Liebe Kinder, es ist schön, dass Eure Väter Euch mitgenommen haben zur Männerwallfahrt. Das Thema der diesjährigen Wallfahrt ist Euch gut bekannt: Teilen. Immer wieder werdet Ihr aufgefordert, mit anderen zu teilen. Das fällt Euch Kindern genauso schwer wie uns Erwachsenen. Ein Kind hat einmal gestöhnt: "Ich wollte, ich hätte keine Geschwister, dann bräuchte ich nicht immer zu teilen". Das Kind hat seine Geschwister aber doch ganz gerne gehabt. Vielleicht fällt uns Erwachsenen das Teilen sogar noch schwerer. Denn das, was wir teilen sollen, haben wir ja mühsam erarbeitet. Darf ich nicht einmal die Früchte meiner harten Arbeit genießen ohne gleich wieder ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich nichts davon abgebe? So fragt sich mancher. Das ist nicht nur eine individuelle Frage, sondern auch eine gesellschaftliche. Es ist eine soziale Frage. Diese soziale Frage brach vor knapp 200 Jahren massiv auf, als sich im Zuge der Industrialisierung und der Landflucht unerträgliche Lebensbedingungen für die Fabrikarbeiter ergeben hatten. Es entwickelte sich eine eigene katholische Soziallehre, die die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität formulierte, die bis heute allgemein anerkannt sind. Man kann sie als Grundsätze für das Teilen in der Gesellschaft bezeichnen.
Aus dem Solidaritätsprinzip erwächst zum einen die Pflicht des Einzelnen, seine Kräfte zum Wohl des Ganzen einzusetzen, und zum anderen die Pflicht der Gemeinschaft, zum Wohl der Menschen tätig zu werden. Die kleinste Solidargemeinschaft ist die Familie, in der häufig ein hohes Maß an Solidarität gelebt wird, nicht nur in christlichen Familien. Der hohe Wert, den für uns die Solidarität in der Familie hat, verbindet uns mit den allermeisten Menschen in Thüringen. Auch die Nachbarschaft und die Dorfgemeinschaft sind grundlegende Solidargemeinschaften. Hier sind viele Ortsbürgermeister, die von Nachbarschaftsstreitigkeiten und von Spannungen im Dorf berichten können, aber sicher auch von effektiver Nachbarschaftshilfe und solidarischer Dorfgemeinschaft - gerade hier im Eichsfeld. Als am 13. Mai des letzten Jahres ein Tornado in Kirchgandern wütete, waren noch am selben Abend die Dächer wieder repariert.
Je größer allerdings die Solidargemeinschaft ist, desto schwieriger ist sie: Das fängt mit Thüringen an, über die Bundesrepublik Deutschland, Europa, bis hin zur globalen Solidargemeinschaft. Wir kennen die Probleme, die es in der Welt gibt. Die Medien berichten von Kriegen und Bürgerkriegen und von den Menschen, die davor fliehen. Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die hungern, die nicht wissen, was sie morgen für sich und ihre Familie haben werden, die keinen Zugang zu Bildung und keine Perspektive haben. Wir hören von massiven Eingriffen in grundlegende Menschenrechte und beklagen die Benachteiligung und Verfolgung unserer Mitchristen weltweit. Wir wissen um die Problematik der Korruption, die eine gute gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung verhindert und Menschen um Lebenschancen bringt. Dank ihrer Auslandskorrespondenten berichten uns die Medien darüber sehr kompetent und unabhängig. Im vergangenen Jahr sind all diese Nachrichten aus der Welt der Medien in unsere reale Welt gekommen. Die Menschen, von deren Schicksal wir bisher nur gehört haben, haben sich auf den gefährlichen Weg nach Europa und nach Deutschland gemacht. Sie sind gewissermaßen vom Bildschirm unserer Nachrichtensendungen in die leerstehenden Häuser unserer Umgebung gekommen. Wer hätte gedacht, dass 70 Jahre nach Kriegsende unser Land das Wunschland so vieler Menschen ist? Und wir stehen vor einer riesigen Herausforderung an unsere Solidarität. Ich erinnere: Solidarität ist die Pflicht des Einzelnen, seine Kräfte zum Wohl des Ganzen einzusetzen, und die Pflicht der Gemeinschaft, zum Wohl der Menschen tätig zu werden. Jeder Steuerzahler setzt sich zum Wohl des Ganzen ein, aber auch jeder, der haupt- oder ehrenamtlich die Flüchtlinge betreut, jeder, der Fluchtursachen bekämpft, sei es in Entwicklungshilfeorganisationen oder im Auswärtigen Amt, sei es in der Bundeswehr oder in den internationalen Wirtschaftsunternehmen, deren Ziel nicht Ausbeutung, sondern Förderung ist. Nur weil so viele Menschen auf so verschiedene Weisen mitmachen, kann die Solidargemeinschaft helfen, nicht immer so schnell und so effektiv wie es nötig wäre, aber auch nicht ohne Aussicht auf Erfolg. Deutschland kann sich aus der globalen Solidargemeinschaft nicht abmelden. Unser Wohlstand beruht darauf, dass wir eine Exportnation sind, und er beruht darauf, dass wir hier Waren kaufen, die im Ausland wesentlich billiger produziert wurden, weil es dort ein wesentlich geringeres Lohnniveau und deutliche niedrigere Umweltauflagen gibt. Als Katholiken können wir uns ohnehin nicht aus der globalen Solidargemeinschaft herausstehlen. Wir gehören nicht nur dem deutschen Volk, sondern als Mitglieder der katholischen Kirche auch dem weltweiten Volk Gottes. Katholizismus und Nationalismus gehen nicht zusammen.
