Ostern blüht uns allen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr am Ostersonntag, 27. März

Das älteste schriftliche Osterzeugnis ist uns im ersten Korintherbrief des Hl. Apostels Paulus überliefert: "Christus ist am dritten Tag auferweckt worden gemäß der Schrift und erschien dem Kephas dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich." (1 Kor 15,4-6) Dieselbe Osterbotschaft überliefert der Evangelist Lukas aus dem Mund der Apostel: "Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen." (Lk 24,34)

Dieses Osterbekenntnis besteht aus zwei Teilen. Beide Teile sind grundlegend wichtig und die Voraussetzung dafür, dass wir heute Ostern feiern. Der Herr ist wirklich auferstanden. "Wär’ er nicht erstanden, so wär’ die Welt vergangen", so singen wir in einem alten Osterlied. Es hätte auch sein können, dass mit dem Kreuzestod Jesu die Welt und die Schöpfung ins Nichts zurückfällt. Aber Gott steht in Jesus Christus zu seiner Schöpfung. Christus begibt sich sogar ins Reich der Toten, um auch ihnen das Angebot des neuen Lebens zu machen und Jesus Christus erscheint am dritten Tage seinen Jüngern.

Auch der zweite Teil des Osterbekenntnisses ist grundlegend wichtig. Die Fortsetzung des alten Osterliedes könnte heißen: "Wär’ er nicht erschienen, so wüsste die Welt nichts von der Auferstehung." Jesus macht seinen Jüngern unzweideutig klar, dass sein Kreuzestod nicht das Ende ist, sondern vielmehr der Beginn der Vollendung. Diese Wahrheit können die Jünger Christi nicht für sich behalten. Sie müssen sie weitererzählen: Der Herr ist wirklich auferstanden.

Der Apostel Paulus hat diese christliche Urerfahrung tief durchdrungen. Er hat selbst eine Ostererfahrung. Er war auf dem Weg nach Damaskus, um dort die Christen zu verfolgen. Da erschien ihm Christus und riss ihn vom hohen Ross. Nach dieser Apokalypse vor Damaskus zog sich Paulus 14 Jahre in seine Heimat zurück. Die lange und tiefe Meditation der Ostererfahrung drückt sich in seinen wichtigen und markanten Sätzen über die Auferstehung aus. "Wir wissen, dass der, welcher den Herrn auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken wird." (2 Kor 4,14) Es ist die Erfüllung der Verheißung des Herrn, dass er uns, wie es im Johannes-Evangelium heißt, zu sich holen wird, damit auch wir dort sind, wo er ist. (Joh 14, 3) Im Kolosserbrief, den wir in der Lesung gehört haben, schreibt Paulus kurz und prägnant: "Ihr seid mit Christus auferweckt." (Kol 3,1) Ostern blüht uns allen. Die Freude darüber erfüllt uns an diesem Osterfest von neuem. Das ewige Leben bei Gott ist keine unendliche Langeweile. Paulus hat den auferstandenen Herrn Jesus Christus gesehen und kann sagen: "Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn." (Phil 1,21) "Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein." (Phil 1,23)

Paulus hat die Bedeutung von Ostern für uns Christen aber noch tiefer erfasst. Das österliche Leben, das wir von Jesus Christus erhoffen, ist nicht nur ewiges Leben nach dem Tod, sondern auch neues Leben vor dem Tod. Dieses neue Leben ist uns geschenkt durch die Taufe und wird erneuert durch die Sakramente, besonders durch das Sakrament der Buße und das Sakrament der Eucharistie. Im Römerbrief schreibt Paulus: "Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln." (Röm 6,11) Im Kolosserbrief hieß es: "Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott." (Kol 1,3) Ostern lädt uns ein, in der Neuheit des Lebens zu wandeln.

Dies ist für Paulus etwas ganz anderes als New-Age-Philosophie. Für Paulus bedeutet dieses neue Leben - er spricht auch von der neuen Schöpfung (2 Kor 5,17) - nicht eine schwärmerische Abgehobenheit einen Meter über der Realität des Lebens. Das neue Leben bedeutet für ihn vielmehr einen neuen Lebenswandel. Wir sollen in der Neuheit des Lebens wandeln. (Röm 6,11) Dies heißt für Paulus zunächst eine Absage an sündhaftes Verhalten: "So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus." (Röm 6,11) Paulus hat sehr konkrete Vorstellungen, wie dieses neue Leben aussieht. Im ersten Thessalonicherbrief ist eine kleine Aufstellung überliefert. Das neue Leben bedeutet: Unzucht meiden - im Griechischen steht das Wort porneia - Rechte nicht überschreiten, Brüder bei Geschäften nicht betrügen, sich um die eigenen Aufgaben kümmern. Diese Reihe lässt sich lange fortsetzen.

Unser großer Lehrer Jesus Christus hat alle Gebote des neuen österlichen Lebens in einem kurzen Satz zusammengefasst: "Ein neues Gebot gebe ich euch. Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." (Joh 13,34) Der auferstandene Herr Jesus Christus hat in der Realität unseres menschlichen Miteinanders gelebt. Er hat das neue Leben vorgelebt. Seine Liebe zu den Menschen kann Vorbild für uns sein. Es ist eine Liebe, die keinen übersieht und keinen ausschließt. Es ist eine Liebe, die treu zu Menschen und treu zur eigenen Berufung steht. Es ist eine Liebe, die vergibt. Als österliche Menschen schöpfen wir die Kraft zu unserer Liebe nicht bloß aus unserem Willen und aus unserem sittlichen Vermögen, sondern aus der gläubigen Gewissheit, dass der auferstandene Herr mit uns lebt, Paulus sagt in uns lebt.

Das neue Leben, das uns Jesus Christus in der Auferstehung erworben hat und das uns in der Taufe geschenkt worden ist, nimmt uns nicht aus dieser Welt hinaus, sondern stellt uns in sie hinein, mit dem Auftrag und mit der Berufung, die uns gegeben ist. Gerade am Fest der Auferstehung Christi können wir leise seinen Ruf hören: Steht auf und gestaltet eure Welt in dem neuen Leben, in das ihr durch die Taufe hineingetaucht wurdet oder wie Paulus im Römerbrief schreibt: " Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln." (Röm 6,11)

24.03.2016