"Agrarchemie und Erntedank?"

Predigt von Bischof Joachim Wanke im ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Landeserntedankfestes

Predigt von Bischof Wanke beim Landeserntedankfest in Jena...

Predigttext: Joel 2,21-24.26f


Geht das zusammen: Agrarchemie und Erntedank-Gottesdienst? High-Tech-Maschinen auf unseren Feldern und Dank an Gott für die Erntegaben?


Ich meine: Unser Freistaat Thüringen tut gut daran, ein Erntedank-Fest zu feiern. Sie alle, die heute hier in der Michaelskirche der Stadt Jena versammelt sind, empfinden die Ernte auf unseren Feldern und Fluren nicht als bloße Selbstverständlichkeit. Vermutlich geht das wohl den meisten Menschen so, selbst wenn sie sich nicht als sonderlich religiös einschätzen. Wer sich noch einen Sinn für das Schöne, für das Ü;berraschende, für die Köstlichkeit der Gaben der Natur bewahrt hat, wird dem zustimmen: Bei allem Fleiß und aller Technik, die bei Aussaat und Ernte notwendig sind - dass wir in jedem Jahr neu ernten dürfen, bleibt letztlich doch ein Wunder und gibt Anlass zur Freude und Dankbarkeit.


So ist auch dieser Erntedank-Tag des Freistaates Thüringen zunächst ein Tag des Dankes und der Anerkennung für jene, die sich in unserem Land für eine gute und ertragreiche Ernte einsetzen. Zwar ist jetzt unter den neuen Verhältnissen - anders als zu sozialistischen Zeiten - weniger von sogenannten "Ernteschlachten" und sonstigen Ruhmestaten der Werktätigen auf dem Lande in den Zeitungen zu lesen. Dennoch gilt auch heute: Ohne Schweiß keinen Preis! Darum auch an dieser Stelle dieser Dank an jene, die für uns alle auf den Feldern und Obstplantagen gearbeitet und geschwitzt haben, nicht zuletzt auch die ausländischen Erntehelfer. Und Dank allen, die in unterschiedlichsten Verantwortlichkeiten dazu beitragen, dass unsere Tische und Vorratsschränke so reich gefüllt sind.


Die Zuverlässigkeit und kostbare Fülle, mit der jedes Jahr die Natur uns ihre Gaben schenkt, hat auch den Propheten Joel im 5. Jahrhundert vor Christus inspiriert. Er schaut auf das fruchtbare Land, auf Feigenbaum und Weinstock mit ihrem Ertrag. Er sieht die Tennen voll von Getreide und die Keltern überfließen von Wein und Öl.


Freilich: Er zieht daraus andere Folgerungen als wir, die wir meist nur an Statistiken, Agrarpreise und Absatzchancen für die einzelnen Produkte denken. Der Prophet ruft uns zu:


"Ihr werdet essen und satt werden

und den Namen des Herrn, eures Gottes preisen,

der für euch solche Wunder getan hat.

Dann werdet ihr erkennen,

dass ich mitten in Israel bin

und dass ich der Herr, euer Gott, bin...

Mein Volk braucht sich nie mehr zu schämen."


Werden wir hier in Thüringen wirklich essen und satt werden und den Namen Gottes preisen? Essen und satt werden - das bestimmt. Aber Gott deswegen die Ehre geben?


Da sind wir bei dem, woran uns dieser Gottesdienst erinnern will. Es sind einfach Wahrheiten, die wir beherzigen sollten.


Die erste Erinnerung ist sehr banal:



Wirklich satt macht nicht allein, was unseren Magen füllt.


Natürlich. Der irdische Hunger verlangt nach Sättigung. Doch ist es merkwürdig: Selbst jene, die sich alle materiellen Wünsche erfüllen können, haben noch Wünsche. Sonst wären sie keine Menschen. Und auch jene, die sich durchaus noch manche Verbesserung ihrer materiellen Lebenslage erhoffen - und wer gehört da nicht dazu? - , auch jene wünschen sich mehr, als sich mit Euro-Scheinen kaufen lässt. Wir erhoffen uns Gesundheit. Wir wünschen uns Frieden. Wir erwarten, gerecht behandelt zu werden. Wir möchten, dass andere treu zu uns stehen und uns nicht allein lassen, wenn es hart auf hart kommt. Wir ersehnen uns Liebe, Annahme und Geborgenheit. - Ob das die Namen Gottes für den Menschen von heute sind? Ob sich hier Zugänge eröffnen für den Gott, den uns Jesus Christus als Gott des Erbarmens und der Liebe erschlossen hat?


Auch Tiere werden satt - aber sie beten nicht. Sie wissen nicht um ihre grundsätzliche Bedürftigkeit, um eine Angewiesenheit nicht nur des Leibes auf Stärkung und Sättigung, sondern auch ihres Herzens, ihrer Seele, ihres Lebens insgesamt. Mögen wir immer wissen und nach dem verlangen, was wirklich satt macht.


Eine zweite Erinnerung:



Ohne Kultur wird die Natur bedrohlich.


