geben wohl schlechten Unterricht! Fassen Sie sich mal selbst an der Nase!" Das macht Freude!


Oder ich spreche auch dies einmal offen an: Manche meinen, nur das Gymnasium mache ein Kind zum vollwertigen Menschen. Könnte es sein, dass dein Junge, dein Mädchen andere, vielleicht praktische Begabungen hat und besser nicht zum Studium gedrängt werden sollte? Selbstkritisch bleiben!


Ein weiterer Punkt: Ich meine, junge Leute müssen auf die Konsequenzen eines bestimmten Handelns aufmerksam werden. Nazischmierereien, Drogengebrauch, Zerstörung fremden Eigentums, Autofahren unter Alkohol. "Ach, nur Kindereien! Was regen Sie sich nur wegen solcher Lappalien auf?" Ob das den jungen Leuten weiterhilft? Auch das Eichsfeld ist nicht gefeit gegen Dummheit und Verbrechen. Auch in unseren katholischen Dörfern und Städten fängt das Böse im Herzen und mit kleinen Dingen an. Bleibt selbstkritisch!


Ich spreche bewusst auch einmal den Bereich der Politik an. Für den Bischof ist das ein glattes Parkett. Er darf keine Partei direkt ansprechen, keinem wehe tun. Schön ausgewogen - und möglichst langweilig soll er reden. Das schadet keinem. Aber hilft uns das weiter? Ich weiß: Wenn ihr nicht Politik macht, macht Politik etwas mit euch. Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf. Schimpft nicht auf "die Politiker"! Es gibt dort ebenso viele anständige Leute wie unter Handwerksmeistern. Helft ihnen vielmehr, vernünftige Einsichten mehrheitsfähig zu machen. Zur Wahl gehen ist (anders als vor der Wende!) meiner Meinung nach Gewissenspflicht.


Und euch politisch Verantwortlichen rufe ich zu: Haltet in euren Parteien zusammen und profiliert euch nicht durch Schlechtreden anderer, auch nicht der eigenen Leute, sondern durch den edlen Wettstreit um den besten Weg in eine gute Zukunft für alle. Sagt auch nicht: Was gehen uns die in Erfurt, die in Berlin, die in Brüssel an. Natürlich ist einem das Hemd immer näher als der Rock. Aber nur im Hemd seht ihr in den Kommunen und im Landkreis bald auch nicht mehr so schön aus! Eigenverantwortlich handeln - das ist richtig, aber auch für das Ganze mitdenken, für den Freistaat, für den Bund, für Europa. Wir müssen verhindern, dass unsere Gesellschaft in rivalisierende Indianerstämme zerfällt. Es gibt zu viele ausgegrabene Kriegsbeile. Es gibt zu wenige, die sich für das Ganze verantwortlich wis-sen. Darum, ihr Lokalpatrioten: selbstkritisch bleiben. Ich bin auch nicht der Papst in Rom. Aber ich trage mit, was er aus seiner Perspektive mir sagt. Nur so kann die Kirche beisammen bleiben.


Und ich spreche einmal an den Bereich von Ehe und Familie. Ich habe keine Patentrezepte für das, was die heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Familien an Erschwernis bringen. Familienfreundlich ist unsere Gesellschaft, speziell die Wirtschaft beileibe nicht. Ich weiß auch aus Gesprächen, was weite Arbeitswege und Stress für euren Ehe- und Familienalltag bedeuten. Gottlob, ihr hier im Eichsfeld habt es in dieser Hinsicht manchmal leichter als Leute aus Artern oder Altenburg.


Was mir Sorge bereitet sind zwei Dinge: Dass ihr Eheleute zu wenig miteinander und mit den Kindern sprecht, und: dass ihr zu wenig miteinander betet. Ihr betet in der Kirche. Zumindest die, die reingehen! Ihr baut Mariengrotten und haltet die Kreuze in der Flur in Ehren. Dafür gebührt euch Anerkennung. Aber baut ihr auch bewusst an eurer Ehe und Familie, so wie ihr beim Hausbau nicht nur an den Rohbau, sondern auch an den Ausbau denkt, und an das, was man für den nachhaltigen Erhalt eines Hauses ständig tun muss? Das Dach nachgucken, und die Abflussrinnen säubern, die Fenster dicht halten und kaputte Leitungen auswechseln?


Soll ich euch meine Bildrede ausdeuten? Ihr wisst, wie ich es meine. Wenn man nichts für den Erhalt der Ehe tut, für das Gelingen des familiären Miteinanders, dann gibt es Verschleißerscheinungen. Dann werden Risse größer und Schäden schließlich irreparabel. Zwei dringliche Empfehlungen: Nehmt euch füreinander Zeit zum Sprechen, zum Austausch, zum gemeinsamen Feiern und vielleicht auch zum gemeinsamen Weinen. Verliert euch nicht gegenseitig aus den Augen, auch wenn Du die Woche über nicht da bist, oder bis über die Ohren in der Arbeit steckst. Der junge Robert S., der Amokläufer von Erfurt, muss für seine Familie, für seine Umwelt stumm geworden sein. Ein schwarzes Loch an Egozentriertheit. Er hatte am Ende wohl nur sich selbst im Blick. Das geht auf Dauer nicht gut.


Und sprecht miteinander zu Gott. Man nennt das Beten. Christliche Ehe wird zum Sakrament nicht allein durch den Ring am Finger, sondern dadurch, dass Christus der Herr in eurer Mitte ist. Habt ihr ihn im Blick? Oder ist er am Küchentisch, im Schlafzimmer, beim gemeinsamen Feiern und Glücklich-sein ausgeladen? Nein, auch in der postmodernen Gesellschaft kann man miteinander beten, miteinander die Hl. Schrift lesen, Exerzitien im Alltag machen, miteinander ein geistliches Wochenende im Heiligenstädter Klemenshaus, oder anderswo besuchen. Ihr müsst es nur wollen. Ihr müsst es als für euch wichtig erachten. Dann geht es auch.


