Als Christen erkennbar sein

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei seiner Amtseinführung am 22.11.2014 im Erfurter Dom





Sehr geehrte Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonischen Dienst,
meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
liebe Frau Landesbischöfin,
sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Gäste,

die Geschichte von den zehn Jungfrauen wurde eben deswegen als Evangelium verlesen, weil heute der Gedenktag der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Cäcilia ist, die im Kirchenfenster der Westwand des Erfurter Doms als Schutzpatronin der Kirchenmusik dargestellt ist. Die zehn Frauen, von denen im Evangelium die Rede war, bezeichnen wir heute als Brautjungfern. Der Brauch ist vor allem in Amerika verbreitet, bei uns aber durch unzählige Kinofilme bekannt. Einen Unterschied gibt es allerdings: Die Brautjungfern begleiten heute die Braut und nicht den Bräutigam. Beim Hören der Geschichte Jesu stellt sich unwillkürlich die Frage: Warum mussten die Frauen so lange warten? Was hat den Bräutigam so lange aufgehalten, dass er erst mitten in der Nacht kam? Auch die Bibelforscher machen sich darüber Gedanken. Die Antwort, die mir am besten gefällt, ist: Der Bräutigam musste vor der Hochzeit mit dem Brautvater um den Brautpreis feilschen und das kann länger dauern. Jesus erzählt also eine Geschichte mitten aus dem Leben.

Worauf kommt es ihm bei dieser Geschichte an? Geht es darum, wach zu bleiben dafür, dass der Bräutigam wiederkehrt, im übertragenen Sinn Jesus Christus am Ende der Welt und ihrer Geschichte? Nun sind auch die klugen Jungfrauen eingeschlafen. Geht es darum, einen langen Atem mitzubringen, durchzuhalten im Bekenntnis zu Jesus Christus? Solche Fragen sind auch heute für Christen aktuell. Deswegen ist es ganz gut, dass hier am Erfurter Dom die zehn Jungfrauen, von denen Jesus erzählt, als große Steinfiguren jeden begrüßen, der durch das Triangelportal den Dom betritt.

Ich möchte aber eine andere Spur verfolgen, um die Gleichniserzählung Jesu zu interpretieren. Immerhin hat diese Spur der Evangelist Matthäus gelegt, der die Geschichte aufgeschrieben hat. Allerdings ist seine Idee durch die heutige Übersetzung des Neuen Testamentes oft verwischt. Martin Luther aber hat sie bewahrt. Er hat sich nämlich getraut, eine entsprechende Stelle im Matthäus-Evangelium wörtlich zu übersetzen. Da heißt es: "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen?" (Mt 5,13) Die törichten oder dummen Jungfrauen entsprechen also Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Es ist zu nichts mehr zu gebrauchen, weil es sich seiner Umgebung angepasst hat. So ist auch der Aufruf Jesu zu verstehen: "Habt Salz in euch!" (Mk 9, 50) Die auf Jesus Christus hoffen, die daraus leben, dass seine Maßstäbe die gültigen sind, die damit rechnen, dass er am Ende der Welt und ihrer Geschichte steht, die sind von dieser Haltung her motiviert und geprägt, ihr Leben und ihre Welt zu gestalten. Sie sind nicht einfach nur ein frommer Teil der Gesellschaft, der im Verborgenen seine Religion praktiziert. Sie sind auch nicht nur gläubige Menschen, die es Gott überlassen, eine bessere Welt zu schaffen, sondern der Glaube an Jesus Christus ist für sie der ständige Antrieb, die Welt besser zu verlassen, als wir sie angetroffen haben. Dies gilt zunächst und zuerst für das Zeugnis der Tat, das heute mehr denn je die Menschen beeindruckt. Geredet wird viel, versprochen wird viel. Die Menschen wollen zurecht Taten sehen.

Es geht aber nicht nur um einzelne konkrete Taten, sondern auch um Lebenswerke. Ich denke an eine Mutter, die gefragt wurde, ob sie bei der Vorbereitung ihrer Tochter auf die Firmung als Katechetin mitarbeitet. Heute - 15 Jahre später - leitet sie ehrenamtlich die gesamte Firmvorbereitung in der Gemeinde. Ich denke an einen erfolgreichen IT-Manager, der kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag beschloss, eine Ausbildung zum Pflegeheimleiter zu machen. Er investierte sein Vermögen in ein Altenwohnheim, das er als evangelischer Christ im Geist von Pfarrer Kneipp als christliche Einrichtung führt. Ich denke an einen 57-jährigen Weihbischof, den der Dompropst von Erfurt besucht, um ihm mittzuteilen, dass ihn das Domkapitel zum Bischof gewählt hat, und der nach kurzer Überlegung sagt: "Ich bin bereit. - adsum - Hier bin ich."

Die Aufforderung, Salz der Erde zu sein, betrifft aber auch das Zeugnis des Wortes. Paulus schreibt im Brief an die Kolosser: "Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt, denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können." (Kol 3,6) Die mit Salz gewürzten Worte sind die Sätze, die mit: "Ich..." anfangen, also die Sätze, in denen wir nicht diskutieren und argumentieren, sondern persönliches Zeugnis von unserem Glauben geben. Das ist nicht immer einfach, aber wir müssen uns als gläubige Christen zu erkennen geben. Ich ermutige die Jugendlichen, die ich firme, in der Schule zu sagen, dass sie in der Kirche gefirmt wurden und zwar ohne den Zusatz, "weil meine Eltern darauf bestanden haben" oder "weil meine Oma sonst einen Herzinfarkt bekommt", sondern ohne Einschränkung oder gar mit dem Zusatz: "weil es mir wichtig ist". Dann sind die Worte - um mit Paulus zu sprechen - "mit Salz gewürzt" (Kol 3,6).

Diese freundlichen Worte, von den Paulus spricht, sind in den Figuren der klugen Jungfrauen am Triangelportal des Erfurter Doms Stein geworden. Sie versteckten ihre Hoffnungskrüge nicht, sondern halten sie dem Betrachter froh entgegen. Ihr Gesichtsausdruck zeigt, dass sie mit sich selbst im Einklang sind und eine erfreuliche Perspektive für ihr Leben haben. Fast möchte man sie fragen: Was macht euch so froh?

22.11.2014