Sehr geehrte Damen und Herren,
am 25. März 2011 wurde auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Benedikt XVI. vom Präsidenten des Päpstlichen Rates für Kultur - Kardinal Ravasi - die Stiftung "Vorhof der Völker" gegründet, eine Dialoginitiative der katholischen Kirche, die sich an Nichtglaubende richtet. Wir können die geistigen Linien, die zu dieser Gründung führten, bis in die Texte des II. Vatikanischen Konzils verfolgen, an dessen Beginn vor 50 Jahren wir im kommenden Jahr 2012 erinnern dürfen.
Ganz sicher steht diese Initiative auch im Zusammenhang mit den Bemühungen von Benedikt XVI. und seines in diesem Jahr seliggesprochenen Vorgängers, Johannes Paul II., um eine missionarische Pastoral und eine "wache Aufmerksamkeit" für die kulturellen Entwicklungen in den jeweiligen Gesellschaften der verschiedenen Länder. Dabei ist es mir wichtig, Missverständnisse, die sich mit dem Begriff "Mission" verbinden können, auszuschließen. Hier geht es nicht um Indoktrination oder intellektuelle Nötigung. Es geht vielmehr - wie vielleicht das Wort "Marsmission" nahe legt - um eine Erkundung, um eine respektvolle Wahrnehmung eines fremden, unbekannten Denkens, eben des heutigen Atheismus bzw. Agnostizismus in seinen vielfältigen Formen.
Die christliche Religion will natürlich von dem Zeugnis geben, was sie bewegt. Aber sie beherzigt dabei die Worte von Papst Johannes Paul II: "Die Mission bezwingt die Freiheit nicht, sondern begünstigt sie. Die Kirche schlägt vor, sie drängt nicht auf. Sie respektiert die Menschen und Kulturen, sie macht halt vor dem Heiligtum des Gewissens" (Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 39).
"Vorhof der Völker", ein neues Miteinander von Glaubenden und Nichtglaubenden, wo könnten wir diese Chance besser ergreifen als in den Gebieten Mitteldeutschlands, wo Christen und Mitglieder anderer Religionen eine Minderheit sind und wo könnte diese Initiative inhaltlich besser platziert werden als im Bereich der Kultur, da auch die Kirchen selbst zu den großen Kulturträgern in Deutschland gehören. Das Gutachten zum Engagement der Kirchen im Bereich der Kultur im Bericht der Enquetekommission des Deutschen Bundestages von 2005, das derzeit aktualisiert wird, hat dies eindrücklich unterstrichen.
Immer wieder haben wir bei den vergangenen Begegnungen am Dom zu Erfurt Akzente des spannungsvollen Verhältnisses von Kirche und Kunst/Kultur ansprechen können. In diesem Jahr gibt uns das in Thüringen auf vielfältige Weise begangene Lisztjubiläum das Thema Musik auf. Damit haben wir eine wichtige spirituelle und liturgische Form des eigenen kirchlichen Lebens ebenso benannt, wie ein, auch gesellschaftlich wahrgenommenes kulturelles Engagement der Kirchen. "Musik ist eine wunderbare Dolmetscherin des Unsagbaren" meint Jean Paul und beschreibt so gleichsam die Aufgabe der Kirchenmusik. Gern erinnere ich auch für unser Bistum an einige herausragende Beispiele:
So an die Einweihung der "Franz-Liszt-Gedächtnis-Orgel" in der Herz-Jesu-Kirche in Weimar. Dieses Projekt ist neben seiner künstlerisch herausragenden Qualität auch insofern bemerkenswert, als es sich um eine Zusammenarbeit zwischen der Weimarer Hochschule für Musik "Franz Liszt" und der Katholischen Pfarrgemeinde Herz Jesu, Weimar und auch dem Bistum Erfurt handelt. Die Orgel wurde als künstlerisches Forschungsprojekt "Franz-Liszt-Gedächtnis-Orgel" von der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft (DFG) finanziert und gehört somit der Hochschule. Die Gemeinde stellt ihre Kirche für die Orgel zur Verfügung, in der nun auch regelmäßig unterrichtet werden darf und Prüfungen abgenommen werden können. Andererseits haben die Gottesdienste der Gemeinde Vorrang, und die Gemeinde hat ein erstklassiges Instrument für Gottesdienst und Konzert zur Verfügung, und ebenso ein "Reservoir" an Kirchenmusik-Studenten, die das kirchenmusikalische Leben der Gemeinde bereichern.
