Glaube an Gott kann zusammenführen

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke in der Andacht zu den Patronen Europas/ Europa-Wallfahrt nach Mariazell am 3. Mai 2019

Benedikt von Nursia aus dem 5. Jahrhundert, Cyrill und Methodius aus dem 9. Jahrhundert, Birgitta von Schweden und Katharina von Siena aus dem 14. Jahrhundert, Edith Stein aus dem 19. Jahrhundert – sie alle stehen heute um uns herum und bilden einen Kreis von Christen, die uns bittend und fragend anschauen. Sie haben durch ihren Glauben Menschen verschiedener Länder mit Jesus Christus in Verbindung gebracht: als Ordensleute, Priester und Bischöfe. Sie haben in unterschiedlicher Weise Länder und Kulturen zueinander gebracht und damit Europa vorgebildet, wie wir es heute erleben und sehen.

Angesichts der bevorstehenden Wahlen zum Europa-Parlament ist das Anliegen, die Menschen Europas beieinander zu halten oder wieder zueinander zu bringen: Das ist ein wesentlicher Inhalt unserer Wallfahrt, die an diesen Tagen hier in Mariazell stattfindet.

Wir sind hierher gewallfahrtet, um am Gnadenbild der „Magna Mater Austriae“ für die Einheit Europas und der Völker der Welt zu beten. Seit dem 12. Jahrhundert pilgern Christen hierher, angefangen von Markgraf Heinrich von Mähren, der hier Heilung seiner Krankheit erfuhr und zu Ehren der Gottesmutter im Jahr 1200 eine romanische Kapelle errichten ließ. König Ludwig I. von Ungarn und viele andere Verehrer der Gottesmutter stifteten nach ihren Möglichkeiten Kunstwerke, um diesen Ort in seiner Bedeutung den Christen nahe zu bringen.
Bis heute bestaunen wir diese Kostbarkeiten und sollen dadurch etwas erahnen von der Liebe zur Gottesmutter, die sich in den Geschenken und Stiftungen seit Generationen zeigt.

Wenn wir die Patrone Europas anschauen, die in ihren unterschiedlichen Charismen in der Kirche Europas gewirkt haben, dann spüren wir etwas von der Macht Gottes und der Kraft des Heiligen Geistes, die uns schon in der Lesung aus der Apostelgeschichte bezeugt wird. 50 Tage nach der Auferstehung Jesu Christi von den Toten waren die Apostel in Jerusalem versammelt.

An anderer Stelle berichtet die Apostelgeschichte, dass auch Maria und andere Frauen und Brüder im Haus zum Gebet versammelt waren. Sie hatten Matthias in den Kreis der Apostel gewählt, damit die Zwölfzahl wieder besteht, die von Jesus Christus angedacht und initiiert worden war. Besondere Witterung mit Sturm wird berichtet und besondere Feuerzeichen, die sich auf alle Anwesenden verteilen und anzeigen, dass der Heilige Geist am Wirken ist, was sich dann besonders im Predigen der Apostel, Marias, der Frauen und Brüder gezeigt hat – die Apostelgeschichte macht ja zunächst keinen Unterschied, denn alle empfingen den Heiligen Geist und predigten – so lesen wir.

Später jedoch ist Petrus, der Fischer vom See Genezareth, der vielleicht noch nicht einmal lesen und schreiben konnte, der charismatische Prediger. Er beeindruckt mit seiner Kenntnis der Heiligen Schrift, wenn er in einer nachfolgenden Predigt den Propheten Joel mit den Worten zitiert: „Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben und eure Alten werden Träume haben“ (vgl. Joel 3,1). Das Sprachenwunder gilt als Pendant zur Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel. Die Menschen wissen um die Muttersprache der Prediger aus Galiläa und deshalb verwundert sie, was sie an Kommunikation erleben: das einheitliche Verständnis trotz unterschiedlicher Muttersprache der Hörerinnen und Hörer.


„Was hat das zu bedeuten?“ oder in der Übersetzung von Martin Luther: „Was will das werden?“ – diese Frage am Ende unseres Bibeltextes kann uns an diesem Tag begleiten, denn es ist die Frage, die sich die Initiatoren dieser Wallfahrt stellen müssen und sicherlich schon gestellt haben.

