Die Geschichte von Jesu beim Martha und Maria zeigt uns, dass es verschiedene Formen der barmherzigen Zuwendung zum Menschen gibt. Es gibt die aktive und zupackende Hilfe, die die Not von Menschen wahrnimmt, die überlegt, wie ihnen zu helfen ist und dann aktiv wird. Ich denke an eine junge Frau, die von den Bildern aus Idomeni so gerührt war, dass sie für eine Woche hingefahren ist und bei der Essensausgabe mitgeholfen hat. Eine weitere Form der Zuwendung zu Mitmenschen nimmt sich Zeit für seine Geschichte und seine Person, fragt, was er erlebt hat und hört ihm gerne und aufmerksam zu. Ich denke an ein Café von Frauen für Flüchtlingsfrauen, in dem viele zusammenkommen, um sich miteinander zu unterhalten. Welche Form der Barmherzigkeit ist die wichtigere: Menschen zuzuhören oder anzupacken und ihnen zu helfen? Man könnte geneigt sein, beide Formen gleich zu gewichten. Jesus aber setzt eine deutliche Priorität. Wie immer, wenn eine deutliche Priorität gesetzt wird, regt dies zu Fragen oder zu Kritik an. Jesus ist es eindeutig wichtiger, dass Maria im zuhört, als dass Martha ihn bewirtet. Das ärgert viele, die diese Geschichte hören. Mit seiner Option weist Jesus durchaus provokativ darauf hin, dass es nicht nur darauf ankommt, dass alles gut funktioniert und jeder das Seine hat. Jesus sagt, es ist wichtiger, sich den Menschen zuzuwenden und von Mensch zu Mensch für ihn da zu sein. Aktuelle Entwicklungen geben ihm Recht: In der Flüchtlingskrise hat sich gezeigt, dass Deutschland durchaus in der Lage ist, innerhalb weniger Monate eine Million Menschen aufzunehmen und zu versorgen. Kein Flüchtling ist hier verhungert. Unser Wirtschaftssystem bietet vielen von ihnen eine Existenzgrundlage. Aber die wirklich große Herausforderung besteht darin, dass geflüchtete und einheimische Menschen sich von Mensch zu Mensch begegnen; dass sie sich kennenlernen, von ihren Traditionen und Religionen erzählen, sich auch darüber austauschen, was am Anderen befremdet oder stört und so zu einem Miteinander finden, in dem keiner seine Identität aufgeben muss, weder die Deutsche noch die Muslima. Um es mit der Geschichte aus dem Evangelium kurz zu sagen: In der Flüchtlingskrise hat Martha ihre Aufgabe sehr gut gemacht, jetzt ist Maria dran.
Dass es wichtiger ist, für den Menschen ein Ohr zu haben, als ihn gut zu versorgen, wird mittlerweile vielen in unserem Gesundheitssystem deutlich. Für Krankenschwestern und Krankenpfleger sowie für Fachkräfte in der Altenpflege zählt nur die Pflegetätigkeit. Da das Gespräch mit den Patienten nicht vergütet wird, bleibt dafür kaum Zeit. Hier sind Kurskorrekturen nötig zum Wohle der Patienten und zum Wohle des Pflegepersonals.
Auch für Hausfrauen, die gerne Gäste einladen, ist die Geschichte von Jesus, Martha und Maria eine wichtige Mahnung. Wichtiger als das perfekte Essen sind die Gespräche mit dem Gast. Der Gast kommt ja in der Regel nicht wegen eines üppigen Essens, sondern wegen der Gespräche und der Begegnung. Ich bin nicht nur Gast, sondern manchmal auch zusammen mit meiner Schwester Gastgeber, und ich habe gelernt: Wer als Gast keine Zeit hat, bekommt ein Essen, das ohne viel Mühe zuzubereiten ist. Wenn es dagegen ein schönes Essen ist, muss der Gast auch die Zeit haben, dass der Gastgeber ein Ohr für ihn hat und sich gleichzeitig um das Essen kümmert. Ich frage mich, was Jesus gesagt hätte, wenn Martha klaglos den Tischdienst versehen hätte. Er hat ja erst etwas gesagt, nachdem Martha ihn herausgefordert hatte: "Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!" (Lk 10,40). Ich vermute, Jesus hätte nichts gesagt, wenn Martha sich klaglos um das Essen gekümmert hätte. Jesus hat sein Lebensprogramm beschrieben: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen." (Mk 10,45). Im Lukasevangelium vergleicht sich Jesus mit einem Hausherren, der auf einer Hochzeit ist und erst spät zurückkommt: "Selig die Knechte, die der Herr wachfindet, wenn er kommt. Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch platznehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen." (Lk 12,37). Jesus versteht sich als der, der den Dienst an den Tischen übernimmt. Daher vermute ich, dass er eine große Sympathie für diejenigen hat, die sich ganz dem Tischdienst widmen. Vermutlich wäre es ihm aber lieber gewesen, Martha und Maria hätten ohne großes Aufhebens ein schlichtes Essen bereitet und wären beide ganz Ohr für ihn gewesen.
Schließlich können wir diese Geschichte auch auf unsere persönliche Beziehung zu Jesus Christus anwenden. Als der auferstandene Herr ist er unter uns gegenwärtig. Er lädt uns ein, Gemeinschaft mit ihm zu haben, sei es im persönlichen Gebet oder auch im gemeinsamen Gottesdienst. Die Zeit des Gottesdienstes und auch die Zeit des persönlichen Gebetes ist eine Zeit, in der wir eigentlich ganz Ohr für Jesus sein wollen. Dennoch gelingt es uns oft nicht. Es gibt eine schöne Zeichnung, in der über den Menschen, die in den Kirchenbänken sitzen, Sprechblasen verzeichnet sind, in denen zu lesen ist, an was die Menschen während des Gottesdienstes denken. Jeder von uns weiß, dass es nicht einfach ist, im Gottesdienst die Andacht, also das Denken an den dreifaltigen Gott, wirklich zu wahren. Die Geschichte von Martha und Maria kann dann eine gute Hilfe sein. Sie mahnt uns, aus der Haut der Martha zu schlüpfen, die sich "viele Sorgen und Mühen" macht (Lk 10,41) und in die Haut der Maria zu schlüpfen, die dem Herrn zu Füßen sitzt und ganz für ihn da ist.
10.05.2016

