Pressemitteilung der Initiative Stolpersteine Erfurt
Am 9. November, dem Tag des Gedenkens an die nationalsozialistischen Novemberpogrome 1938, verlegt die Initiative „STOLPERSTEINE erfurt“ vier STOLPERSTEINE zur Erinnerung an Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter Ruth, Edith und Naemi. Eine nicht nachlassende Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin, vermittelt über ein Poesiealbum bis in unsere Gegenwart, spielt dabei eine zentrale Rolle.
Die Mutter der drei Mädchen, Sara Hellenbrand (geb. 1893), stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Kolomea in Galizien (heute Ukraine, Gebiet Iwano-Frankiwsk) und lebte ab 1913 in Erfurt. 1918 heiratete sie Benjamin Rosenblüth (geb. 1884 in Wola Rzeczycka, im heutigen Polen), der seit März 1918 in Erfurt wohnte. Ihre drei Töchter Ruth, Edith und Naemi wurden 1919, 1923 und 1926 geboren. Ab Oktober 1920 wohnte die Familie in der Gotthardtstraße 13a, wo Sara einen Kleinhandel mit Zigarren, Zigaretten und Altwaren betrieb. Wenige Wochen nach der Geburt der jüngsten Tochter verstarb der Vater Benjamin Rosenblüth 1926.
Ruth Rosenblüth (geb. 1919) besuchte die Königin-Luise-Schule (heute Königin-Luise-Gymnasium) und nach Abschluss der 7. Klasse das Städtische Goethe-Lyzeum mit Frauenschule in der Clausewitzstraße (heute Evangelische Gemeinschaftsschule Erfurt). Auf einem Klassenfoto von 1932 ist sie zu sehen; ein eigenhändiger Poesiealbumseintrag vom 19. Februar 1934 zeugt von ihrer Freundschaft mit ihrer Mitschülerin. Ruth verschwand eines Tages, ohne die 10. Klasse abgeschlossen zu haben. Ihre Mitschülerin hat das Gedenken an Ruth wachgehalten und das Büchlein sowie die Erinnerung an sie ihrer eigenen Tochter, Renate Krüger, vermacht. Diese hat die Stolpersteinverlegung initiiert.
Von Edith Rosenblüth ist gegenwärtig nur ihr Geburtsdatum, der 29. März 1923, bekannt.
Naemi („Normi“) Rosenblüth (geb. 1926) besuchte vier Jahre lang eine Volksschule in Erfurt und wechselte dann auf die Mittelschule I für Mädchen in der Kasinostraße 1 (heute Evangelisches Ratsgymnasium). Am 11. Oktober 1938 erhielt sie noch das Halbjahreszeugnis.
Keine drei Wochen später, am 28. Oktober 1938 wurden Sara, Ruth, Edith und Naemi Rosenblüth im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ von den Nationalsozialisten nach Polen abgeschoben. Nach der Mitte des Juli 1939 wurde die Familie endgültig aus Erfurt nach Warschau abgemeldet. Bis zu ihrem Tod 1942 fehlen jegliche Nachrichten.
Die Patenschaft für die vier STOLPERSTEINE haben die Initiatorin der Verlegung Renate Krüger, Erfurt, und die Evangelische Gemeinschaftsschule Erfurt übernommen.
Termin und Ort
Montag, 9. November 2026, 13 Uhr
Gotthardtstr. 13a, 99084 Erfurt
(mit Andreas Horn, Oberbürgermeister der Stadt Erfurt)
Am Sonntag, 8. November 2026, 15 Uhr findet ein Stadtrundgang „Antisemitismus und Judenverfolgung“ im Gedenken an die Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 statt.
Treffpunkt: Neue Synagoge Erfurt, Max-Cars-Platz 1, 99084 Erfurt
Antisemitismus und Judenverfolgung – Gesellschaftspolitik – 08.11.2026 – Erfurt - DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.
Hintergrund
STOLPERSTEINE sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der so seit 1992 in Europa die Erinnerung an Opfer des NS-Regimes wachhält. STOLPERSTEINE sind in den Gehweg eingelassene Steine, die mit einer Messingplatte versehen sind. Darauf sind die Lebensdaten von verfolgten Menschen eingraviert. Die STOLPERSTEINE werden vor dem letzten frei gewählten Wohnort der jeweiligen Person verlegt und weisen dort auf ihr Schicksal hin.
Die Initiative „STOLPERSTEINE erfurt“ gründete sich im Sommer 2024. Sie fungiert als Projekt der Bürgerstiftung Erfurt und vereint verschiedene Personen der Zivilgesellschaft, die sich gemeinsam für ein breites, bürgerschaftlich getragenes Erinnern an die Opfer der NS-Diktatur in Erfurt einsetzen. Grundlage dafür ist ein Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2023. Dieser ermöglicht es, dass in Erfurt STOLPERSTEINE verlegt werden können. Er wurde maßgeblich durch Anregungen aus der Bürgerschaft und auf Bitten von Nachkommen der Opfer erwirkt. Die Stadt Erfurt unterstützt die Initiative seit ihrem Entstehen aktiv.