Ein weiterer kirchenmusikalischer Höhepunkt des Liszt-Jahres auf dem Erfurter Domberg war die Aufführung des Oratoriums "Christus" von Franz Liszt (eines der längsten und gewaltigsten Oratorien überhaupt) am vorletzten Samstag, dem 17. September 2011. Hierbei ist auch die ökumenische Zusammenarbeit mit der evangelischen Augustinerkantorei Erfurt bemerkenswert, denn Dombergchor und Augustinerkantorei haben das Werk gemeinschaftlich vorgetragen.
Weiterhin haben seit dem Jahr 2000 die ökumenischen "Erfurter Kirchenmusiktage" auf dem Domberg und in der Predigerkirche/Augustinerkirche große Ausstrahlung, und traditionell sind die jährlichen "Internationalen Orgelkonzerte Dom zu Erfurt" im Dom und seit dem Jahr 2004 auch in der Erfurter Cruciskirche (mit ihrer bedeutenden Barockorgel von Franciscus Volckland) eine gut besuchte und weithin wahrgenommene kirchenmusikalische Konzertreihe.
Da gab es seit 1999 alle drei Jahre den "Internationalen Orgelwettbewerb zu Erfurt" - in Trägerschaft des Domkapitels des Erfurter Domes St. Marien. Aus ihm ging dann der "Internationale BACH/LISZT-Orgelwettbewerb Erfurt-Weimar-Merseburg" hervor. Dieser neue Wettbewerb ist - wie bisher der Erfurter Wettbewerb - im Drei-Jahres-Zyklus konzipiert und fand im Jahr 2008 zum ersten Mal statt
Der diesjährige BACH/LISZT-Orgelwettbewerb (2011) fällt mit dem 200. Geburtstag von Franz Liszt zusammen und ist wesentlicher Bestandteil des "Liszt-Jahres 2011". - In der Vielfalt und Bedeutung des historischen und modernen Instrumentariums handelt es sich um ein neues, weltweit in diesem Umfang bisher einzigartiges Wettbewerbskonzept. Der Wettbewerb wird zudem schon heute zu den ersten Wettbewerben der Welt gerechnet (James David Christie im Jahr 2008: "One of the top three: Montréal, Paris and Erfurt").
Diese vielfältige und doch nur ansatzhaft dargestellte Übersicht verweist auf eine tiefe Verbindung von Religion mit Musik und Kunst. Hier können sicher nur einige Akzente dieser Verbindung erwähnt werden:
Da ist zum einen der Begriff "Schöpfung", der zum einen von grundsätzlicher Bedeutung für die Theologie ist, zum anderen unser Verständnis von bildender Kunst, Literatur und nicht zuletzt Musik wesentlich prägt. Theologische und ästhetische Vorstellungen vom Beginn, vom Anfang sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verwandt (Georg Steiner). Komponisten, wie auch alle anderen Künstler, "schaffen", sie erfinden nicht. Dadurch haben sie Anteil an der Schöpfung, auch dort, wo manche sich scheinbar blasphemisch als "Gegen-Schöpfer" empfinden. Schopenhauer spricht sogar davon, dass die Musik auch bestehen könne, wenn es die Welt gar nicht gäbe (Die Welt als Wille und Vorstellung, ed. Haffmans S. 324)
Die Großen der Philosophiegeschichte, wie z.B. Platon und Descartes, aber auch Galilei haben es für undenkbar gesehen, sich geistigen Fragen zu stellen, ohne sich mit der Souveränität der Mathematik, mit der Naturwissenschaft zu befassen. Heute diskutieren wir ähnliches unter der Überschrift "Glaube und Vernunft". Das große Thema der Gottesfrage können Christen nur im Rahmen einer umfassenden Vernunft buchstabieren. In G. K. Chestertons "Father Brown’s Einfalt", enttarnt dieser einen falschen Priester. Auf dessen Frage, woran er ihn erkannt habe, antwortet Brown: "Sie haben die Vernunft angegriffen. Das ist schlechte Theologie."
Und wieder sind wir nicht weit von der Musik. Schon bei den Griechen erscheint "Gott" als Architekt, Geometer und Musiker (Plato, Timaios). Noch bei Clemens von Alexandrien sind die Grundelemente Wasser, Feuer, Erde und Luft in musikalischer Harmonie geordnet (Protreptikos I,5,1-3) Das Mittelalter kennt die Bedeutung der artes liberales und dort wird die Musik dem Quadrivium neben Arithmetik, Geometrie und Astronomie zugeordnet. Rationalität ist ein signifikantes Merkmal abendländischer Musik. Aber sie ist, wie auch die Religion mehr als die Beschränkung auf das rein Gegebene, auf das Tatsächliche. Wittgenstein sagt in seinen Aphorismen: "Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung" (6.4321). Eine solche Überzeugung ist die Bedingung für Kunst, Kultur und Religion.
