Benedikt XVI. zu einem leichten Lächeln gebracht

Predigt von Magdeburgs Bischof Gerhard Feige beim Requiem für Altbischof Joachim Wanke

Foto: Henry Sowinski

Ca. 1.000 Menschen hatten sich am Samstag, 21. März 2026 um 10 Uhr im Erfurter Dom St. Marien und der benachbarten Severikirche versammelt, um gemeinsam das Requiem für den am 12. März verstorbenen Altbischof Joachim Wanke zu feiern.
DOMRADIO.DE übertrug den Gottesdienst und die anschließende Beisetzung im Kreuzgang. Nach der Liveübertragung aus Erfurt steht das Requiem in der Mediathek von DOMRADIO.DE sowie im YouTube-Kanal weiterhin zum Abruf zur Verfügung.

Die Predigt von Bischof Gerhard Feige, Magdeburg, ist nachfolgend abgedruckt.

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„Den Spuren Christi folgen“
Predigt zum Requiem für Bischof Dr. Joachim Wanke am 21. März 2026
(1 Petr 2,20b-25; Lk 24,13-35)

Liebe Schwestern und Brüder aus dem Bistum Erfurt und darüber hinaus, auch aus den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, verehrte Angehörige des Verstorbenen, sehr geehrte Damen und Herren aus Politik und Gesellschaft!

„Er“ – so beurteilte schon 1960 jemand den damals 19jährigen Joachim Wanke – „ist über den Schnitt des Kurses begabt. Sein geistiges Interesse ist nach allen Seiten entwickelt. Er ist klug und gut. Nirgends habe ich einen Anflug von Stolz entdecken können. In seinem Urteil über Menschen und Welt ist er erstaunlich reif. Dabei be-sitzt er den Mut, auch unliebsame Dinge den Vorgesetzten zu sagen, die gesagt werden müssen. Das alles aber in einer Form, die er offensichtlich nicht erworben hat, – die ihm geschenkt ist.“ Ja, so war Joachim Wanke, und das haben Unzählige im Laufe seines Lebens an ihm kennen und schätzen gelernt. Jeder und jede von Ihnen oder euch wird eigene Erinnerungen mit ihm verbinden, manche sogar in-tensivere als ich sie habe. Mir aber wurde es zugedacht, ihn heute noch einmal zu würdigen und in seinem Sinne das Evangelium Jesu Christi „auf mittel- und ge-samtdeutsch zu buchstabieren“.

Ich selbst habe Joachim Wanke seit über 50 Jahren in verschiedenen Zusammen-hängen erlebt: zunächst während meines Theologiestudiums, als er Präfekt im Priesterseminar war, dann während meiner Promotionsphase und Lehrtätigkeit in Erfurt als Bischof dieses Bistums und Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Christ-licher Kirchen in Deutschland und nach 1999 schließlich als bischöflichen Mitbru-der im Rahmen der Deutschen Bischofskonferenz, besonders als Vorsitzenden der Pastoralkommission und im gemeinsamen Einsatz für unsere Kirche in den soge-nannten neuen Bundesländern. Dass sein Herz ökumenisch schlug und sich un-sere Gespräche auf gemeinsamen Fahrten zu Tagungen meistens um zwischen-kirchliche Themen drehten, hat mich auch dazu bewogen, ihn zusammen mit dem Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele, der damals Vorsitzender der Ökumene-kommission war, zu bitten, Mitkonsekratoren bei meiner Bischofsweihe zu sein. Zu-letzt konnte ich mich im Dezember fast eine Stunde lang noch mit ihm angeregt und überaus herzlich über Gott und die Welt austauschen.

„Den Spuren Christi folgen“, das war wohl nicht nur sein bischöflicher Wahlspruch, sondern programmatisch für sein ganzes Leben. Dabei trotz widerständigen und leidvollen Erfahrungen konsequent zu handeln, dazu fühlte er sich berufen und von Gott begnadet, „denn“– wie es im 1. Petrusbrief heißt (2,20b-21) – „auch Chris-tus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben“. Von Jugend an durch die marxistische Religionskritik begleitet und sich auch den Herausforderungen einer „offenen“ Gesellschaft stellend bekannte er sich leidenschaftlich zum Ursprung und zur bleibenden Mitte allen christlichen Glaubens, der Offenbarung Gottes in der konkreten Person Jesus Christus, seiner Botschaft in Wort und Tat, besonders aber auch seinem Tod und seiner Auferstehung. Das aber bedeutete für ihn zugleich, wie er es einmal schrieb: „Kirche … darf nicht Interessenverein der religiös Veranlag-ten werden, nicht Verein für ‚denkmalgeschützte Bräuche und Riten‘ … Kirche muss als Kirche erkennbar bleiben, am Evangelium Jesu Christi orientiert, ihrer Tradition verpflichtet, … also ggf. auch einmal „sperrig“ Zeittrends und gesellschaftlichen Er-wartungen gegenüber. Und wir dürfen unserem Auftrag nicht untreu werden, Kirche hier für die Menschen in diesem Land zu sein.“ Das aber hinderte ihn nicht, bis zu-letzt – offensichtlich von seiner Mutter so verinnerlicht – in kindlicher Weise vom „lieben Gott“ zu sprechen.

