Empfangsbereit für Gott

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke zur Glockenweihe in Ferna am 3. März 2019

SymbolbildBild: Anja Pugell; in: Pfarrbriefservice.de

Lesung: Num 10, 1-10

„Trompetensignale für die Versammlung“ ist der Bibeltext überschrieben, den wir eben gehört haben. Gott hat Mose eine Ordnung für die Signale gegeben, mit denen die Gemeinde beim Weg durch die Wüste zusammengerufen werden kann. Es scheint zunächst wirklich nur eine Ordnung zu sein, damit zu bestimmten frohen oder gefährlichen Anlässen alle wissen, was zu tun ist. Am Schluss des Bibeltextes aber hieß es: „Auch an euren Freudentagen, an den Festen und Monatsanfängen, blast zu euren Brand- und Heilsopfern mit den Trompeten! Das wird euch bei eurem Gott in Erinnerung bringen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Das scheint zu bedeuten: Mehr als nur ein Signal wird gegeben, wenn die Trompeten geblasen werden. Das Signal hat mit Gott zu tun. Es gilt ihm, der sich an uns erinnern soll.

Natürlich ist diese Deutung vielleicht etwas zu einfach und unvollkommen, denn muss man denn Gott auf sich aufmerksam machen. Ist er nicht von Ewigkeit her aufmerksam für uns? Eigentlich bin ich mir da sehr sicher, auch wenn bisweilen Dinge passieren, bei denen wir schnell zu Gott sagen könnten: „Da hättest Du aber etwas besser aufpassen können!“ Nicht alle Ereignisse haben ja im direkten Tun Gottes ihre Ursache, sondern auch darin, dass wir Menschen mit seiner Schöpfung nicht sachgerecht umgehen und sie daher zerstören – sowohl die Menschen als auch die Tiere und die Pflanzen. Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika „Laudato si“ auf diese Fragen aufmerksam gemacht und damit eine heftige Diskussion in den Regierungen und Kirchen ausgelöst.

Dennoch freue ich mich über diese schlichte Deutung des Trompetenklangs durch Gott, denn sie zeigt, wie sehr Gott Interesse an der Gemeinschaft mit uns Menschen hat. Er will, dass wir ihn in unser Tun einbeziehen. Freude und Leid sollen wir ihm mitteilen und damit sagen: „Wir brauchen dich in guten und bösen Tagen! Wir wollen und können nicht allein alle Probleme bewältigen. Wir brauchen deine Achtsamkeit und Hilfe“.
 
Hier in Ferna werden heute zwei neue Glocken geweiht, die in guten und bösen Tagen die Einwohner von Ferna aufrütteln sollen.  Sie sind der Gottesmutter Maria und dem Heiligen Johannes dem Täufer, dem Kirchenpatron, geweiht. So war es schon bei den alten Glocken. Auch die neue Johannesglocke trägt die Inschrift „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Und die neue Marienglocke trägt die Inschrift: „Heilige Maria, Mutter Gottes – bitte für uns!“ 

In guten und bösen Tagen werden die Bewohner dieses Ortes mit den Stimmen von Johannes und Maria aufgerufen, zum Gottesdienst zu kommen oder sich daran zu erinnern, dass Gottesdienst ist, wenn man nicht selbst zur Kirche kommen kann. Mancher nimmt dann zu Hause das GOTTESLOB oder den Rosenkranz zur Hand und verbindet sich mit dem Gebet der Gläubigen hier in der Kirche. Damit bleiben die Glocken wie schon die silbernen Trompeten des Volkes Israel Instrumente, die an die Gottesbeziehung erinnern und an das Wort Gottes, das er zu Mose sagte: „Ich bin der Herr, dein Gott.“
 
Es lohnt sich, die Glockenweihe zum Anlass zu nehmen, um über die Besonderheit der Gottesbeziehung von Johannes dem Täufer, dem Patron dieser Kirche, und Maria, der Gottesmutter, nachzudenken.
 
