Blick in die Zukunft der Pastoral für Menschen mit Behinderung

Rede von Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Beauftragter der DBK für die Seelsorge für Menschen mit Behinderung

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
eigentlich ist schon alles gesagt, was zur Seelsorge für Menschen mit Behinderung zu sagen wäre. Ich selbst soll nun laut Plan noch etwas über die Zukunft der der Pastoral für Menschen mit Behinderung sagen. Ich müsste aber ein Prophet sein, um es mitteilen zu können. Ich bin jedoch nur ein Seelsorger heute, der versucht, die Situation von Menschen mit Behinderung zu erfassen, die Frage nach ausreichender und passender Seelsorge zu stellen und nach den Menschen Ausschau zu halten, die eine solche Seelsorge leisten können, nachdem ihnen eine passende Qualifikation zu ihrem guten Willen möglich geworden ist. Die Menschen mit Behinderung, die Seelsorgerinnen und Seelsorger und die richtige Methode müssen zusammenspielen, damit es etwas werden kann. Was entwickelt und in die Zukunft geführt werden kann, ist die Qualifikation der Gutwilligen. Da haben die Verantwortlichen hier in Aulhausen schon ausreichend Erfahrung. Ich habe jedoch den Eindruck, dass das Wissen um diese Orte, an denen qualitätsvolle Arbeit geleistet wird, zu wenig bekannt ist. Es ist wie bei vielen Bereichen der Seelsorge: die Fachleute kennen sich untereinander, aber diejenigen, die Fachleute brauchen könnten, kennen sie nicht. Was also ist zu tun?

Ich schlage vor:
 
1)    Information über die Menschen mit Behinderung

Darüber könnten wir heute in Aulhausen viele gute Informationen bekommen. Ich dachte mir jedoch, dass es auch gut sein könnte, einen Film im Ausschnitt anzusehen, der anlässlich der Sternsingeraktion 2019 angefertigt worden ist. Er handelt von Menschen mit Behinderungen in Peru. Für sie wurde bei der Sternsingeraktion in diesem Jahr das Geld gesammelt. Um Kindern, Helfern und Spendern die Situation von Menschen mit Behinderung nahe bringen zu können, wurde mit dem bei Kindern gut bekannten Reporter Willi Weitzel ein Film in Lima gedreht, der sowohl die schwierige Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen als auch die Therapiemöglichkeiten und das Mittun der Eltern beschreibt. Der Film hat eine Lang- und Kurzversion, eine Version mit Deutscher Gebärdensprache, mit deutschen Untertiteln und eine spanische Fassung. Da die Kurzversion von 12 Minuten keine Gebärdensprache zeigt und diese mir aber sehr wichtig ist, habe ich die Langversion mit Gebärdensprache genommen und werde sie gekürzt auf 15 Minuten zeigen. Wer den Film schon kennt, kann sich dennoch über die frische und frohe Art freuen, die er zeigt, wenn sich Helferinnen und Helfer um die Menschen mit Behinderung oder – wie es dort heißt: um besondere Menschen – sorgen.

