Gott schwebt nicht erhaben über dem Lauf der Welt

Weihnachtswort von Bischof Ulrich Neymeyr

Wo ist denn euer Gott, von dem ihr glaubt, dass er an Weihnachten als Mensch auf die Erde kam? Wo war er, als der LKW in die Menschenmenge auf dem Berliner Weihnachtsmarkt raste? Wo ist denn euer Gott in all den Krisengebieten, in denen todbringende Gewalt die Oberhand zu haben scheint?

Ja, solche Fragen sind berechtigt. Auch Christen stellen sich, von den Ereignissen zutiefst erschüttert, diese Fragen. Und auch sie wissen, wenn sie ehrlich sind, nicht die Antwort darauf.

Jetzt feiern wir Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu Christi. Wie nie zuvor hat Gott gezeigt: Ich bin da. Gottes Sohn schwebt nicht erhaben über dem Lauf der Welt, sondern hat durch die Menschwerdung menschliches Schicksal am eigenen Leib erfahren und sich verletzbar gemacht. Im Dunkel unserer Tränen und unserer Trauer ist er da - er weiß, was wir durchmachen, er hat ja selbst gelitten und geweint.

Freilich ist Gott kein Gott, der uns Menschen die Verantwortung für unsere Welt abnimmt. Auch wenn wir uns manchmal wünschten, er möge mit der sprichwörtlichen Faust auf den Tisch hauen, um den Machtbesessenen und  Gewalttätigen  Einhalt zu gebieten. Nein, wie die Welt im Großen und im Kleinen aussieht, liegt in Menschenhand. Jeder Einzelne ist dafür an seinem Platz verantwortlich.

Bei all diesen Bemühungen lässt Gott uns aber nicht allein. Ich bin da. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Dich Mensch, in deiner Freude, in der Trauer, in der Niedergeschlagenheit, in deiner Angst und deiner Verzweiflung, in deinem Engagement für das Gute  - ich bin da. Ich lasse dich nicht allein.

Noch ganz unter dem Eindruck des schrecklichen Attentates in Berlin kann man es nicht herausposaunen, man muss es ganz behutsam formulieren, kann es nur anbieten: Die christliche Hoffnung geht weiter. Der Attentäter behält nicht das letzte Wort über seine ermordeten Opfer. Christen glauben, dass diese Menschen eine neue Wohnung bei Gott gefunden haben. Und wir dürfen davon ausgehen, dass dort auch Raum für Fragen sein wird.

 21.12.2016