Das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes

Vortrag des Bischofs beim Tag der Diakonatshelfer am 19. März 2016

 

In der Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit schreibt Papst Franziskus: "Das Geheimnis der Barmherzigkeit gilt es stets neu zu betrachten. Es ist Quelle der Freude, der Gelassenheit und des Friedens. Es ist Bedingung unseres Heils. Barmherzigkeit - in diesem Wort offenbart sich das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Barmherzigkeit ist der letzte und endgültige Akt, mit dem Gott uns entgegen tritt. Barmherzigkeit ist das grundlegende Gesetz, dass im Herzen eines jeden Menschen ruht und den Blick bestimmt, wenn er aufrichtig auf den Bruder und die Schwester schaut, die ihm auf dem Weg des Lebens begegnen. Barmherzigkeit ist der Weg, der Gott und Menschen vereinigt, denn sie öffnet das Herz für die Hoffnung, dass wir trotz unserer Begrenztheit aufgrund unserer Schuld für immer geliebt sind. Es gibt Augenblicke, in denen wir aufgerufen sind, in ganz besonderer Weise den Blick auf die Barmherzigkeit zu richten und dabei selbst zum wirkungsvollen Zeichen des Handelns des Vaters werden. Genau darum habe ich ein außerordentliches Jubiläum der Barmherzigkeit ausgerufen. Es soll eine Zeit der Gnade für die Kirche sein und helfen, das Zeugnis der Gläubigen stärker und wirkungsvoller zu machen."

