Jede demokratische Gesellschaft braucht eine plurale Medienlandschaft

Ansprache von Bischof Ulrich Neymeyr beim Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2016 am 23. Mai im Kapitelsaal des Erfurter Domes

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Medien,

es freut mich, dass Sie die Einladung zum Presseempfang angenommen haben. Dieser Empfang gibt mir die Gelegenheit, Ihnen für Ihre journalistische Tätigkeit zu danken und Ihnen einige grundlegende Gedanken als Anregung mitzugeben. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich auch unter erschwerten Bedingungen für einen Qualitäts-Journalismus einsetzen. Ich denke dabei nicht nur an die Schmähungen, denen Sie aktuell von rechtspopulistischen und rechtsextremen Gruppierungen und Parteien ausgesetzt sind. Ich meine darüber hinaus die grundlegende Herausforderung für den Journalismus, die dadurch entstanden ist, dass jedermann die Möglichkeit hat, im Internet Texte, Bilder und Filme zu veröffentlichen. Dies führt einerseits zu einer Demokratisierung des Informationsgeschehens, zugleich aber auch zu einem massiven Qualitätsverlust. Zu dieser Herausforderung kommen als erschwerte Bedingungen für Ihre Arbeit der Zeitdruck und der Kostendruck. Hatte früher die schreibende Zunft noch Zeit zur Recherche, bis der Artikel zum Druck abgegeben sein musste, so wird heute von Ihnen erwartet, dass Sie möglichst schnell einen Artikel auf der Online-Version Ihrer Zeitung einstellen. Es beunruhigt mich auch, dass ökonomische Entwicklungen Veränderungen in der Medienlandschaft hervorbringen, die zu Lasten eines Qualitätsjournalismus´ gehen können. Jüngstes Beispiel sind Veränderungen innerhalb der Thüringer Zeitungslandschaft. Jede demokratische Gesellschaft ist auf eine plurale Medienlandschaft und eine qualitätsvolle, breite Berichterstattung angewiesen. Deren Qualität basiert nicht zuletzt darauf, dass Journalisten selbst die Möglichkeit haben, ausführliche Recherchen anzustellen. Ich hoffe sehr, dass man auch künftig die Zeitungen in Thüringen nicht allein am Titel, sondern auch am Inhalt unterscheiden kann und sie eine deutliche Thüringer Handschrift erkennen lassen. Denn bei aller gebotenen Objektivität werden regional verwurzelte Journalisten selbst bundesweit bedeutsame Themen für Ihre Leserschaft anders aufbereiten als ihre Kolleginnen und Kollegen, die von außen zuarbeiten.

Daher danke ich Ihnen sehr, dass Sie trotzdem und unter all diesen erschwerenden Bedingungen für einen qualitativ hochwertigen Journalismus arbeiten. Ich danke auch für Ihre Berichte und Hintergrundinformationen ergänzend oder abseits der Tagesaktualität, die Ihren Lesern, Hörern und Zuschauern einen breiten Einblick in die Wirklichkeit der Gesellschaft bei uns und weltweit ermöglichen.

Erlauben Sie mir noch einige Überlegungen zur Bedeutung des Bildes in der Berichterstattung. Auch hier möchte ich Ihnen für die Qualität der Berichterstattung danken. In der Regel vertrauen Sie auf eigene Fotografen und Kameraleute oder geben sorgfältig die Quelle für das Bild an. Das Bild wird von immer größerer Bedeutung. In einer kurzatmigen Zeit, in der viele Informationen als short message aufgenommen werden, wird deutlich, dass das Bild häufig mehr sagt, als eine short message. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Und viele Bilder sagen mehr als Text.

