"Auf Gott die entscheidende Hoffnung richten!"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der 49. Männerwallfahrt des Bistums Erfurt zum Klüschen Hagis

Es wird so lange gewählt, "... bis weißer Rauch aufsteigt!" Im Zeitalter modernster Nachrichtentechnik mutete es schon seltsam an, wie die vielen Journalisten und Fernsehreporter mit ihren Kameras den kleinen Schornstein auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle fest im Blick hatten. Ein Fernsehkanal hatte sogar den Schornstein ständig im ausgestrahlten Bildprogramm eingeblendet. Wann ist es so weit? Weißer Rauch - das ist das Zeichen, dass die Papstwahl erfolgt ist. Entsprechend groß war die Verwirrung, als am Abend des zweiten Konklavetages zunächst gräulicher Rauch aus dem Schornstein kam. Ist das schwarzer Rauch - oder doch weißer? Es war dann in der Tat weißer - und bald erklangen auch die Glocken und machten die Botschaft eindeutig: Aus Josef wurde Benedikt. Habemus papam - und zudem noch - zu unserer großen Freude - einen aus unserem Land.


Liebe Wallfahrer!

Das waren in der Tat Wochen mit Bildern und Nachrichten, die nicht nur katholische Christen bewegten. Das Sterben des bisherigen Hl. Vaters, die weltweite Trauer um ihn, sein Begräbnis unter großer Anteilnahme so vieler Menschen, dann das Konklave und die Neuwahl von Benedikt XVI. samt seiner Amtseinführung - das waren unvergessliche Momente, die sich uns allen tief eingeprägt haben.


Für Journalisten am spannendsten aber war - der weiße Rauch! Jeder wusste, was das bedeutete. Die Wahl war erfolgt, die notwendige Zweidrittelmehrheit der Kardinäle erreicht. Aber es musste zur Wahl noch etwas hinzukommen: Der so Gewählte musste auch seine Zustimmung geben. Er muss die Wahl annehmen. Unsere deutschen Kardinäle haben - ohne damit die Schweigepflicht zu verletzen - erzählt, dass dies der bewegenste Augenblick des Konklave war: Die Frage des Kardinaldiakons "Nimmst du die Wahl an?" Und dann die Antwort: "Ja, im Vertrauen auf Gottes Gnade und die Führung des Heiligen Geistes!" Erst jetzt konnte der weiße Rauch aufsteigen. Erwählung und Annahme der Erwählung gehören zusammen, Berufung und Zustimmung zur Berufung - und damit sind wir genau bei dem, was uns angeht.


Wir alle sind in der gleichen Lage - nein, nicht als mögliche Anwärter für das Papstamt (aber man weiß ja nie, wer hier so alles unter uns steht!). Aber wir sind ebenso gefragt, ob wir eine noch gewichtigere Wahl annehmen: Die Wahl zum geliebten Sohn, zur geliebten Tochter Gottes. Ob wir Ja sagen zu unserem Christ-Sein, das in der Taufe begonnen und in der Firmung besiegelt worden ist.


In der Osternacht hat uns der Priester wieder diese gewichtige Frage gestellt: Glaubt ihr an Gott, an die Vergebung der Sünden, an die Auferstehung der Toten, an das unzerstörbare, neue, ewige Leben? Und wir haben die Antwort gegeben. Ja, ich glaube. Und das ist nichts anderes als die Antwort auf Gottes Frage an jeden von uns: "Nimmst Du die Erwählung an?" Ohne die Zustimmung zu dieser Frage bleibt es beim schwarzen Rauch.


Diese Wallfahrt und euer Kommen ins Klüschen Hagis am Himmelfahrtstag ist Ausdruck solcher Glaubenszustimmung: "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten!" Wallfahrtstage sind Bekenntnistage. Das haben wir damals in den DDR-Jahrzehnten noch mehr gespürt, weil es da für manchen ganz existentiell um die Entscheidung ging: Bleibe ich Gott und der Kirche treu - oder bete ich andere Götter an, und das hieß damals konkret: Gebe ich dem Druck zur Jugendweihe nach? Trete ich, um den Posten zu bekommen, in die Partei ein? Lasse ich mich zum Kirchenaustritt drängen?


