Die Familie und die drei L

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr zur Männerwallfahrt am 21. Mai 2020 - auch als Podcast

pixabay; in: Pfarrbriefservice.de

Als Leitwort für die diesjährige Männerwallfahrt wurde ein Satz  aus dem Prophetenbuch Jeremia ausgewählt: „Fragt, wo der Weg zum Guten liegt.“ (Jer 6,16) Dieser Satz ist eingebettet in die Sorge vor einer Kriegsgefahr.

In Zeiten, in denen ein unheimliches Virus unsere Gesundheit, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft bedroht, suchen viele Menschen nach Orientierung und wenden sich auch an uns Christen. Unsere Angst ist nicht grenzenlos, weil wir auf Gott vertrauen. Der Psalm 91 benennt sogar die aktuelle Gefahr: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt, der ruht im Schatten des Allmächtigen“, der braucht sich nicht zur fürchten „vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag“. (Ps 91,1-5)

Ich denke in dieser Zeit an einen beeindruckenden Satz, den der damalige Bischof von Mainz, Hermann Kardinal Volk, kurz nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 gesagt hat. In einem Bittgottesdienst für den schwer verletzten Papst sagte er: „Niemand kann uns aus der Hand Gottes schießen.“

Das Vertrauen auf Gott ist hoffentlich für viele von Ihnen in die Erfahrung eingebettet, in einer Familie geborgen zu sein. In den vergangenen zehn Wochen haben viele Familien ganz neue Erfahrungen gemacht. Die Kinder konnten nicht in den Kindergarten gehen oder die Schule besuchen.
Die Tagespflegeeinrichtungen für alte Familienmitglieder waren geschlossen. Die Erwerbstätigen mussten von zuhause aus arbeiten oder waren auf Kurzarbeit gesetzt. Erst langsam entspannt sich die Situation, in der die Familienmitglieder viel mehr Zeit miteinander verbringen als gewohnt und das Leben miteinander teilen. Das war und ist für alle Familien eine große Herausforderung. Ich höre aber auch immer wieder, dies sei auch im positiven Sinn eine prägende Zeit.

Die Infektionsschutzmaßnahmen haben vieles offen gelegt: Die Situation, dass alle Familienmitglieder zuhause sind, machte offenkundig, dass die Familie nicht nur eine Gemeinschaft des Lebens und der Liebe ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, sondern dass die Familie darüber hinaus eine Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Lasten ist. Das klassische Rollenverständnis, das die drei K der Frau zuschreibt, funktioniert nicht mehr: Nicht nur die Frau ist für Kinder, Küche und Kirche zuständig, sondern in einer Gemeinschaft des Lebens und der Liebe tragen alle die Lasten gemeinsam. Die drei L ersetzen die drei K.

Dies trifft auch für das dritte K zu, die Kirche. Eine Wallfahrt ist auch eine Zeit der kritischen Selbstreflexion. Sie stellt an Sie die Frage, wie Sie die Sonntage gestaltet haben, in denen wir nicht gemeinsam Gottesdienst feiern konnten. Ich habe in meinem Brief an die Mitchristen im Bistum Erfurt dazu eingeladen, Hausandachten zu feiern. Das Seelsorgeamt hat dafür Anregungen erarbeitet. Ich danke allen, die diese Anregungen umgesetzt und dabei ganz neue Erfahrungen gesammelt haben. Mir schrieb eine Jugendliche, dass ihre Familie in der Osternacht bei Dunkelheit aufgestanden ist und von einer kleinen Anhöhe aus den Sonnenaufgang erlebt hat. Während des Sonnenaufgangs sangen sie das Lied „Christ ist erstanden“. Die Familie wird dies sicher nie vergessen. Das Christentum ist in den Hauskirchen groß geworden und es lebt auch heute in den Hauskirchen, die der Heilige Papst Johannes Paul II. als „Kirchen im Kleinen“ bezeichnet hat.

Die derzeitigen Infektionsschutzmaßnahmen können ein Anlass sein, die Hauskirche nicht nur beim Tischgebet, sondern auch bei gemeinsamen Andachten zu erleben und zu feiern.


Hauskirche ist die Familie nicht nur, wenn sie miteinander betet, sondern auch dann, wenn sie miteinander den Glauben lebt und weitergibt. Alle Formen der Glaubensweitergabe und Glaubensunterweisung in den Kindergärten, im Religionsunterricht und in den Kirchengemeinden kann die Glaubensverkündigung in der Familie nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Der Jugendkatechismus YouCat ist nicht nur für Kinder und Jugendliche eine interessante Lektüre, sondern auch für Erwachsene. Wenn Sie gemeinsam mit ihren Kindern darin lesen und darüber diskutieren, ist das ein großartiges Lebenszeichen der Hauskirche.

Es mag Sie vielleicht befremden, dass ich in meiner Predigt zur Männerwallfahrt so sehr auf die Familie eingehe, während doch die Männerwallfahrt der Anlass ist, zu gesellschaftlichen Entwicklungen Stellung zu beziehen. Wenn Sie sich dafür interessieren, brauchen Sie nur die Predigt zur Frauenwallfahrt zu lesen oder als Podcast zu hören.

Ich bedauere es sehr, dass ich in diesem Jahr nur medial-vermittelt zu Ihnen sprechen kann und wir nicht miteinander die Wallfahrt am Klüschen Hagis erleben können. Auch die schönen Begegnungen am Rande der Wallfahrt sind leider nicht möglich. Mögen die Schutzmaßnahmen wirken und das Virus eindämmen. Gott behüte Sie und alle, die zu Ihnen gehören!

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