Advent - keine Zeit weltentrückter Gemütlichkeit

Grußwort von Bischof Ulrich Neymeyr im Ökumenischen Gottesdienst zum Adventsbeginn am 27. November in Heilbad Heiligenstadt

Es gilt das gesprochene Wort!

Leider müssen wir auch in diesem Jahr den Advent, das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel unter Pandemie-Bedingungen begehen. Wir müssen uns gegenseitig mit dem Mund-Nasen-Schutz und dem Abstandhalten schützen. Ich bin sehr dankbar, dass mit dem Impfstoff in diesem Jahr ein weiterer wirkungsvoller Schutz hinzugetreten ist. Dennoch erfüllen mich die Berichte aus den überlasteten Krankenhäusern mit großer Sorge, nicht nur wegen der Covid-Kranken, sondern auch wegen aller Menschen, die in einer Klinik behandelt werden müssen oder die dort arbeiten.

Der Advent kann in diesem Jahr keine Zeit weltentrückter Gemütlichkeit werden. Viele Menschen sind an Covid einsam gestorben. Ihr Angehörigen konnten sie oft nicht begleiten. Noch dazu hören wir aus vielen Ländern der Erde, dass dort der Impfstoff bei weitem nicht für alle zur Verfügung steht. Es ist eine dunkle Zeit, in der wir auch das Schicksal der Flüchtlinge nicht vergessen können, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen und zum Spielball politischer Interessen werden. Die schlimme Flutkatastrophe, die im Sommer unser Land heimgesucht hat, bedrängt nicht nur die Menschen, die an einem Fluss oder Bachlauf wohnen, sondern sie hat uns die Bedrohung durch die Klimakrise gezeigt.

All das können wir im Advent nicht einfach zur Seite schieben. Ganz im Gegenteil: Das Leid der Welt kommt in den liturgischen Texten und den Liedern im Advent immer wieder zur Sprache. In einem uralten Gesang heißt es: „O Aufgang Glanz der Ewigkeit, / du Sonne der Gerechtigkeit: / Erleuchte doch mit deiner Pracht / die Finsternis und Todesnacht.“ (GL 222) In der Finsternis und Todesnacht besingt dieses Lied die Hoffnung auf Jesus Christus, das Licht der Welt. Ein weiteres Lied in unserem Gesangbuch besingt das Vertrauen auf Jesus Christus in der Dunkelheit der Welt: Jochen Klepper hat es 1938 in der Bedrängnis der Nazi-Diktatur geschrieben: „Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld. / Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr; / von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.“ (GL 220) Solche Hoffnungstexte begleiten uns im Advent. Sie stärken unseren Glauben, dass uns in dem Kind, das in Windeln gewickelt in einer Krippe lag, tatsächlich der Retter geboren wurde, der Christus, der Herr (Lk 2,11f).