Evangelium: Matthäus 2,1-12
Liebe Wallfahrerinnen!
Der 8. Mai ist für unser Volk kein Tag wie jeder andere. Dieser Tag vor 60 Jahren - der Tag des Kriegsendes und der bedingungslosen Kapitulation - hat sich tief in die Erinnerung eingegraben. Die Berichte der noch lebenden Zeitzeugen der Geschehnisse damals hören die Jüngeren mit einer Mischung von Schrecken und Hilflosigkeit. Wie konnte das alles nur passieren? Ein sinnloser, ja ein verbrecherischer Krieg mit so vielen Opfern! Das deutsche Volk, verführt von einer menschenverachtenden Ideologie, musste von außen her befreit werden, weil es keine Kraft fand, von sich aus zur Besinnung und Umkehr zu kommen. Wahrlich - das war und ist ein Tiefpunkt unserer Geschichte.
Wenn ich daran am heutigen Wallfahrtstag erinnere, tue ich das im Blick auf unsere Gegenwart. Es ist nicht gleichgültig, was die Mehrheit der Menschen in diesem Land denkt, fühlt und empfindet. Es ist nicht gleichgültig, welchen Menschen wir politisch unser Vertrauen schenken. Wie schnell ist das gesagt: So etwas darf niemals wieder passieren - ein Staat im Griff einer Verbrecherbande und ein Volk, das bereitwillig Unrecht und Menschenvernichtung duldet, ja mitträgt! Aber was tun, damit es solch eine gesellschaftliche Verführung niemals mehr geben kann?
Unser Gottesdienst heute (und der Gottesdienst der Männer vor drei Tagen im Klüschen Hagis) - das ist der beste Beitrag zum 8. Mai, den wir zu all den weltlichen Gedenkstunden und flammenden Redeappellen leisten können. Warum? Weil wir hierher gekommen sind, "um IHN, Gott den Herrn anzubeten!" Weil wir mit diesem Wallfahrtstag zeigen, dass wir unsere Knie nicht bereit sind zu beugen vor noch so wohlklingenden irdischen Versprechungen und Verheißungen. Es ist schon erschreckend im Nachhinein, jene Hitler zujubelnden Menschenmassen von damals zu sehen oder jenen frenetischen Jubel der Massen im Berliner Sportpalast zu hören, als Goebbels zum totalen Krieg aufrief. Nein - wir haben von der Anbetung von Parteien und ihren Programmen und Führern genug. "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten!" Vor Gott die Knie beugen, das ist der beste Friedensdienst, den wir leisten können. Das ist der beste Schutz vor jeder gesellschaftlichen Verführung, auch heute und morgen.
Darum grüße ich euch, liebe Frauen und Mütter am heutigen Tag mit besonderer Freude. Ich sehe in euch nicht ein Häuflein versprengter Frommer, die an einem solchem Tag wie diesem eben nichts anderes zu tun haben als zu beten. Ich sehe in euch, ich sehe in allen Christen, die heute Gottesdienst feiern, die Kernschar jener Frauen und Männer, die in Verbundenheit mit allen, auch nichtchristlichen Menschen guten Willens dafür sorgen, das uns künftige 8. Mais in unserem Volk und in ganz Europa erspart bleiben. Unser Beten, unser Gotteslob, unser Kniebeugen vor dem Kind, das uns Maria geboren hat, ist höchst politisch: Es macht immun vor ideologischer Verführung und ist Dienst für eine humane, friedensfähige Gesellschaft.
Beim Stichwort Kniebeugen fällt mir eine kleine Episode ein. Ihr kennt doch alle den kostbaren Steinsarkophag in der Severi-Kirche auf dem Domberg, auf dessen einer Seite das wunderschöne Bild der drei Weisen aus dem Morgenland dargestellt ist, wie sie mit ihren vollbeladenen Dromedaren kommen, um dem Kind auf Mariens Schoß ihre Gaben zu bringen. Herr Jelich, unser alter Domküster und Kunstführer durch die beiden Kirchen auf dem Domberg, pflegte jedem Betrachter dieses Bildes zu sagen: Wer das selige Lächeln des Jesuskindes sehen will, das voll Freude und Hingabe in den Golddukaten wühlt, die ihm ein ehrwürdiger König aus dem Morgenland in einem Pokal darreicht, der muss sich klein machen. Er muss sich hinknien und gleichsam von unten nach oben, ins Gesicht des fröhlich dreinschauenden Knaben blicken - und dann wird er selbst dabei froh werden! Und wenn Herr Jelich das erzählte, fügte er gern hinzu: Er habe auf diese Weise schon einmal Erich Honecker dazu gebracht, vor Jesus sein Knie zu beugen!
