"Lange hatten wir für die Einheit unseres Volkes gebetet"

Predigt von Bischof Joachim Wanke beim Dankgottesdienst im Erfurter Dom anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit

Es ist ein Zufall - und doch wieder Fügung -, dass die Kirche am heutigen 20. Jahrestag der Deutschen Einheit in der Tagesoration betet: "Allmächtiger Gott, du gibst uns in deiner Güte mehr, als wir verdienen, und Größeres als wir erbitten...." Das Beten der Kirche zielt natürlich nicht vordergründig auf das Gedenken der Deutschen Einheit. Wofür die Kirche danken möchte, geht immer auf die all unsere Vorstellungen und Wünsche überschreitende Heilsgabe des ewigen Lebens, die uns in Jesus Christus zuteilgeworden ist. Gottes Liebe schenkt uns mehr als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten können. Er schenkt uns sich selbst.

Aber es ist durchaus angemessen und heilsam, Gottes Wirken auch in den Ereignissen zu erkennen, die vordergründig politischer Natur sind, wie etwa das Ereignis der glücklich vollendeten Einheit unseres Vaterlandes, an das wir heute denken. In der Tat, wir haben Grund, Gott auch für diese Gabe zu danken, zum einen, weil sie nicht selbstverständlich ist, und zum anderen, weil sie uns immer noch - trotz allem, was diese Einheit vielen abverlangt hat - zutiefst erfreut.

Ich erinnere mich an diesen Tag damals vor 20 Jahren sehr genau. Es war ein klarer, sonnendurchfluteter Tag. Die freudige Gestimmtheit der Gottesdienstteilnehmer war deutlich zu spüren. Viele von Ihnen waren sicher damals dabei. Und als dann die Gloriosa am Schluss läutete, konnten manche ihre Bewegtheit kaum zurückhalten. Ja, dieser Tag der Einheit war ein Jahrhundertereignis. Wir hatten lange für diese Einheit unseres Volkes gebetet. Bei jedem "Angelus-Gebet" in den Jahrzehnten davor war diese Fürbitte dabei: "Dass du unserem Volke die Einheit schenken wollest!" Gott hat uns die Erfahrung geschenkt, dass Gebete erhört werden. Daran sollten wir uns erinnern, wenn andere Gebete nicht erhört werden, zumindest nicht so, wie wir uns das vorstellen.

Die drei Lesungstexte des heutigen Sonntags helfen uns, unser heutiges Gedenken an das Ereignis von damals zu vertiefen.

1. Beim Propheten Habakuk heißt es: "Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin, der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben" (Hab 2,4).

Der Prophet ruft uns in Erinnerung: Eine Gesellschaft, die auf Unrecht aufruht, hat keine Zukunft. Diese Aussage gilt auch heute. Wir sollten nicht vergessen, dass damals vor mehr als 20 Jahren im Herbst 1989 ein Staat sein Ende gefunden hat, der um des Machterhalts einer Partei willen die Freiheitsrechte des Menschen missachtete. Wir haben auch in diesem Gottesdienst Menschen unter uns, die das am eigenen Leibe erfahren haben. Wir sollten das nicht vergessen und dies der nachwachsenden Generation als unsere Erfahrung weiter vermitteln. "Einigkeit und Recht und Freiheit" sind, wie unsere Nationalhymne sagt, das Fundament einer Gesellschaft mit Zukunft. Schätzen wir darum eine staatliche Ordnung, die auf Recht und Gesetzlichkeit beruht und reden wir sie nicht schlecht. Nicht überall auf der Welt kann der Einzelne sich auf seine Rechte berufen. Unsere parlamentarische Demokratie lebt vom Willen seiner Bürger, die Würde und das Lebensrecht jedes einzelnen Menschen zu achten - und als Bischof füge ich hinzu: besonders das Lebensrecht derer, die am schwächsten sind, am Lebensanfang und am Lebensende.

2. In der 2. Lesung aus dem 2. Timotheusbrief hörten wir den Satz: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit" (2 Tim 1,7).

Auch das ist ein Satz, der zum heutigen Gedenktag passt. In den letzten Tagen war wieder häufig von den Problemen die Rede, die die staatliche Einheit mit sich brachte, besonders auch für Menschen hier in den neuen Bundesländern. Ich habe den Eindruck, dass sich manche darin gefallen, sich an solchen Problemen festzuhalten. Natürlich gibt es sie. Doch sollte man auch den Blick auf das lenken, was bislang gelungen ist oder auf einem guten Weg ist. Wann gab es in der Geschichte unseres Volkes keine Probleme? Und zudem: Manche Völker dieser Erde, besonders in den Entwicklungsländern, würden gern mit unseren Problemen tauschen.

