"Augen öffnen, wo Menschen blind geworden sind"

Gedanken von Bischof Joachim Wanke zum Tag der Deutschen Einheit 2010 beim Festakt der Thüringer Landesregierung



Für meine Gedanken zum Tag am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit habe ich eine Geschichte aus dem Markusevangelium (Mk 10,46-52) ausgesucht. Sie hat mit dem Sehen zu tun. Sie erzählt von Bartimäus, dem blinden Bettler am Wegrand vor Jericho. Seine Bitte an Jesus: "Herr, ich möchte wieder sehen können!"

Das ist eine Ursehnsucht des Menschen: sehen können, Durchblick gewinnen, den Sinn eines Geschehens ergründen, wissen, wohin alles zielt. Man könnte die ganze Geschichte der Menschheit als eine solche Geschichte des Erkennen-Wollens beschreiben. Irgendwie kommen wir alle blind auf diese Welt. Aber wir sind Blinde, die sich merkwürdigerweise mit ihrer Blindheit nicht zufrieden geben.

Es ist bemerkenswert, wie energisch Bartimäus seine Bitte zur Geltung bringt. Die Umstehenden weisen ihn zurecht. Er solle still sein. Schreien gehöre sich nicht. Er möge sich gefälligst so verhalten wie immer: geduldig warten, dass ihm jemand ein Almosen gibt. Vor allem sollte er nicht vermessen - gegen alle Vernunft - hoffen, dass etwas Außergewöhnliches passieren würde.

Ich behaupte einmal: Der Mut des Bartimäus, die Konvention zu durchbrechen, diese unbändige Hoffnung des Blinden, die ihn zu Jesus eilen lässt, gehört zum Kern dieser Geschichte. Was er zutiefst ersehnt ist nicht eine materielle Gabe, nicht Kenntnisnahme seiner Person, nicht Beachtung seines Elends durch ein einfühlsames oder mitleidiges Wort. Seine Bitte "Ich möchte sehen können!" geht aufs Ganze - und er hat das Vertrauen, dass sein Glaube an Jesus ihm das ermöglicht.

Unser Bibeltext braucht keine lange Erklärung: Auch wir heute sind eingebunden in mancherlei Zwänge äußerer und innerer Art, so wie dieser Blinde am Wegesrand. Zu diesen Zwängen gehören aber auch gesellschaftliche Entwicklungen, für die kaum ein einzelner Mensch haftbar gemacht werden kann, Mentalitäten und Trends, an die man sich mit der Zeit gewöhnen kann, ohne es zu merken.
 
Ich nenne als Beispiel einmal die Fixierung unseres gegenwärtigen Denkens auf das Ökonomische - persönlich wie gesellschaftlich. Neben dem Wetterbericht ist das Auf und Ab der Börsenkurse der wichtigste Gradmesser allgemeiner Befindlichkeit. So suggerieren es die täglichen Nachrichten. Nicht, dass die dahinter stehende Wirklichkeit unwichtig wäre. Aber was mich manchmal erstaunt, ist die Engführung unseres Lebens auf diese Wirklichkeit des Ökonomischen allein.

Ich verweise weiterhin auf die merkwürdige Engführung unseres Denkens auf die wissenschaftlich-technische Vernunft. Natürlich hängen von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer technischen Umsetzung Arbeitsplätze ab - aber, so möchte man fragen, wird uns eine immer höhere Produktivität die Frage beantworten, wie wir morgen leben wollen?

Manche nachdenkliche Zeitdiagnostiker machen darauf aufmerksam, dass unsere derzeitigen Lebenseinstellungen sehr einseitig geworden sind. Sie sind fixiert auf die Fragen des Machens, des Herstellens von Dingen und von Wissen, aus denen man weitere Dinge und weiteres Wissen produzieren kann. Unsere Vernunft - so die Kritik - ist zu einer bloß instrumentellen Vernunft geworden.

Gehört nicht zur Vernunft z. B. die Frage, ob bestimmte Entwicklungen überhaupt angemessen sind, ja ob sie überhaupt von uns gewollt sein sollten? Was macht eigentlich Lebensqualität aus? Was gehört zu einem guten Leben?

Wir perfektionieren das Wissen unserer Kinder und vergessen die Bedeutung der Herzensbildung. Wir denken über immer bessere Autos nach und vernachlässigen die Fragen nach der Gerechtigkeit. Wir machen mit Hilfe einer gigantischen Gesundheitsindustrie unsere biologische Existenz immer vollkommener - und töten das Leben dort, wo es am wehrlosesten ist: am Anfang und am Ende. Und wer garantiert, dass nicht angesichts der Komplexität der heutigen Probleme wieder politische Demagogen auftreten, die Menschen mit ihren Schwarz-Weiß-Parolen verführen?