„Von Geburt“ – so beschrieb er es – „bin ich Schlesier, aber dem Gefühl und der kon-kreten Erfahrung nach Thüringer.“ In dieser Haltung war er nicht provinzialistisch, aber geerdet, auch nicht rückwärtsgewandt, sondern zukunftsorientiert, zudem als neutestamentlicher Wissenschaftler zwar sorgfältig und genau, aber kein kleinlicher Silbenzähler, sondern einfallsreich und in einem weiten Horizont denkend, als Seelsorger und Bischof heimatverbunden und weltoffen, praxisorientiert und aus-drucksstark, zugewandt und liebenswürdig. Er konnte auch schelmisch sein und herzhaft lachen. Und er hatte Humor. Wenn jemand ihn mit „Exzellenz“ anredete, hat er immer zur Buße ein „Vater unser“ aufgegeben. Selbst ernsthafte Befürchtun-gen formulierte er ansprechend, wie etwa: „Auch wenn das Bratwurstrost ein pasto-rales Hilfsmittel sein kann, so habe ich manchmal Angst, dass auf den Rosten mehr Rauch aufsteigt, als Weihrauch in den Kirchen“. Und eigene Predigten hören oder lesen zu müssen, empfand er als Fegefeuer.

Wie viele hat er aber durch seine Predigten auf den unzähligen Wallfahrten und auch sonst durch seine mutigen Stellungnahmen, klugen Vorträge und alltagstaug-lichen Schriften zu DDR-Zeiten und auch im vereinten Deutschland aufgerüttelt, zum Nachdenken gebracht und gestärkt. Immer noch sind uns seine markanten Worte im Ohr: „Lasst uns das Licht auf den Leuchter stellen“, oder: „Wir müssen das Kleid (der Kirche), das uns inzwischen zu groß geworden ist, anpassen“ und „mutig und mit Vertrauen ‚die Segel neu setzen‘“. Dabei war er aber auch realistisch genug, um von der Kirche nicht nur als Leib Christi zu reden, sondern auch das Skelett – und damit meinte er die Verwaltung – als notwendig anzusehen. Nicht ganz so gro-ße Begeisterung löste – vor allem im Eichsfeld – sein Hinweis darauf aus, dass das frühe Christentum eine Stadtreligion gewesen sei und es heute für Christen viel-leicht wohl auch sinnvoll wäre, sich wieder auf die Städte zu konzentrieren. Wie existentiell er seine Berufung und Sendung ansah, verdeutlicht auch seine Aussa-ge: „Was mich als Bischof bedrängt, ist die Vorstellung: Ein Thüringer würde nach seinem Tode vor Gott stehen und erstaunt zu ihm sagen: ‚Ich habe noch nie etwas von dir gehört!‘ Dann hätten wir als Kirche versagt.“  Und so hat er sich mit all seinen Kräften bemüht, das Anliegen der Evangelisierung wachzuhalten und konkrete An-regungen dazu zu geben, schon zu DDR-Zeiten, dann aber auch im gesamtdeut-schen Kontext. Oftmals sprach er dabei vom „Hebammendienst“, den wir als Chris-ten zu leisten hätten. Einen besonderen Ausdruck fand sein Einsatz dafür in dem Hirtenschreiben der deutschen Bischöfe „Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein“ aus dem Jahre 2000, das deutlich seine Handschrift trägt. Darüber hinaus hat er sich aber auch große Verdienste als Leiter der Kommission zur Revision der Ein-heitsübersetzung der Bibel im deutschen Sprachraum erworben.

Zweifellos war Bischof Joachim Wanke in den 32 Jahren seiner Amtszeit eine der prägendsten Gestalten der katholischen Kirche in Ostdeutschland. Als 1989 die Mauer fiel, empfand er die daraus resultierende Freiheit als ein „großes Geschenk“, aber auch als eine gewaltige Herausforderung, sich als katholische Minderheit in einer pluralistischen Gesellschaft neu zu orientieren. Dabei hat er sich mutig und kreativ an den kirchlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen beteiligt. Besondere Höhepunkte in dieser Zeit waren für ihn sicherlich die Bistumsgründung 1994, die Errichtung der Katholisch-Theologischen Fakultät 2003, das Elisabethju-biläum 2007 und der Papstbesuch 2011, wohl aber auch die erneute Rettung der weltberühmten „Gloriosa“ des Erfurter Doms 2004, die auch heute noch läuten wird. Dabei soll – wie mir erzählt wurde – das Schönste am Papstbesuch für ihn der Hub-schrauberflug von Etzelsbach nach Erfurt gewesen sein, bei dem er dem Papst von oben sein Bistum erklären konnte. Zudem ist überliefert, dass er Papst Benedikt, als sie beide im Priesterseminar  bei einer Gelegenheit kurzzeitig anstehen mussten, sogar einmal zu einem leichten Lächeln gebracht hat. Auslöser dafür war die Be-merkung: „Es gibt eben auch kein Paradies ohne Schlange“.

