Barmherzigkeit empfangen - Barmherzigkeit gewähren

Predigt von Ulrich Neymeyr bei der Eröffnung der Heiligen Pforte am 13. Dezember

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
wir haben den Dom gemeinsam durch das Jungfrauenportal betreten. Es hat uns durch seine Gestaltung wieder neu bewusst gemacht, dass Gott der Richter unseres Lebens sein wird. Über dem Portal ist Christus als der Weltenrichter dargestellt. Die Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen ist eine steingewordene Mahnung, nicht mit leeren Gefäßen vor Gott zu erscheinen. Zu Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, das unser Heiliger Vater Papst Franziskus ausgerufen hat, wird diese Wahrheit unserer Existenz durch einen wesentlichen Aspekt ergänzt: "Jesus Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters." Mit diesem Satz beginnt die päpstliche Bulle zum Heiligen Jahr, die deswegen "Misericordiae vultus" (Antlitz der Barmherzigkeit) heißt.

Wir haben durch das Gerichtsportal den Raum der Barmherzigkeit des Vaters betreten, die in Jesus Christus Mensch geworden ist. Dies wird in unserer katholischen Kirche sakramentale Wirklichkeit durch den Empfang des Bußsakramentes, zu dem uns dieses Heilige Jahr erneut herausfordert. Wer nicht weiß, was er beichten soll, hat genügend Zeit, seine Mitmenschen zu fragen. Der Papst spricht bestimmte Sünder konkret ein, weil ihre Sünden so verheerende Wirkungen haben: "Das Wort der Vergebung möge alle erreichen und die Einladung, die Barmherzigkeit an sich wirken zu lassen, lasse niemanden unberührt. Mein Ruf zur Umkehr richtet sich mit noch größerem Nachdruck an alle Menschen, die aufgrund ihrer Lebensführung fern sind von Gott. Ich denke hier besonders an die Männer und Frauen, die einer kriminellen Vereinigung angehören, welche auch immer diese sei. Zu eurem eigenen Wohl bitte ich euch: Ändert euer Leben! Ich bitte euch im Namen des Sohnes Gottes, der - obwohl er gegen die Sünde gekämpft hat - nie einen Sünder zurückgewiesen hat. Fallt nicht in die schreckliche Falle, zu glauben, dass alles im Leben vom Geld abhänge und dass darum alles andere keinen Wert und keine Würde habe. Das ist bloß eine Illusion! Keiner kann sein Geld mitnehmen ins Jenseits. Und Geld macht nicht wirklich glücklich. Die Gewalt, die angewendet wird, um blutiges Geld anzusammeln, macht auch nicht wirklich mächtig und schon gar nicht unsterblich. Früher oder später kommt für alle das Gericht Gottes, dem keiner entfliehen kann. Dieselbe Einladung richte ich an die Förderer und Komplizen der Korruption. Diese schwärende Wunde der Gesellschaft ist eine schwere himmelschreiende Sünde, denn sie untergräbt das Fundament des Lebens des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Korruption nimmt Menschen die Hoffnung auf die Zukunft, denn in ihrer Rücksichtslosigkeit und Gier zerstört sie die Zukunftspläne der Schwachen und erdrückt die Armen. Es ist ein Übel, dass damit beginnt, sich in alltäglichen, kleinen Dingen einzunisten, um sich dann soweit auszubreiten, wie es dann manchmal in den großen Skandalen sichtbar wird. Die Korruption ist ein Verharren in der Sünde, die es darauf anlegt, Gott mit der Illusion der Macht des Geldes zu ersetzen. Sie ist ein Werk der Finsternis, gestützt von Argwohn und Intrige. Corruptio optimi pessima, sagte mit gutem Grund Gregor der Große, um darauf hinzuweisen, dass keiner immun ist angesichts dieser Versuchung. Um sie aus dem privaten und öffentlichen Leben auszurotten, bedarf es Klugheit, Wachsamkeit, Gesetzestreue, Transparenz und den Mut, den Finger in die Wunde zu legen. Wer die Korruption nicht offen bekämpft, wird früher oder später zum Komplizen und zerstört die Existenz."

Wir werden den Dom auch wieder durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit verlassen und werden damit beauftragt, die Barmherzigkeit Gottes in die Welt zu tragen. Der Papst wird auch hier sehr konkret und legt uns die Werke der Barmherzigkeit ans Herz: "Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die Christen während des Jubiläums über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit nachdenken. Das wird eine Form sein, unser Gewissen, das gegenüber dem Drama der Armut oft eingeschlafen ist, wachzurütteln und immer mehr in die Herzmitte des Evangeliums vorzustoßen, in dem die Armen die Bevorzugten der göttlichen Barmherzigkeit sind. Die Verkündigung Jesu nennt uns diese Werke der Barmherzigkeit, damit wir prüfen können, ob wir als seine Jünger leben oder eben nicht. Entdecken wir erneut die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und die Toten begraben. Und vergessen wir auch nicht die geistigen Werke der Barmherzigkeit: den Zweifelnden recht raten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, die Betrübten trösten, Beleidigungen verzeihen, die Lästigen geduldig ertragen und für die Lebenden und Verstorbenen zu Gott beten. Wir können uns nicht den Worten des Herrn entziehen, auf deren Grundlage wir einst gerichtet werden: Haben wir dem Hungrigen zu essen gegeben und dem Durstigen zu trinken? Haben wir Fremde aufgenommen und Nackte bekleidet? Hatten wir Zeit, um Kranke und Gefangene zu besuchen? (vgl. Mt 25,31-45). Genauso werden wir gefragt werden, ob wir geholfen haben, den Zweifel zu überwinden, der Angst schüren und oft auch einsam machen kann. Waren wir fähig, die Unwissenheit zu besiegen, in der Millionen Menschen leben, besonders die Kinder, denen es an der notwendigen Hilfe fehlt, um der Armut entrissen zu werden? Waren wir denen nahe, die einsam und bekümmert sind? Haben wir denen vergeben, die uns beleidigt haben, und jede Art von Groll und Hass abgewehrt, die zur Gewalt führen? Hatten wir Geduld nach dem Beispiel Gottes, der selbst so geduldig mit uns ist? Und schlussendlich, haben wir unsere Schwestern und Brüder im Gebet dem Herrn anvertraut? In einem jeden dieser "Geringsten" ist Christus gegenwärtig."

14.12.2015