"Auskunftsfähig für das Evangelium"

Dankrede des ausgezeichneten Altbischofs Joachim Wanke zur Verleihung des Ökumenepreises der Katholischen Akademie Bayern

 

Nachfolgend veröffentlichen wir die Dankrede von Altbischof Joachim Wanke zur Verleihung des Ökumenepreises der Katholischen Akademie Bayern. Der Preis wurde am 25. Juni 2013 in Münschen überreicht (www.bistum-erfurt.de).

Für die Überreichung des Ökumenepreises der Katholischen Akademie München möchte ich Ihnen, Herr Dr. Schuller, sehr herzlich danken. Ebenso danken möchte ich für die freundliche Laudatio durch Sie, verehrte Frau Ministerpräsidentin Lieberknecht.  Sie haben es sich nicht nehmen lassen, trotz Ihrer vielfältigen Beanspruchungen zur Würdigung eines katholischen Bischofs eigens nach München zu kommen. Das ist in sich schon ein wertvolles Zeichen ökumenischer Gesinnung Ihrerseits. Was mich im Blick auf Ihre zeitliche Beanspruchung ein wenig tröstet: Ihr Einsatz hier in München ist für Sie hoffentlich nicht ganz so strapaziös und stressig wie seinerzeit Ihr Engagement beim Papstbesuch im September 2011 in Thüringen! Ihre heutige Rede empfinde ich als eine weitere Bestätigung des freundlichen und konstruktiven Miteinanders von Landesregierung und Katholischer Kirche in Thüringen und darüber hinaus mit allen in diesem Bundesland beheimateten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Nochmals vielen Dank!