Aber, liebe Wallfahrer - stehen ähnliche Fragen nicht auch heute an? Ob alter Staatssozialismus oder freiheitliche Demokratie, ob mit DDR-Geld oder harten Euro-Scheinen: Das erste Gebot ist in keiner Zeit selbstverständlich oder seine Erfüllung gar ein Kinderspiel: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen. So manche, die Du - vielleicht sogar aus deiner eigenen Familie - hier am Altare gern sehen würdest, sind eben nicht da, weder hier bei der Wallfahrt noch sonst in der Kirche, mögen die Glocken noch so schön läuten und die Messzeit noch so bequem sein.


Liebe Wallfahrer! Jede Zeit ist Entscheidungszeit für oder gegen Gott. In den Notzeiten sind manche vom Glauben abgefallen und andere haben umgekehrt zum Glauben gefunden. Und auch Wohlstandszeiten sind Versuchungszeiten: Der eine vergisst auf Gott und ein anderer kommt zum Fragen nach dem, was über Arbeit und Geld hinaus eigentlich bleibt. Es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen. Es gibt kein automatisches Christ-Sein, nur weil man eben zufällig im Eichsfeld, in einer katholischen Familie geboren worden ist. DU musst Deiner Erwählung zustimmen - erst dann kann weißer Rauch aufsteigen.


"Wir sind gekommen, um IHN anzubeten!" Dieses Wort der drei Weisen aus dem Morgenland ist bekanntlich das Leitwort des Weltjugendtages in Köln. Aber es ist auch ein Leitwort christlicher Existenz hier und heute. Was heißt das - ihn anbeten - konkret?



1. Im Glauben wachsen wollen


Wir brauchen heute einen Glauben, der aus einem klaren Glaubenswissen heraus lebt. Es reicht nicht, irgendwie katholischer Christ zu sein. Unser Glaube ist nicht ein Gefühl, sondern er hat ein klares Profil.


Wir glauben nicht an den Urknall oder den Faktor X, sondern an den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir glauben nicht an die Erlösung durch Beratung und Psychotherapie, sondern an den Erlöser und Retter Jesus Christus. Wir glauben nicht an einen Interessenverein zur Wahrung höherer Kulturwerte, sondern an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Und die ist mehr als ein Traditionsverein oder Debattierklub! Die Kirche redet nicht nur vom Heil - sie vermittelt uns das Heil - so wie eine Mutter dem Kind das Leben schenkt.


Darum meine Frage: Wann hast Du dich das letzte Mal ernsthaft mit Fragen des christlichen Glaubens auseinandergesetzt? In einen Katechismus für Erwachsene geschaut? In ein Buch, das sich mit Glaubensfragen der heutigen Zeit beschäftigt? Mit anderen dich zusammengetan, um im Glauben zu wachsen und profilierter zu werden? Wer anbeten will, muss den kennen, der allein anbetungswürdig ist. Ein Glaube ohne Glaubenswissen wird anfällig für alle möglichen neureligiösen Heilslehren und Esoterikwellen.


Im letzten Hirtenbrief hatte ich euch eingeladen, Weggemeinschaften im Glauben zu bilden, geistliche Selbsthilfegruppen, in denen wir miteinander den Glauben vertiefen und uns gegenseitig bestärken können. Ihr kennt das ja aus eurem Berufsalltag: Ohne Weiterbildung kann heute keiner bestehen. Wir dürfen nicht bei unserem Kinderglauben stehen bleiben. Unser Glaube muss mit der heutigen Zeit und ihren Erkenntnissen Schritt halten - und das kann er auch! Im Gegenteil: Vieles gibt unserem Glauben heute Rückenwind, wenn ich z. B. an die bioethische Diskussion denke, die Frage nach der Begründung der Menschenwürde, wie wir mit Krankheit und Sterben umgehen sollen. - Im Glauben wachsen wollen!