- Film 15 Minuten –

2)    Information über das, was es an guten Angeboten gibt

Nun kann man sich schnell damit herausreden, dass es ja in Peru ganz andere Probleme als in Deutschland gibt, die bewältigt werden müssen. Niemand wird aber behaupten wollen, dass die Probleme bei uns leichter bewältigt werden können. Vielleicht ist bei uns der Bürokratismus größer und verhindert schnelle und leistungsstarke Unterstützung. Das können die Fachleute am besten beurteilen. Es wird dieses Haus für Menschen mit Behinderung oder besonderen Menschen auch nicht überall in Lima bekannt sein, aber durch einen solchen Imagefilm besteht die Möglichkeit, für Kinder, Jugendliche und Helfer hier in Deutschland und in allen lateinamerikanischen Ländern, in denen spanisch gesprochen wird, Informationen zu bekommen, die dann zur Frage führen: Und welche Einrichtungen gibt es bei uns in der Nähe? Wo gibt es Kinder mit Behinderung in der Schule? Wie wird Inklusion versucht und praktiziert? Wie geht es in einer Schulklasse, in der Kinder mit einer sogenannten körperlichen Behinderung mitlernen? Gibt es ein gutes Miteinander oder gibt es Ausgrenzung? Wo werden die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung geschult? Ich weiß darum, dass es hier überall Angebote gibt, die in unterschiedlicher Intensität auch gefördert werden. Gebärdensprachkurse in Priesterseminaren gibt es bisweilen. Bei mir war das Interesse durch eine Reinigungskraft im Seminar geweckt, die gehörlos war und mit uns Seminaristen immer plaudern wollte, aber wir sie nicht verstanden. Da war für mich klar: das musst du lernen! Es ergab sich dann in der Seminarzeit eine solche Gelegenheit. Als ich dann 1987 zur Promotion wieder nach Erfurt ging, war die Stelle des Gehörlosenseelsorgers vakant und ich wurde durch den Bischof gefragt, ob ich das nicht nebenbei übernehmen könnte. Nachdem der Doktorvater zugestimmt hatte, konnte ich beginnen und es war eine „learning by doing“. Die besondere Erfahrung war der Religionsunterricht in einer Gehörlosenschule mit ca 4-6 Schülern. Eine besondere Erfahrung war eine Religiöse Kinderwoche mit diesen gehörlosen Kindern, die beim Ausschalten des Lichtes ab Abend sich ja nicht mehr miteinander unterhalten konnten. Es war plötzlich still.
Diese besonderen Kinder und Jugendlichen im Blick zu behalten, sollte für alle Seelsorgerinnen und Seelsorger eine Selbstverständlichkeit sein, und wenn jemand sagt, es gibt keine in meiner Pfarrei, dann kann ich mit Sicherheit behaupten: er hat sie noch nicht gesehen und besucht. Besonders spannend ist es für einen Pfarrer, dann vor der Frage zu stehen, ob ein Kind mit sogenannter geistiger Behinderung die Sakramente empfangen darf, wenn es den theologischen Inhalt nicht verstanden hat. Ich kenne solche Diskussionen und die Skrupel, die manche bei dieser Frage haben.

3)    Sensibilisierung für die „besonderen Menschen“ in der Pfarrei

Unser Blick wurde durch diesen Imagefilm des Kindermissionswerkes vor allem auf besondere Kinder und Jugendliche gelenkt. Natürlich gibt es sie in allen Altersstufen und mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Als Weihbischof, der in der Arbeitsgemeinschaft der Pastoralkommission mitarbeitet, die sich um diakonische Pastoral bemüht, habe ich bei Visitationen schon einen besonderen Blick für Barrieren bei Kirchen, Gemeinderäumen und auch bei den Worten, die wir in Schaukästen oder auf der Homepage veröffentlichen. Es muss jeder Pfarrer die Frage beantworten, ob er die Lektionare in leichter Sprache anschafft. 42,90 EURO kostet das Lektionar für die Sonn- und Feiertag im Lesejahr A, das im Advent beginnt. Ist das eine Investition, die sich lohnt?  Ich sage, dass sie sich allein schon für den Prediger lohnt, der aufgrund dieser Übersetzung auch eine Predigt für „nicht-besondere Gläubige“ machen muss. Wie schon bei den Texten für Gehörlose wird der Blick für theologische Aussagen frei, die bisher nicht so sehr wichtig waren. Wer z.B. eine Predigt vor Gehörlosen über die Heilung des Gehörlosen und Stummen vorbereiten will, wie sie in Mk 7, 31-37 berichtet wird, der muss die Frage im Blick behalten: „Und warum werde ich nicht geheilt und kann hören und sprechen?“  Und Blindenheilungen, die in vielfacher Weise von Jesus berichtet werden, lösen die gleiche Frage aus. Hier kann ich als Seelsorger nur darauf aufmerksam machen, dass die besondere Aufmerksamkeit Jesu den Menschen mit Behinderung galt und diese sich durch die Heilung auch grundsätzlich in ihrem Lebensablauf verändern ließen, denn Heilung bedeutet ja auch: Umstellung des Lebensalltags, der jetzt plötzlich selbstbestimmt gestaltet werden kann und muss. Die Sensibilisierung für Besonderheiten in der Seelsorge war zu allen Zeiten eine Herausforderung. Das technische Zeitalter mit Digitalisierung fordert uns wiederum heraus, die Chancen und Gefahren zu erkennen, zu benennen und Wege zu suchen, wie auf diesem Weg das Evangelium zu den Menschen kommen kann. Eine Einladung für Interessierte an einem geistlichen Leben in die Kirchenzeitung zu schreiben, bringt nicht viel, weil Jugendliche die Kirchenzeitung höchstens online lesen. Eine Einladung für Menschen mit Behinderung zu einer Begegnung in der Pfarrei auszusprechen, muss gut überlegt werden, denn die Wege der Kommunikation muss man kennen, wenn man will, dass die Einladung ankommt. Das Internet ist hier sehr hilfreich. Eine gute Predigt in leichter Sprache kann viel Arbeit machen, aber es lohnt sich, auf diese Weise über den Kern der Botschaft nachzudenken und vielleicht manchen Lieblingsgedanken wegzulassen, den es bei uns Predigern immer gibt. Ein Bericht über einen Priester, der durch eine Viruserkrankung querschnittsgelähmt wurde, hat mich vor einiger Zeit sehr beeindruckt. Haderte mit Gott und fragte, ob ihm denn an seinem Dienst als Priester irgendetwas nicht gefallen hat. Nach langer Zeit konnte er seine Behinderung annehmen und arbeitete als Krankenhausseelsorger. Wenn er mit seinem Rollstuhl in ein Zimmer kam, sagte er: „Sie müssen mir keinen Stuhl anbieten. Ich habe ihn schon mitgebracht!“ Das klingt etwas makaber, aber erkennbar ist, wie auch in dieser Behinderung eine Besonderheit liegt, die man nicht machen kann, sondern die sich ergibt und deren tieferen Sinn es zu erkennen gilt.

