Wachstedt/Eichsfeld. Im vergangenen Jahr war ich anlässlich der Visitation im Dekanat Dingelstädt häufig im Eichsfeld. Auch in diesem Jahr führen mich die Besuche im Dekanat Leinefelde-Worbis häufig hierher. Ich führe viele Gespräche mit den Pfarrern, Diakonen, Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten, mit den Mitgliedern der Kirchenvorstände und pastoralen Gremien und habe viele Begegnungen mit den Menschen im Eichsfeld.
Ich erfreue mich am vielfältigen katholischen Leben hier. In den Sommermonaten nehmen viele an den Wallfahrten und Prozessionen teil und das ganze Jahr über sind die Gottesdienste gut besucht. Dies gilt auch für die große Vielfalt sonstiger kirchlicher Veranstaltungen. Die Kirchen und Kapellen, die Bildstöcke, Kruzifixe und Heiligenfiguren geben ein beredtes Zeugnis von der Sorge der Menschen um das kirchliche Leben im Eichsfeld. Es gibt viele Getaufte und Gefirmte, die sich für die Kirchengebäude und das Leben in den Kirchorten engagieren. Darüber hinaus habe ich eine große Anzahl katholischer Einrichtungen kennengelernt, in denen viele engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus christlichem Geist für die Menschen da sind.
Ich höre aber oft eine Sorge und teile sie: Wird es so bleiben? Daraus spricht auch die Sorge um die Identität des Eichsfelds. Die Zahl der jungen Erwachsenen sowie der Kinder und Jugendlichen, die den Gottesdienst mitfeiern, geht zurück. Auch zu schön gestalteten Familiengottesdiensten kommen viele junge Familien nicht. Es wird zunehmend schwieriger, sie in das kirchliche Leben einzubinden. Die Erzieherinnen in den Kindergärten berichten mir von Kindern, die zum ersten Mal im Kindergarten ein Tischgebet kennenlernen. Die Religionslehrerinnen und Religionslehrer erzählen, dass die Kinder ihren christlichen Glauben nicht kennen und ihnen der Inhalt der kirchlichen Feste fremd ist.
Liegt das daran, dass es weniger Pfarrer gibt? Sicher ist das kirchliche Leben im Eichsfeld eine Frucht des unermüdlichen Wirkens vieler Pfarrer hier. Doch sollten wir ehrlich zugeben, dass niemand heute deswegen zur Kirche geht, weil der Pfarrer ihn dazu mahnt. Was die Kinder im katholischen Kindergarten und beim katholischen Religionsunterricht lernen, bleibt ein Inselwissen, wenn es nicht auch sonst im Leben der Kinder und Jugendlichen vorkommt. Ein katholischer Kindergarten kann die religiöse Erziehung in der Familie nur unterstützen, nicht ersetzen.
"Ich vertraue auf Dich. Zeige mir den Weg!" Dieses Leitwort der diesjährigen Männerwallfahrt gilt auch für religiöse Erziehung. Für Kinder sind ihre Eltern die wesentlichen Vertrauenspersonen. Wenn sie erleben, dass ihre Eltern, denen sie rückhaltlos vertrauen, selbst auf Gott vertrauen, ist dies eine fundamentale Glaubenserfahrung, die das Leben prägt.
Religiöse Erziehung ist nicht nur Sache der Mütter. In einer christlichen Familie darf das Tischgebet nicht fehlen. Es ist für die Kinder nicht nur eine wichtige menschliche Erfahrung, sondern auch eine zutiefst religiöse Erfahrung, wenn Vater oder Mutter mit ihnen gemeinsam den Tag mit einem Gebet beschließen und Gott für das Schöne danken. Christliche Familien müssen sich auch fragen, wie sie ihren Sonntag gestalten. Wenn der Gottesdienstbesuch grundsätzlich nicht zum Sonntag gehört, verblassen der Glaube und die Beziehung zur Kirche im Leben der Familie. Dies gilt auch für die Mitfeier des Kirchenjahres. Natürlich erleben die Kinder die Bedeutung des christlichen Glaubens auch daran, dass sich ihre Eltern an den Geboten Jesu ausrichten, dass sie zum Beispiel zur Vergebung bereit sind oder dass sie sich mit ihren eigenen Fehlern auseinandersetzen.
Bei alledem geht es nicht nur um die Bewahrung des christlichen Glaubens, sondern auch um die Bewahrung der Identität des Eichsfelds. Ich spreche nicht nur von der katholischen Identität. Denn die Identität des Eichsfelds fußt auf dem christlichen Glauben und auf katholischer Lebenshaltung. Die Grundwerte der Solidarität und Hilfsbereitschaft, des Zusammenhalts in der Familie und im Dorf, der Heimatverbundenheit und der Verlässlichkeit fußen auf christlichen Werten.
Das befürchtete Verblassen der vom Katholischen geprägten Identität des Eichsfelds geschieht nicht im luftleeren Raum. Gesellschaftsmodelle, die von politischen Rändern geprägt sind, stehen parat. Da soll einerseits dem Staat möglichst viel übertragen werden; die Gesellschaft mit ihren freien - auch kirchlichen - Trägern und Einrichtungen ist dann nur noch ein Lückenbüßer. Und da werden andererseits Homogenität und möglichst viel deutsches Volk gefordert. Das heißt Nationalismus und Rassismus sowie die Verdrängung der Tatsache, dass das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte von Deutschen verübt wurde. Beide Gesellschaftsmodelle und die damit verbundenen Haltungen sind mit Personalität, Solidarität und Subsidiarität, also mit den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre unvereinbar.
Unser Einfluss auf diese Entwicklungen beschränkt sich nicht auf die Bundestagswahl, so wichtig es ist, das hohe Gut freier Wahlen nicht zu verachten. Wer bei der Wahl nicht seine Stimme abgibt, wählt trotzdem, nämlich die Ränder.
Wenn Sie die Identität des Eichsfelds, die auf dem Katholischen beruht, bewahren wollen, dürfen Sie ihre eigene christliche und katholische Identität nicht vernachlässigen und Sie müssen sie teilen mit denjenigen, mit denen Sie in der Hauskirche der Familie zusammenleben. Und Sie dürfen sie Ihren Kindern nicht vorenthalten, die Ihnen sagen: "Ich vertraue auf Dich. Zeige mir den Weg!"
25.05.2017