Als mich Dr. Schuller vor einigen Wochen anfragte, ob ich den zweijährig von der Katholischen Akademie München zu vergebenden Ökumenepreis entgegennehmen würde, war ich - zugegeben - überrascht, und auch ein wenig verlegen. Ich erforschte mein Gewissen, ob im Blick auf mein ökumenisches Engagement in der Vergangenheit etwas besonders bemerkenswert  gewesen sei, wurde aber nicht sonderlich fündig, es sei denn mein längerer Einsatz im Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland. Freilich gehörte dies und manch anderes zu überdiözesanen Aufgaben, die eben ein Bischof manchmal zu übernehmen hat, besonders wenn es in der Bischofskonferenz an bereitwilligen Kandidaten für solche zusätzlichen Verpflichtungen mangelt.
Ich habe meine Verlegenheit, nun der prominenten Reihe der bisherigen Preisträger zugezählt zu werden, mit der folgender Überlegung kompensiert. Vielleicht hat meine ökumenische Einstellung doch ein gewisses Proprium: Sie ist gespeist aus der Erfahrung, zusammen mit meinen Mitchristen in Thüringen als Minderheit unter echten "Heiden" zu leben. Und genau dadurch ist mir das Miteinander der Christen wichtig geworden.
Diese Erfahrung fing schon in meiner Schulzeit an, in der ich mich zusammen mit einer einzigen katholischen Mitschülerin und drei bis vier evangelischen Schülern in der eigenen Klasse immer als Minderheit unter der nichtgläubigen Mehrheit der Anderen erfuhr. Die meisten meiner Mitschüler waren - im Bild gesprochen - "chemisch rein" von Religion aufgewachsen. Das religiöse Nichtwissen und die Vorurteile gegenüber einer konkreten Kirchenbindung waren groß. Und das war und blieb auch die Grunderfahrung in meinem Seelsorgedienst in einem Land, in dem der Gottesglaube durch den DDR-Staat und dessen Partei bewusst und systematisch, und das mit einigem Erfolg, weithin ausgetrocknet wurde. Religiöses Vokabular und Grundkenntnisse des christlichen Glaubens sind der Mehrheit meiner Landsleute inzwischen so fremd wie Chinesisch geworden.
Wie nun in einer solchen Situation das tun, was uns als Christen aufgetragen ist: auskunftsfähig für das Evangelium zu werden? Dies geht meiner Erfahrung nach nur, wenn wir als Christen zusammenrücken, in gegenseitiger Achtung und größtmöglicher Gemeinsamkeit.
Und das haben wir damals getan, in den früheren Kampfzeiten, als die Funktionäre der alten Partei uns junge Leute für die Lehren des Dialektischen Materialismus zu gewinnen suchten (ich erinnere mich lebhaft an so manche, von uns Schülern in ökumenischer Gemeinsamkeit lustvoll geführten Diskussion in der Schule). Und das haben wir als einzelne Christen, als Gemeinden und Kirchen auch damals so gehalten. Regelmäßig trafen sich etwa die Kirchenleitungen und tauschten ihre Erfahrungen gerade auch im Blick auf die staatliche Kirchenpolitik aus, um nicht gegeneinander ausgespielt zu werden. Und das wurde dann auch nach dem gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 weitergeführt, nun in einer offenen, liberalen, freilich religiös zutiefst indifferenten und durch die Vergangenheit geschädigten Gesellschaft. Ich denke beispielsweise mit Freude an das Jahr 2007 zurück, an die Feier des 800. Geburtstages unserer Landespatronin, der Hl. Elisabeth von Thüringen. Unsere evangelischen Glaubensgeschwister haben deren Lebens- und Glaubenszeugnis gern aufgegriffen und in seiner Bedeutung auch in die säkulare Gesellschaft hinein zusammen mit uns Katholiken weitervermittelt - übrigens bestens unterstützt durch die Landesregierung, u.a. durch eine hervorragende Landesausstellung auf der Wartburg. Es war für manche Thüringer doch ein Aha-Erlebnis zu erfahren, wie sehr diese Frau nicht nur eine große Beterin war, sondern auch eine politisch klug agierende "Managerin der Nächstenliebe", mit Fernwirkung bis heute. Eine Bevölkerung, die die Heineverse "Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen" sehr verinnerlicht hatte, spürte auf einmal, dass ein offener Himmel über unserem Land auch mit dessen Lebensqualität zu tun hat.  Oder ich denke, um noch ein weiteres Beispiel anzuführen, an die jetzt schon einige Jahre bestehende Praxis, dass sich die Landeskirchen und Bistümer Mitteldeutschlands bei Kirchen- und Katholikentagen den Besuchern in einem gemeinsamen Kirchenstand präsentieren, so wie etwa jüngst wieder in Hamburg geschehen.  
Es ist mit der Ökumene wie mit einer guten Freundschaft. Eine gute Freundschaft wächst nicht durch ein gegenseitiges Sich-Fixieren und Kräfte-Messen, womöglich noch angstbesetzt oder auf Platzvorteile schielend, sondern wirkliche Freundschaft wächst und wird tragfähig durch das Anpacken einer gemeinsamen Aufgabe. Eine gemeinsame Herausforderung  -  das verbindet und führt zur tragfähiger, belastbarer Gemeinschaft, im Denken und Handeln. Ganz pragmatisch gesprochen, aber letztlich doch aus tiefer theologischer Einsicht: Wir brauchen eine symphonische Ökumene, eine Ökumene nicht der Kakophonie, nicht der Konkurrenz, sondern eine Ökumene der Synergie im gemeinsamen Zeugnis - zu der uns ja letztlich auch das Gebet Jesu in Johannes 17 einlädt: "Alle sollen eins sein..., damit die Welt glaube, dass Du, Vater, mich gesandt hast."

"Damit die Welt glaube...!" Es gibt einen untergründigen Zusammenhang zwischen Ökumene und Zeugenschaft für das Evangelium, übrigens: einer vielgestaltigen Zeugenschaft, für die ja auch die Vielgestaltigkeit des neutestamentlichen Kanons steht. Die verschiedenen biblischen Traditionsstränge, einander überlagernd und durchdringend, zeigen uns: Die Wahrheit der Offenbarung ist symphonisch. Deren Zeugnisse sind zwar je eigens gefärbt, sie reden aus unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen, aber sie haben eine Mitte, etwa in dem Satz: "Wer ihn, Jesus Christus sieht, sieht den Vater" (vgl. Joh 14,9).
Aufeinander Hören, sich über die Mitte des Evangeliums gegenseitig Verständigen und miteinander Bedenken, wie diese für unsere thüringischen und sächsischen Zeitgenossen zum Leuchten kommen könnte -  damit ist der Weg skizziert, der uns mehr und mehr zusammenführen wird.

