Zwei der klugen Jungfrauen am Triangelportal des Erfurter Domes
(Foto: Gregor Peda)
Schrifttext: Matthäus-Evangelium 25,1-13, Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen
Solche Fragen kennen wir: Was tun, wenn das Öl ausgeht? Woher Nachschub bekommen? Krisenstimmung bei den feierwilligen Jungfrauen! Sie wollten zwar alle bei der Hochzeit dabei sein, aber bei einigen von ihnen reicht es nicht. Das Öl fehlt. Wir sagen gern im Alltagsjargon: "Ohne Moos nix los!"
"Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam." Und sie - waren nicht dabei.
Das Gleichnis Jesu ist von zeitloser Aktualität. Jede Generation hat es verstanden. Die klugen und die törichten Jungfrauen sind an so manchen Kirchenportalen zu finden, auch bei uns hier am Dom. Als ob die Künstler alle Besucher beim Ü;berschreiten der Kirchenschwellen daran erinnern wollten: Habt Öl in euren Lebenskrügen! Bleibt wachsam, damit sich euch einmal die entscheidende Pforte öffnet, das Tor zum Leben bei Gott.
Der Silvesterabend lädt uns ein, bei dieser Mahnung ein wenig zu verweilen. In dieser Stunde der abendlichen Andacht geht unser Blick nicht nur zurück auf das verflossene Jahr. Unser Blick ist noch mehr auf das kommende Jahr gerichtet. Wir hören die Prognosen (in diesem Jahr keine guten!) - und wir wissen: Vieles bleibt dennoch unsicher und kommt vermutlich doch anders als vorhergesagt.
So bleibt uns nur in dieser Silvesterstunde festzustellen, was wir - wenn wir ehrlich sind - immer schon wussten: Die Zukunft ist uns verschlossen. Der Kalender von 2009 wird nicht von uns allein geschrieben. Es wird das Alltägliche auf uns warten, die normalen Aufgaben und Pflichten - aber es wird auch Ü;berraschendes geben, Erfreuliches, aber auch Belastendes, vielleicht sogar Schmerzhaftes. Das Bild vom Nebel, in den hinein sich die Lebensstraße verliert, ist immer noch zutreffend trotz aller Vorhersagen, die den Nebel zu lichten versuchen.
Halten wir uns deshalb nicht allzu lange bei diesen Beschreibungen der verschlossenen Zukunft auf. Es stimmt, was uns das Gleichnis sagt: "Wir wissen weder den Tag noch die Stunde." Aber ziehen wir auch die richtigen Folgerungen aus diesem Nichtwissen?
Das Gleichnis spricht von der Wachsamkeit. "Den Tag und die Stunde nicht kennen" heißt ja nicht, dass der Tag und die Stunde nie kommen werden. So wie der Bräutigam zum angesagten Fest kommen wird, so wird der Herr wiederkommen, um uns zum Fest im Gottesreich zu laden. Die Wachsamkeit meint Stetsbereitschaft, dieses vom Glauben verbürgte Kommen des Herrn nicht aus dem Blick zu verlieren. So hat die Kirche dieses Gleichnis verstanden und jeder Generation neu verkündet - im Blick auf das individuelle Lebensende jedes Einzelnen (was uns leicht einsehbar und verständlich ist), aber auch im Blick auf das Ende aller Zeit und Geschichte, was uns weniger einsehbar erscheint angesichts der Milliarden von Jahren, die unser von den Wissenschaften belehrter Blick jetzt übersieht.
Eines freilich wissen wir: Das einzig Sichere, von dem wir wissen, ist der Wandel. Nichts bleibt, wie es ist. Es verändert sich, es gestaltet sich neu, es wird - manchmal ganz überraschend - völlig anders. "Mutationen" nennen das die Wissenschaftler, und die gibt es nicht nur in der Biologie. Wir könnten auch sagen: Gott hat immer wieder Ü;berraschungen bereit. Schon deshalb sollten wir mit Vorhersagen und vorgetäuschtem Wissen um die Zukunft vorsichtig sein. Nicht jede apokalyptische Aussage der Bibel ist eine Glaubensaussage. Es tut mir weh, wenn damit, auch manchmal in kirchlichen Kreisen, Menschen Angst gemacht wird.
