Unvollkommen, aber gütig - das ist menschlich

Hirtenbrief von Bischof Ulrich Neymeyr zur österlichen Bußzeit 2016

Meine lieben Schwestern und Brüder,

"Was ist menschlich?" Zu Beginn der Fastenzeit möchte ich Sie einladen, diese Frage zu bedenken, weil sie uns zu den aktuellen Herausforderungen dieses Jahres führt. "Was ist menschlich?" Es fallen uns andere Begriffe ein wie verständnisvoll, gütig, hilfsbereit. Wer menschlich ist, nimmt Not wahr und versucht sie zu lindern. Die vielen Menschen, die in den letzten Monaten zu uns geflüchtet sind, erleben solche Menschlichkeit. Vielen Menschen in Thüringen ist es wichtig, dass auch die Flüchtlinge nicht als Strom, Welle oder Masse beschrieben und behandelt werden, sondern als Menschen, die sich aus Not auf die Flucht begeben haben. Auch wenn unser Land Menschen zurückschicken muss, weil ihnen in ihrer Heimat keine Gefahr für Leib und Leben droht, sind es Menschen, mit denen menschlich umgegangen werden muss. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie es zu Hause mit ihnen weitergeht. Das Streben nach Mitmenschlichkeit - auch gegenüber den Flüchtlingen - verbindet uns mit der Mehrheit der Menschen in Thüringen. Als Christen sind wir zu mehr als zu Mitmenschlichkeit verpflichtet, nämlich zur Nächstenliebe. Jesus identifiziert sich mit Menschen in Not: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen." (Mt 25,35) In seiner Bulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit schreibt Papst Franziskus: "Öffnen wir unsere Augen, um das Elend dieser Welt zu sehen, die Wunden so vieler Brüder und Schwestern, die ihrer Würde beraubt sind. Fühlen wir uns herausgefordert, ihren Hilfeschrei zu hören. Unsere Hände mögen ihre Hände erfassen und sie an uns heranziehen, damit sie die Wärme unserer Gegenwart, unserer Freundschaft und unserer Brüderlichkeit verspüren." (Nr. 15) Nächstenliebe lässt sich auch vom Schicksal der Menschen in der Ferne rühren, erst recht wenn sie als Flüchtlinge aus der Ferne der Nachrichten zu uns in die Nachbarschaft kommen.

Das Leitwort des Katholikentages, der vom 25. bis 29. Mai 2016 in Leipzig stattfinden wird, führt zu einer weiteren Dimension der Mitmenschlichkeit. Es lautet "Seht, da ist der Mensch!", auf Lateinisch: "Ecce homo!". Es ist der berühmte Satz, mit dem Pontius Pilatus Jesus der Menschenmenge vorstellt, nachdem er brutal gegeißelt, d.h. gefoltert wurde (Joh 19,5). Der Mensch Jesus wurde Opfer von Rechtsbruch und Eigeninteressen, von Fanatismus und politischen Verhältnissen. Wer menschlich ist, wer den Menschen sieht, sieht auch unmenschliche Strukturen und kann sich nicht aus der Politik heraushalten. Wir beklagen das Schicksal unserer Mitchristen, die in islamisch und kommunistisch regierten Ländern Benachteiligung und Verfolgung ausgesetzt sind. Keine Religionsgemeinschaft wird weltweit so verfolgt wie die Christen. In einem freien Land können und müssen wir unsere Stimme erheben gegen Intoleranz und Unterdrückung. Wir müssen auch kritisch fragen, ob das christlich geprägte Deutschland sich entschieden genug einsetzt für die Rechte unserer verfolgten Mitchristen. Der Einsatz für ihre Freiheit darf nicht politischen oder wirtschaftlichen Interessen zum Opfer fallen. Der Katholikentag in Leipzig wird ein Forum sein, in dem um die politischen Konsequenzen des Evangeliums gerungen wird. Ich lade sie herzlich zur Teilnahme ein. Es lohnt sich, auch für nur einen Tag nach Leipzig zu fahren.