Johannes der Täufer lebte ganz in der Tradition der Männer und Frauen, wie sie die sogenannten Essener praktizierten, die in Qumran am Toten Meer ihr Kloster oder Klosterdorf hatten und vor allem die biblischen Schriften der Propheten und die vier Bücher Mose lasen. Die Archäologen haben diese Klosterstätte ausgegraben und stellen heute das Leben der Menschen vor, die sich ganz nach den Zehn Geboten richteten. Manche Wissenschaftler vermuten, dass auch Jesus als Verwandter von Johannes dem Täufer hier eine Prägung für seinen messianischen Auftrag bekam. Bisweilen kennen wir ja Jesus als einen Eiferer für die Gebote Gottes. Bei der Tempelreinigung erleben wir ihn so und wundern uns vielleicht, wie denn dieser gute Hirt so kämpferisch sein kann.

Was mich an Johannes begeistert ist seine Bereitschaft, sofort in die 2. Reihe zu treten, als er den Messias taufte und durch die Stimme aus dem Himmel erkannte, dass nun die Zeit der Verheißung zu Ende ist und die Zeit der Erfüllung des Gesetzes begonnen hat. Die Mission des Johannes war damit eigentlich erfüllt, nämlich dem Herrn die Wege zu bereiten. Nun war der Messias da und Johannes musste bekennen, dass er nicht einmal würdig ist, ihm die Schuhriemen der Sandalen zu lösen.

Die Glockeninschrift in Ferna stellt das Wort des Johannes heraus: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29b).“ Mit diesem Wort des Johannes beschreibt er die Berufung des Messias als Lamm, das geschlachtet wird wie ein Sühnopfer zur Sühne für die Sünden der Welt. Wer sich mit den Gedanken des heiligen Johannes des Täufers an Jesus Christus wendet, erkennt und bekennt den Messias, der Sünden vergeben kann und will.

Wie sehr wünsche ich mir, dass die Gläubigen dieser Gemeinde und des ganzen Bistums Christus wieder mehr als den erkennen und bekennen, der Sünden vergeben kann und will. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass es hier besonders viele Sünder in Ferna gibt, sondern weil der Glaube an Jesus Christus wesentlich mit der Hoffnung auf Erlösung verbunden ist, die wir besonders im Sakrament der Buße, in der Heiligen Beichte,  spüren können.

Maria, die Mutter Jesu, wechselt im Laufe ihres Lebens von der Frau, die ein Geheimnis in ihrem Herzen verbirgt, hin zu einer Frau, die mit den Aposteln in Jerusalem betet und um die Gabe des Heiligen Geistes bittet. Durch ihr Ja zum Willen Gottes hat sich ihr ganzes Leben verändert. Wir gehen davon aus, dass sie mit den Worten des Erzengels Gabriel schon etwas anfangen konnte. Sie wusste, dass es einmal eine Frau geben wird, die von Gott zur Mutter des Messias ausgewählt wurde. Als sie aber erfuhr, dass sie es sein soll, war natürlich ihre Verwunderung groß, denn viel hatte sie Gott nicht anzubieten: kein schönes Zuhause, keine besondere Bildung und keine Beziehungen in die gehobenen Kreise der Gesellschaft, die einem Gottessohn entsprechen konnten. Hier erkennen wir deutlich, welche Kriterien für Gott wichtig sind: Demut, Dienstbereitschaft, Liebe und Neugier auf etwas Neues und bisher Unbekanntes, das die Besonderheit des Ereignisses deutlich macht. 

Wer die Marienglocke in Ferna hört, sollte sich darum fragen, mit welcher Einstellung er selbst Gott gegenüber steht. Hat Gott eine Chance, bei mir anzukommen? Bin ich ein Mensch, der sich jeden Tag voll Freude auf das Kommen des Heiligen Geistes und auf ein Leben in diesem Geist  freut?
 
Die Heiligen sind bereit, uns an die Hand zu nehmen, damit auch wir den Weg zu Gott finden. Vertrauen wir darauf, dass sie uns sehen und begleiten wollen. Besonders auf die Hilfe von Maria, der Gottesmutter, dürfen wir vertrauen, wie wir es im Lied ausdrücken, das im GOTTESLOB steht: „Du Mutter der Gnade, o reich uns die Hand auf all unsren Wegen durchs irdische Land. Hilf uns, deinen Kindern, in Not und Gefahr, mach allen, die suchen, den Sohn offenbar“ (GL 521,5) Amen.