"Glaube und Vertrauen sind Geschwister"

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Erfurter Bistumswallfahrt 2015




"Mensch, trau dich!" so lautet das Leitwort der diesjährigen Bistumswallfahrt. Der Mensch ist beides: ein Wesen, das vertrauen kann und ein Wesen, das nicht vertrauen kann. Es kann dem Menschen schon schwer fallen, einem Menschen zu vertrauen, den er kennt und liebt. Erst nach gründlicher Prüfung und sicheren äußeren Rahmenbedingungen trauen sich viele den Bund fürs Leben. Das Ideal ist: 30 Jahre alt, seit 5 Jahren zusammen, beide unbefristete Stelle. Dann kann man sagen: "Mensch, trau dich!" Wenn es schon schwer fällt, einem Menschen zu trauen, den man kennt, ist es umso schwerer, sich jemandem anzuvertrauen, den man nicht kennt. Das erlebt jeder, der ein Flugzeug besteigt oder eine neue Arbeitsstelle antritt. Bis zu meiner Ernennung kannte ich im Bistum Erfurt sieben Menschen. Gott sei Dank haben die anderen mich nicht enttäuscht, aber es war schon eine Vertrauensübung.

Wenn es schon schwer fällt, Menschen zu vertrauen, die man nicht kennt, ist es noch viel schwerer, an Gott zu glauben, von dem man nicht weiß, ob es ihn gibt. Glauben und Vertrauen sind Geschwister. Es ist nicht leicht, sich darauf einzulassen, dass es einen Gott gibt, der mich geschaffen hat, und dass Jesus Christus nicht nur eine Person der Geschichte ist, die vor 2.000 Jahren gelebt hat, sondern dass er als der Auferstandene lebt und Gemeinschaft mit mir sucht. Diese Erfahrung spricht aus dem Satz des Petrus, den wir im Evangelium gehört haben: "Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." (Mt 14,28) Auch für uns als gläubige Christen ist dieser Satz immer wieder eine Herausforderung, den Glauben nicht als eine Selbstverständlichkeit anzusehen, die uns in die Wiege gelegt wurde wie unsere Staatsangehörigkeit. Der Glaube ist die ständige Bewegung, das Boot zu verlassen und sich einzulassen auf die Gegenwart Gottes und die Liebe Christi. Wallfahrten machen das ganz konkret bewusst. Ich freue mich, dass es bei uns so viele Wallfahrten gibt. Die Bistumswallfahrt ist für mich die zehnte Wallfahrt in unserem Bistum in diesem Jahr. Wir trauen dem Ruf Jesu "Komm!", steigen aus dem Boot und vertrauen darauf, dass Gott uns trägt. In einer Ansprache am 10. August 2014 sagte Papst Franziskus zu dieser Szene:

"Diese Erzählung ist ein schönes Bild für den Glauben des Apostels Petrus. In der Stimme Jesu, der zu ihm sagt: "Komm!", erkennt er den Widerhall der ersten Begegnung am Ufer desselben Sees, und sofort verlässt er erneut das Boot und geht zum Meister. Und er geht auf dem Wasser! Die vertrauensvolle und bereitwillige Antwort auf den Ruf des Herrn bewirkt immer außerordentliche Dinge. Doch Jesus selbst hat uns gesagt, dass wir imstande sind, mit unserem Glauben Wunder zu wirken, mit dem Glauben an ihn, mit dem Glauben an sein Wort, mit dem Glauben an seine Stimme. Petrus dagegen beginnt in dem Augenblick unterzugehen, da er den Blick von Jesus abwendet und sich von den ihn umgebenden widrigen Umständen überwältigen lässt. Doch der Herr ist immer da, und als Petrus ihn ruft, rettet ihn Jesus aus der Gefahr. In der Gestalt des Petrus mit seinem Eifer und seinen Schwächen wird unser Glaube beschrieben: Immer arm und schwach, unruhig und doch siegreich geht der Glaube des Christen dem auferstandenen Herrn entgegen inmitten der Stürme und Gefahren der Welt."