Unser Gleichnis ist da anders: Es will nicht ängstigen, sondern falsche Angst vertreiben. Es will freilich auch den Kirchenschlaf der Frommen vertreiben und zu rechter Wachsamkeit ermuntern.
Jesus lenkt unseren Blick auf die entscheidende Mutation, von der unser Glaube spricht: unsere Neuschöpfung als Söhne und Töchter Gottes, die in der Taufe begonnen hat, die als lebenslanger Prozess in dieser Erdenzeit andauert und einst vollendet werden wird, wenn der Herr uns in unserer Todesstunde zu sich rufen wird. Auf dieses "Hineingehen-Können" zum Herrn, in seine Herrlichkeit, wird unser Blick gelenkt.
Davon können wir nur in Bildern sprechen, so wie es auch das Gleichnis tut. Doch wir sollten beachten, dass Jesus offensichtlich dieses Bild vom Hochzeitsmahl liebt, denn es taucht in vielen Variationen in seiner Verkündigung immer wieder auf. Es geht, so möchte Jesus sagen, um ein Hineingehen in eine unermessliche Freude, in eine Fülle, in eine Seligkeit, die unser Herz hier wohl erahnen, aber noch nicht in Gänze fassen kann.
Wir sind noch auf einem Weg mit Höhen und Tiefen. Nur manchmal eröffnet sich ein Ausblick auf das Ziel - wie etwa jetzt in dieser Stunde, und manchmal ist dieses Ziel in den Niederungen des Alltags den Augen des Herzens entzogen. Und doch ist dieses Ziel da: Es ist Gott selbst, sein Licht, seine Freude, sein Leben.
Es ist gut, dass wir uns im Wechsel vom alten zum neuen Jahr daran wieder erinnern lassen. Die geistliche Müdigkeit kann sowohl törichte wie kluge Jungfrauen befallen. Die Klugheit der Klugen besteht ja darin, mit solcher Müdigkeit zu rechnen, sich gegen sie zu wappnen, also im Bild gesprochen "Öl" zu haben für den Zeitpunkt, wenn es darauf ankommt. Zugegeben: Das sind Bilder. Aber es sind sprechende Bilder, die auch im 21. Jahrhundert ihre Aussagekraft nicht verloren haben.
Versuchen wir einmal das biblische Bild vom Ölmangel etwas auszudeuten. Ich spieße dazu einige heute verbreitete Lebenshaltungen auf.
Da sind z. B. die Leute, die sich sagen: "Ich mogle mich halt so durch!" Sich gern hinter Mehrheiten verstecken; damit rechnen, nicht erwischt zu werden; nicht auffallen wollen, wenn es darum ginge, einmal Farbe zu bekennen - eben, "sich durchmogeln"! Ich habe ein gewisses Verständnis für solchen Lebenspragmatismus, wie man das euphemistisch auch nennen könnte. Das ist uns ja auch selbst nicht so unbekannt. Aber wenn das zu einer geistigen Dauerhaltung wird - auch religiös - , dann wird es gefährlich.
"Sich durchmogeln" - in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf, bei notwendigen Entscheidungen, bei den religiösen Pflichten; irgendwann fällt das auf. Dann reicht es auf einmal nicht mehr. Dann fehlt das Öl! Dann muss man zu den Krämern gehen und verhandeln - und verpasst das Entscheidende.
Also nicht: sich durchmogeln, sondern: zu dem stehen, was man als wahr und richtig erkannt hat. Treu sein in dem, was man übernommen, was man zugesagt hat. Authentisch sein, Profil haben und Profil zeigen auch dort, wo es Mut und Kraft kostet.
Ich nenne eine andere Mentalität, die heute häufiger anzutreffen ist. Ich bezeichne sie als "Vollkasko-Mentalität". Sie sucht sich gegen alle, wirklich alle Unwägbarkeiten des Lebens abzusichern und erwartet, dass jedes Risiko durch Abschluss einer entsprechenden Versicherung auszuschließen ist. Aber geht das wirklich?
