Kirche ist mehr

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke zum Elisabethempfang am 21.November 2019

Bild: Phillipp Kleindienst auf Pixabay

„Der Zweck heiligt die Mittel“ – so könnte man das Evangelium zusammenfassen, das wir eben gehört haben. Das klingt nicht sehr sympathisch und angenehm, denn es kommt wohl wesentlich auf den Zweck an, den es zu verwirklichen geht. Welche Kostbarkeit ist es, die mit allen Mitteln angestrebt wird? Ist es das persönliche Fortkommen? Im Gleichnis Jesu macht es erst einmal diesen Eindruck: „Der Verwalter will seine Haut retten!“ Wir können aufgrund der übrigen Verkündigung Jesu davon ausgehen, dass er nicht das Kalkül des Verwalters heilig sprechen will, sondern es ihm darum geht, die Überlegungen des Verwalters als Klugheit zu benennen, weil es ihm um die Aufnahme in die „ewigen Wohnungen“ geht. Dazu kann sogar helfen, was das „ungerechte Mammon“ genannt wird, d.h. alles Gold und Geld, jegliche Beziehungen der Menschen, die dem eigenen Fortkommen dienen. Jesus sagt aber auch deutlich, dass sie immer nur eine untergeordnete Bedeutung haben können und uns nicht zu Sklaven machen dürfen. Oberste Priorität hat für den Christen der Dienst vor Gott – der Gottesdienst.

Der Umgang mit den Gütern dieser Welt kann aber auch Unheil stiften – das berichtet der Prophet Amos. Die religiösen Vorschriften hindern noch daran, Unrecht zu tun, aber der Wille dazu ist sehr stark. Der Leser dieses Textes könnte sagen: Nur gut, dass es noch religiöse Vorschriften gibt und wir deshalb vor Unrecht geschützt sind. Unsere Erfahrung lehrt uns aber, dass nicht überall vor diesen Vorschriften und Traditionen Respekt herrscht.
So ergeben sich aus unseren biblischen Texten zwei Aussagen, die für den heutigen Anlass des Elisabethempfangs hilfreiche Gedanken sein könnten:

Zunächst ist es gut, wenn religiöse Vorschriften und Traditionen bekannt sind und von den Menschen geachtet werden.

Und weiterhin: Die Güter dieser Welt können den Menschen versklaven oder hilfreich sein, um das Gottesreich zu finden.

Natürlich geht es uns Christen in erster Linie um das Gottesreich und die Herrschaft Christi in den Herzen der Menschen. Daher sehen wir die Bedeutung des Mammon in der zweiten Reihe und höchsten als Hilfe, um das Gottesreich zu finden. Daher sorgt sich Kirche auch um Finanzen, wobei wir – angefangen bei Judas Iskariot – um die Gefahr des Geldes und der finanziellen Macht wissen. Ein wesentliches Anliegen kirchlicher Reformen, die durch einen synodalen Prozess geplant werden sollen, ist ja die Transparenz in finanziellen Fragen. So hat unser Bischof seine Entscheidungen in Finanzfragen des Bistums vom Votum des Kirchenvermögen-Verwaltungsrat, d.h. von Fachleuten abhängig gemacht. Ohne die Zustimmung dieses Rates sind größere Investitionen nicht mehr möglich.

Auch muss in den Pfarreien durch das Vieraugenprinzip verhindert werden, dass Pfarrer, die mit Lotteriespiel das Vermögen der Pfarrei vergrößern wollen, Gelder dafür einsetzen können, ohne zu fragen; dass ein Bischofspalais mit Geldern gebaut wird, die für die Unterstützung der Hilfebedürftigen angelegt wurden oder das Investitionen und Spekulationen mit Immobilien in Amerika geschehen, die nicht durchschaubar sind und letztlich eine ganze Diözese finanziell ins Wanken bringen kann.

Finanzen sollen – wie die Kirchensteuer – der Kirche in Deutschland helfen, in großer Freiheit und mit klugem Überlegen Investitionen vorzunehmen, die der Seelsorge helfen. Meine Erfahrungen in den USA und in Lateinamerika haben mich unserer Finanzsystem neu schätzen gelernt. Ein Freund, der Pfarrer in Denver ist, konnte seine pastoralen Projekte nur realisieren, wenn er gute Spenden bekam. Das aber macht wiederum abhängig von Menschen und das kann gefährlich werden, wenn es dann um Meinungsbildung geht, die frei sein muss und unabhängig von Finanzen.

Zahlreiche Projekte in Lateinamerika – vor allem Bildung und Bau von Schulen und Kirchen – dienen den Menschen, aber zugleich dienen sie dem weiten Horizont der Menschen, den wir das Gottesreich nennen und der alles Menschliche übersteigt. Auch hier in Deutschland engagieren sich die Kirchen für die Bildung in Kindergärten, Schulen, Studentengemeinden und im ganzen Bereich der Erwachsenenbildung, die bei uns im Bistum u.a. im Hugo-Aufderbeck-Seminar, dem Bildungshaus St. Ursula, im Marcel-Callo-Haus Heiligenstadt und auf dem Kerbschen Berg erfolgt.