Welche Wunder bewirkt der Glaube? Ich möchte Ihnen zwei Geschichten erzählen: 1981 flüchtete ein junger Mann aus dem kommunistisch gewordenen Vietnam. Er gehörte zu den Boat People, die in kleinen Schiffen auf das Südchinesische Meer hinausfuhren. 250.000 Menschen fanden dabei den Tod. In seiner Not gelobte der junge Mann: Wenn ich überlebe, werde ich Priester. Tatsächlich nahm ihn das von Rupert Neudeck und Gleichgesinnten gecharterte Hospitalschiff Cap Anamur auf, und er kam nach Deutschland. 2001 wurde er zum Priester geweiht.

Eine Religionslehrerin animierte ihre Schülerinnen und Schüler, Flüchtlingskindern nachmittags Nachhilfeunterricht zu geben. Eine Schülerin macht dies mittlerweile schon seit zwei Jahren. Der Schulleiter wurde darauf aufmerksam und schlug das Mädchen für ein Stipendienprogramm für Jugendliche vor, die von zu Hause wenig Unterstützung bekommen. Jetzt ist diese Schülerin auf dem Weg zum Abitur.

Sie wissen, dass ich nicht zufällig zwei Geschichten von Flüchtlingen erzählt habe. Die Flüchtlinge sind Menschen, die sich getraut haben, fast immer, weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Was vor 30 Jahren das Südchinesische Meer war, ist heute das Mittelmeer. Auf höchst gefährlichen Wegen, ausgeliefert menschenverachtenden Schleusern, gelangen sie zu uns und begegnen Menschen, Menschen die vertrauen können und Menschen, die nicht vertrauen können. Es ist menschlich, dass der Mensch den Fremden zunächst mit Argwohn begegnet. Es ist aber auch menschlich, sich über diese Gefühle hinwegzusetzen und dem anderen Wesenszug des Menschen Vortritt zu lassen, nämlich dem Wesenszug, der sagt "Mensch, trau dich!" Wir Christen sind dazu motiviert, weil der Fremde und sogar der Feind Mitgeschöpfe Gottes sind.

"Mensch, trau dich!" weist uns aber nicht nur auf die Flüchtlinge hin, deren große Zahl eine große gesamtgesellschaftliche Herausforderung darstellt, nicht nur für Europa, sondern auch für die Herkunftsländer. Keiner ist freiwillig geflohen. Die Menschen, die aus sicheren Herkunftsländern geflohen sind, haben keine Perspektive für ihr Leben, weil unklare Rechtsverhältnisse und die damit verbundene Korruption die wirtschaftliche Entwicklung blockieren. Nicht das Asylrecht ist dafür die Lösung, sondern der politische Druck auf die sicheren Herkunftsländer. Wobei auch gilt: Wer zu uns flüchtet, weil Leib und Leben bedroht werden, muss bei uns Schutz finden.

"Mensch, trau dich!" weist uns auch hin auf die Herausforderungen, die sich unserer Kirche stellen. Die Strukturreform ist die Herausforderung, über den Tellerrand des eigenen Kirchorts hinauszuschauen. Trau dich auch ins Nachbardorf! Trau dich in einen Sonntagsgottesdienst, auch wenn es keine Eucharistiefeier sein kann! Trau dich zu einem besonderen Gottesdienst oder zu einem Fest auch in eine andere Kirche, damit aus Fremden Bekannte werden, vielleicht sogar Freunde. Ich weiß, dass die Entfernungen in Thüringen oft groß sind und die Straßen kurvig. Deswegen danke ich allen, die heute zur Bistumswallfahrt nach Erfurt gekommen sind.

Ich rufe auch den Jugendlichen zu: "Mensch, trau dich!" Viele von euch leben als katholische Christen in einer verschwindenden Minderheit. Ihr müsst euch Sprüche anhören wie "Religion ist heilbar." Ihr braucht die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Die Jugendseelsorge des Bistums lädt euch ein. Der Katholikentag in Leipzig lädt euch ein. Papst Franziskus lädt euch nächstes Jahr zum Weltjugendtag nach Krakau ein. Da könnt ihr in der Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen, die an Jesus Christus glauben, erspüren, dass Jesus auch heute die Hand ausstreckt und euch ergreift.


Predigt auf dem Erfurter Domberg am 20.9.2015