Was bezwecken Wallfahrten zur Gottesmutter von Mariazell? Ist an ein Wunder gedacht, das heute oder morgen passiert und auch hier wie damals in Jerusalem ohne Dolmetscher verstehen lässt, was z.B. ich jetzt gerade in deutscher Sprache spreche? Unser Glaube ist zwar sehr stark, aber ich denke, dass an solches Wunder von den Organisatoren nicht gedacht wurde.

Was will das werden? – ich denke eher an eine Verlebendigung dessen, was schon bei unserer Taufe grundgelegt wurde: Wir sind miteinander durch unser Bekenntnis zu Jesus Christus, durch die gemeinsame Taufe und Firmung, durch die Gemeinschaft in der Feier der Eucharistie und in der Freude am Glauben Mariens schon verbunden. Wie so oft in unserem Glaubensleben braucht es bisweilen Zeiten und Orte der Erinnerung an das, was uns schon verbindet.

Alle Gedenkorte – religiöse oder weltliche – haben den tieferen Sinn, das schon Erreichte in Erinnerung zu bringen. Heute wird es sogar sichtbar darin, dass Katholiken aus den verschiedenen Ländern zusammengeströmt sind, um länderübergreifend und in verschiedenen Sprachen – wie wir es am Beginn der Andacht auf deutsch und tschechisch schon praktiziert haben – das Gotteslob zu singen. Es ist kein babylonisches Stimmengewirr, sondern ein Gotteslob, bei dem wir bisweilen in verschiedenen Sprachen,  aber mit einer gleichen Melodie unser Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringen. Wer miteinander das Lob Gottes und der Gottesmutter gesungen hat, ist unfähig zu Feindschaft und Zwietracht. Wie sehr wünsche ich mir manchmal in harten Diskussionen innerhalb und außerhalb der Kirche das miteinander Singen und Beten.

Ich bin froh, dass wir beim Programm unserer Zusammenkünfte der deutschen Bischöfe im Frühjahr und Herbst die Diskussionen über wichtige Fragen der Kirche mit der heiligen Messe und dem Stundengebet beginnen. Ich bin froh, dass es auch zunehmend wieder zur Praxis wird, bei den Zusammenkünften in den Pfarreien mit einer Schriftbetrachtung und mit Gebet zu beginnen und die Versammlung so zu schließen. Das scheint zwar für viele Menschen selbstverständlich zu sein, aber bisweilen ist es in Vergessenheit geraten und braucht eine neue Initiative.

Es bahnt sich mit dem gemeinsamen Nachsinnen über die Heilige Schrift eine veränderte Sicht der Probleme an. Vielleicht gibt es ein Problem mit Menschen aus anderen Völkern und Kulturen in unseren Pfarreien, dem  wir uns stellen müssen. Ich habe es kürzlich erlebt, dass am Ostermontag in einer heiligen Messe Dreiviertel der anwesenden Katholiken kein deutsch sprechen konnten und vermutlich auch aus einem unierten Ritus kamen. Sie wollten gern für einen verstorbenen Verwandten aus dem Irak eine heilige Messe feiern, aber sie hatten keinen Priester aus ihrem eigenen Ritus. Daher kamen sie in die heilige Messe, die ich im römisch-katholischen Ritus gefeiert habe. Es tat mir leid, dass sie nicht mittun konnten wie die Gemeindemitglieder des Domes.

Ich spürte, dass hier eine Aufgabe für uns in den Pfarreien und der Bistumsleitung besteht: Wie können wir diesen Katholiken in Erfurt helfen, in ihrem Ritus die heilige Messe zu feiern? Das Thema wurde nicht rein theoretisch zu mir gebracht. Es war eine praktische und wirkliche Erfahrung, die mich hilflos gemacht hat. Das darf aber so nicht bleiben.


„Was hat das zu bedeuten?“ oder: „Was will das werden?“– Wir stellen um uns Glaubenszeugen, die in ihrer Zeit in der Nachfolge Christi gelebt und ihre persönlichen Charismen zum Segen der Kirche und Gesellschaft eingesetzt haben. Sie sagen uns heute: Nicht nur im 5., 9., 14. und 19. Jahrhundert war ein Glaubenszeugnis gefragt und möglich. Zu aller Zeit sind wir Christen eingeladen, nach unseren Charismen zu suchen und sie einzubringen. Nicht immer werden wir es dazu bringen, einmal in den großen Kalender der Heiliggesprochenen und Patronen Europas aufgenommen zu werden, aber niemals dürfen wir sagen: „Das können wir nicht.“ Sicherlich können wir es nicht aus eigener Kraft, sondern wie die Apostel, die Frauen, die Schwestern und Brüder in Jerusalem können wir es in der Kraft des Heiligen Geistes.


