Das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet uns

Ansprache von Bischof Ulrich Neymeyr zum Elisabethempfang 2015

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrte Damen und Herren,

eigentlich wollte ich Ihnen heute die Enzyklika "Laudato si" vorstellen, die Papst Franziskus am 24. Mai 2015 veröffentlicht hat mit dem Thema "Über die Sorge für das gemeinsame Haus". Der Papst beschreibt darin die alarmierenden ökologischen Entwicklungen und mahnt dringend Veränderungen an. Leider haben andere tagesaktuelle Themen die Enzyklika für die Öffentlichkeit fast schon in Vergessenheit geraten lassen, obwohl das Anliegen akut ist und bleibt und das Schreiben des Papstes, in dessen Entstehen viele Fachleute eingebunden waren, weitgehende Zustimmung gefunden hat. Aus verständlichen Gründen hat die Entscheidung so vieler Menschen, nach Europa und nach Deutschland zu fliehen, und die kaum zu bewältigenden Folgen des Zustroms so vieler Menschen, fast alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Bevor ich deswegen die Enzyklika "Laudato si" wieder zur Seite gelegt habe, habe ich geschaut, ob sie auch das Thema der Migration und der Flucht behandelt und wurde in Abschnitt 25 fündig: "Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellen eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung. So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz. Leider herrscht eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Tragödien, die sich gerade jetzt in bestimmten Teilen der Welt zutragen. Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern ist ein Zeichen für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet."

Diese Sätze sind in der Tat alarmierend, weil sie neben den bekannten Fluchtursachen auch die ökologische Krise als Fluchtursache benennen. Nicht nur das ökonomische Ungleichgewicht und nicht nur politische und religiöse Konflikte, die mit militärischen Mitteln ausgetragen werden, sind Fluchtursachen, sondern auch drohende ökologische Entwicklungen. Die Menschen, die unter den, aus den Medien bekannten Fluchtursachen zu leiden haben, kommen in diesen Monaten zu uns. Ist die Tatsache, dass Deutschland jetzt eine solche Verantwortung für flüchtende Menschen übernimmt, nicht auch der Auftrag und die Berechtigung, entschiedener aufzutreten beim Kampf gegen Ursachen der Flucht? Deutschland kann jetzt in anderen Ländern - vor allem auch in den Balkanstaaten - verbindliche und einklagbare Rechtsordnungen einfordern, die die Korruption wirkungsvoll bekämpfen und eine gute wirtschaftliche Entwicklung überhaupt erst ermöglichen. Deutschland kann jetzt restriktivere Regeln für den Rüstungsexport durchsetzen - auch im eigenen Land. Deutschland, das jetzt so viele Muslime aufnimmt und die Ausübung ihrer Religion toleriert, kann jetzt auch von den Muslimen klarer diese Toleranz einfordern - nicht nur von den Muslimen, die bei uns leben, sondern auch von den Ländern, in denen die Muslime in der Mehrheit sind.

Wenn über die Ursachen der Flucht und ihre Bekämpfung diskutiert wird, darf nie vergessen werden, wie brutal das Schicksal der Flucht ist. In seiner Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings vom 12. September 2015 schreibt Papst Franziskus: "Täglich fragen die tragischen Schicksale von Millionen von Männern und Frauen die internationale Gemeinschaft an, angesichts des Auftretens inakzeptabler humanitärer Krisen in zahlreichen Regionen der Welt. Die Gleichgültigkeit und das Schweigen führen zur Mittäterschaft, wenn wir als Zuschauer Zeugen des Todes durch Erstickung, Entbehrung, Gewalt und Schiffbrüchen werden. Ob in großem oder geringem Ausmaß, stets handelt es sich um Tragödien, wenn dabei auch nur ein einziges Menschenleben verloren geht." Das Bild des dreijährigen Aylan Kurdi, der am 2. September 2015 an der türkischen Küste tot gefunden wurde, hat die Herzen vieler Menschen erreicht und erweicht. Wenn in der Diskussion über die Ursachen der Flucht und die Bewältigung ihrer Konsequenzen jedes Mitgefühl und Mitleid fehlt, kann der prächtige Domberg nicht als Kulisse einer Kundgebung dienen. Das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet uns Christen, in jedem Menschen das Mitgeschöpf und das Ebenbild Gottes zu sehen. Jesus Christus solidarisiert sich mit den Menschen in Not: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen." (Mt 25,35)