Solidarität wird selbstverständlich auch von den Menschen gefordert, die zu uns geflüchtet sind und die hier Asyl gefunden haben. Diese Solidarität beginnt mit dem Bemühen, unsere Sprache zu lernen. Sie bedeutet die Akzeptanz unserer Gesetze und die Anpassung an die Bedingungen unserer Ausbildungswege und unserer Berufs- und Arbeitswelt. Für die Muslime bedeutet sie die Akzeptanz der Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Die Religionsfreiheit bedeutet nicht nur die Freiheit, eine Religion zu haben, sondern auch die Freiheit, seine Religion zu wechseln.
Die katholische Soziallehre hat ein zweites wichtiges Prinzip formuliert, das Prinzip der Subsidiarität. Es geht davon aus, dass die Solidargemeinschaft nicht alles übernehmen soll. Sie soll vielmehr dem Einzelnen und den Gemeinschaften helfen, ihr Ziel selbst zu erreichen. Das Subsidiaritätsprinzip geht davon aus, dass der Einzelne und die Gemeinschaften ihr Leben selbst gestalten wollen und die dafür nötige Unterstützung bekommen sollen. Angesichts totalitärer Systeme und Staatstheorien wurde das Prinzip der Subsidiarität in der päpstlichen Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" im Jahr 1931 explizit formuliert.
In der totalitären Diktatur der SED war für das Subsidiaritätsprinzip kein Platz. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich erzählt bekomme, wie die Diktatur den Freiraum des Einzelnen nicht nur nicht förderte, sondern vielmehr massiv einschränkte. Dies trifft auch zu auf die Freiheit der Ausübung der Religion. Ich bin immer wieder beeindruckt vom Glaubenszeugnis derer, die sich für die Firmung und gegen die Jugendweihe entschieden und die damit verbundene Einschränkung der Lebensperspektiven in Kauf nahmen. Dies darf nicht in Vergessenheit geraten. Das Subsidiaritätsprinzip fordert, dass der Staat nicht allzuständig ist, sondern vielmehr die Pluralität fördert. Dies trifft im Besonderen auf die freien Träger sozialer Einrichtungen zu. Das sind Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Sozialstationen, Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsstellungen und vieles mehr. Deren staatliche und öffentliche Unterstützung ist dem Prinzip der Subsidiarität geschuldet.
Das Prinzip der Subsidiarität gilt auch für unsere innerkirchlichen Strukturen: Die großen Pfarreien, die durch die Fusionen entstehen, sollen nicht alles machen, vielmehr sollen sie das kirchliche Leben in den Dörfern und Kirchorten fördern und unterstützen. Das, was die einzelnen kleinen Kirchorte nicht selbst können und das, was man besser gemeinsam macht, wird auch gemeinsam gemacht. Das was vor Ort sein kann, bleibt vor Ort. Deswegen werden auch die pastoralen Gremien vor Ort, die Kirchort- oder Filialgemeinderäte direkt von den Gemeindemitgliedern gewählt, und diese Vor-Ort-Gremien entsenden dann Mitglieder in das gemeinsame Gremium des Pfarreirates.
Liebe Kinder, beim Nachdenken über das Teilen ist es ganz schön kompliziert geworden und wir sind am Ende sogar bei der Strukturreform gelandet. Aber ihr seid uns gute Vorbilder: Was ihr selbst machen könnt, das wollt ihr auch selbst machen. Wenn ihr Hilfe braucht, seid ihr froh, wenn die Großen für euch da sind. Und mit wem man zusammengehört, mit dem teilt man auch. Deswegen esse ich gerne Bounty. Das gab es schon, als ich noch in der Schule war. Wenn der Hausmeister in der Pause Süßigkeiten verkaufte, leistete ich mir manchmal ein Bounty. Da kam immer ein Klassenkamerad zu mir und sagte: "Bounty für zwei", weil ja zwei Schokoriegel in der Packung sind. Ich habe ihm immer eines abgegeben - und er mir - und wir sind heute noch Freunde.
10.05.2016

