"Was du verkündest, erfülle im Leben!"

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Diakonenweihe von Dr. Falk Weckner und Johannes Kienemund in Heiligenstadt



Ein Diakon bei der Verkündigung des Evangeliums im Erfurter Dom


Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

heute ist das Fest des Heiligen Markus, der eigentlich Johannes Markus hieß und von dem das Neue Testament einiges berichtet: Johannes Markus war ein Judenchrist in Jerusalem und der Vetter des Barnabas. Das Haus seiner Mutter wurde später zum Mittelpunkt der Jerusalemer Urgemeinde. Er lebte also in einem christlichen Milieu, das Sie, lieber Herr Kienemund in Ecklingerode auch erfahren haben, während Herr Dr. Weckner die Diaspora Ilmenaus erlebte. Beides hat Vor- und Nachteile: Unser Glaube braucht eine Heimat, einen Ort wo wir ihn mit anderen teilen und leben können. Solche Orte haben Sie, Gott sei Dank, gefunden und ich wünsche Ihnen, dass Ihre künftigen Einsatzorte ebenfalls solche Orte sind. Der Glaube will aber auch weitergegeben werden, nicht nur in der Familie, die dafür leider immer häufiger ausfällt. Wir dürfen uns nicht in die Gemütlichkeit eines katholischen Milieus zurückziehen, sondern sollen uns als Sauerteig unter die Menschen mischen.

Johannes Markus wurde von Barnabas und Paulus auf die erste Missionsreise mitgenommen, hielt aber nicht durch und kehrte in Perge in Pamphylien um. Zur zweiten Missionsreise wollte Barnabas Markus wieder mitnehmen, aber Paulus weigerte sich und wählte Silas zum Gefährten, während Barnabas mit Markus nach Zypern fuhr. Später bestand wieder ein gutes Verhältnis zwischen Paulus und Markus, der während der ersten Gefangenschaft bei Paulus in Rom war und um dessen Kommen Paulus bei seiner zweiten römischen Haft den Timotheus ausdrücklich bittet. Diese Lebensgeschichte ermutigt, mit Spannungen und Konflikten, die es leider auch heute gibt, konstruktiv umzugehen. Vielleicht war Markus ein großer Könner in der Kunst, nach einer Trennung wieder zurückzukommen.

Nur die Markuspassion berichtet von einem Jugendlichen, der die Verhaftung Jesu beobachtet: "Ein junger Mann, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn. Er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon." (Mk 14,51f.) Der Exeget Martin Dibelius fragt, woher der Verfasser des Markusevangeliums wusste, dass dieser junge Mann die Verhaftung Jesu beobachtet hat und buchstäblich nur seine nackte Haut retten konnte. Martin Dibelius stellt die Vermutung auf, dass dieser junge Mann Markus selbst war. Diese Theorie gefällt mir sehr gut, weil sie davor bewahrt, Menschen - und vor allem auch junge Menschen - abzuschreiben.

Allerdings setzt diese Theorie die Überzeugung der kirchlichen Tradition voraus, die das anonym verfasste Evangelium dem in der Apostelgeschichte genannten Johannes Markus zuschreibt. Nach heutigen exegetischen Vermutungen, war Markus der erste, der ein Evangelium verfasste. Er wollte die Überlieferung der Worte und Taten Jesu festhalten, wohl auch weil er bezweifelte, dass die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorsteht. Als Diakonen ist Ihnen die Verkündigung des Evangeliums aufgetragen. Die große Herausforderung der Predigt, zu der Sie ebenfalls beauftragt werden, ist die Übersetzung der Evangelien ins Heute.

Eine Identifizierung des Johannes Markus mit dem im 1. Petrusbrief genannten Markus ist ebenfalls unsicher. Die kirchliche Tradition zieht diese Verbindung und legt somit Rom als Abfassungsort des Markusevangeliums fest. Demnach befindet er sich in Rom bei Petrus, der ihn seinen "Sohn" nennt. Petrus war dann für Markus ein wichtiger Glaubenszeuge, den er verehrte. Auch in Ihrem Leben, liebe Weihekandidaten, gibt es solche Glaubenszeugen, sonst wären Sie heute nicht hier. Und Sie werden selbst beauftragt, solche Glaubenszeugen zu sein.

Bei der Übergabe des Evangeliars heißt es in der Weiheliturgie: Empfange das Evangelium Christi. Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde; und was du verkündest, erfülle im Leben.
Möge der Heilige Markus, an dessen Fest Sie zu Diakonen geweiht werden, Ihr besonderer Patron sein.


Predigt gehalten am 25.4.2015 in St. Ägidien, Heilbad Heiligenstadt