Leider ist das Wort Dialog sehr abgenutzt. Aber ich möchte es doch an dieser Stelle gebrauchen: Wie die Ökumene von einem ehrlichen Dialog lebt, so auch unser Glaubenszeugnis gegenüber der Welt. Beide Dialoge befruchten sich gegenseitig.
Ich wünschte mir, dass in unseren Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften diese Überzeugung zu einer für alle Christen selbstverständlichen Grundhaltung wird: Unsere Bereitschaft, für das Evangelium auskunftswillig und auskunftsfähig zu werden, wird uns tiefer als Christen und Kirchen untereinander verbinden.  
Aus dieser Einsicht ergibt sich für mich, noch dem konkreten ökumenischen Engagement vorgelagert, die Aufgabe, mit "demütigem Selbstvertrauen" und geistlicher Zuversicht auf nichtglaubende Menschen zuzugehen. Denn das zeitigt Lernfrüchte, die dem Miteinander der Christen förderlich sind, z.B. diese: Zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden gilt ein Verhältnis existentieller Solidarität. Uns Christen ist verboten, im Sinne einer Einbahnstraße zu denken. Es geht nicht um Hilfeleistung von Besitzenden an solche, die eben auf Hilfe angewiesen sind. Hilfsbedürftig vor Gott sind alle Menschen. Es geht auch nicht um Antworten auf Fragen, die der andere nicht stellt. Man kann erst Antworten geben, wenn man die Fragen wirklich gehört hat. Darum ist der Dialog in der Tat eine Grundkategorie des Glaubens und der Glaubensbezeugung - nicht nur im Blick auf Nichtglaubende, sondern auch (aus der je eigenen Sicht) auf Andersglaubende. Ich bin überzeugt, dass der anbrechende Dialog der Weltreligionen - übrigens das Megathema des soeben angebrochenen Jahrhunderts - der innerchristlichen Ökumene "Beine machen" wird.
 
Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an die bis heute lesenswerte Dialog-Enzyklika von Papst Paul VI. "Ecclesiam suam" aus dem Jahr 1964. Dieses Schreiben verklammert ausdrücklich den Dialog mit der Welt und den ökumenischen Dialog miteinander, eben, weil allein der Dialog der Weg ist, der den Horizont des Verstehens weitet und Menschen zusammenführt. Die Kirchen und Christen haben also voneinander zu lernen und noch mehr zu lernen von denen, die wie Zachäus in den Bäumen hocken und nach "Jesus", sprich: nach Verheißungen ausschauen, auf die sie im Innersten hoffen, aber an die sie (noch) nicht glauben können.
Und ich verweise auf eine zweite Lernfrucht aus dem Gespräch mit nichtglaubenden Zeitgenossen: Uns wird tiefer bewusst, dass es eine prinzipielle Offenheit aller Menschen für Gottes Anruf gibt. Christi Ostersieg ist ja für alle errungen und Gottes Heilswille schließt alle Menschen ein. Das ist Grundüberzeugung der Kirche von Anfang an. Das ist die Grundmelodie der Botschaft, die vom 2. Vatikanischen Konzil ausgeht. Es gibt das Heil nur universal. Darum hat die Kirche sich in ihrer Geschichte niemals zur Sekte machen lassen, zu einem Zirkel der Besserwissenden, die sich hochmütig von der Masse der anderen absetzt oder mit ihr nichts zu tun haben will. Ich warne deshalb vor einer Pastoral, die nur die Engagierten, die Starken und Überzeugten sammeln will. Die Kirche hat nichts zu "erfassen", zu verwalten, geschweige denn zu klassifizieren. Sie hat aus einer Haltung der Grundsolidarität und Empathie die Menschen auf ihren Wegen zu begleiten, ihnen das Evangelium als österliche Weitung des Lebenshorizontes anzubieten, und sie in ihren Suchbewegungen auf Gott hin zu bestärken
Ich bin fest davon  überzeugt, dass die wenigsten Menschen in Thüringen im tiefsten Herzen wirkliche Atheisten sind. Schon früher in den Zeiten des alten ideologischen Staates habe ich manchmal scherzhaft gesagt: Wir Christen sind zusammen mit den wenigen gläubigen Marxisten gemeinsam (!) in der Diaspora!