Wir sind froh und dankbar, dass uns diese Möglichkeit aufgrund der thüringischen Gesetzgebung eingeräumt wird, aber wir spüren auch den Widerstand, der sich in der nicht immer auskömmlichen Finanzierung z.B. bei der Schulfinanzierung zur Ausbildung von Erziehern und Sozialarbeitern zeigt. Wir sind dankbar, dass die Finanzierung der Pflegeberufe eine deutliche Veränderung erfahren wird, aber wir sehen auch die Notwendigkeit der Ausbildung von Erziehern und Sozialarbeitern auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes. Bisweilen müssen wir überlegen, ob wir solche Ausbildungswege noch weiterhin anbieten können. Wir sehen es als wichtige Aufgabe an, aber wird sehen auch die finanziellen Grenzen.

Ich bin dankbar dafür, dass unser lange geplantes on-line-Projekt für den katholischen Religionsunterricht beginnen kann. Ich bin dankbar für alle Unterstützung beim Bau des Bettenhauses für die psychiatrische Abteilung des katholischen Krankenhauses in Erfurt. Ich bin dankbar, dass wir zu Veranstaltungen der Gesellschaft wie zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in Großburschla und hier im Theater eingeladen werden. Ich bin dankbar, dass es gute Signale gibt, die Restaurierungsarbeiten am Erfurter Dom mitzufinanzieren, die das Domkapitel und das Bistum mit errechneten 1,3 Millionen EURO schwer belasten.

Lassen Sie mich aber auch in Anlehnung an die Worte des Propheten Amos von der Hilfe  sprechen, die einer Gesellschaft durch religiöse Vorschriften und Tradition gegeben ist. Wenn wir auch als Katholiken in Thüringen eine Minderheit sind und gemeinsam mit den evangelischen Schwestern und Brüdern nur einen Anteil von etwa 30% der Bevölkerung bilden, so wissen wir uns doch als „Salz in der Suppe“ und als „Sauerteig“, der dazu beitragen soll, dass gesellschaftliches Leben schmackhaft und genießbar bleibt.

Ebenso ist es uns wichtig, die Verbundenheit mit unseren „älteren Brüdern und Schwestern“ aus dem Judentum zu betonen und auf ihren Beitrag am Leben der thüringischen Gesellschaft hinzuweisen und zu danken. Alle Religionsgemeinschaften, die sich den Gesetzen der Bundesrepublik verpflichtet fühlen sich und für das friedliche Gemeinwesen mit respektvollem Umgang miteinander einsetzen, müssen durch alle friedliebenden Kräfte der Gesellschaft gefördert werden.

Ich bin verunsichert, wenn ich in meinem Briefkasten den Flyer einer Partei vorfinde, in dem es heißt, dass „die ausufernde Einflussnahme durch demokratisch nicht legitimierte Interessengruppen wie die Asylindustrie, die Kirchen und politische Vorfeldorganisationen auf die Landespolitik beendet“ wird, wenn sie an die Macht kommt. Privilegien der Religionsgemeinschaften wird es dann nicht mehr geben. Ich bin verunsichert, wenn diese Partei über 20% der Stimmen in Thüringen bekommen hat. Was erwartet uns als Christen und als religiöse Menschen in Thüringen?

Sind wir als „Salz in der Suppe“ und als „Sauerteig“ dann noch erwünscht oder haben wir als „Spielverderber der Spaßgesellschaft“ ausgespielt? Ich könnte damit leben, wenn Politik und Öffentlichkeit von uns Begründungen verlangen, warum wir bestimmte Privilegien haben. Ich könnte auch damit leben, so mancher dieser Privilegien aufgeben zu müssen. Ich würde es jedoch sehr bedauern, wenn Kirche als reiner Historienverein angesehen wird, der zwar noch schöne Räume und Kleider zeigt, aber keine Bedeutung mehr hat für gesellschaftliche Themen.

Der heutige Elisabethempfang findet in einer Zeit statt, in der über eine Regierungsbildung nachgedacht und auch gestritten wird. Ich hoffe und bete, dass es zu einer Entscheidung kommt, die sowohl den Willen der Bürgerinnen und Bürger Thüringens respektiert, als auch Kirchen und die anderen Religionsgemeinschaften in ihrem Willen unterstützt, für die Gesellschaft bei der Prägung von Werten hilfreich zu sein.

Ich fürchte mich vor einer Ellenbogengesellschaft. Ich fürchte mich vor eine Gesellschaft, in der religiöse Menschen verlacht und in der Ausübung ihrer Traditionen behindert werden, weil diese nicht bekannt und verständlich sind. Ich hoffe auf den Heiligen Geist Gottes, den ich auch im Jahr 2019 am Werk sehe, wenn junge Menschen sich bei der Firmung zu Jesus Christus bekennen und Eltern ihre Kinder inmitten der Diskussion über Zölibat, Missbrauch und Machtgehabe der Kirche zur Taufe bringen. Sie sagen uns: Kirche ist mehr als Tradition mit schönen Räumen und bunten Kleidern. Kirche will helfen, dass die Mitmenschlichkeit oberstes Gebot einer Gesellschaft ist und die Gottesliebe spürbar macht. Gott gebe uns dazu in Thüringen seinen Segen. Amen.

Lesungen im Gottesdienst

Amos 8, 4-7
Hört dieses Wort, die ihr die Armen verfolgt und die Gebeugten im Land unterdrückt!  Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir den Kornspeicher öffnen können? Wir wollen das Hohlmaß kleiner und das Silbergewicht größer machen, wir fälschen die Waage zum Betrug,  um für Geld die Geringen zu kaufen und den Armen wegen eines Paars Sandalen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.  Beim Stolz Jakobs hat der HERR geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.

Lukas 16, 1-13
Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.  Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?  Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig!  Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig!  Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.  Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!
Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.  Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?  Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?  Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.