An Ostern glauben - aus Ostern leben

Osterpredigt 2006 von Bischof Joachim Wanke

Bischof Wanke: "Der Osterglaube stellt sich der Realität des Lebens und der Welt - aber er bleibt nicht bei ihr stehen"...

Gehalten am Ostersonntag, 16. April, im Erfurter Dom


Jetzt wissen wir es: Die Religion hat ihren Sitz in den Schläfenlappen des menschlichen Gehirns - so kürzlich die Auskunft in einem Fernseh-Wissenschaftsmagazin. Wenn in dieser Hirnpartie eine Reizung erfolgt oder eine Störung auftritt, bekommt der Mensch religiöse Anwandlungen. - Ob das wirklich so einfach ist?


Es ist eine Urversuchung des Menschen, alles, was er sich sonst nicht erklären kann, aus materiellen oder gesellschaftlichen Ursachen abzuleiten. Besonders hier im Osten Deutschlands, in einer von den Lehrsätzen des "dialektischen Materialismus" verseuchten Gegend, ist diese einfache Welterklärung noch verbreitet. Und diese Haltung verbündet sich mit der im Westen modisch gewordenen Mentalität, Geist, Kultur und vor allem auch Religion als Phänomene anzusehen, die sich aus der Biologie erklären lassen. Also - der Osterglaube, entweder als Trostvorstellung angesichts des realen Elends einer unterdrückten Klasse, als Opium des Volkes, oder: der Osterglaube als Produkt neuronaler Verschachtelungen im Gehirn!


Was beide Erklärungsstränge vereint, ist ihre bestrickende Einfachheit. Aber eben da liegt ja das Problem. Der Mensch ist ein leib-seelisches Wesen, das in beiden Bereichen seine Verwurzelung hat: im Leiblich-Materiellen und im Nichtmateriell-Geistigen. Mozart ist eben mehr als ein Produkt der Klassengesellschaft und das Phänomen Goethe ist eben nicht allein mit einigen zusätzlichen Synapsen im Gehirn dieses Menschen zu erklären.


Der Glaube an die Auferstehung Jesu von den Toten und das Bekenntnis zu

einer Hoffnung für uns Menschen über den Tod hinaus ist die Mitte, der Dreh- und Angelpunkt des Christentums. Die ersten Osterzeugen mussten gleichsam gegen ihre Urinstinkte zum Osterglauben bekehrt werden. Das Normale ist die Ü;berzeugung: Mit dem Tode ist alles aus, und tapfer ist allein der, der mit dieser Erkenntnis dennoch ein anständiges Leben führt.


Ja, der Osterglaube ist und bleibt unglaublich, im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Kunde von der Auferstehung des Gekreuzigten ist eine unglaubliche Botschaft, die das Normale und das durch menschliche Erfahrung Abgesicherte überschreitet. Sie ist - im Vergleich gesprochen - "Goethe" und "Mozart" in Potenz!


Liebe Schwestern und Brüder!

Die Grundherausforderung des Osterglaubens ist die Bereitschaft, die Wirklichkeit größer sein zu lassen als jene, die wir messen, erklären und verstehen können. Ich gebe zu: Der Drang des Menschen, alle Dinge dieser Welt rational zu durchdringen und auf weltimmanente Ursachen hin zu befragen, ist nicht abstellbar. Der Geist des kritischen Fragens und Forschens ist ja auch vom Schöpfer tief in uns eingesenkt. Das gehört zu unserer Natur: nicht leichtgläubig zu sein und den Dingen auf den Grund zu gehen.


Aber kennt dieser Drang nicht auch in anderen Bereichen unseres Lebens Grenzen? Die Liebe zwischen Mann und Frau etwa kann durchaus von gewissenhaften Forschern auf ein paar chemische Reaktionen unseres Körpers reduziert werden. Und neuerdings ist es in Mode gekommen, unser Tun und Lassen nur (und ich betone: nur!) auf neuronale Prozesse in unserem Gehirn zurückzuführen. Hätte das nicht zwangsnotwendig zur Folge, dass man Liebe oder eben auch Willensfreiheit als eigenständige, urmenschliche Vollzüge leugnen müsste? Solche Stimmen gibt es heute in der Tat, Stimmen, die zu allem, was unser Begreifen übersteigt, nur sagen: Das ist nichts anderes als ..... Und dann kommt, je nach Blickwinkel und Meinungsmode, die oder jene monokausale Erklärung. Reduktionisten nenne ich solche Leute. Welterklärer mit wissenschaftlichen Scheuklappen, die verhindern, das Ganze der Wirklichkeit zu sehen.


Da halte ich es lieber mit dem Wort des englischen Dichters Thomas Gray ( 1771): "Wo Nichtwissen Seligkeit, ist es Torheit, klug zu sein!"


Wir wissen nicht, wie Gott uns neu schaffen wird - aber dass diese Verwandlung unserer sterblichen Existenz in ein erfülltes, ganzheitliches Leben unsere größte Seligkeit sein wird, das ist für mich schon jetzt hinreichende Gewissheit. Und das ist ähnlich dort, wo eine Liebe, eine Zuneigung, eine tiefe freundschaftliche Sympathie existiert. Wenn da einer anfängt, eine solche Liebe und Zuneigung kalt und herzlos zu analysieren, da stirbt die Seligkeit, und wir sitzen mit all unserer Klugheit vor dem Scherbenhaufen unserer Beziehung zum anderen. Eine Krämerseele hält das Lesen von Gedichten für Zeitverschwendung, und manchen reicht eben die Biologie zur Welterklärung. Aber reicht das auch zum Leben?