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, in dem wir uns befinden, möchte ich gerne mit Ihnen über Ihren Dienst als Kommunionhelfer und Diakonatshelfer nachdenken, im Blick darauf, wie in diesem Dienst die Barmherzigkeit Gottes den Menschen begegnet. An einem der Höhepunkte dieser Begegnung von Gott und Mensch dürfen Sie beim Dienst der Austeilung der Heiligen Kommunion mitwirken. Sie halten die Hostie hoch, sodass sowohl Sie als auch der Empfänger der Heiligen Kommunion die Hostie anschaut in einem kurzen, aber intensiven Moment der Anbetung. Sie bringen gläubig zum Ausdruck, dass die Hostie zum Leib Christi geworden ist. Der Empfänger macht sich diesen Glaubenssatz mit seinem "Amen" zu eigen. In der Heiligen Kommunion haben wir, wie der lateinische Name sagt, Gemeinschaft mit unserem Herrn, Jesus Christus. Sein Leib und unser Leib begegnen einander. Dies ist nicht nur eine statische Gegenwart, in der Jesus Christus da ist, so wie ein Tisch oder ein Stuhl da sind. Die Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie ist zutiefst und zu innerst eingebunden in den Ursprung dieses Sakramentes, in das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Wenn wir die Heilige Kommunion empfangen, setzen wir uns im Geist an den Abendmahlstisch des Herrn und erleben immer wieder voll Staunen, was geschieht: Jesus Christus nimmt beim Mahl das Brot und ändert das vorgesehene Tischgebet wesentlich ab. Es ist nicht mehr das Brot der Dankbarkeit, das daran erinnert, dass der Herr sein Volk auf dem Zug durch die Wüste genährt hat und vor dem Hungertod bewahrt hat, sondern es ist "sein Leib, der für euch hingegeben wird". Die Gegenwart Jesu Christi im Brot ist wesentlich verbunden mit seiner Lebenshingabe. Beim Wort über das Brot spricht Jesus davon, dass sein Leib "für euch" hingegeben wird. Damit sind zunächst und zuerst die elf Apostel gemeint, die nach dem Weggang des Apostels Judas noch am Abendmahlstisch saßen. Es waren elf Männer, die Jesus in den letzten Jahren sehr gut kennenlernen konnte. Er kannte ihre Ecken und Kanten, ihre Fehler und Schwächen, er kannte aber auch ihre Großmütigkeit und Begeisterungsfähigkeit, ihre Einsatzbereitschaft und ihre Liebe zu ihm. So hat er nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums gesagt: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe", (Joh 15,15). Wie sehr ihm seine Freunde am Herzen lagen und wie sehr ihn dieses Mahl am Herzen lag, wird nach dem Zeugnis des Lukasevangeliums deutlich, nach dem Jesus zu seinen Jüngern sagte: "Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Passahmahl mit euch zu essen.", (Lk 22,15). Diese enge persönliche Verbundenheit bildet den Hintergrund dafür, dass Jesus zu den Männern, die mit ihm am Tisch saßen, sagte: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird." Jesus war bereit, seinen Freunden nicht nur etwas zu geben, sondern sich selbst. Damit waren zunächst nur die elf Männer gemeint, die am letzten Abendmahl Jesus teilnahmen. Erst beim Segensgebet über den Wein, am Ende des Mahles, öffnet sich der Kreis: "Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden." Hier öffnet sich der Abendmahlssaal zu einer unvorstellbaren Größe. Alle sind eingeladen, sich in die Hingabe des Gottessohnes und in sein Erlösungswerk hineinziehen zu lassen. Auch diese übergroße Liebe Jesu zu den Menschen wendet sich nicht der Menschheit im Allgemeinen zu, sondern jeder einzelnen Person, jeder und jedem, der am Tisch Jesu Platz nimmt. Dazu lädt Jesus alle Menschen ein. Diese Einladung will in Umkehr und Glaube angenommen werden. Es gibt keinen Automatismus entsprechend dem Fastnachtslied "Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind". Es war immer gläubige Überzeugung der Kirche, dass die Einladung Jesu von den Eingeladenen angenommen werden muss, in Umkehr und Glaube. Dies muss immer mitbedacht werden, wenn es bei der Heiligen Messe heißt, dass das Blut Jesu für alle vergossen wurde. Die Übersetzung "für viele", die in vielen anderen Sprachen verwendet wird, macht dies deutlich. Allerdings ist auch diese Übersetzung missverständlich, sie meint nicht, dass es eine Gruppe von Auserwählten gibt. Vielmehr ist jeder eingeladen, am Tisch des Herrn Platz zu nehmen, sogar der Verbrecher, der mit Jesus hingerichtet wurde und im letzten Augenblick seines Lebens die Einladung Jesu angenommen hat. Er war zu Umkehr und Glaube fähig. Die Umkehr drückt sich in seinem Satz aus: "Wir erhalten den Lohn für unsere Taten. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan." Und sein Glaube an Jesus bringt der Verbrecher am Kreuz mit dem Satz zum Ausdruck: "Herr gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst." Jesus verspricht ihm daraufhin einen Platz an der himmlischen Hochzeitstafel: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." (Lk 23,41-43) Beim Segensgebet über den Kelch verdeutlicht Jesus auch, worin seine Lebenshingabe besteht: In der Vergebung der Sünden. Im Letzten und in der Tiefe werden wir nie verstehen, weshalb Jesus diesen Weg gegangen ist, um uns von unserer Sünde, von unserer Trennung von Gott zu erlösen. Er hat sich in die Abgründe menschlicher Verbrechen und die Folgen der Sündenschuld begeben ohne selbst eine Sünde auf sich geladen zu haben. So hat er uns nicht nur von außen freigesprochen, sondern von innen erlöst. Jedes Mal, wenn wir die heilige Kommunion empfangen, werden wir erneut in diese Lebenshingabe und in diese Liebe Christi zu uns hineingezogen. Und zwar nicht nur als Mitglied der Menschheit oder als Mitglied des neuen Volkes Gottes, sondern als die einzelne, von Gott geschaffene und von Christus erlöste Person. Hier wird die Barmherzigkeit Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, in unüberbietbarer Weise Wirklichkeit. Beim Dienst der Austeilung der Heiligen Kommunion dürfen Sie mitwirken, dass diese Barmherzigkeit Gottes in die Herzen der Menschen gelangt.