In der Religion haben wir eine ganz besondere Beziehung und Erfahrung mit dem Bild. Da die Wirklichkeit Gottes die Weltwirklichkeit übersteigt, kann er eigentlich nicht in ein Bild gefasst werden, das der Weltwirklichkeit verhaftet bleibt. Daher erklärt sich das Verbot des Alten Testamentes, kein Bild von Gott zu machen. Dies schließt auch das Verbot ein, den Menschen als Abbild Gottes nicht in einem Bild darzustellen. Da die Wirklichkeit Gottes nicht gefasst und vermittelt werden kann, kann und soll sie auch nicht in einem Bild dargestellt werden. Auch Pressefotografen sind sich bewusst, dass die Wirklichkeit, die sie erleben, mit einem Bild nicht gefasst und vermittelt werden kann. Bei der Auswahl von Bildern oder Filmabschnitten wird dies in der Diskussion immer wieder deutlich. Die reinen Printmedien und das Radio halten sich gewissermaßen an das alttestamentliche Bilderverbot. Die Christen haben das alttestamentliche Bilderverbot bis auf einige protestantische Gemeinschaften verlassen. Grundlage dafür ist die Überzeugung, dass Jesus Christus als der Sohn Gottes das Bild Gottes (Kol 1,15) ist. Als Mensch kann er abgebildet werden. Szenen seines Lebens können dargestellt werden zur Veranschaulichung oder zur Erbauung. Die mittelalterlichen Kirchenfenster werden als Bibel der Armen verstanden. Überzeugende Christen, sogenannte Heilige, werden als Vorbilder dargestellt. Aber mache Darstellungen von Heiligen, besonders von Maria, der Mutter Jesu, sind mehr als nur eine Darstellung. Sie werden als Gnadenbilder bezeichnet, die doch irgendwie die verehrte Heilige gegenwärtig setzt. Dies lässt sich vielleicht damit vergleichen, dass mancher eine Fotografie eines geliebten Menschen oder seiner Kinder im Geldbeutel mit sich führt oder auf dem Schreibtisch vor sich stehen hat. In der orthodoxen Kirche ist schon das Malen eines Bildes (griech. = Ikone) ein religiöser Akt. Weil die orthodoxen Christen davon ausgehen, dass im Bild des dargestellten Heiligen der Heilige selbst gegenwärtig ist. Manches vom dem, was die Religion bewahrt, gilt auch für Pressefotos. Sie können nie die ganze Wirklichkeit darstellen. Auch das beste Portraitfoto kann den Menschen nicht in seiner ganzen Persönlichkeit vermitteln. Zugleich stellt jedes Foto eine Beziehung zur dargestellten Wirklichkeit dar. Die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, der ich seit 12 Jahren angehöre, hat vor 5 Jahren ein medienethisches Impulspapier veröffentlicht unter dem Titel: "Virtualität und Inszenierung". Es enthält einige wichtige Überlegungen zur Bedeutung des Bildes: "   Bilder stellen nicht nur etwas dar oder vor, sondern nehmen oft auch eine Bewertung vor. Sie klagen die Grausamkeit des Krieges aus dem Blickwinkel seiner Opfer an. Sie stellen die Arroganz der Mächtigen in satirischen Karikaturen bloß. Sie kritisieren die Gleichgültigkeit oder den Voyeurismus von Zeitgenossen angesichts eines Unglücks, das nicht ihr eigenes ist. Ebenso häufig wird in das Bild von seinen Betrachtern eine Bewertung hineingetragen. Dann verbindet sich die Deutung mit einem Werturteil, das sich auf den Inhalt, die Wirkungen oder die Motive der Bildproduzenten bezieht.", (Nr. 52). Dies ist genau das, was auch für das religiöse Bild gilt. Das Bild hat immer noch eine Botschaft hinter dem dargestellten Bild. Wenn der Heilige Martin nicht hoch zu Ross dargestellt wird, sondern neben dem Pferd stehend seinen Mantel mit dem Bettler teilt, so wird durch diese Darstellung eine Botschaft vermittelt. Wenn der Redner nicht von vorne fotografiert wird, sondern über seine Schulter ein Blick in den Saal geworfen wird, so transportiert auch diese Perspektive eine besondere Botschaft.