Noch ein abschließender Gedanke.
Religion und Kunst bieten den Menschen Deutungsmuster für ihre Erfahrungen von Selbsttranszendenz, von Selbstüberschreitung an, die - nach Hans Joas - mit positiven Erfahrungen des Schönen, aber auch mit angstvollen Erfahrungen von Endlichkeit und Schrecken verbunden sein können. Diese Erfahrungen von Selbstüberschreitung, dem Herausgerissensein über die Grenzen unserer Alltäglichkeit, kann, muss aber nicht religiös gedeutet werden.
Wer wollte aber ästhetische Erfahrungen leugnen, in denen beide Deutungsmuster miteinander verwoben sind. Erinnert sei nur an Schönbergs "Moses und Aaron", einem Werk, das mit Moses verzweifeltem Schrei "Wort, das Wort, was mir fehlt" schließt - einem Ausruf, den ich in meiner Kirche auch heute wieder zu hören glaube - oder an die Darstellungen der Kreuzigung von Otto Dix, dessen 120. Geburtstag in diesem Jahr in Gera gefeiert wird. Hier erhält die von Jürgen Habermas geforderte Übersetzungsarbeit zwischen säkularen und religiösen Überzeugungen ihre besondere Dringlichkeit.
Verehrte Damen und Herren,
kein Wort von mir über Franz Liszt, über diese einmalige Verbindung von Kunst und Religion, über die einmalige Verbindung von Weltmensch und Angehörigem des geistlichen Standes, über die Verbindung von säkularer Musik und Kirchenmusik in seiner Person. Nichts über diese einmalige musikalische, aber auch theologische und philosophische Kreativität, wie sie zum Beispiel im Oratorium über die hl. Elisabeth zum Ausdruck kommt. Das überlasse ich einem berufeneren Mund - unserem Gastreferenten Herrn Professor Dr. Detlef Altenburg. Ich möchte ihm an dieser Stelle für sein Kommen und seine Ausführungen danken.
Danken möchte ich aber auch der Erfurter Pax-Bank und ihrem Vertreter Herrn Schwenken, dass sie wie in den vergangenen Jahren auch diesmal diese Begegnung unterstützt hat. Ihnen allen danke ich herzlich für Ihr Engagement, Ihr schöpferisches Wirken und dass Sie sich auf das Gespräch und den Dialog mit uns Theologen einlassen.
Es geht bei diesem Dialog sicher nicht um eine theoretische Auseinandersetzung in der man versucht, den Gesprächspartner argumentativ zu überzeugen. Es geht aber auch nicht allein darum, die jeweiligen Erfahrungen erzählend nebeneinander zu stellen, sondern darum, Gemeinsames und natürlich auch Trennendes zu entdecken und ohne Scheu anzusprechen. Eine solche Absicht verfolgt zur Zeit eine kleine, durch das Seelsorgeamt organisierte Gesprächsgruppe von Künstlern und Theologen. Auch die zahlreichen Galeriegespräche oder die Einführungen zu den sommerlichen Theaterabenden auf den Erfurter Domstufen durch das Katholische Forum gehören hierher. Ein solcher Dialog wird, ähnlich wie die die von Papst Benedikt angeregte Dialoginitiative "Vorhof der Völker", Veränderungen im Denken und gemeinsamen Umgang ermöglichen, ohne die Beteiligten aus ihren jeweiligen Traditionen herauszulösen.
In einem Interview gibt Sebastian Kleinschmidt, Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form", eine Beschreibung der Gegenwart: "Der Nihilismus ist neuerlich im Vormarsch - unvermeidliche Folge jeder säkularisierten und damit transzendenzlosen Kultur. ... keine sehr erfreuliche Tendenz, wie man zugeben wird."
Mir erscheint diese Beschreibung etwas zu pessimistisch. Gerne zustimmen möchte ich aber bei seiner Aussage: "Poetisches" - und ich füge hinzu Musikalisches - "und religiöses Denken sind noch immer ein guter Weg ins Herz des Seienden." (S. Kleinschmidt, Gegenüberglück 140, 143)
Ich danke Ihnen.
Begrüßungswort gesprochen am 29.9.2011

