"Das Letzte, was wir Katholiken hier in Thüringen brauchen, ist Angepasstheit."

Grußwort von Bischof Joachim Wanke bei der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 12./14. Mai 2011 in Erfurt

Sehr geehrter Herr Präsident Glück,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Damen und Herren!

Sehr herzlich heiße ich Sie zur Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hier in Erfurt willkommen. Die Stadt der Blumen präsentiert sich Ihnen im Mai besonders freundlich - und zwei Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution lässt auch der gute bauliche Zustand Erfurts erahnen, dass hier im Osten in der Tat "blühende Landschaften" entstanden sind. Sie kommen in eine Stadt, in der es einfach schön ist zu leben und zu wohnen. Ich höre zumindest oft, dass die Menschen gern nach Erfurt kommen und gern hier verweilen. Das hat sich ja bekanntlich bis zu Papst Benedikt herumgesprochen.

Sie haben ein dichtes Beratungsprogramm auf ihrer Tagesordnung. Unsere Kirche, die auch hier in Erfurt auf eine wechselvolle Geschichte zurückschaut, ist wieder einmal wie schon oft in ihrer Geschichte eine Kirche im Umbruch. Veränderte Denk- und Lebensgewohnheiten fordern uns heraus, auch seelsorglich. Das spüren wir besonders hier in den östlichen Bundesländern. Wir haben hier im Osten in jüngster Vergangenheit zwei Diktaturen erlebt, vor allem aber eine friedliche Revolution, zu deren Gelingen nicht zuletzt viele Christen beigetragen haben, vor allem dann auch beim Aufbau neuer, demokratischer Strukturen.

Die Kirche muss im Wandel der Verhältnisse und Mentalitäten immer neu ihren Weg zu den Menschen suchen. Sie muss sich gleichsam "inkarnieren", also in das konkrete Leben der Menschen und der kulturell sich wandelnden Gesellschaft eintauchen, und das geht nicht ohne Spannungen und Verwerfungen. Das erleben wir derzeit sehr eindringlich, manchmal auch leidvoll. Einige Ihrer Tagesordnungspunkte greifen ja solche Spannungen auf.

Ich bin sicher, dass die von der Bischofskonferenz angeregte Gesprächsinitiative auf dieser Vollversammlung eine wichtige Rolle spielen wird. Wie anders als durch Gespräch und Austausch von Ansichten und Meinungen, wie anders als durch ein neues, vertieftes Hören auf die Heilige Schrift und das Bedenken der kirchlichen Lehre und Tradition im Kontext der heutigen Zeit, und nicht zuletzt: wie anders als durch das gemeinsame Bitten um die Gaben des Heiligen Geistes für die Kirche unserer Tage kann Erneuerung gelingen. Unsere Kirche muss sich nicht selbst bezeugen. Sie darf das Evangelium unseres Herrn bezeugen, und das durchaus vielgestaltig, in Wort und Tat, aber doch in großer Einmütigkeit und vor allem profiliert und für die säkulare Welt erkennbar und von den Glücksverheißungen unserer Zeit unterscheidbar.

So geht der Weg der Kirche durch die Jahrhunderte, von Generation zu Generation: Aus dem Erbe wird immer wieder ein neues Angebot- hier im mitteldeutschen Raum, wo viele den christlichen Glauben überhaupt nicht mehr kennen, aber eben auch in anderen Regionen unserer Heimat, wo das Christentum zwar kulturell bekannt ist, aber an prägender Lebenskraft verliert. Das sollte uns gemeinsam herausfordern - Bischöfe wie Gemeindeglieder, Seelsorger wie Theologen, den Einzelnen mit seiner ganz persönlichen Glaubenspraxis wie eben auch eine solche ehrwürdige Vereinigung wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das schon so manche kirchliche wie gesellschaftliche Stürme bestanden hat.

Wir feiern in diesem Jahr in Thüringen den 200. Geburtstag von Franz Liszt, der lange in Weimar lebte. Am letzten Sonntag konnte ich in der dortigen katholischen Pfarrkirche eine "Franz-Liszt-Gedächtnisorgel" einweihen, die uns auf Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Musikhochschule Weimar das Land Thüringen gebaut hat. Erstaunlich, dass so etwas wie ein Orgelneubau im Zeitalter von Grundlagenforschung und High-Tech-Innovationen die DFG-Gremien passiert hat.

Liszt war - auch kirchlich gesehen - ein bemerkenswerter Mensch: ein europaweit gefeierter Klaviervirtuose, ein hochbegabter Komponist, nicht zuletzt auch großer kirchenmusikalischer Werke - und er war ein Katholik, der jeden Morgen in Weimar die Heilige Messe mitfeierte und sich nicht zu schade war, die Lieder der kleinen Gemeinde auf dem Harmonium (!) zu begleiten.

Liszt wollte, wie er einmal in einem Brief bemerkte, mit guter Kirchenmusik "sowohl der Kunst als auch dem Cultus" einen Dienst erweisen. Und in einem anderen Brief klagt er: "Wozu in den Kirchen so häufig Leierkasten-Musik betreiben?" Auf sein Drängen geht der Neubau der katholischen Pfarrkirche in Weimar zurück, ausgestattet mit einer großen Orgel, deren Vollendung Liszt freilich nicht mehr erlebte.

Ich verweile noch kurz beim Stichwort Orgel. Eine Orgel ist ein erstaunliches Instrument. Sie kann in die reiche Fülle des musikalischen und auch religiösen Empfindens einführen, die einem menschlichen Herzen möglich ist. Man sagt nicht ohne Grund: Eine Orgel ist einem reich instrumentierten Orchester vergleichbar. Sie ist ein Instrument, gleichsam prädestiniert für die Darstellung von Fülle - die Fülle des Musikalischen, aber eben auch die Fülle menschlicher Antwortmöglichkeiten auf den Anruf Gottes. Dieses Instrument will uns erinnern: Unser Glaube redet nicht von einem kärglichen Gott, sondern von einem Gott, der Leben in Fülle ist - und der uns an seiner Fülle Anteil gibt.

Unsere Kirche ist auch so ein organon, ein instrumentum, das immer neu und immer überzeugender "Resonanzraum" der göttlichen Zuwendung zum Menschen werden soll. Darum meine Bitte: Stimmen Sie hier in Erfurt keine "Leierkasten-Musik" und keine "Klagelieder" an. Lassen Sie in ihren Gesprächen und Beschlüssen etwas von der Weite unseres Glaubens, von der großen Vision des Gottesreiches und seiner Verheißungen aufleuchten, die auch heute Menschen bewegen und Biographien verwandeln können. Das Letzte, was wir Katholiken hier in Thüringen brauchen, ist Angepasstheit. Wir brauchen demütiges Selbstbewusstsein, etwas sagen zu können, was nicht aus eigener Weisheit stammt, und wir brauchen geistliches Profil, das auf Gott aufmerksam macht und auf das, was wirklich unseren unbändigen Lebenshunger stillen kann.

Vielleicht ist Franz Liszt kein schlechter Fürsprecher für ein solches Anliegen. Freilich: Selig gesprochen ist er nicht. Aber inspirierend ist er in jedem Fall.

Ihnen eine gute Tagung und einen guten Aufenthalt in unserer Stadt!


www.zdk.de