Die untereinander immer noch zerstrittene Christenheit lernt derzeit wieder neu den Weg zu gehen, den Gott selbst in Jesus Christus gegangen ist.
•    Es ist der "inkarnatorische" Weg, der sich nicht zur Welt in Gegensatz setzt, sondern diese annimmt, in ihr mit allen Menschen den Gott geschuldeten Glaubens- und Hingabeweg geht und die Welt so verwandelt.
•    Es ist ein Weg des "Mitleidens", das nicht anklagt und verurteilt, sondern erträgt und mitträgt, was heute Menschen aufgegeben und manchmal auch zu-gemutet ist.
•    Es ist der Weg des geduldigen Dialogs, der die Mitmenschen in ihrer je eigenen Erfahrung zu Wort kommen lässt, ihnen zuhört und sie behutsam dabei begleitet, ihr eigenes Leben auf die Wahrheit des Evangeliums hin zu weiten, auf die Möglichkeit, im Loslassen ihres Lebens in das Geheimnis Gottes hinein sich selbst zu finden.
•    Und es ist ein Weg des "Anbietens" einer Wahrheit, die ihre Evidenz nicht zuerst in einer rationalen Überzeugungskraft hat noch in einer bloß formalen Autorität, nicht einmal einer "religiösen", sondern in der Erfahrung, dass der christliche Glaube in der Zerrissenheit der heutigen Welt Annahme und Bejahung des Lebens ermöglicht und "Stimmigkeit" im Blick auf die ganze Wirklichkeit schenkt.

Sind diese Stichworte nicht auch ein überzeugendes Programm für unsere Ökumenearbeit? "Die Felder sind reif zur Ernte", so ruft Jesus im 4. Evangelium den Jüngern zu (vgl. Joh 4,35). Und die synoptische Tradition ergänzt: Diese Ernte ist so reich, dass es noch viel mehr Erntehelfer Gottes bedarf (vgl. Mt 9,37f par Lk 10,2). Das ist kein Klagelied Jesu, sondern ein Jubelruf. Und die eschatologische Ernte Gottes ist bekanntlich weder evangelisch noch katholisch. Sie wird ja auch nicht von uns gemacht, wohl aber soll sie von allen, die zu Christus gehören, eingebracht werden.
Meine Erfahrung ist: Die Wahrheit, um die es im kirchlich verbürgten Glauben geht, hat ihren "Sitz im Leben" im je eigenen persönlichen Lebens- und Glaubensweg. Sie leuchtet auf in den Biographien der Mitglaubenden. Paulus nennt diese ja "Heilige", was er bekanntlich nicht an deren heroischen Tugendgraden festmacht. Und solche "Heilige", solche "von Christus Geheiligte" gab es nicht nur damals in Korinth und Thessalonike, sondern die gibt es auch heute unter uns. Das ist für mich eine kostbare Erfahrung aus meiner ACK-Arbeit: Ich lernte in den anderen Kirchen und Gemeinschaften Persönlichkeiten kennen, deren Glauben und Hoffen und deren Menschenfreundlichkeit mich tief beeindruckten - und mich selbst zu einer tieferen Christusverbundenheit herausforderten.

Und was ist mit dem Ärgernis der noch bestehenden Kirchenspaltungen? Ich meine, wir sollten im ökumenischen Gespräch ein wenig  ekklesiologisch "abrüsten".  Die Kirche ist ein von Gott geschenktes Hilfsinstrument, gleichsam ein "Resonanzraum des Evangeliums", der uns hilft, die "Melodie des Evangeliums" im Stimmengewirr unserer Zeit zu erkennen und bereitwilliger in sie einzustimmen. Instrumente sind wichtig, wichtiger aber ist, wozu sie dienen sollen. Wozu ist Kirche samt ihren Ämtern und konkreten Strukturen da? Sie leistet "den notwendigen Dienst am heilsnotwendigen Evangelium" - das ist eine Formel, die ich immer wieder von unserem jüngst verstorbenen Erfurter Dogmatiker und Ökumeniker Lothar Ullrich gehört habe und die im Blick auf das Bischofsamt in den katholisch-lutherischen Dialogtext "Kirche und Rechtfertigung" von 1994 eingegangen ist (Nr. 196; 202). Ich bin gewiss: Die derzeitige krisenhafte Umbruchsituation im Selbstverständnis und Erscheinungsbild der Kirche wird helfen, deren Gestalt "evangeliumsgemäßer" zu machen. Und das wird uns auch auf dem Weg zur vollen Einheit im Glauben und des gemeinsamen Kirche-Seins voranbringen.


Laudatio der Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht: www.bistum-erfurt.de (bitte anklicken)