Helena und Myriam besuchen die 12. bzw. 11. Klasse des Gymnasiums Bergeschule St. Elisabeth in Heiligenstadt. Heute Abend werden sie mit drei weiteren Mitschülern (Hanna Apel, Lennard Conradi und Hannes Trümper) zur Stadtratsversammlung gehen, im Gepäck das Ergebnis ihres Siedlungsgeographieprojektes. Ich möchte wissen, was dahinter steckt, habe mich mit beiden getroffen und bin von ihrem Engagement beeindruckt. Doch der Reihe nach.
Es begann im Herbst mit einem Projekt im Unterrichtsfach Geografie für die 11. und 12. Klassenstufe. Thema: In-Wertsetzung-von Räumen. Gemeinsam wurde mit dem zuständigen Lehrer überlegt, welcher Raum der Inhalt des Projekts sein könnte. Es gab verschiedene Vorschläge, etwa die Revitalisierung des "Wilhelms" (Fußgängerzone im Herzen der Stadt, die nach Neugestaltung mit einem Bürgerfest im November eingeweiht wurde), bis die Frage aufkam: warum nicht ein Projekt behandeln, das unsere Schule direkt betrifft? Das ist der geplante Schulneubau (Hintergründe und weitere Informationen sind hier zu finden).
Das Für und Wider auf dem anvisierten Areal hatten sie über die Medien mitbekommen, nun wollten sie selbst in Erfahrung bringen, wie es sich damit genau verhält. Spannend war nicht nur das Thema selbst, sondern auch die Frage, was die eigenen Recherchen ergeben würden. Würden Pro oder Contra Iberg überwiegen? Dazu gehörte es auch, die Gegenargumente ernst zu nehmen. Es ging den Projektbeteiligten darum, ergebnisoffen zu forschen und zu recherchieren. Letztendlich überwog das Pro Iberg. Die Gegenargumente wurden nicht einfach abgeschmettert, sondern viel mehr in die Überlegungen einbezogen. Das erfordert ein Offensein für Neues.
Helena und Myriam haben in Gesprächen auch Gegenwind erlebt: dass sie doch von der ganzen Materie eigentlich gar keine Ahnung haben, ob sie nicht Wichtigeres zu tun hätten? Gute Frage. Schließlich sind sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in Jahrgängen, die den Schulneubau für ihre Schulzeit nicht mehr erleben werden. Es kann ihnen doch eigentlich schnurz sein, wie und wo es damit weitergeht. Das sehen sie völlig anders. Es sei doch unfair, dies den nachkommenden Schülern zu überlassen. Denen fehlten ja aufgrund ihres Alters die nötigen Voraussetzungen zur Bearbeitung dieses Themas. Außerdem werden immer höhere technische Standards in den Schulen verlangt, bei denen der jetzige Schulstandort schnell an seine Grenzen kommt. Das Recht auf gleiche Bildung für alle muss doch umgesetzt werden, und dafür setzen sie sich ein. Für die Nachkommenden. Auch in ihrer Freizeit (die sie mit ihren Hobbies wie Sport oder Querflöte und Saxofon spielen durchaus anders füllen könnten). Denn das Schulprojekt war nicht nur einfach Unterrichtsstoff, den man in der Schule abhandeln konnte. So manche Stunde der eigenen Freizeit ging für das Zusammentragen von Rechercheergebnissen und Verschriftlichungen drauf. Lediglich der Text, der heute Abend dem Stadtrat übergeben wird, wurde in der Schule gemeinsam erarbeitet und niedergeschrieben.
Sonderlich aufgeregt sind Helena und Myriam nicht vor ihrem Auftritt in der heutigen Stadtratsversammlung. Schließlich kennen sie sich durch ihre Mitarbeit im Jugendparlament Heiligenstadt aus. Sich einmischen und einsetzen zum Wohle der Allgemeinheit ist ihnen nicht fremd. Ein Beispiel, das Schule macht.
Andrea Wilke