Sehen können – auch anders

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke am 2. Mai 2019 in Aulhausen

Bild: www.dbsv.org; In: Pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,
 
wenn ich nichts sehen kann, dann kann ich nicht loslaufen. Ich kenne den Weg nicht. Ich könnte hinfallen oder vor ein Auto laufen. Ein blinder Mensch muss einen Helfer haben. Sonst ist Lebensgefahr.
Ich war in der Fahrschule. Wenn ich falsch gefahren bin, dann habe ich gesagt: „Ich habe es nicht gesehen!“ Dann hat der Fahrlehrer gesagt: „Wenn ich nichts sehe, dann kann ich nicht fahren!“ Das verstehe ich gut!
Der blinde Mensch Bartimäus kann aber gut hören.  In der Stadt Jericho gibt es viele Menschen. Alle reden durcheinander. Dann kommt Jesus und alle sprechen noch lauter! Alle rufen einander zu: Jesus kommt in unsere Stadt! Der blinde Bartimäus muss schon von Jesus gehört haben. Er ruft nach Jesus. Er hat Hoffnung gesund zu werden. Viele Kranke sind schon durch Jesus gesund geworden. Besonders die blinden Menschen  haben schon einander zugerufen: Jesus kann die blinden Menschen gesund machen. Jesus kann die kranken Menschen gesund machen.

Als Jesus die Stimme des blinden Bartimäus gehört hat, ruft er Bartimäus zu sich. Die Menschen haben zuerst gesagt: Sei ruhig! Jetzt sagen sie: er ruft dich! Bartimäus wird nicht an die Hand genommen. Er wirft seinen Mantel weg und läuft los – ohne Hilfe. Er kann nicht hören, wo Jesus ist. Er hat ja seine Stimme nicht gehört. Er hat nur die Stimme der Menschen gehört,  die ihm gesagt haben: Jesus ruft dich! Er läuft einfach los und ist voller Hoffnung auf gesunde Augen.
Dann fragt Jesus den Blinden. Was hast Du für einen Wunsch? Die Antwort ist klar: Ich möchte wieder sehen können! Jesus antwortet wie immer bei einem Wunder: Dein Glaube hat dir geholfen!
Bartimäus geht dann aber nicht zu seiner Familie. Er geht auch nicht in die Geschäfte und schaut sich an, was man kaufen kann. Er geht hinter Jesus her. Er folgt Jesus.
Was lerne ich aus diesem Evangelium? Was ist die gute Nachricht von Jesus?

1) Ich kann Hilfe bekommen, wenn ich blind bin. Das bedeutet nicht: Alle blinden Menschen sind morgen alle gesund und die Blindenschulen sind arbeitslos.  Es bedeutet: Bei Jesus sein schenkt mir Ruhe und Frieden. Ich sehe die Welt mit neuen Augen. Ich sehe: Was ist wichtig!

Auch die gesunden Menschen  sehen manchmal ganz viel. Sie schauen auf das Smartphone. Immer neue Informationen! Das ist interessant. Aber. Wir werden auch durcheinander im Kopf. Wir müssen wissen: Was ist wichtig?
2) Wenn Jesus mich ruft, dann kann ich loslaufen. Ich kenne noch nicht den konkreten Weg und das konkrete Ziel. Ich kann aber sicher sein: Das Ziel ist gut. Es ist Gott. Es ist der Himmel.

In diesen Wochen gehen viele Kinder zur Erstkommunion. Manchmal sagen die Pfarrer: Hoffentlich sehe ich die Kinder nach der Erstkommunion wieder in der Kirche! Es soll nicht die Erst- und Letztkommunion sein! Aber ich sage dann: Die Kinder haben gespürt: die Gemeinschaft mit Jesus Christus ist schön. Er begleitet uns auf unserem Weg! Die Kinder haben gute Gedanken, wenn sie an Gott und die Kirche denken.

3) Manchmal sind andere Menschen wie die Stimme von Jesus. Gott schickt manchmal Menschen, die mir sagen, was der Wille Gottes ist. Das ist nicht immer leicht. Manchmal sind die Wege von Gott anders als unserer Pläne. Im Kloster gibt es einen Abt und im Bistum gibt es den Bischof. Der Abt und der Bischof sagen zu den Seelsorgern: In diese Richtung müssen wir gehen!  Dann können wir noch darüber reden, aber dann muss es auch so gemacht werden.

4) Der Wunsch ist: Ich will wieder sehen können! Er konnte früher sehen. Darum sagt er: Ich möchte  w i e d e r sehen können. Er weiß, wie schön die Welt ist. Wir wissen aber auch: Nicht alles in der Welt ist schön. Wir müssen arbeiten für die schöne Welt. Ich höre oft: Der Papst oder die Politiker müssen die Welt schön machen. Ich sage: Nicht nur der Papst und die Politiker. Wir alle müssen helfen! Wir alle sollen den Wunsch haben: das Gute und das Böse wollen wir sehen und dann können wir die Welt besser machen!
 
5) Der Mann kann sehen. Er folgt Jesus auf dem Weg. Er geht nicht  s e i n e  eigenen Wege. Er folgt Jesus. Die neuen Augen zeigen, was wichtig ist: Jesus nachfolgen. Wie geht die Geschichte weiter? Wir wissen es nicht.  Viele Menschen  haben die Wunder von Jesus gesehen und seine Worte gehört.  Nicht alle sind bei ihm geblieben. Manche sind weggegangen. Auch die Apostel sind weggelaufen, als Jesus gefangen genommen wurde. Aber: Es ist gut! Wir können immer zu Jesus zurückgehen.

Das Evangelium wurde durch den heiligen Markus aufgeschrieben.  Der heilige Markus war nicht dabei. Menschen haben ihm von dieser Heilung des Bartimäus erzählt. Diese Erzählung war ganz wichtig. Die gesunden und die kranken Menschen haben sie weiter erzählt.
 
Auch heute hören wir diese Erzählung bei unserem Fest in Aulhausen.  Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung hören die Erzählung. Die Blinden fragen: Kann auch ich geheilt werden und sehen? Die Antwort kenne ich nicht.

Jesus hat viele Menschen gesund gemacht, aber nicht  a l l e  kranke Menschen. Durch den Glauben sehen auch die Blinden besser. Sie wissen: Ich bin nicht allein. Gott schaut auf mich. Gott liebt besonders die Kranken und Behinderten.
 
Auch die Sehenden und Gesunden können neue Augen bekommen. Sie sehen heute die vielen Helferinnen und Helfer in Aulhausen. Sie hören gute Vorträge über die Arbeit mit den „besonderen Menschen“ – so werden die Menschen mit Behinderung  auch genannt. Wir alle lernen heute und sehen: Wir gehören alle zu Jesus Christus. Er ruft uns. Wir müssen Vertrauen haben. Wir wissen nicht immer den Weg und das Ziel. Wir sollen Vertrauen haben. Gott führt uns nicht in das Dunkel. Er führt uns in das Licht. Amen.


Bibeltext, auf den sich die Predigt bezieht (Mk 10, 46-52)

Die Heilung eines Blinden bei Jericho
Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.