Seit 1981 trägt Joachim Wanke Verantwortung als Bischof - zunächst als Apostolischer Administrator von Erfurt und Meiningen, seit 1994 als Diözesanbischof des neu gegründeten Bistums Erfurt. Im Interview zieht er eine Bilanz der Deutschen Einheit aus Sicht der Kirche.
Wie hat sich die Stellung der Kirche durch die Einheit verändert?
Politisch sind wir nun eingebunden in die bewährte staatskirchenrechtliche Stellung der Kirchen, die uns innere Unabhängigkeit, aber auch neue Freiräume für unser seelsorgliches Wirken eröffnet. Das alte politische System, das Religion und Kirche den Atem abschnüren wollte, hat selbst das Leben ausgehaucht. Nun gilt es, in einer offenen Gesellschaft, die vom Pluralismus der Meinungen und Lebensstile geprägt ist, die christliche Sicht des Menschen und seiner Verantwortung Gott und dem Nächsten gegenüber einzubringen. Der alte marxistische Vorwurf: "Der Glaube verdirbt das Denken" hat sich als falsch erwiesen. Nun gilt es zu bezeugen, dass der Gottesglaube das Leben weitet und reich macht, nicht einengt. Vielleicht erklärt unsere christliche Hoffnung, dass Christen meist weniger über die Zeitverhältnisse klagen als andere. Sie gehören eher zu denen, die anpacken und sich nicht so schnell entmutigen lassen.
Manche bedauern, dass früher die Verhältnisse klarer waren: Hier der Staat, da als Opposition die Kirchen.
Das Leben der Kirche ist an keine politische Ordnung gebunden. Man kann jederzeit, manchmal mit Rückenwind, manchmal unter Gegenwind, vom Evangelium Zeugnis geben. Ich trauere den alten Zeiten nicht nach. Wir leben heute in mancher Hinsicht auch kirchlich ehrlicher als früher. Wir können uns nicht hinter den Bedrängnissen des alten Parteistaates verstecken oder gar damit unsere Armseligkeit entschuldigen. Ich bin dankbar für alle Glaubens-tapferkeit aus früheren Zeiten. Da gab es echte Bekennerbiographien. Aber jetzt ist eine andere, neue Art von Tapferkeit gefragt, jene, die sich nicht von der Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit anstecken lässt. Und im gesellschaftlichen Gespräch sollten ohnehin Argumente gelten, nicht irgendwelche Machtpositionen. Unsere Situation hier in der Diaspora zeigt uns: Auch Minderheiten werden gehört, wenn sie Überzeugendes zu sagen haben.
Nach der Wende gab es die Hoffnung auf "blühende Landschaften" - auch in der Kirche.
Die "blühenden Landschaften" gibt es wirklich. Davon kann sich jeder Besucher der Thüringer Städte und Dörfer überzeugen. Unsere Gemeinden und Diözesen im Osten haben es da oft schwerer. Da gibt es durchaus "Versteppungen", etwa weil viele Leute im Westen und Süden Arbeit suchen müssen. Es gibt kirchliche "Baustellen", weil wir unsere Strukturen ebenso wie im Westen verkleinern müssen. Da gibt es - wie auch vor 1989 - Glaubensverdunstung und stillen Auszug aus der Kirche. Die wirklichen Feinde der Kirche kommen weniger von außen, eher aus dem eigenen Inneren. Was mich freut: Bei denen, die im Kern unserer Gemeinden beheimatet sind, finde ich seltener Verzagtheit oder gar Resignation, die meint, morgen gehe die Kirche unter. Vielleicht hilft uns die Erfahrung, dass wir als Christen den Sozialismus überstanden haben. So werden wir mit Gottes Hilfe auch die derzeitige "Geldgesellschaft" überstehen. Die Kirche lebt in den Herzen, nicht in schönen Büros und Beifall spendenden Medien. Es ist angenehm, beides zu haben. Aber dem Evangelium geht es meist besser, wenn man darauf nicht allzu sehr vertraut.
Was können Kirche West und Ost voneinander lernen?
Wir im Osten manches pastorale Know-How aus der alten Bundesrepublik und den christlichen Mut, sich nicht in der Sakristei zu verschanzen. Wir hingegen möchten in die Einheit einbringen eine in der Bedrängnis gewachsene Liebe zur Kirche. Und wir bringen die kostbare Erfahrung ein, dass man zusammen mit unserem Herrn im Loslassen nicht arm wird und im gesellschaftlichen "Untergepfügt-Werden" nicht verloren geht. Die Früchte, auf die es bei Gott ankommt, wachsen im Verborgenen. Und da sind wir als Christen in West und Ost gemeinsam reich, reicher als wir oft meinen. Zudem: Ich möchte auf die Katholiken, die aus dem Rheinland, aus Bayern und dem Münsterland nun bei uns in Thüringen und Sachsen leben, nicht verzichten. Sie bringen uns ihr gestandenes katholisches Selbstbewusstsein mit, und das ist noch wichtiger als ihre Kirchensteuer.
Interview: Ulrich Waschki
www.tag-des-herrn.de
Erschienen im "Tag des Herrn", 3.10.2010