Ich knüpfe an bei den letzten Lebensmittelskandalen. Natürlich kann man Lebensmittel immer noch billiger machen - aber um welchen Preis? Bleibt auf der Jagd nach Gewinn die Ethik von Händlern und Herstellern auf der Strecke? Unser Umgang mit den Gaben der Natur verlangt nach einer ethischen Kultur, die das Wohl der Menschen an die erste Stelle setzt.


Das gilt auch für eine Mentalität des Machens, die nur die große Menge, den schnellen Erfolg und den möglichen Gewinn im Auge hat. Eine Manipulation von Pflanzen und Tieren darf nicht nur den Markt im Blick haben - so sehr wir natürlich unseren Verstand und technische Fertigkeiten einsetzen dürfen, um den Hunger in der Welt zu besiegen. Das Sterben so vieler Menschen, besonders von Kindern in der Welt wegen fehlender Nahrung und sauberem Wasser ist ein Skandal erster Ordnung.


Doch darf uns diese hehre Aufgabe nicht dazu verführen, den Markt allein alles regeln zu lassen. Jedes Fußballspiel braucht Regeln und Fairness. Dort regt sich keiner auf, wenn einer begründet vom Schiedsrichter des Feldes verwiesen wird. Nicht nur die Politik, sondern jeder Verbraucher - und das sind wir - , können helfen, jene zu honorieren, die in der Wirtschaft, speziell auch in der Agrarwirtschaft ethische Maßstäbe hochhalten und sich dem Wohl der Menschen, dem Schutz der Umwelt und der Gesundheit der kommenden Generationen verpflichtet wissen.


Ich nenne hier aus aktuellem Anlass auch einmal das derzeitige Ringen um die Ladenschutz-Regelung in Thüringen. Sie hat auch etwas mit geistigem Umweltschutz zu tun. Liberalisierung um jeden Preis ist kein Wert in sich. Denken wir an jene, zu deren Lasten das geht. Und zudem halte ich es für ein Gerücht, dass verlängerte Einkaufszeiten etwas mit dem Geld in meinem Portemonnaie zu tun haben. Vielleicht machen sie mein Geld dort lockerer, aber mit Sicherheit vermehren sie es nicht. Halten wir die Sonn- und Feiertage, auch im Advent, verkaufsfrei - und Samstag abends sollten unsere Verkäuferinnen und Verkäufer wissen, wann sie heimgehen dürfen.


Ob solche Kultivierung unseres Umgangs mit der Natur und ihren Gaben und ihrem Verkauf (!) etwas mit dem Kult zu tun hat, den wir Gottesdienst nennen? Ob nicht eine Quelle durchhaltender Ethik das Wissen sein könnte, dass wir nur Verwalter dieser Erde sind - nicht aber deren Eigentümer? Ein offener Himmel über Thüringen tut nicht nur der Landwirtschaft gut, sondern auch unseren Seelen.


Und eine dritte Erinnerung an diesem Erntedank-Fest:



Wer danken kann, lebt menschlicher.


Diese Einsicht verlangt keine lange Begründung. Es gehört zu den Grundregeln guter Erziehung, die vielen Dienste, ohne die wir nicht leben könnten, nicht selbstverständlich zu nehmen. Schon unseren Kindern helfen wir, das Danken nicht zu vergessen. Wer dankt, wird aufmerksamer, empfänglicher, sensibler für das, was er allein sich nicht kaufen oder herstellen kann, und was doch so unendlich kostbar ist: von anderen geachtet, behütet, unterstützt, ja geliebt zu werden.


Machen wir uns nicht ärmer als wir sind: Unser Thüringer Land sollte wieder Gott entdecken als den Geber aller guten Gaben, dem nie genug zu danken ist. Ob Misstrauen von Menschen untereinander etwas mit dem Misstrauen zu hat, dass es angeblich keinen Gott im Himmel gibt? Christliche Religion ist wirklich kein Ressentiment der Zu-Kurz-Gekommenen gegenüber den Starken und Reichen, die sich?s hier auf Erden bequem machen, wie einstmals Nietzsche meinte. Und auch das hat sich inzwischen herumgesprochen: Unser Glaube an Gott ist kein Trostpflästerchen für die Unterdrückten und Elenden dieser Welt, Opium des Volkes und für das Volk, wie Marx und Lenin es einmal propagierten.


Der Text unserer Prophetenlesung atmet einen anderen Geist. Joel sieht die Fülle der irdischen Gaben - und freut sich daran. Aber er vergisst dabei nicht, wem wir diese Fülle verdanken - und das macht ihn fröhlich und zuversichtlich.

Die Fülle der Erntegaben ist ihm Anlass, seinem Volk Mut zuzusprechen. Wer diesen Gott der Fülle kennt, der braucht sich nie mehr zu schämen - sagt er in seiner Sprache. Ich sage es so: Ein Thüringen, in dem viele Menschen um Gottes gute Nähe wissen, braucht keine Angst vor der Zukunft zu haben. Und das wäre am Montag eine Schlagzeile wert. Amen.



Jena, Stadtkirche St. Michael, 30. September 2006



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