Auf die Frage "Was ist menschlich?" ist Ihnen vielleicht auch eine ganz andere Antwort eingefallen, nämlich "Irren ist menschlich." Ein anderer Begriff für menschlich ist nämlich auch unvollkommen. Der berühmte Satz "Irren ist menschlich", stammt von dem römischen Philosophen Seneca, einem Zeitgenossen Jesu. Vom irischen Schriftsteller Oscar Wilde stammt der Satz: "Jeder Mensch hat einen wunden Punkt und das erst macht ihn menschlich." Beide Zitate erinnern an die Eigenschaft des Menschen, Fehler zu begehen, sich nicht an Regeln zu halten, sogar eigene Prinzipien zu verletzen. Der Apostel Paulus beschreibt dieses menschliche Verhalten im Römerbrief kurz und prägnant: "Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.", (Röm 7,19). Paulus nennt dies das "Gesetz der Sünde". (Röm 7,23). Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit fordert uns Papst Franziskus auf, uns mit dieser unserer Haltung und mit unseren Sünden der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen. In seiner Bulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit schreibt Papst Franziskus: "Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen.", (Nr. 17). Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie ermutigen, das Sakrament der Buße zu empfangen. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, seine eigenen Menschlichkeiten und Sünden anzuschauen. Manches können wir auch nicht einfach von heute auf morgen ändern. Aber wenn wir uns mit unseren Schwächen abfinden und unsere Sünden verdrängen, wird sich auch nichts ändern. Wenn wir sie aber in den Blick nehmen und bei der Beichte aussprechen, dann halten wir sie der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters hin. Wir erleben, dass wir von Gott angenommen sind, wir erfahren die Befreiung zu einem neuen Beginn - und wer weiß: Die Barmherzigkeit Jesu hat den raffgierigen Zöllner Zachäus verwandelt, und er hat freiwillig zurückgegeben, was er ungerechterweise eingenommen hatte.

"Was ist menschlich?" Es gibt auf diese Frage Antworten in zwei Richtungen: unvollkommen und gütig. Unsere Sprache weist uns auf einen inneren Zusammenhang hin: Wenn wir uns unserer eigenen Unvollkommenheit bewusst sind und bleiben, wachsen unser Verständnis und unsere Güte für unsere Mitmenschen. Weil wir auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind, sind wir zur Barmherzigkeit mit unseren Mitmenschen aufgefordert. Gerade im Land der Heiligen Elisabeth möge die Bitte des Heiligen Vaters auf fruchtbaren Boden fallen, die er in seiner Bulle zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit an alle richtet: "Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die Christen während des Jubiläums über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit nachdenken. Das wird eine Form sein, unser Gewissen wachzurütteln, das gegenüber dem Drama der Armut oft eingeschlafen ist, und immer mehr in die Herzmitte des Evangeliums vorzustoßen, in dem die Armen die Bevorzugten der göttlichen Barmherzigkeit sind. Die Verkündigung Jesu nennt uns diese Werke der Barmherzigkeit, damit wir prüfen können, ob wir als seine Jünger leben oder eben nicht. Entdecken wir erneut die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Und vergessen wir auch nicht die geistigen Werke der Barmherzigkeit: den Zweifelnden recht raten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Betrübten trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und für die Lebenden und Verstorbenen zu Gott beten.", (Nr. 15). Die Werke der Barmherzigkeit können Sie nachlesen im Gotteslob bei der Nummer 29,3.

Im Elisabethjahr 2007 wurden die Werke der Barmherzigkeit für uns heute in Thüringen neu formuliert:

Du gehörst dazu.
Ich höre dir zu.
Ich rede gut über dich.
Ich gehe ein Stück mit dir.
Ich teile mit dir.
Ich besuche dich.
Ich bete für dich.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen eine gesegnete österliche Bußzeit im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit und erbitte für Sie alle den Segen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.


Ihr Bischof Ulrich Neymeyr