Ich sage nichts gegen die gesellschaftliche Absicherung vor den großen Lebensrisiken wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Das sind segensreiche Errungenschaften der Moderne, die wir nicht missen wollen. Aber kann besonders im zwischenmenschlichen Bereich, in einer Freundschaft, in einer Ehe, in der Familie etwas gelingen, wenn Misstrauen regiert und keiner einen Einsatz ohne Sicherheitsnetz wagt? Ja, kann unser Verhältnis zu Gott gelingen, wenn da das Vertrauen fehlt, die Bereitschaft, auf sein Wort hin etwas zu wagen?
Wenn junge Menschen sich schon bei der Trauung nach den Konditionen einer Ehescheidung erkundigen oder ein junger Mann bei der Priesterweihe schon wissen will, wie hoch seine spätere Rente sein wird - da ist etwas nicht in Ordnung. "Vollkasko-Mentaliät"! Manchmal meine ich, an unserer Kirche in Deutschland solche Symptome wahrzunehmen. Muss wirklich für die Zukunft alles vorausberechenbar sein und müssen sich alle Risiken kirchlichen Handelns auf den Punkt Null hin minimieren lassen?
Auch heute gilt es, aus Glaube und Vertrauen etwas zu wagen. So haben die Heiligen gelebt. So haben Menschen gehandelt, die in der Vergangenheit etwas bewegt haben. Ich möchte alle, die Priester wie die Gläubigen in unseren Gemeinden zu solch einem Vertrauen aufrufen. Auch wenn vieles sich ändert und in Zukunft noch ändern wird: Wir werden auch inmitten von Veränderungen von Gott geführt. Wir dürfen fest darauf vertrauen, nicht aus seiner Sorge herauszufallen - als Einzelne und als große Bistumsfamilie.
Und, vom biblischen Gleichnis inspiriert, möchte ich noch eine dritte Mentalität aufspießen, der es tapfer zu wiederstehen gilt. Es ist die Ansicht, es lohne sich nicht, etwas zu erwarten, auf Besseres zu hoffen. Das sei eine Illusion. Es gehe- wenn nicht bergab - so doch alles seinen gewohnten (ich hätte beinahe gesagt: sozialistischen) Gang. Das ist die Haltung des Skeptikers, dem das Buch Kohelet im Alten Testament die Worte in den Mund legt: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne!", "Alles ist Windhauch und Luftgespinst!"
Auch diesen müden, manchmal auch blasierten Skeptizismus kann man heute antreffen, gerade oft unter Gebildeten. Wir hier im Osten sind in der glücklichen Lage, mit Hinweis auf unsere jüngste Geschichte zu zeigen, dass solche Skepsis keine Berechtigung hat. Man darf durchaus mit der Möglichkeit einer Wende und eines Neuanfangs rechnen. Das gehört zum Wesen menschlicher Geschichte und auch zu den Möglichkeiten einer menschlichen Biographie. Und das gehört vor allem auch zu unserem christlichen Glauben, der an Gottes "Wende-Möglichkeiten" glaubt. Einmal wird tatsächlich der Ruf erschallen: "Auf, der Bräutigam kommt! Geh ihm entgegen!" Bei dieser entscheidenden Wende dabei zu sein, gefüllte Lampen zu haben und in den Hochzeitssaal zu gelangen - dafür lohnt sich jeder Einsatz.
Liebe Brüder und Schwestern!
Ein Jahreswechsel im bürgerlichen Kalender ist nichts sonderlich Aufregendes. Aber die Tatsache, von Gott ein neues Jahr geschenkt zu bekommen, Zeit, die uns ihm näher bringt, das ist Grund zum Danken und zur Freude.
- Wir brauchen uns nicht mit allen möglichen Tricks und Selbsttäuschungen durch die Jahre mogeln;
- Wir brauchen bei Gott keine Kaskoversicherung für unser Leben, womöglich noch mit Rückgaberechten.
- Wir dürfen einfach ihm entgegengehen und dabei wissen, dass er alles neu machen wird, auch das Krumme, Schiefe und Misslungene.
So lasst uns das neue Jahr annehmen. Denn auch in ihm wird gelten, was wir in dem schönen Lied von Philipp Nicolai in diesen Weihnachtstagen so gern gesungen haben:
"Wohlauf, der Bräutgam kommt!
Steht auf, die Lampen nehmt! Halleluja.
Macht euch bereit zu der Hochzeit,
ihr müsset ihm entgegengehen."
Amen.
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