Christlicher Glaube bringt neues Verständnis von Ehe und Familie

Hirtenbrief zu Beginn der österlichen Bußzeit 2015

 

 

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

seit meinem Amtsantritt sind mittlerweile fast 100 Tage vergangen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich für die freundliche und freudige Aufnahme zu bedanken, die ich im Bistum Erfurt erfahre und die es mir leicht macht, hier anzukommen.

Für das Thema meines ersten Hirtenbriefes, mit dem ich mich an Sie wende, hat Papst Franziskus zwei Anregungen gegeben. Er hat ein Jahr der Orden ausgerufen und so die ganze Kirche eingeladen, über die Bedeutung und Würde des gottgeweihten Lebens nachzudenken. Ich bin sehr froh, dass die Ordensgemeinschaften in unserem Bistum die Anregung aufgegriffen haben, in einem Brief an die Gemeinden sich, ihr Leben und die Idee ihrer Ordensgründerin oder ihres Ordensgründers vorzustellen.
Ich empfehle diese Briefe sehr Ihrer Aufmerksamkeit und bin den Ordensgemeinschaften dankbar, dass sie als geistliche Zentren in unserem Bistum leben und wirken.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Papst Franziskus ein Anliegen für die ganze Kirche. Im vergangenen Oktober hat er Bischöfe aus aller Welt zu einer außerordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode nach Rom eingeladen, um mit ihnen über die Berufung und die Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute zu beraten. Das Abschlussdokument (relatio synodi), das auf der Internetseite des Vatikans (www.vatican.va) veröffentlicht ist, ist zugleich das Vorbereitungsdokument (lineamenta) für die große ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die der Papst für den 4. - 25. Oktober 2015 nach Rom einberufen hat.
Das Dokument beschreibt die Aufgabe der Bischofssynode:
-    "Das Zuhören, um die Realität der heutigen Familie in der Vielschichtigkeit ihrer Licht- und Schattenseiten betrachten zu können.
-    Der auf Christus gerichtete Blick, um mit neuer Frische und Begeisterung erneut darüber nachzudenken, was uns die im Glauben der  Kirche überlieferte Offenbarung über die Schönheit, die Rolle und die Würde der Familie sagt.
-    Die vergleichende Sicht im Licht Jesu, um die Wege zu erkennen, auf denen Kirche und Gesellschaft sich in ihrem Einsatz für die auf der Ehe zwischen Mann und Frau begründete Familie erneuern können."

Auch in unserer Gesellschaft wird viel über das Wesen und die Gestaltung der Familie diskutiert und die Bedeutung der Familienpolitik hervorgehoben.
Ich möchte mit diesem Brief verdeutlichen, dass wir als katholische Christen einen ganz besonderen Blick auf Ehe und Familie haben, den wir in solche Diskussionen einbringen sollten. Aus der Sicht unseres Glaubens haben wir ein besonderes Verständnis von Ehe und Familie, das das Verständnis von Nichtglaubenden übersteigt.

Es ist für den Gottesglauben  grundlegend, Gott als den Schöpfer der Welt zu verehren. Das schließt ein, dass wir Gott auch als unseren Schöpfer verstehen. Vater und Mutter haben uns gezeugt, aber nicht geschaffen. Vielmehr bedeutet die geschlechtliche Begegnung von Mann und Frau Teilhabe am Schöpfungshandeln Gottes. Das gibt diesem Akt eine solche Würde, dass die Zeugung menschlichen Lebens aus Sicht der katholischen Kirche an die geschlechtliche Begegnung von Mann und Frau gebunden bleibt und dass dieser Akt Eheleuten vorbehalten ist. Darüber hinaus stiftet die von Gott begründete Blutsverwandtschaft ein Verantwortungsverhältnis. Das 4. Gebot betont besonders die Verpflichtung erwachsener Kinder gegenüber ihren Eltern. Durch die physische Elternschaft haben nicht nur die Eltern das Recht und die Pflicht, für ihre Kinder zu sorgen und sie zu erziehen, sondern die Kinder sind auch verpflichtet zur Sorge um ihre alt gewordenen Eltern. Familie ist also nicht nur da, wo Kinder sind, sondern auch da, wo Erwachsene für ihre alt gewordenen Eltern sorgen oder wo Geschwister füreinander da sind.

Unser katholischer Glaube prägt auch das Bild, das wir von der Ehe haben. Das Sakrament der Ehe umfasst das ganze Eheleben. In der kirchlichen Trauung wird die Ehe nicht nur gesegnet, wie es dem evangelischen Eheverständnis entspricht, sondern sie wird begründet. Durch das Treueversprechen der Brautleute begründet Gott im Sakrament der Ehe einen unauflöslichen Ehebund. Genau so wenig, wie man die Verwandtschaft mit seinem Bruder aufkündigen kann, kann man eine gültig geschlossene Ehe auflösen. Schon im Alten Testament werden das Brautverhältnis und der Ehebund verglichen mit dem Verhältnis Gottes zu seinem Volk: "Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich", heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 62,5). Der Bund Gottes mit seinem Volk ist nicht nur äußerlich mit dem Ehebund vergleichbar, vielmehr bildet der Ehebund den Bund Gottes mit seinem Volk ab. Im Epheserbrief wendet der Apostel Paulus diesen alttestamentlichen Gedanken an auf das Verhältnis Christi zur Kirche.

Diese beiden grundlegenden Überlegungen zur Elternschaft und zur Ehe erschließen sich nur in der Sicht des Glaubens. Es ist eine bleibende Herausforderung für die Kirche und ihre Seelsorge, die Brautleute, die Eheleute und die Familien auf ihrem Weg zu begleiten und sie darin zu unterstützen, aus der Kraft des Glaubens ihren Weg miteinander zu gehen.

Es ist Papst Franziskus, den Bischöfen und allen Seelsorgern ein wichtiges Anliegen, dabei nicht Diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die trotz bester Absichten in ihrer Ehe gescheitert sind. Sie sollten spüren, dass sie weder von Gott noch von der Kirche verlassen sind. Die österliche Bußzeit mutet allen zu, das in den Blick zu nehmen, was im Leben quer liegt, und sich mit dem auseinander zu setzen, was im eigenen Leben den Geboten Gottes und oft auch den eigenen Idealen widerspricht. Leider verhalten sich solche Neigungen, Haltungen und Taten in unserem Leben meist wie die Rückseite des Mondes: Der Mond dreht sich immer so, dass wir seine Rückseite von der Erde aus nicht sehen können. Man muss häufig schon einige Mühe aufwenden, um die Schattenseiten seines Lebens wirklich in den Blick zu bekommen. Häufig können uns unsere Mitmenschen dabei hilfreich sein. Kritik, die uns wirklich ärgert, ist in der Regel berechtigt.

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn, ich wünsche Ihnen eine segensreiche österliche Bußzeit im Zugehen auf das Fest der Auferstehung Christi und wünsche den Brautleuten, den Eheleuten und den Familien die Kraft des Heiligen Geistes, der uns in der Gemeinschaft zusammenhält.

Es segne Sie alle der Allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

+ Bischof Ulrich Neymeyr