Mir kommt es manchmal vor, als sei die blitzgescheite Menschheit mit ihrem ungeheuren Expertenwissen mit "Blindheit", zumindest "partieller Blindheit" geschlagen.

Verbreitet ist heute eine Haltung, die alles, was einem begegnet, nur auf einen Aspekt, meist einen materiellen, naturalistischen Aspekt reduziert. Ich nenne das die Blindheit des Reduktionismus, der sich in der beliebten Floskel äußert: "Dieses oder jenes ist nichts anderes als ...". Gefühle etwa seien nichts anderes als Hormonausschüttungen, der Mensch nichts anderes als eine komplizierte Naturmaschine, die Familie nur eine Zwangsinstitution, Politik nur ein schmutziges Geschäft und Religion nur ein Ressentiment der Zu-kurz-Gekommenen. Wer mit solchen reduktionistischen Scheuklappen umherläuft, wird blind für das Ganze der Wirklichkeit.

Und die andere Blindheit, gegen die wir widerständig sein sollten, ist die Meinung, die wahre Zukunft liege im immer schnelleren technischen Fortschritt, in einem Wachstum um jeden Preis. Auch Krebsgeschwüre sind Wachstumsphänomene. Es gilt kritisch zu bleiben gegenüber so vielem, was uns manchmal heutzutage als schnelle "Beglückung" angepriesen wird. Für meine Herztabletten bin ich durchaus dankbar. Das gebe ich gern zu. Aber was ich mit einem iPhone mit zig Möglichkeiten an Programmen und allerlei Arten auch unnötiger Kommunikation anfangen soll, weiß ich nicht so genau. Und solche "Unnötigkeiten" gibt es eine ganze Menge.

Was kann helfen, solche Blindheiten des Denkens, des Urteilens und Handelns zu überwinden? Wir sollten die kritischen und nachdenklichen Stimmen hören, die es gottlob in der Welt gibt. Etwa die Stimmen, die uns daran erinnern, dass wir auf Kosten der Zukunft unserer Kinder leben. Es sind die Stimmen, die eine neue Bescheidenheit einfordern, eine Bescheidenheit gegenüber der Umwelt, den gewachsenen Ansprüchen und angeblichen Selbstverständlichkeiten. Es sind die Stimmen, die uns mahnen, auf das Leid so vieler Menschen und Völker zu schauen, eine leidempfindsame Vernunft zu entwickeln, die bei allen Fortschrittsplänen gleich angibt, zu wessen Kosten diese gehen werden. Und es sind die Stimmen, die sagen: Fordere von anderen nicht mehr als von dir selbst!   

"Herr, ich möchte sehen können!" Das ist eine durchaus gefährliche Bitte.

Ich bin dankbar, dass manche säkularen Denker heute wieder in neuer Weise positiv das Wissen würdigen, dass in der christlichen Religion für eine humane Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft aufbewahrt ist. Natürlich weiß ich auch um die Ambivalenz des Religiösen, auch um seine Schattenseiten. Doch darüber sollten wir uns einig sein: Was wir heute dringlich brauchen, ist ein über das rein Ökonomische und Technisch-Machbare hinaus geweiteter Horizont des Fragens. Christen und Nichtchristen, religiöse und nichtreligiöse Zeitgenossen sollten sich zu einer Koalition verabreden, die neu den Warum- und Wozu-Fragen Priorität einräumt.

Die Freiheit, die uns vor 20 Jahren neu eröffnet wurde, ist kein Selbstzweck. Sie soll der Gerechtigkeit aufhelfen, die gegenseitige Solidarität befördern, zu einem innovativen Denken Mut machen und die Angst vor der Zukunft klein halten. Und ich wage als Bischof hinzuzufügen: Sie soll der Barmherzigkeit Raum geben, ohne die selbst die perfekteste Gesellschaft nicht menschlich bleiben kann.

Wer meint, er sei zu einem solchen Nachdenken und Reden in der Öffentlichkeit nicht berufen, der sei daran erinnert: Auch im Rahmen seiner ganz persönlichen Möglichkeiten kann jeder helfen, Augen zu öffnen, zum Sehen anzuleiten, besonders dort, wo Menschen blind geworden sind für das Schöne und Gute in ihrem Leben, z. B. für das, was uns vor 20 Jahren geschenkt worden ist. Es ist mehr, als wir meinen.





Ansprache gehalten am 3.10.2010 im Theater Erfurt