Liebe Wallfahrerinnen! Aus dieser kleinen Episode, oder besser: Aus der Art, wie der Künstler des Severi-Sarkophages sein Bild komponierte, ist viel zum Stichwort Anbetung zu lernen. Sich niederknien, sich vor Gott klein machen, um teilzuhaben an der Freude Gottes! Als ob der Künstler sagen möchte: Anbetung lohnt sich! Das Knie beugen macht dich nicht klein, sondern macht dich selig! Ich möchte diesen Grundgedanken noch ein wenig an Hand unseres Evangeliums vertiefen.
1. Anbetung erwächst aus der Ehrfurcht
Es ist merkwürdig: Die alten Bilder der drei Weisen aus dem Morgenland zeigen diese Männer immer in kostbaren Gewändern, meist wie Könige mit allem Gepränge, wie das eben Königen zusteht. Man könnte sagen: Es sollte eben deutlich sein, dass die Weisen Könige waren. Aber: Zum einen steht von Königen nichts in der Hl. Schrift, und zum anderen denke ich mir, wollten die Künstler sagen: Wer sich Jesus, dem König der Könige anbetend nähert, wird selbst zu einem König. Der Glanz, der von dem Jesuskind ausgeht, fällt auf uns zurück. Die Ehrfurcht vor Gott macht uns selbst reich. Sie macht uns nicht klein, sondern sie erhöht den Menschen.
Ich brauche das nicht lange ausmalen: Wir leben in einer ehrfurchtslosen Zeit. Das Wort Ehrfurcht hat keine Konjunktur. Im Gegenteil: Wir sollen kritisch sein, wir sollen die Machtstrukturen durchschauen, wir sollen die Traditionen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten abbauen. Das fängt bei der Unhöflichkeit an und endet mit der Gewalt auf der Straße, mit der Gewalt gegen Sachen und gegen Personen. Und was mich besonders bestürzt macht: Es gibt eine Tendenz, besonders in der veröffentlichten Meinung, gerade das, was Ansehen und Ehrwürdigkeit hat, in den Dreck zu ziehen. Das mag vielleicht noch mit der 68er-Generation zu tun haben, die über die altehrwürdigen Talare ihrer Professoren spottete und sich als die neuen Wilden profilierte. Jetzt tragen sie übrigens auch wieder schön ihre Krawatte! Aber ich meine mit der Tendenz des Nach-Unten-Ziehens nicht nur Äußerlichkeiten. Es gibt so ein Verlangen danach, alles Schöne, Edle, Vornehme und Gute madig zu machen, klein und hässlich - so wie scheinbar manche junge Leute keine schön gestrichene Hauswand ansehen können, ohne gleich dort ihre Klecksereien anzubringen. Am meisten bestürzt es mich, wenn man Dinge in den Schmutz zieht, von denen wir alle miteinander leben: die Liebe zwischen Mann und Frau, die Geborgenheit in einer Familie, das ungeborene, auf Schutz angewiesene Leben, die Ehe überhaupt als angebliches Relikt einer bürgerlichen Kultur und manches andere mehr. Im Augenblick erleben wir ja, wie schnell es geht, wenn man bestimmte Berufsgruppen durch die Bank weg und undifferenziert mit Verdächtigungen überzieht.
Nichts gegen berechtigte Kritik, und auch nichts gegen den Abbau falscher gesellschaftlicher Schranken und hohler Etikette. Aber wenn überhaupt nichts mehr Ehrfurcht hervorruft, wenn nichts mehr hochgehalten und vor dem Schmutz geschützt wird, dann landet der Mensch unmerklich und langsam selbst in der Gosse.
Anbetung gebührt allein Gott - das ist richtig. Aber die Fähigkeit zur Anbetung Gottes erwächst aus der Haltung der Ehrfurcht, etwa der Ehrfurcht vor der Schöpfung, vor dem menschlichen Leben, ob am Anfang oder am Ende, ob in gesunden Tagen oder dort, wo das Leben gebrechlich und unansehnlich ist. Kennt ihr noch das Grimmsche Märchen - wo der alte Vater am Katzentisch sitzen muss, weil er den irdenen Suppenteller zerbrochen hat, und das Enkelkind anfängt die hölzerne Schüssel zu schnitzen, aus der es seine eigenen Eltern später einmal ihre Suppe in der Ecke allein löffeln lassen will! Unsere Zukunft bleibt nur menschlich, wenn wir selbst hier und jetzt Menschlichkeit zeigen. Und dazu gehört Ehrfurcht, Ehrfurcht vor dem Mitmenschen, und - Ehrfurcht vor Gott.
Nicht umsonst haben die drei Weisen kostbare Gewänder an - und in die Kirche gehen wir ja schließlich auch nicht mit dem schlechtesten Kleid und Mantel!