Wir sind gekommen, um IHN anzubeten! Das heißt



2. Die eine große Hoffnung von den vielen kleinen Hoffnungen zu unterscheiden


Wie viele Dinge versprechen uns heute das Heil? Die "Heilande" mit ihren Heilsversprechen haben sich heute - im Gegensatz zu den Zeiten des alten Systems - um ein Vielfaches vermehrt. Wenn ich manchmal nach dem Unterschied zwischen der kirchlichen Situation in DDR-Zeiten und heute gefragt werde, da antworte ich gern: Es war im Sozialismus sicher nicht einfach, Christ zu sein - aber eines war besser: Wir hatten damals nicht so viel Gelegenheit zum Sündigen!


Was ruft nicht heute alles nach unserer Seele - und unserem Geldbeutel! Die Urlaubskataloge werden immer bunter, die Freizeitangebote immer ausgefeilter. Der Kult um Gesundheit und Jugendlichkeit bis ins hohe Alter treibt immer seltsamere Blüten. Die Wahl der richtigen Versicherung oder einer Automarke wird nahezu eine religiöse Frage. Und auch politische Richtungsentscheidungen - ob für oder gegen bestimmte Reformen, Programme oder Parteien - werden zu Heilsfragen hochstilisiert. Würde es nicht reichen, nüchtern mit allem Sachverstand, der uns Menschen gegeben ist, dafür zu sorgen, dass die Marktwirtschaft wirklich sozial bleibt - und den wirklichen Himmel von Gott zu erwarten?


Liebe Wallfahrer, es zeichnet unseren Glauben aus, dass er realistisch bleibt und nicht meint, man könne diese Welt zum Paradies machen. Wer Paradiese verspricht, ist ein Phantast oder er will bewusst manipulieren. Eine Gesellschaft braucht Hilfsangebote für Schwache, die sich nicht selbst helfen können - das ist richtig. Und die Starken dürfen in ihrem Willen zur Leistung nicht gelähmt werden - auch das ist richtig.


Aber das sind keine Glaubensfragen, sondern Ordnungsfragen eines Gemeinwesens, über die man sich verständigen muss, und zwar immer wieder neu - weil eben die Verhältnisse insgesamt nicht stehen bleiben, sondern sich wandeln. Das ist übrigens auch in der Kirche so!


Darum - verketzert nicht die Politiker, sondern achtet ihren Einsatz! Und zur ganz aktuellen Debatte: Ohne mutige, einsatzbereite Unternehmer z. B. - gerade im mittelständischen Bereich, im Bereich des Handwerks - gäbe es noch weniger Arbeitsplätze. Oft arbeiten solche Unternehmer und Selbstständige mit hohem Risiko, auch für ihre Familien. Sie fragen nicht nach Freizeit und persönlicher Absicherung. Einzelne Versager in Politik und Wirtschaft sind keine Berechtigung dafür, alle in einen Topf zu werfen.


Und den politischen und wirtschaftlichen Verantwortungsträgern rufe ich zu: Haltet euch an euer Gewissen und an das, was euch euer Sachverstand sagt. Lasst euch nicht von eurer Position und euren Einflussmöglichkeiten blenden, sondern bleibt "auf dem Teppich". Und vor allem: Behaltet bei allem, was ihr zu verantworten habt, im Blick, was das mit den Menschen macht, gerade dann, wenn es - um einer guten Zukunft willen - um schmerzliche Einschnitte geht.


Auf Gott die entscheidende Hoffnung richten - ich meine, mit solch einer Einstellung bekommen alle irdischen Wünsche und Erwartungen ihr richtiges Maß. Vor allem: Man verzweifelt nicht, wenn es einmal nicht so läuft, wie man sich das gedacht hat. IHN allein anbeten - das heißt: die Hoffnung nicht aufzugeben, dass Gott auch heute mich und unser aller Leben tragen und zum ewigen Ziel führen wird.


Und ich nenne ein Letztes: Gott anbeten heißt



3. Ihm Aufmerksamkeit und Zeit schenken.


Gottesdienst und Gebet sind nicht ein Luxus, sondern der Herzschlag unseres Christ-Seins. Wenn das nicht mehr funktioniert, ist jede Wiederbelebung umsonst!