Die Folgen der Flucht so vieler bringen kaum zu bewältigende Herausforderungen mit sich. In den Herkunftsländern fehlen junge aktive Menschen. Die Binnenflüchtlinge bedeuten für viele Länder große Herausforderungen, auch innerhalb von Europa in der Ukraine. Viele Länder können diese Last nicht alleine tragen und brauchen Unterstützung. Die vielen flüchtenden Menschen dieses Jahres haben Europa in eine weitere Krise geführt. Deutschland hat aufgrund seiner Geschichte eine besondere moralische Verpflichtung, denen Asyl zu gewähren, deren Leben in der Heimat bedroht ist, denn vor 80 Jahren mussten sehr viele Menschen aus Deutschland fliehen, um ihr Leben zu retten, das vom deutschen Staat bedroht war. Da aber Deutschland jetzt in der Aufnahme flüchtender Menschen so engagiert ist, kann es in Europa eine zielgerichtete Debatte über gemeinsame Werte und Normen anstoßen. Im Land bedeutet der Zustrom so vieler Menschen verschiedener Kulturen, verschiedener Religionen und verschiedener Bildungsabschlüsse Probleme für die innere Sicherheit und die soziale Sicherung. Es muss diskutiert und geregelt werden, was mit denen geschieht, die keinen Anspruch auf Asyl haben, weil ihr Leben in der Heimat nicht bedroht ist. Man wird nicht umhinkommen, sie zurückzuführen, um die aufnehmen zu können, denen zu Hause Gefahr für Leib und Leben droht. Die Probleme, die es hierzulande im Zusammenleben gibt und geben wird, müssen benannt werden und es muss nach Lösungen gerungen werden, aber immer im Bewusstsein "des Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet", wie Papst Franziskus schreibt. Dies gilt auch für die Ängste und Sorgen der Menschen, die hier ihre Heimat haben. Hier gilt es, immer wieder an das Mitgefühl zu appellieren, auch für diejenigen, die ihr Glück versucht haben, in Deutschland eine Zukunft zu finden und jetzt wieder in ihre Heimat zurück müssen. Es gilt an die menschliche Verpflichtung zu appellieren, denen Asyl zu gewähren, deren Leben zu Hause bedroht ist, und ihnen und ihrer Familie hier bei uns eine Lebensperspektive zu geben. Es ist wichtig, Begegnung zwischen Einheimischen und Fremden zu ermöglichen. Wer Flüchtlinge persönlich kennengelernt hat, diskutiert nicht ohne Mitgefühl. Die älteren Einheimischen sprechen oft von der Sorge um ihre Kinder und Enkel. Was bietet mehr Anlass zur Sorge um die künftigen Generationen: die Flüchtlinge oder die demographische Entwicklung? Sorgen und Ängste müssen ernst genommen werden bis zu einer Grenze, die das Bündnis "Mitmenschlich in Thüringen" klar formuliert: "Wer gegen Flüchtlinge hetzt oder gar Gewalt anwendet, der verlässt den Konsens unseres Grundgesetzes und muss mit dem deutlichen Widerspruch und dem entschlossenen Widerstand aller Demokratinnen und Demokraten in Thüringen rechnen." Schließlich frage ich mich, ob zum Deutschsein nicht Weltoffenheit gehört. Ich denke nicht nur an die Reiselust der Deutschen, sondern auch an den Wunsch vieler, wenigstens ein paar Jahre im Ausland zu leben. So machen beispielsweise viele Jugendliche ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. So wächst nach der neuesten Shell Jugendstudie unter Jugendlichen die Akzeptanz von Migranten - auch im Osten!

Ich möchte noch einmal Papst Franziskus zitieren, diesmal nicht mahnend, sondern ermutigend. Was er in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" vom 24. November 2013 schreibt, kann auch für die Stadt Erfurt gelten: "Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt. Darum rufe ich die Länder zu einer großherzigen Öffnung auf, die, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen. Wie schön sind die Städte, die das krankhafte Misstrauen überwinden, die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind die Städte, die auch in ihrer architektonischen Planung reich sind an Räumen, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen!"

Zum Schluss möchte ich all den vielen Menschen danken, die sich haupt- und ehrenamtlich um die geflüchteten Menschen kümmern und ihre Aufnahme in unserem Land ermöglichen. In diesen Dank möchte ich heute auch besonders den Dank an alle Politiker auf der Ebene des Freistaates und der Kommunen einschließen, die mit allergrößtem Engagement die Herausforderungen meistern.

12.11.2015