Lehrt euren Männern und Kindern, vor manchen Dingen und vor allem vor Gott Ehrfurcht zu haben - und fallt nicht ein in eine Haltung und Sprechweise, die alles mies und schlecht macht, weder in der Gesellschaft noch in der Kirche. Ü;ber Gott und das Religiöse spotten ist der Menschheit niemals gut bekommen. Wer dem Heiligen spottet, wird über kurz oder lang selbst zum Gespött. Darum: "Haltet Gott heilig in eurem Herzen" (vgl. 1 Petr 3,15) - dann wird er auch euch und eure Lieben heiligen und groß machen. - Ich nenne einen zweiten Gedanken:
2. Zum Anbeten braucht man freie Hände
Ich könnte auch sagen: Anbetung erwächst aus der Bereitschaft, loszulassen, wegzuschenken, sich niederzuknien und klein zu machen. Wohlgemerkt: Es geht nicht um ein mickrig werden. Die Könige auf den alten Weihnachtsbildern sind in der Haltung der Anbetung weder mickrig noch Karikaturen ihrer selbst. Die Künstler haben meist stolze, edle Gestalten gemalt, und auch der berühmte Mohr mit schwarzer Haut wurde überaus prächtig dargestellt. Ü;brigens war das für den mittelalterlichen Menschen eine sehr anschauliche Werbung für Völkerverständigung und Toleranz!
Wer sich Gott anbetend nahen will, muss bereit sein, die Hände zu falten, die vielen Dinge loszulassen, an denen wir uns im Normalfall so krampfhaft festkrallen. Gott freut sich an dem, was wir ihm zum Geschenk bringen - am meisten über die Hingabe unseres Lebens, unseres Herzens.
Die zweite Geschichte vom äthiopischen Kämmerer (Apg 8,26ff), die wir heute aus der Heiligen Schrift hörten, macht das auf andere Weise deutlich. Der ohne Zweifel schon vorher fromme Hofbeamte sucht in Jerusalem den Gott, den er anbeten möchte - und er findet ihn auf der staubigen Strasse, durch den Evangelisten Philippus, der ihn hinabzusteigen heißt in das Taufbad. Herkommen und Tradition, eigene religiöse Vorstellungen und Wünsche, Schriftstudium und eigenes Nachdenken und Verstehen-Wollen - alles muss der Beamte zurücklassen, um den zu finden, der sich für uns klein und unscheinbar gemacht hat, Jesus, den Gottesknecht, der auch im Leid und Sterben unser Bruder geworden ist.
Denkt an den Severi-Schrein in Erfurt: Wer Gott lächeln sehen will, muss sich hinknien. Er muss sich auf gleiche Ebene mit dem begeben, dem unsere Verehrung gilt. Das ist übrigens der große Unterschied zu der Anbetung, die Menschen und sonstige Mächte und Gewalten von ihren Anbetern einfordern. Diese suchen den Menschen in Abstand zu halten, auf Distanz. Sonst könnte ja der Nimbus, mit dem sich die irdischen Potentaten und Öffentlichkeitsidole umgeben, abblättern.
Anders bei Gott: Wer ihn anbetet, wird zu ihm hingezogen. Er wird hineingenommen in das Leben Gottes, das ganz Liebe ist, Hingabe, Fürsorge, Solidarität, Geborgenheit, wie sie eben nur Gottes Herz uns schenken kann. Darum gilt eben auch umgekehrt: Wer sich so in Gottes Lebensstil hineinziehen lässt, der betet ihn an. Der bringt das Jesuskind - im Bild des Severischreins gesprochen - zum Lächeln.
Darum meint nicht, die Anbetung Gottes geschieht nur dort, wo ihr vor dem Tabernakel kniet oder die Heilige Messe mitfeiert. Anbetung Gottes geschieht auch dort, wo wir in der Gesinnung Jesu und um Gottes willen den alten Vater, die alte Mutter pflegen, uns dem kranken Ehepartner widmen, die pubertierenden Kinder aushalten oder überhaupt in Ratlosigkeiten standhalten und vor schwierigen Situationen nicht weglaufen. Sind wir alle in gewisser Hinsicht von Gott aus gesehen nicht auch ausweglose Fälle? Zumindest rückfällige Sünder? Unverbesserliche Täter, obwohl wir so manches bereut und so oft Besserung gelobt haben? Und doch lässt Gott uns nicht allein. Er bleibt bei mir, er bleibt bei uns, bei seiner Kirche voll Erbarmen "dran" und lässt uns nicht fallen, so wir manchmal schnell mit Menschen fertig sind.
