Gott lässt sich nicht in die Kirche sperren

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Fronleichnamsprozession in Erfurt am 3. Juni 2018

Bild: Bistum Essen / Nicole Cronauge; in: Pfarrbriefservice.de

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

an Fronleichnam verlassen wir Katholiken mit unserem Allerheiligsten die Kirche. Wir demonstrieren uns und allen: Unser Herr, Jesus Christus, lässt sich nicht in die Kirche sperren. Er ist das menschliche Antlitz Gottes in unserer Welt. Der Glaube an ihn, die lebendige Beziehung zu ihm hat nicht nur in der Kirche und im Gottesdienst Platz, sondern prägt unser ganzes Leben im Alltag. Wir können nicht das Brot am Tisch des Herrn teilen ohne auch das tägliche Brot zu teilen. Ein welt-loses Heil könnte nur eine heil-lose Welt zur Folge haben. All diese Gedanken tragen wir mit, wenn wir jetzt das Allerheiligste durch unsere Lebenswelt tragen.

Die Menschen, die unsere Prozession sehen, sehen viele Menschen, die singend durch die Stadt laufen, begleitet von einer Blaskapelle. Sie sehen Messdienerinnern und Messdiener in festlichen Gewändern, Liturgen in prächtiger Kleidung, einen Baldachin, der vom früheren Herrschaftsanspruch des Mainzer Erzbischofs kündet, eine vergoldete Monstranz und in der Monstranz – das muss für sie sehr verblüffend sein – ein schlichtes Stück Brot.
Wir inszenieren den ganzen feierlichen Aufzug für ein schlichtes Stück Brot. Für uns als katholische Christen ist dieses Brot natürlich mehr. Es ist ein Zeichen der Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus, der uns in diesem Brot seine Nähe, seine Liebe und seine Zuwendung zugesagt hat. Er will mit seiner erlösenden Liebe so zu unserem Leben gehören wie das tägliche Brot. All dies wissen aber diejenigen nicht, die unsere Prozession sehen werden. Sie sehen ein Stück Brot. Vielleicht fragen sie sich, ob dies eine Demonstration dafür ist, wie wichtig für uns Menschen das tägliche Brot ist.

Das Welternährungsprogramm WFP veröffentlicht die Zahl, dass einer von neun Menschen weltweit jeden Abend hungrig schlafen gehen muss. Auch in unserer Stadt gehen die Menschen nicht nur deswegen zur Tafel, damit sie Geld sparen, um sich etwas Besonderes leisten zu können, sondern sie gehen dorthin, um überhaupt über die Runden zu kommen. Zur Suppenküche der Caritas gehen nicht nur die Menschen, die lieber in Gemeinschaft mit anderen zu Mittag essen, sondern dort sind viele, die sich sonst keine warme Mahlzeit am Tag leisten können. Wir hätten schon Grund mit unserem Brot in der Monstranz darauf hinzuweisen. Wenn jemand, der unsere Prozession beobachtet, so denkt, wird er sich natürlich auch fragen: Was tun denn diejenigen, die singend durch die Stadt laufen, dafür, dass alle Menschen Brot haben?

Diese Frage ist nicht unberechtigt. Die Sorge um unsere Mitmenschen ist der Preis unseres Christseins. Der älteste Name für die Heilige Messe ist „Brotbrechen“. Zur Gabenbereitung wurden nicht nur Brot und Wein für die Feier der Eucharistie zum Altar gebracht, sondern auch Lebensmittel, von denen anschließend alle aßen, auch die Armen, die nichts mitbringen konnten. Davon übrig geblieben ist die Kollekte, die während der Bereitung der eucharistischen Gaben eingesammelt wird.
Wenn wir heute in der Eucharistie das Brot des Lebens nicht nur empfangen, sondern auch durch unsere Stadt tragen, so ist dies weniger eine Demonstration für die Anderen, als vielmehr eine Demonstration für uns.