Und ich empfehle euch den Empfang des Bußsakraments. Ihr werdet sagen: Jetzt hebt er ganz ab. Aber ich sage euch in allem Ernst: Das Zerbröseln der Werte, wie allgemein in schönen Reden beklagt, hat etwas mit mangelnder Bußgesinnung zu tun. Wir wollen eben nicht selbstkritisch bleiben. Am Erfurter Amoklauf irritiert am meisten, dass man keinen richtigen Schuldigen findet. "Das kann doch nicht wahr sein, dass es keinen Schuldigen gibt! Gottlob, jetzt haben sie einen gefunden. Da brauche ich mich nicht zu ändern!"


Ich halte das Bußsakrament für eines der kostbarsten Geschenke des Herrn für seine Kirche. Entdeckt es wieder neu für euch selbst. Die Pfarrer verlernen sonst, wofür sie eigenlich da sind! Alle Geschichten Jesu, die von der Umkehr handeln, enden mit dem Stichwort Freude. Es gibt keine größere Freude, als nach ehrlichem Bekennen Verzeihung geschenkt zu bekommen und wieder neu anfangen zu dürfen. Menschen gewähren einem dies nicht immer. Gott aber schenkt uns diese Freude.


Ich komme zum letzten Stichwort:



3. trotz allem - das Vertrauen nicht verlieren.


Man kann Vertrauen dort bewahren, wo man es selbst verschenkt, trotz Enttäuschungen, die nicht ausbleiben. Vergesst nicht: ein jugendlicher Täter steht Tausenden von Jugendlichen gegenüber, die ordentlich ihren Weg gehen. Und die brauchen das Vertrauen der Älteren. Alle Pauschalurteile sind in der Erziehung wie oft auch sonst von Ü;bel. Es gibt immer Einzelne, und die sind mal so und mal so.


Achtet einmal darauf, was ihr so weitererzählt. Meistens das, was gründlich schief gelaufen ist. Der eine faule Lehrling, das eine ausgebüchste Mädchen, der eine Beamte bei der Behörde, der mir frech gekommen ist, der eine Polizist, der sich beim Strafzettel nicht erweichen ließ. Die Pauschalurteile sind fertig. "So sind sie alle!" Ich gebe zu: Das liegt ein wenig in unserer Natur.


Aber man könnte es auch anders machen: das weiterberichten, was gelungen ist, was Freude ge-macht hat, wo Vertrauen sich ausgezahlt hat. Angenommen, Du kennst so einen richtigen Miesepeter, der immer sofort in der Zeitung als erstes den Polizeibericht liest. Mach es dann so wie der Hl. Philipp Neri. Als der mal gefragt wurde, wie er sich bei wichtigen Entscheidungen verhalten würde, hat er geantwortet: "Ich überlege mir, was in dieser Situation der Hl. Ignatius tun würde" (und das war bekanntlich ein gestrenger Heiliger!). "Und dann" - so fügte Philipp Neri hinzu, "tue ich das Gegenteil!"


Ich finde diese Anekdote wunderbar. Sie zeigt, wie menschlich unsere Heiligen sind und wie bunt es wohl im Himmel aussehen wird. Und sie zeigt, wie man sich manchmal selbst auf die Schippe nehmen kann. Such Dir Deinen Miesepeter in deinem Umfeld aus (oder bist du gar selbst einer?) - und dann tue immer das Gegenteil.


Das Vertrauen nicht verlieren! Vor allem, weil wir Ostern gefeiert haben. Und Himmelfahrt ist ja nur die Verlängerung von Ostern. Unser Herr hat Sünde und Tod besiegt. Auch jene Sünde und jenen Tod, der am letzten Freitag in Erfurt so mächtig zugeschlagen hat. Auch diese Toten gehören unserem Herrn, dass er sie mit neuem Leben erfülle. Wir gehören kraft Taufe und Firmung, kraft unseres Glaubens, Hoffens und Liebens zu denen, die mit Christus gesiegt haben. Ist das an unserem Leben erkennbar? "Euer Herz verzage nicht!" Die Entscheidungsschlacht ist schon gewonnen. Wir haben es nur noch mit einem geschlagenen Feind zu tun.



Realistisch sein - selbstkritisch bleiben und - trotz allem - das Vertrauen nicht verlie-ren. Das waren meine drei Predigtpunkte. Ob ihr sie heute abend noch euren Frauen berichten könnt? Vergesst diese Punkte nicht. Ich glaube, eure Frauen werden euch dazu durchaus auch etwas aus ihrer Sicht zu sagen haben.


Liebe Wallfahrer!

Wie oft habe ich euch in den alten DDR-Jahren zugerufen: Unsere "lichten Höhen" sind nicht die lichten Höhen des Sozialismus. Jetzt muss ich euch zurufen: Auch die Bäume der Marktwirtschaft wachsen nicht in den Himmel. Aber das habt ihr schon selbst mitbekommen.


Wir schauen heute mit den Jüngern zum Himmel Gottes auf. Dort ist eine Wohnung für uns bereitet, von ihm, der uns zum Vater vorausgegangen ist. Weil das so ist, können wir in gelassener Ruhe das tun, was uns auf Erden aufgetragen ist: Morgen wieder den Alltag annehmen und ihn bestehen. Aber jetzt, in dieser festlichen Stunde, wollen wir in großer Gemeinde mit Freude Gott loben und ihm danken - im Heiligen Geist, durch Christus unseren Herrn. Amen.

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