In dem medienethischen Impulspapier der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz heißt es weiter: "Mit einem Bild, das der Mensch in der Öffentlichkeit von sich abgibt, setzt er sich in Beziehung zu anderen Menschen und zeigt darin zugleich seine Individualität, d. h. sein Verschiedensein von anderen. Zugleich riskiert er, darauf festgelegt zu werden, was er von sich gezeigt hat. Diese Problematik verstärkt sich bei Bildern, die Menschen in prekären Situationen zeigen. Diesem Problem ist nur beizukommen, wenn man unterscheidet zwischen dem, was Bilder zeigen und wie sie es zeigen. Das Bildmotiv mag in beiden Fällen identisch sein, aber Perspektive und Standort des Bildgebers und Bildbetrachters erzeugen jeweils einen ganz anderen Eindruck.", (Nr. 53). Dies lässt sich sehr gut verdeutlichen anhand der vielen Diskussionen, die in den Redaktionen geführt und zum Teil auch veröffentlicht wurden, ob und wie das Bild von Aylan Kurdi veröffentlicht werden soll. Es ist der geflüchtete Junge, der am 02. September 2015 an der türkischen Mittelmeerküste ertrunken  aufgefunden wurde. Manche Redaktionen haben darauf verzichtet, das Bild überhaupt zu zeigen. Viele haben sich dazu entschlossen, ein Bild zu veröffentlichen, das nicht das Gesicht des Jungen zeigt. Manche fanden den Gesichtsausdruck des toten Jungen so beeindruckend, dass sie ein Foto veröffentlicht haben, das aus dieser Perspektive aufgenommen wurde. Das Foto, das den Jungen von hinten zeigt, hat die Menschen am meisten beeindruckt. Aus meiner Sicht war die richtige Entscheidung getroffen, wie die Situation gezeigt werden soll. Es war deutlich, dass dort ein konkretes Kind tot am Strand liegt. Da das Gesicht nicht zu sehen war, stellte das Bild Fragen. Es veranschaulichte die durch die Nachrichten bekannten Informationen, dass schon viele Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken waren. So hat dieses Bild nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch Geschichte gemacht.

Die aktuelle Diskussion in Erfurt über den von der Ahmadiya-Gemeinde geplanten Bau einer Moschee zeigt die Bedeutung der optischen Wahrnehmung. Selbst Menschen, die gegenüber dem Islam tolerant sind und Muslime in Deutschland akzeptieren, wollen nicht, dass man ihre Existenz im Stadtbild wahrnehmen kann. Als sich die deutschen Bischöfe im 2008 für den Bau von Moscheen in Deutschland aussprachen, gab es viel Kritik und Protest. Auf das immer wieder vorgebrachte Gegenargument, Christen dürften in muslimischen Ländern auch keine Kirchen bauen, geht die Erklärung der Bischöfe zum Moscheebau in Deutschland ein: "Als grundrechtlich geschütztes Gut darf das Recht auf religiöse Freiheit und das damit verbundene Recht auf den Bau von Moscheen nicht daran geknüpft werden, dass Christen in islamischen Ländern gleichfalls Religionsfreiheit genießen. (...) Gerade derjenige, der in anderen Ländern für die Angehörigen seiner Glaubensgemeinschaft Religionsfreiheit fordert, darf sie den religiösen Minderheiten im eigenen Land nicht vorenthalten.. Wir bitten deshalb die in unserem Land lebenden Muslime gemeinsam mit uns für die Religionsfreiheit in islamischen Ländern einzutreten." Allerdings nehmen die Bischöfe auch Rücksicht auf die optische Wahrnehmung von Moscheen und fordern, dass sie "sich in die vorhandene Umgebung einfügen und gewachsene Baustrukturen (z.B. Denkmäler und städtebauliche Ensembles) nicht beeinträchtigen". Und die Bischöfe fordern schon in der Erklärung von 2008, "dass sich die Moscheevereine stärker zur deutschen Gesellschaft öffnen". Beides sind Voraussetzungen dafür, dass Menschen eine Moschee im Stadtbild akzeptieren können.