Hoffnung auf das Himmelreich braucht langen Atem

Predigt von Bischof Neymeyr zum Abschluss des Heiligen Jahres am 19. November 2016 (Fest der Heiligen Elisabeth von Thüringen)

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

lassen Sie mich das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1-13)  einmal in einer anderen Version erzählen: Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe, "Der Bräutigam kommt! Geht im entgegen!" Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die Törichten aber sagten zu den Klugen: "Gebt uns von Eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus." Die Klugen erwiderten ihnen: "Wir geben Euch unser ganzes Öl, damit es wenigstens für Euch reicht. Bitte legt beim Bräutigam ein gutes Wort für uns ein, damit er uns trotzdem in den Hochzeitssaal lässt." Die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit dem Bräutigam in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen. Sie erzählten dem Bräutigam, dass sie nur deswegen mit brennenden Lampen kommen konnten, weil die anderen Jungfrauen ihnen ihr ganzes Öl überlassen hatten. Daraufhin ging der Bräutigam zu den anderen Jungfrauen hinaus und sagte zu ihnen: "Kommt in den Hochzeitssaal und nehmt die ersten Plätze ein, denn ihr habt barmherzig gehandelt."

Auf diese Version des Gleichnisses von den klugen und törichten Jungfrauen hat mich eine Jugendliche gebracht, die kritisch fragte, warum wir ausgerechnet das Jungfrauenportal zur Heiligen Pforte im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit erkoren haben, obwohl doch die klugen Jungfrauen gar nicht barmherzig gehandelt haben. Mir ist darauf bis jetzt keine wirklich stichhaltige Antwort eingefallen. In meiner Predigt bei der Bistumswallfahrt habe ich dargelegt, dass Barmherzigkeit nicht nur ein kleiner Akt der Nächstenliebe ist, sondern wirklich wehtun kann. Bis hin zu dem Satz Jesu im Johannesevangelium: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Johannes 15,13) Es gab und gibt es ja tatsächlich, dass Menschen ihr Leben riskieren oder sogar aufopfern für Andere.
Vor diesem Hintergrund wäre es von den klugen Jungfrauen tatsächlich nicht zu viel verlangt, auf eine Hochzeitsfeier zu verzichten. So bleibt eigentlich nur eine Antwort auf die kritische Frage der Jugendlichen: Ein Gleichnis kann nicht alles aussagen. Es beleuchtet immer nur einen Aspekt. Der barmherzige Samariter, der zum Paradebeispiel der Barmherzigkeit wurde, hatte sich auch nicht für den zusammengeschlagenen Mann aufgeopfert. Er hat ihn nicht gesund gepflegt, es war der Wirt. Jesus wollte mit dem Gleichnis deutlich machen, dass der Nächste derjenige ist, der mir gerade über den Weg läuft oder auf dem Weg liegt und dass Nächstenliebe bedeutet, eine Not zu sehen und nach Kräften zu lindern.

Im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen kam es Jesus darauf an, in der Hoffnung auf das Himmelreich einen langen Atem zu haben, auch Durststrecken zu überstehen und nicht aufzugeben. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit wollte uns dazu eine Ermutigung sein. Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes will uns darin bestärken, auch angesichts unserer Schwächen und Fehler und unseren immer gleichen Sünden in der Nachfolge Christi nicht zu verzweifeln, sondern uns immer wieder in die Arme des barmherzigen Vaters zu begeben. Dies wird uns darin bestärken, auch mit unseren Mitmenschen geduldig und vergebungsbereit, aufmerksam und hilfsbereit umzugehen.

28.11.2016