Jedes Jahr habe ich die Freude, Menschen kennen zu lernen, die als Erwachsene anfangen, als Christen zu leben. Manche sind seit vielen Jahren unterwegs und haben dann irgendwann gesagt: „Entweder mache ich es jetzt oder es wird nie etwas!“ In diesem Jahr habe ich eine 60jährige und eine 40jährige Frau und einen 40jährigen Mann zur Taufe begleiten können. Jede Woche kamen sie zu mir, um über den Glauben zu sprechen und vorher und nachher zu beten und zu singen. „Endlich habe ich es geschafft!“ – sagten alle nach der Osternacht. Die 60jährige Frau ist nun eine von vier Katholiken in ihrem Dorf, das 64 Einwohner hat. Seit 18 Jahren  war sie auf der Suche nach der katholischen Kirche und ist nun angekommen. Eine Frau aus dem benachbarten Kirchort hat sich als Patin bereiterklärt. Bisher hatten beide Frauen noch nie etwas miteinander zu tun. Nun gehören sie im Glauben zusammen. Studenten und Hausfrauen kommen in diese Kreise und entdecken, wie sehr Gott schon in ihrem Leben gewirkt hat.


Was unsere Patrone Europas und viele andere Christen taten, ist in den Augen zahlreicher Menschen unvernünftig und unnötig. Wir können nicht damit rechnen, dass alle Menschen applaudieren, wenn wir die Maßstäbe Jesu in unser Leben übernehmen, aber wir können sicher sein, dass dieses Verhalten selig macht – selbst dann, wenn es uns das Leben kostet.


Ich weiß, dass die Einladung zur Erkenntnis des Glaubens oft in der Lautstärke von Werbung und Schlagern verhallt. Ich weiß, dass die Naturwissenschaft viel eher Anerkennung und Beachtung findet als die Gute Nachricht vom Kommen des Gottesreiches inklusive der Botschaft, dass dieses Gottesreich jetzt schon durch Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung spürbar sein soll. Und dennoch bleibe ich dabei, dass ich diese Erkenntnis des Glaubens nicht vermissen möchte, weil es sich damit leichter leben lässt. Wenn Freundschaften zerbrechen oder angestrebte Ziele nicht erreicht werden können, wenn Krankheiten unsere Pläne durchkreuzen oder die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe keine Antwort findet, dann hilft die Erkenntnis: Gott steht zu mir. Er ist auch da, wenn Wolken mein Leben verfinstern. Gern möchte ich aber auch auf das Positive hinweisen, das mir die Erkenntnis Gottes schenkt: Der Mensch ist als Geschöpf Gottes an sich schon wertvoll. Er wird nicht erst wertvoll durch Leistung und Anerkennung, durch Arbeit und Geld. In meiner Kindheit und Jugend wurde mir in der sozialistischen Schule noch beigebracht: „Du musst etwas leisten, damit du wertvoll für die Gesellschaft bist.“ Der Glaube entlastet von aller Angst des Versagens. Diese Erkenntnis wünsche ich mir und allen Menschen, die ich gut leiden kann.


Herzlich möchte ich einladen zu einem Leben aus dem Glauben – aus der Erkenntnis der persönlichen Werthaftigkeit aufgrund unseres Daseins, das Gott will. Niemand ist zufällig in der Welt. Niemand ist ersetzbar und kann ausgetauscht werden. Jeder ist eine Kostbarkeit, die Gott nicht vermissen möchte. Und diese Kostbarkeit meines Lebens ist eingebunden in ein großes Kunstwerk, das wir Schöpfung nennen. Es ist eine bunte Vielfalt an Sprachen und Kulturen, jedoch befähigt, in der Kraft des Gottesgeistes zu einer Einheit zu finden. Das sage ich mir und das sage ich allen – eine wirklich gute Nachricht.


Die Fürsprache der Gnadenmutter von Mariazell möge uns helfen, die Einheit in Glaube, Hoffnung und Liebe zu gestalten und zu festigen. Amen.


Bibeltext, auf den sich die Predigt bezieht

Das Pfingstereignis (Apostelgeschichte 2, 1-12)
Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.
Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten?