Hinabgestiegen in die Abgründe des Menschen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Palmsonntagsprozession in Heilbad Heiligenstadt

Wir begehen heute das Gedächtnis an eine öffentliche Hinrichtung durch eine überaus qualvolle Todesart, nämlich die Kreuzigung. Der Hinrichtung war eine äußerst brutale Misshandlung vorangegangen, die wir als Geißelung bezeichnen. Die Hinrichtung folgte dem Recht und dem Gesetz. Die jüdischen Obrigkeiten hatten die Todesstrafe festgesetzt, die von der römischen Besatzungsmacht bestätigt wurde. So lautet ganz nüchtern das beschrieben, woran wir mit dieser Prozession erinnern. Diese nüchterne Beschreibung ruft uns mit Schrecken ins Bewusstsein, dass sich ein solches Ereignis nicht nur vor mittlerweile fast 2000 Jahren zugetragen hat, sondern dass die Vollstreckung der Todesstrafe die gesamte Geschichte der Menschheit bis auf den heutigen Tag durchzieht. Auch heute gehen der Vollstreckung der Todesstrafe mitunter qualvolle Misshandlungen voraus, die vom Richter angeordnet werden. Außerhalb von Recht und Gesetz erreichen uns erschütternde Nachrichten über brutalste Folterungen und Hinrichtungen. Auch heute wird die Todesstrafe immer wieder in der Öffentlichkeit vollstreckt, um einen Abschreckungseffekt zu erzielen. Das Internet bietet weitere Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu Augenzeugen von Hinrichtungen zu machen. Bei Hinrichtungen, die außerhalb von Recht und Gesetz vollstreckt werden, sind die Opfer häufig unschuldig. Aber auch der gesetzmäßigen Vollstreckung der Todesstrafe sind schon viele unschuldige Menschen zum Opfer gefallen.

Bei der heutigen Passionsprozession soll diese knappe Beschreibung der Realität eine Ahnung davon erschließen, welchen Sinn die Passion Jesu Christi hat. Jesus Christus ist mit seiner Passion in die Abgründe des Menschen und in die Perversionen menschlichen Miteinanders hinabgestiegen. Es gab und es gibt furchtbare Verbrechen, die von Menschen verübt werden. Einer der Delinquenten, die mit Jesus zusammen gekreuzigt wurden, war selbst der Auffassung, dass sein Verbrechen so schlimm war, dass er die Todesstrafe verdient hat. Unter solchen Menschen wurde Jesus hingerichtet. Gaffer schauten zu und verspotteten ihn. Er selbst war unschuldig. Er war religiösem Fanatismus zum Opfer gefallen und dem Karrierestreben eines römischen Beamten, der unbedingt ein Freund des Kaisers bleiben wollte. Durch die Geißelung und Kreuzigung in aller Öffentlichkeit wurde Jesus gedemütigt und entehrt in einer kaum vorstellbaren Weise. Wir wissen, dass es solche Unmenschlichkeiten immer gegeben hat und heute noch gibt. Die Passionsprozession führt uns nicht nur die Passion Jesu Christi vor Augen, sondern auch die Passion vieler, vieler Menschen. Und sie führt uns vor Augen, zu welchen Brutalitäten Menschen in der Lage sind. Dahinein ist Jesus Christus mit seiner Passion gestiegen. Wir erahnen die Tiefe seines Erlösungswerks. Gott hätte den Menschen so erschaffen können, dass er zu solchen Unmenschlichkeiten gar nicht in der Lage ist. Dann wäre der Mensch aber nicht wirklich frei gewesen. Ohne Freiheit gibt es keine Liebe und keinen Hass, keine Ablehnung und keine Verehrung. Gott hat den Menschen die Freiheit gegeben - die Freiheit zu lieben und zu verehren, die nur möglich ist, wenn sie auch die Freiheit zum Hass und zur Ablehnung einschließt. Dieser Missbrauch der Freiheit des Menschen war an sein Extrem gelangt, als der Sohn Gottes am Kreuz starb. Eigentlich hätte am Karfreitag um 15 Uhr die Welt und ihre Geschichte zu Ende sein müssen. Aber Jesus Christus wollte den Menschen nicht verloren geben. Auch nicht die Menschen, die vor ihm gelebt hatten. Deswegen ist er, wie wir im Glaubensbekenntnis sagen, hinabgestiegen in das Reich des Todes. Weil Jesus Christus am Kreuz selbst wie ein Verbrecher schien und weil die Verbrechen der Menschen sich an ihm austobten, konnte er uns Menschen von innen heraus erlösen. Er hat nicht einfach die Schuld der Menschen und unsere persönliche Schuld weggewischt, sondern er hat sie mitgetragen und er trägt sie mit.

Je tiefer wir dies betrachten, desto mehr wird uns deutlich, dass der Satz: "Ich habe keine Sünde begangen", mehr als eine schallende Ohrfeige für Jesus Christus ist. Denn es sagt ihm in großer Überheblichkeit: Ich habe dein Erlösungswerk gar nicht nötig. Jede Sprache hat einen Ausdruck dafür, dass es keinen Menschen ohne Sünde gibt. Im Deutschen sagen wir: Jeder hat eine Leiche im Keller. Und wem da wirklich nichts einfällt, der braucht nur seine Mitmenschen zu fragen. Könnten wir die Sünden der Anderen beichten, die Priester kämen aus dem Beichtstuhl nicht mehr heraus.

So bitten wir in der Passionsprozession Jesus nicht nur für diejenigen, die heute Opfer ungerechter Gewalt werden und für die, die sich schlimmer Verbrechen schuldig gemacht haben, sondern wir halten ihm auch die Unzulänglichkeiten und Sünden unseres Lebens hin. Wir lassen ihn in die dunklen Ecken unseres Lebens, die wir selbst gern verdrängen und bitten ihn um seine heilende und  verwandelnde Kraft.

Und noch ein Weiteres erschließt sich aus der vertieften Betrachtung der Passion Jesu Christi. Wenn Jesus Christus den Menschen nicht hat fallen lassen, dürfen auch wir den Menschen nicht fallen lassen. Papst Johannes Paul II. hat den Mann, der ihn beinahe erschossen hätte, im Gefängnis besucht. Dieses Bild ist in vielen Schulbüchern zu finden, als Bild für die Vergebung. Für Papst Johannes Paul II. war es noch mehr. Es war für ihn ein konkretes Beispiel dafür, was er unter der Kultur des Lebens verstanden hat. Es umfasste für ihn weit mehr als den Schutz des menschlichen Lebens, von der Empfängnis bis zum Tod. Es war auch die Quelle seines unermüdlichen Einsatzes gegen Krieg und auch gegen die Todesstrafe. Papst Johannes Paul II. ist der erste Papst der Kirchengeschichte, der die Todesstrafe ohne Einschränkung ablehnte. Sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. sagte in einer Audienz am 30.11.2011: "Ich hoffe, dass die Projekte zur Abschaffung der Todesstrafe von immer mehr Ländern wahrgenommen werden, damit diese Strafe beseitigt wird und gleichzeitig die Würde eines jeden Gefängnisinsassen gewährleistet bleibt." Papst Franziskus geht noch weiter und sagte am 24.10.2014: "Die lebenslängliche Haftstrafe ist eine versteckte Todesstrafe." Das Versöhnungs-und Erlösungswerk Christi ist nicht nur ein Trost für die Christen, die sich ihm anvertrauen, sondern sie ist auch eine Herausforderung, sich einzusetzen für eine Kultur des Lebens.