Auch für unsere Kirchgemeinden waren die letzten zwei Jahrzehnte nicht einfach. Als ich jüngst nach den berühmten "blühenden Landschaften" gefragt wurde, habe ich geantwortet: Die "blühenden Landschaften" gibt es wirklich. Davon kann sich jeder Besucher der Thüringer Städte und Dörfer überzeugen. Dass es dennoch Schwierigkeiten und ungelöste Fragen gibt, gebe ich gern zu. Auch in unseren Gemeinden und Diözesen im Osten gibt es durchaus "Versteppungen", etwa weil viele Leute im Westen und Süden Arbeit suchen müssen. Es gibt kirchliche "Baustellen", weil wir unsere Strukturen ebenso wie im Westen verkleinern müssen. Da gibt es - wie auch vor 1989 - Glaubensverdunstung und stillen Auszug aus der Kirche. Was mich freut: Bei denen, die im Kern unserer Gemeinden beheimatet sind, finde ich seltener Verzagtheit oder gar Resignation, die meint, morgen gehe die Kirche unter. Vielleicht hilft uns die Erfahrung, dass wir als Christen den Sozialismus überstanden haben. So werden wir mit Gottes Hilfe auch die derzeitige "Geldgesellschaft" überstehen. Die Kirche lebt in den Herzen, nicht in schönen Büros und Beifall spendenden Medien. Es ist angenehm, beides zu haben. Aber dem Evangelium geht es meist besser, wenn man auf diese Dinge nicht allzu sehr vertraut.

Wir brauchen nicht einen Geist, der angesichts des Wandels der Verhältnisse, auch der kirchlichen Verhältnisse resigniert. Wir brauchen in der Tat einen Geist der Kraft, der auch unter veränderten Bedingungen eine Kirche mitgestaltet, die derzeit aus verschiedensten Gründen kleiner wird, in der aber auch manch Neues wächst und Menschen leben, die durch ihren Glauben andere anstecken. Denken wir nur an das Elisabethjahr vor drei Jahren - oder auch an unsere letzte Bistumswallfahrt, von der viele sagten, dass sie ein echtes Fest des Glaubens gewesen sei. Gottes Geist ist nicht ein Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Den wollen wir uns für unseren weiteren Weg als Kirche erbitten.

3. Schließlich erinnere ich an das Evangelium, in dem der Herr auf die Kraft des Glaubens verweist, ein Glaube, mag er auch nur wie ein Senfkorn groß sein, der Gott auch das Unwahrscheinliche, ja das Unmögliche zutraut (Lk 17,6).

Das ist doch wirklich nicht möglich: einen Baum ins Meer zu verpflanzen. Jesus benutzt in seinen Gleichnissen gern Bilder, die unseren irdischen Wirklichkeitshorizont sprengen. Gerade das Kleine, das Unscheinbare birgt in sich Kräfte, die mit Gottes Hilfe Großes in Bewegung bringen - so wie Maria im Magnifikat singt: "Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen" (Lk 1,52f).  

Ich denke noch an meine Zeit als Jugendlicher in der sozialistischen Schule zurück, oder später an die Gespräche mit den Genossen beim Rat des Bezirkes: Welch ein Überlegenheitsgefühl wurde mir gegenüber dort demonstriert. Uns, der Partei, gehört die Zukunft. Wir haben die Wissenschaft - und die mächtige Sowjetunion auf unserer Seite! Es tut gut, sich manchmal daran zu erinnern. Gottes Maßstäbe sind andere als die unseren. Er schaut auf andere Qualitäten als auf jene, die in der Welt Aufmerksamkeit finden.

Als Christen West und Ost können wir durchaus von unseren unterschiedlichen Erfahrungen in der Vergangenheit lernen. Wir im Osten haben so manches pastorale Know-How aus der alten Bundesrepublik übernommen und von dem Mut unserer westlichen Glaubensgeschwister gelernt, sich nicht in der Sakristei zu verschanzen. Wir (mit den Erfahrungen des alten Systems) hingegen können in die Einheit einbringen eine in der Bedrängnis gewachsene Liebe zur Kirche. Und wir bringen die kostbare Erfahrung ein, dass man zusammen mit unserem Herrn im Loslassen nicht arm wird und im gesellschaftlichen "Untergepflügt-Werden" nicht verloren geht. Die Früchte, auf die es bei Gott ankommt, wachsen im Verborgenen. Und da sind wir als Christen in West und Ost gemeinsam reich, reicher als wir oft meinen. Und zudem: Ich möchte auf die Katholiken, die aus dem Rheinland, aus Bayern und dem Münsterland nun bei uns in Thüringen und Sachsen leben, nicht verzichten. Sie bringen uns ihr gestandenes katholisches Selbstbewusstsein mit, und das ist noch wichtiger als ihre Kirchensteuer.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ja, das gilt: "Gott, du gibst uns in deiner Güte mehr als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten...." - Beten wir aber auch dieses Gebet noch zu Ende, ganz bewusst heute am Gedenktag der Deutschen Einheit: "Nimm weg, was unser Gewissen belastet, und schenke uns - deinem Volk, unserem geeinten Volk! - jenen Frieden, den nur deine Barmherzigkeit geben kann." Amen.