Und was ist nun sein Vermächtnis an uns? Mit seinen Worten: „Damals wie heute kann und will das Evangelium Orientierung und Halt geben.“ Das trifft auch – und vielleicht sogar in besonderer Weise – auf die Erzählung des Lukas von den Em-mausjüngern zu, die wir vorhin gehört haben und mit der sich Joachim Wanke im Rahmen seiner Dissertation intensiv beschäftigt hat. Modellhaft wird darin aufge-zeigt, wie auch heute jemand zum Glauben an den auferstandenen Jesus Christus kommen kann. Zugleich klingen dabei Erfahrungen an, die nicht nur gläubige Menschen machen, sondern auch aus einer „enttäuschten“ nachchristlichen Welt stammen können.

„Wir aber hatten gehofft …“ So hören wir die zwei Jünger auf dem Weg nach Em-maus klagen. Sie befinden sich in einer Umbruchsituation, wie sie dramatischer kaum sein kann. Der, auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatten, ist tot; sein Werk scheint auf tragische Weise gescheitert zu sein. Das hat sie zutiefst erschüttert und ratlos gemacht. Wie oft erweisen sich auch unsere bisherigen Vorstellungen als brüchig, tragen langbewährte Lösungen nicht mehr weiter, ist unseren Wünschen die Erfüllung versagt, scheint einem der Boden unter den Füßen weggezogen zu sein. Vieles geht uns unter die Haut und ans Herz: in Politik und Gesellschaft wie auch in Kirche und eigenem Leben. In der Klage darüber sollte man aber nicht „vor Anker gehen“.

Und so – erzählt die Geschichte weiter – lädt Jesus die beiden Jünger ein, über den eigenen Horizont hinauszublicken, und er ruft einiges in Erinnerung, was sie an-scheinend vergessen hatten. War in der Heiligen Schrift mit ihren prophetischen Andeutungen und Hinweisen nicht auch vom „leidenden Gottesknecht“ die Rede? Hatte Jesus nicht mehrfach angekündigt, dass er dieses Schicksal teilen müsse oder darauf verwiesen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“? So etwas für wahr zu halten, fällt normalerweise auch uns schwer. Wie oft verdrängen wir doch allesamt, auch schwach und sterblich zu sein. Und in Leid und Tod oder Verlust und Schei-tern sogar noch einen Sinn zu erkennen, gelingt nur wenigen.

Aber, so erinnern sich die Jünger dann doch auf dem Rückweg: „Brannte nicht un-ser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröff-nete?“ In der Emmaus-Geschichte geschehen alle Ereignisse innerhalb einer Gruppe: das Gespräch auf dem Weg, das gemeinsame Wandern, die Auslegung der Schrift, das Mahl. Und immer ist der Auferstandene unerkannt mit dabei. Der christ-liche Glaube – so könnte man sagen – ist nicht machbar, sondern ein gnadenhaftes Geschenk, hat jedoch auch einen sozialen Aspekt; er setzt einerseits gewachsene Kontakte voraus und schafft andererseits neue Verbindungen unter den Men-schen. Nicht ohne Grund gehen den beiden Jüngern beim Mahl die Augen auf. Und so ist unsere Kirche seit eh und je auf lebendigen Austausch und echte Kom-munikation aller Glaubenden angewiesen. Dabei ergeht es uns vermutlich manch-mal so wie den Jüngern von Jerusalem nach Emmaus, sind wir niedergedrückt und wissen nicht so recht, wie es weitergehen kann, manchmal aber erfüllen uns genau wie sie auf dem Rückweg nach Jerusalem freudige Gewissheit, Tatkraft und Zuver-sicht.

Höhen und Tiefen, Skepsis und Vertrauen, Erfolge und Rückschläge, Freude und Leid gehören ganz selbstverständlich zu unserem Christsein, dazu auch die Erfah-rung, mit anderen gemeinsam auf dem Weg zu sein und sich nicht allein den Her-ausforderungen stellen zu müssen. Letztendlich ist es aber das unbändige Vertrau-en darauf, dass der Tod nur das vorletzte Wort hat und wir nicht im Nichts versinken. Daran hat Joachim Wanke zutiefst geglaubt, und das gibt er uns auch in dieser Stunde mit auf den Weg: die Botschaft des Lebens, das den Tod überwindet, allen Menschen kundzutun und ihnen zu helfen, „sich mit allen Glaubenden zusammen dem österlichen Licht auszusetzen und dadurch Orientierung und Hoffnung für das eigene Leben zu gewinnen“. In diesem Sinne ist er uns voran- und vorausgegan-gen. Das sollte uns Mut machen, auch selbst auf je eigene Weise und in der Ge-meinschaft der Kirche „den Spuren Christi zu folgen“.