Ein Prediger ist immer in der Gefahr, einzelne Schwachpunkte des christlichen Lebens besonders aufs Korn zu nehmen. Auch ich könnte das heute tun. Aber zum einen weiß ich, dass ich gerade bei euch, die ihr hierher zur Wallfahrt kommt, die Falschen erwischen würde, und zum anderen weiß ich nicht, ob solche Standpauken wirklich nachhaltig sind.


Natürlich, das macht auch mir Sorge: die Ehescheidungen, manchmal noch nach vielen Ehejahren, die fehlende Achtung vor dem Leben, dem ungeborenen wie dem im Straßenverkehr. Ich schaue auf die leeren Beichtstühle und die leerer werdenden Mannhäuser in manchen Kirchen. Mich bewegt, dass es kaum noch geistliche Berufungen im Eichsfeld gibt - und Pfarrer und Ordensschwestern immer größeren Seltenheitswert bekommen.


Aber - was nützt es, in einem vertrockneten Garten noch modernere und flottere Gartenbaugeräte anzuschaffen, wenn einfach nur dies Not tut: Den Gartenschlauch hernehmen und kräftig gießen.


Eben das meine ich: Gott anbeten, treu bleiben in der Praxis des Gottesdienstbesuchs, in der Mitfeier des Kirchenjahres, im persönlichen Gebet - das ist wie die Hebung des Grundwasserspiegels, von dem allein her nachhaltige Qualitätsbesserung des Kirchengartens zu erwarten ist.


Darum braucht es alle drei Dinge, die ich heute in meiner Predigt betont habe: Nicht nur Glaubenswissen und Profilierung unseres Christ-Seins angesichts der Herausforderungen der heutigen Zeit, es braucht nicht nur die klare Unterscheidung dessen, was hier auf Erden möglich ist und was wir von Gott erhoffen dürfen, sondern es braucht auch diese Bereitschaft, der Gottesbegegnung im regelmäßigen Gottesdienst und Gebet eine konkrete Gestalt, einen lebendigen Ausdruck zu geben.


Ihr wisst, wie das geht: Aus den Augen aus dem Sinn! Es ist eine Illusion zu meinen, man würde im Alter, in der Krankheit von alleine fromm. Wer Gott nicht in gesunden Tagen gesucht hat, wird ihn auch im Alter, in der Krankheit nicht finden.


Liebe Männer, das ehrt euch, wenn euer Gesangbuch abgewetzt aussieht - und ihr euch am Sonntag mit dem Gesangbuch in der Hand auf der Straße zeigt. Den Führerschein habt ihr doch auch zur Hand. Auf ihn könnt ihr nicht verzichten, sonst wäre manchem der Arbeitsplatz nicht erreichbar. Verzichtet nicht auf das Gesangbuch als Begleiter zum Himmel, und ich meine damit nicht nur das Buch aus Papier und Druckerschwärze, sondern eure religiöse Alltagspraxis, in der ihr euch nicht irre machen lassen sollt - auch nicht von lästernden Arbeitskollegen oder von Leuten, denen Gott und Kirche spanische Dörfer sind.

Zieht auch eure Familien, eure Frauen und Kinder hinein in euer Beten und Anbeten Gottes - es wird euch zum Segen sein!


Liebe Wallfahrer!

Berufung ist das eine, der Berufung zustimmen, aus ihr etwas machen, ist das andere. Getauft ist man schnell - aber als Kind Gottes leben, als Jünger Christi und lebendiges Glied der Kirche, dazu braucht es bewusstes Wollen und Ja-Sagen.


Welcher Rauch steigt über unserem Eichsfeld, über unserem Bistum auf? Gottlob, schwarz ist er nicht - aber doch manchmal sehr grau. Möge er hell und weiß werden wie bei der letzten Papstwahl, damit es dann nicht nur heißt: Habemus papam, sondern: Habemus christianos! Wir haben wache, lebendige Christen - auch hier im Eichsfeld, in Thüringen, in Deutschland. Und das wäre das beste Geschenk, dass wir unserem neuen Papst machen könnten. Amen.


Klüschen Hagis, 5. Mai 2005

49. Männerwallfahrt des Bistums Erfurt zum Klüschen Hagis