4)    Ein Zeugnis zum Nachdenken

Guillermo Juez, ein Biologe, Philosoph und Priester in Spanien, schreibt über sein Ringen mit der Querschnittslähmung, die er sich bei einem Verkehrsunfall 1982 zugezogen hatte:
„Während dieser Jahre (der Krankheit) habe ich manchmal mit Kranken gesprochen, von denen einige mehr Erfahrung mit Schmerzen hatten als ich. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass uns Kranken oder behinderten natürlich die fehlende Gesundheit gemein ist, dass wir aber sonst in jeder Hinsicht verschieden sind. … Als ich zum Beispiel vor einiger Zeit in Pamplona mit einem Blinden sprach, der zudem noch an zunehmender Taubheit leidet, konzentrierte er sich auf andere Punkte als ich, der querschnittsgelähmt ist…
Was genau hat mir nun geholfen, Christus in der Krankheit zu begegnen und der Behinderung einen Sinn zu geben? Als ich vor Jahren nach dem Unfall aus der Klinik kam, wurde ich Mitglied einer Vereinigung von Behinderten. Dort erläuterte man mir die Ziele, die diese Gruppe erreichen wollte. Barrierefreies Wohnen, Subventionen u.a. Ich bekam praktische Ratschläge für die Handhabung des Rollstuhls. Ich lernte, ohne Hilfe ins Auto ein- und auszusteigen. Das ist sehr nützlich, aber es berührt nicht das eigentliche Problem, dessen Schlüssel die Sinnfindung ist: was kann diese Behinderung, dieses Leiden für mich bedeuten?“
Guillermo Juez deutet sein persönliches Schicksal mit folgenden Worten: „Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat durch seinen Tod am Kreuz die ganze Menschheit erlöst und so dem Schmerz Sinn und Wert verliehen. Wenn wir also an unserem Kreuz hängen, wenn wir leiden, dann können wir christusförmiger und daher noch mehr Kind Gottes und von Gott Vater geliebt sein. Wir sind glücklicher und auch wirksamer, weil wir bei der Erlösung der Welt mithelfen. Wenn es Gottes Wille ist, dass der Rollstuhl und alles, was er mit sich bringt, mir helfen soll, christusförmiger, wirksamer und mehr von Gott geliebt zu sein, dann hat die Krankheit einen Sinn, dann lohnt sie sich. Man ist nicht mehr trotz des Rollstuhls glücklich, sondern weil man im Rollstuhl sitzt. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Und die Schlussfolgerung ist ganz einfach: Gott danken, weil ich im Rollstuhl sitze.
Die Querschnittslähmung (oder jedweder Krankheit) ist die Möglichkeit, die Gott uns gibt, damit wir eine Reihe von übernatürlichen und menschlichen Tugenden erwerben, die wir auf andere Art nicht erworben hätten. Sie erlaubt uns – ist sage nicht, dass es leicht ist – verschiedene Tugenden zu entfalten: Geduld, übernatürlich Sicht, Opferbereitschaft, Dankbarkeit für Hilfen, Demut, Ausdauer usw. Und auch – das ist nicht wenig, von den eigenen Fehlern gereinigt zu werden und Verdienste für den Himmel zu erwerben.“
 
Dieses eindrucksvolle Selbstzeugnis zeigt uns: Menschen, die mit Beeinträchtigungen sowie mit umwelt- und einstellungsbedingten Behinderungen leben, müssen selbst zu Wort kommen dürfen. Der Grundsatz der sogenannten UN-Behindertenrechtskonvention „Nicht ohne uns über uns“ gilt auch für unsere pastorale Arbeit! Wenn wir Menschen mit Behinderung den Raum geben, selbst Zeugnis von ihrem Leben und von ihrem Glauben ablegen zu können, verändert das die Sicht aller Beteiligten und die Sicht auf Behinderungen. Freilich wird nicht jeder Mensch seine Beeinträchtigung wie Guillermo Juez als sinnstiftend empfinden können. Aber das Beispiel des spanischen Biologen, Philosophen und Priesters macht uns deutlich, dass Menschen mit Behinderungen uns etwas zu sagen haben – und mitunter Tugenden entwickeln, die vielen Menschen ohne Beeinträchtigungen ihre eigenen Behinderungen wie Egoismus und Undankbarkeit vor Augen führen können.

