Ermutigt ins neue Jahr gehen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr in der Jahresschlussandacht an Silvester 2025

Bild: Kerrin GabrielIn: Pfarrbriefservice.de

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

am Jahreswechsel sind wir den Christinnen und Christen der ersten Generationen näher als im sonstigen Verlauf des Jahres. Wir nehmen den Zeitrhythmus der Natur deutlicher wahr als sonst: Die Tage werden immer kürzer, an bewölkten Tagen haben wir den Eindruck, gar kein natürliches Licht mehr zu sehen. Außerdem freuen wir uns, wenn die winterliche Kälte dem Frühjahr weicht und wir ohne Mütze und Handschuhe auskommen können. In den Tagen des Jahreswechsels erleben wir dies intensiver als sonst, denn mit der Erfindung des elektrischen Lichts und komfortablen Heizungen haben wir uns unabhängig gemacht vom Wechsel von Tag und Nacht sowie von Hitze und Kälte. Außerdem hat die Erfindung der mechanischen Uhr im 15. Jahrhundert entscheidend dazu beigetragen, dass wir in dem Bewusstsein leben, die Zeit sei ein unendliches Kontinuum, das Stunde für Stunde immer in denselben Abständen weiterlaufe. Der Tag war zwar zur Zeit Jesu auch in Stunden eingeteilt, aber das Leben der Menschen war viel mehr als heute geprägt vom Wechsel von Tag und Nacht und von Sommer zu Winter.

Dem Zeitgefühl der ersten Christen sind wir aber beim Jahreswechsel nicht nur deswegen näher, weil wir den Rhythmus der Natur intensiver wahrnehmen als sonst, sondern wir können uns auch mit dem Zeitgefühl der ersten Christen verbinden, die davon überzeugt waren, in einer erfüllten Zeit zu leben. Der Evangelist Markus hat zu Beginn seines Evangeliums die Botschaft Jesus kurz, man kann auch sagen fanfarenartig, zusammengefasst: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Bis heute ist für uns Christen mit dem Eintritt des Sohnes Gottes in die Welt und ihre Geschichte eine völlig neue Epoche angebrochen, eine wirkliche Zeitenwende. Das griechische Wort für Zeit, das der Evangelist Markus hier verwendet, ist nicht das Wort ´chronos´, das uns im Fremdwort Chronograf für eine Uhr begegnet und das den kontinuierlichen Ablauf der Zeit beschreibt. Vielmehr verwendet der Evangelist Markus das griechische Wort ´kairos´, das ja auch in unserer Sprache als Fremdwort einen bestimmten Zeitpunkt meint, eine Gelegenheit, die der Mensch begreifen und ergreifen sollte. Das Wort ´kairos´ begegnet uns im Neuen Testament 84 Mal, während der Begriff ´chronos´ nur 24 Mal vorkommt. Bis in den Sprachgebrauch hinein waren sich die ersten Christen bewusst, dass sie in einer ganz besonderen, eben erfüllten, Zeit leben, in der es darauf ankommt, sich dem Sohn Gottes und seinem Evangelium zuzuwenden, alte Sünden und Laster hinter sich zu lassen und in der neuen Welt zu leben, die Christus als das Reich Gottes verkündet hat. Dies meint der Aufruf Jesu: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Mit diesem Zeit- und Lebensgefühl der ersten Christen sind wir beim Jahreswechsel in besonderer Weise verbunden, weil wir – Gott sei Dank – unsere Jahre nach der Geburt Christi zählen: Es beginnt das 2026. Jahr nach der Geburt Christi. Ob dies nun auf den Tag genau zutrifft, spielt dabei keine besondere Rolle. Da zur Zeit Jesu in Palästina die Geburtstage nicht gefeiert wurden, war der Geburtstag Jesu nicht bekannt. Man begann, ihn an dem Tag zu feiern, an dem die Tage wieder länger werden, als natürliches Zeichen dafür, dass mit der Geburt Christi eine neue Zeit beginnt. Zudem konnte man ein römisches heidnisches Fest, das an diesem Tag begangen wird, das Fest des unbesiegten Sonnengottes, gewissermaßen taufen.  Der Jahreswechsel wurde dann am Oktavtag nach Weihnachten gefeiert, mit dem ein neues Jahr beginnt. Dass mit dem Eintritt Jesu Christi in die Geschichte eine neue Epoche beginnt, prägt unsere Zeit und Lebensgefühl, weil eben mit dem Jahreswechsel das 2026. Jahr nach Christi Geburt beginnt.

So lange ist die Zeit, die unablässig voranschreitet, erfüllt von der Gegenwart des menschgewordenen Gottessohnes in Geschichte und Gegenwart. Durch die Sakramente tritt Jesus Christus auch heute in unser Leben und in unsere Geschichte ein und erfüllt die Zeit. In diesem Bewusstsein gehen wir in ein neues Jahr. Dies ist für uns Gabe und Aufgabe zugleich. Die Gabe ist das Geschenk des Glaubens, dass Christus mit uns geht, komme was da wolle. Pater Alfred Delp hat gesagt:

 „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht alleine leben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“

 Die Aufgabe erwächst aus dem Ruf Jesu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Im Rückblick auf das alte Jahr werden wir entdecken können, wo uns der Aufruf zur Umkehr trifft, wo Veränderungen nötig sind. Neujahrsvorsätze werden zwar häufig kritisch gesehen, weil es schwerfällt, sie umzusetzen. Aber sie sind zumindest ein Ausdruck dafür, dass wir eine Veränderungsnotwendigkeit sehen und auch eine Veränderungsbereitschaft haben. Gehen wir so getrost und ermutigt in das neue Jahr 2026.