Die Botschaft von der Auferstehung Christi hat durchaus Anhaltspunkte in der Geschichte, im Zeugnis konkreter Menschen, der Frauen, der Apostel, der ersten Blutzeugen des Glaubens. Aber diese Botschaft ist auch eingebettet in ein Zukunftsprogramm, auf das hin wir von Gott geschaffen sind. Die Auferstehung ist ein Schritt in der Evolution, die Gott mit uns vorhat, aber den wir nicht verstehen oder gar aus eigener Kraft leisten könnten. Die Auferstehung Christi ist der Anfang der Menschwerdung, auf die wir zugehen, weil wir eben von Gott nicht nur erschaffen , sondern - und das ist das eigentliche Wunder - von unserem Gott und Schöpfer geliebt sind.


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Dieser österliche Glaube hat seine Auswirkungen. Maria von Magdala geht verwandelt vom Grab nach der Begegnung mit dem Auferstandenen weg. Und der Apostel Paulus, selbst eine Zeuge der Auferstehung Christi, fordert uns auf, kraft des Osterglaubens den Sauerteig des alten Adam in uns zu beseitigen und neuer Teig zu werden, ungesäuertes Brot (eine Anspielung auf das beim Passa-Mahl gebräuchliche ungesäuerte Mazzen-Brot). "Denn" - so seine Begründung - "als unser Paschalamm ist Christus geopfert" (vgl. 1 Kor 5,6b-8).


Das ist die große Herausforderung auch für uns, die wir heute Ostergottesdienst feiern. Wir sollen Ostern feiern nicht "mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit", sondern "mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit", wir der Apostel sagt. Aufrichtigkeit und Wahrheit - mit diesen Worten wird eine Lebenshaltung beschrieben, die das Gegenteil von "Sich-Durchmogeln" ist, und einer Lebenseinstellung, die, wie wir sagen, die Realitäten nicht wahrhaben will. Der Osterglaube stellt sich der Realität des Lebens und der Welt - aber er bleibt nicht bei ihr stehen.


"Sich der Wirklichkeit stellen", das bedeutet zum Beispiel zu wissen, dass das Böse ansteckend ist, schlimmer noch als die Vogelgrippe. Sauerteig der Wahrheit: Das heißt zu wissen, dass Frieden ohne Gerechtigkeit eine Illusion ist. Das heißt zu wissen, dass eine Gesellschaft nur menschlich bleiben kann, wenn es in ihr Solidarität gibt und wir, europa- und weltweit, nur Zukunft haben, wenn jeder bereit ist, auch unter Opfern und Abstrichen am eigenen Wohlstand für die Zukunft der anderen Mitverantwortung zu übernehmen.


Und was angesichts dieser Beispiele "Sich-Durchmogeln" heißt, braucht nicht lange erklärt werden. Das heißt etwa, so zu tun, als hätte die Gewöhnung an Gewaltdarstellung und Pornographie in den Herzen junger Menschen keine Auswirkungen. Das heißt etwa zu meinen, Arbeitslosigkeit sei nur das Problem der anderen. Das heißt, die Augen zu verschließen vor dem Hunger und Elend in der Welt oder zu meinen, mein und unser gegenwärtiges Verhalten hätte keine Auswirkungen auf das Leben derer, die nach uns kommen. Es sind gerade immer wieder gläubige, vom Osterglauben geprägte Menschen, die sehr realistisch auf die Welt schauen und sich den Problemen der Zeit stellen. Sie tun es, weil in ihnen ein unbändiger Optimismus steckt, weil sie von der Gewissheit geprägt sind, der oft so unbefriedigende Zustand dieser Welt, ob individuell oder global, ist nichts Endgültiges.


Die Osterhoffnung wagt sich immer neu an die Renovierung des eigenen und gemeinsamen Lebenshauses. Denn sie weiß: Die Fundamente dieses Hauses sind unzerstörbar. Sie sind von Gott gelegt.


So oder ähnlich könnte man beschreiben, was Paulus mit Aufrichtigkeit und Wahrheit meint. Es ist eine von Ostern her gespeiste Lebenstapferkeit, die nicht aufsteckt, wenn etwas nicht sofort und immer nach den eigenen Wünschen läuft.

Es ist Widerständigkeit gegenüber einer allgemeinen Griesgrämigkeit, Kleinkariertheit und Schuldzuweisungsmentalität, wie sie sich etwa in vielen Leserzuschriften unserer Zeitungen dokumentiert. Aber auch innerhalb unserer Kirche sind wir nicht frei davon.


Liebe Schwestern und Brüder, es ist Ostern! An Ostern glauben gibt Kraft und Mut, aus Ostern zu leben. Und dazu sind wohl mehr als nur die Schläfenlappen unseres Gehirns notwendig. Dazu braucht es die Kraft eine gläubigen Herzens, das erfüllt ist mit der Freude über die Tat Gottes an Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn.


Am Ende der alten Ostersequenz, die die Kirche am heutigen Festtag singt, heißt es:


"Lasst uns glauben, was Maria den Jüngern verkündet.

Sie sah den Herrn, den Auferstandenen.

Ja, der Herr ist auferstanden, ist wahrhaft erstanden.

Du Sieger, König, Herr, hab? Erbarmen. Amen. Alleluja."




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