Die Diakonatshelfer unter Ihnen bringen in einer weiteren Weise die Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen. Sie stehen Gottesdiensten vor. Die Gemeinde, auch wenn sie klein ist, versammelt sich zu Gottesdienst und Gebet, sie hört das Wort Gottes, denkt darüber nach und empfängt in der Heiligen Kommunion die hingebende Liebe Jesu Christi. Diejenigen, die zum Gottesdienst kommen und Sie, die Sie den Gottesdienst vorbereiten und ihm vorstehen, erleben dies zunächst und zuerst als ein Tun der gottesdienstlichen Gemeinde, d.h. Sie verstehen Gottesdienst als den Dienst, den die Menschen Gott tun. In Wirklichkeit ist Gottesdienst aber ein Dienst, den Gott uns Menschen tut. Das Haus, in dem wir Gottesdienst feiern, wurde bei der Kirchenweihe feierlich Gott übertragen. Die Menschen haben es errichtet und in der Kirchweihe wird es Gott als sein Eigentum, als sein Haus, geschenkt. Zum Gottesdienst treffen wir uns also im Haus Gottes und Gott schenkt uns Gemeinschaft. Dieses Geschenk ist unabhängig von der Zahl derer, die zusammenkommen: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". (Mt 18,20) In verschiedener Weise schenkt uns Gott seine Gegenwart in der gottesdienstlichen Feier, sodass der Gottesdienst Gottes Dienst an uns Menschen wird. Da ist zunächst die Verheißung Jesu, dass seine Gegenwart allen gilt, die sich bewusst in seinem Namen versammeln. Das Kreuzzeichen zu Beginn unserer Gottesdienste ist nicht nur eine schöne Tradition, sondern vielmehr eine wichtige Vergewisserung, dass wir tatsächlich im Namen des dreifaltigen Gottes versammelt sind. Wenn das Wort Gottes verkündet wird, so vergewissert sich die Gemeinde, dass sie nicht nur das Wort von Menschen hört, das aufgeschrieben und vorgelesen wurde, sondern, dass sie darin das Wort Gottes hört. Deswegen sagt der Lektor am Schluss der Lesung: "Wort des lebendigen Gottes!", und die Gemeinde antwortet dankbar: "Dank sei Gott dem Herrn." Das Wort Gottes allein ist es wert, sich seinetwegen zu versammeln und so Gott zu begegnen. Deswegen hat auch eine Wortgottesfeier ohne Kommunionausteilung ihren guten Sinn und ihre Berechtigung, weil sie das Gespür dafür schärft, dass Gott auch in seinem Wort gegenwärtig ist. Wenn in den Gottesdiensten, die Sie feiern, dann auch die Heilige Kommunion ausgeteilt wird, so ist die Gegenwart Gottes in einer weiteren intensiven Weise spürbar. Im Geschenk der Eucharistie schenkt uns Jesus Christus seine erlösende Liebe. Es ist völlig berechtigt und gut katholisch, wenn katholische Christen nach dieser Speise verlangen und gerade am Tag des Herrn, am Tag seiner Auferstehung auch im Sakrament der Eucharistie mit ihm verbunden sind. Deswegen wurde ja bereits vor über 50 Jahren die Möglichkeit eröffnet, auch in einer Wortgottesfeier die Heilige Kommunion den Gläubigen zu spenden, um so dem Dienst Gottes an den Menschen seine intensivste Form zu geben und dadurch die Menschen zur stärken auf dem Weg ihres Glaubens. So zeigt sich auch im Gottesdienst auf vielfältige Weise die Barmherzigkeit Gottes, der sich nicht zu schade ist, uns Menschen in unserer Sehnsucht nach Gott in unserer Hoffnung und in unserem Glauben immer wieder zu stärken und auf dem Weg unseres Lebens zu begleiten. Ich danke Ihnen, dass Sie so in vielfältiger Weise die Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen bringen.

21.03.2016