Anbetung Gottes hat viele Gesichter. Dort, wo wir ihm unser Leben hinhalten, die Hingabe und das Blut, das aus unseren Lebenswunden quillt, dort wo wir ihm in Freude und Leid verbunden bleiben - dort wird er verherrlicht. Niemals war die Liebe Jesu zum Vater größer als im Ölberggarten in der Stunde, da er bereitwillig sein Leiden angenommen hat.
Deswegen übrigens braucht es immer auch solche Anbetungsstunden, wo man im Vorhinein sagt: "Vater, Dein Wille geschehe, nicht der meine!" - weil man dann, wenn man im Leiden, in der Bewährung steht, meist keine frommen Gedanken zur Hand hat, sondern nur die Zähne zusammenbeißen und durchtragen kann. - Und lasst mich mit diesem Hinweis schließen:
3. Anbetung schenkt mehr zurück als wir in ihr geben
Das klingt deutlich in den beiden biblischen Geschichten an: Die Könige folgen dem Stern voll Freude, ihre Begegnung mit Jesus schenkt ihnen mehr zurück als ihre kostbaren Gaben ausmachen. Sie selbst sind letztlich die Beschenkten - und nicht die Heilige Familie, die mit ihren Schätzen zum Anlagenberater hätte gehen müssen. Und auch der äthiopische Hofbeamte: Voll Freude zieht er nach der Taufe seinen Weg weiter. Er hat den Schatz gefunden, der sein Leben reich und seiner Anbetung eine Mitte, eine Zielrichtung gibt: Jesus, den Abglanz des Vaters, den Gott, der uns als Menschenbruder begegnet und der einst im Gericht unser Fürsprecher sein wird.
Ich vermute, dass jeder von euch das auch schon erfahren hat. Es ist einfach merkwürdig: Es gibt Geschenke, die erhält man auf wunderbare Weise zurück - ein Lächeln, eine Zärtlichkeit, ein gutes Wort, eine kleine Aufmerksamkeit. Irgendwo las ich auf einem Kalender das Wort: "Wer Freude genießen will, muss teilen. Das Glück wurde als Zwilling geboren".
Das ist schon Erfahrung unter uns Menschen. Aber ich denke: Gott ist noch großzügiger als wir Menschen. Wenn wir manchmal auch kleinlich sind, ängstlich berechnend oder gar geizig im Wiedervergelten - Gott kann das niemals sein. Gott lässt sich in Großherzigkeit nicht übertreffen. Wie singt Maria, die Mutter des Herrn? "Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan - und sein Name ist heilig!" (vgl. Lk 1,48f). Entdeckt in eurem Leben, wo Gott euch reich macht, wo er euch sein "Lächeln" schenkt - und euer Herz froh macht, manchmal auch unter Tränen.
Ich hoffe, dass dies die jungen Christen, die sich im August in Köln mit dem Heiligen Vater treffen, auch erfahren dürfen: Der Glaube an Jesus nimmt uns nichts, sondern er gibt uns alles. Unser Christsein will nicht eine Last sein, sondern eine Hilfe, Lasten zu tragen. Gott anbeten macht nicht klein und buckelig, sondern es macht uns groß und schenkt uns Würde. Anbetung Gottes bewahrt vor Verführung, andere Götter anzubeten und sich in dieser Welt mit ihren glitzernden Angeboten zu verlaufen.
Wenn ihr einmal in die Severi-Kirche auf dem Erfurter Domberg kommt - zum Beispiel bei der nächsten Bistumswallfahrt - kniet euch einmal vor dem Jesuskind am Severi-Schrein nieder - und schaut, wie es lächelt. Man kann sich diesem Lächeln nicht entziehen, man wird selbst froh und heiter bei diesem Anblick. Ich meine: Diesen Effekt hat der Künstler, der dieses Bild von der Anbetung der drei Weisen aus Stein gehauen hat, beabsichtigt. Er hat uns eine Katechese über Anbetung gehalten - und das auf wunderschöne Weise. Die Ehrfurcht - das Loslassen und Niederknien - und die Freude, die bleibt: all das in einem einzigen Bild, das würdig ist, zum Weltkulturerbe zu gehören.
Vielleicht hat es Erich Honecker geholfen, als er dann nach diesem Leben von Angesicht zu Angesicht vor Christus, dem Richter stand, dass er ihm sagen konnte: "Ich habe vor Dir schon einmal mein Knie gebeugt!" Aber ihr wisst: Nicht nur das Knie muss sich beugen, noch mehr das Herz. Und das wollen wir jetzt miteinander tun: den Herrn loben und preisen - mit Leib und Seele, mit Herz und Gemüt, mit all unserem Denken, Fühlen und Empfinden. Denn dazu sind wir gekommen - IHN anzubeten. Amen.
Kerbscher Berg, 8. Mai 2005