5)    Schlussbemerkung

Wir haben von Lateinamerika gehört und ich konnte etwas von meinen Erfahrungen berichten. Damit habe ich die Zukunft der Pastoral für und mit Menschen mit Behinderung noch nicht zufriedenstellend beschrieben. Es ist jedoch für mich Seelsorger immer ein Suchen nach den Spuren Gottes, denn nichts anderes tun wir als diese Spuren entdecken und gehen. Wenn es jetzt diese Projekte hier in Aulhausen und in Lima und an vielen anderen Orten gibt, dann können sie ja nur bestehen, weil irgendwann sich Menschen gefunden haben, diese hier an diesem Ort und in dieser Zeit zu realisieren. Niemand kann sagen, ob das in 100 Jahren immer noch so ist. Vielleicht hat die Medizin Wege gefunden, um sämtliche Beeinträchtigungen  auszuschließen, wie es ja z.B. Kinderlähmung nicht mehr geben muss, weil man Medikamente gefunden hat. Da sich jedoch vielleicht nicht schnell und bald alles im guten Sinn heilen lässt, sind wir aufgerufen, die Aufmerksamkeit für die besonderen Menschen zu stärken und zu schärfen.
 
Dazu gehört auch notwendige Strukturen für die Pastoral für und mit Menschen mit Behinderung zu erhalten bzw. zu schaffen. Auf Bundesebene hat sich seit der für viele schmerzlichen Schließung der Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz für die Pastoral für und mit Menschen mit Behinderung einiges getan. Es ist den Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Diözesen sowie den Verantwortlichen auf Bundesebene gemeinsam zu verdanken, dass wir nunmehr eine Konferenz der Diözesanverantwortlichen sowie einen der Pastoralkommission zugeordneten Beirat haben, die in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz regelmäßige Fort- und Weiterbildungen organisieren und in verschiedenen Arbeitsgruppen Projekte ins Leben rufen und gemeinsam verantworten. Zu letzteren zählt u. a. die nun bald erhältliche Arbeitshilfe „Leben und Glauben gemeinsam gestalten. Kirchliche Pastoral im Zusammenwirken von Menschen mit und ohne Behinderungen“, die Anlass für unser heutiges Zusammenkommen ist. Ich hoffe, diese Arbeitshilfe wird wie das Wort der deutschen Bischöfe „unBehindert Leben und Glauben teilen“ von 2003 ein Meilenstein auf unserem Weg hin zu einer inklusiven Kirche. Unsere Katholische Kirche als allumfassende Gemeinschaft der Gläubigen ist schon aus ihrem Namen heraus inklusiv, da sie eben alle ihre Gläubigen umfasst. Das bedeutet auch, dass sie allen Gläubigen – ob unbehindert oder behindert – ein Zuhause des gemeinsamen Lebens und Glaubens sein muss. Sonst ist sie eben nicht mehr katholisch.

Gemeinsam wollen wir in diesem Sinne noch „katholischer“ werden und unter dem Motto „Inklusive Kirche“ anstehende Projekte angehen wie einen Aktionsplan der Deutschen Bischofskonferenz, ein neues Bildungskonzept, eine Patientenverfügung in Leichter Sprache sowie die Online-Plattform www.inklusive-kirche.de, bei der sie zukünftig u. a. die neue Arbeitshilfe in einer Kurz- und in einer Langvariante finden werden.
 
Und wir werden uns auch nicht scheuen, mitunter schwierige Themen anzugehen: So bin ich auch willig, den nicht ganz einfachen Weg zu beschreiten, um in Rom ein Hochgebet in leichter Sprache für den deutschsprachigen Raum genehmigen zu lassen. Scherzhaft sage ich dazu: „Dann muss der Text ja erst mal in leichtem Latein geschrieben werden. Gibt es das?“ Ich denke, dass es gelingen wird wie alle unsere pastoralen Unternehmungen, wenn wir auf die Kraft des Gottesgeistes vertrauen, der uns die guten Wege zeigt und ebnet. In dieser Zuversicht können wir die Zukunft wagen.