"Werteentwicklung gegen Rechtsextremismus und Gewalt"

"Mobile Beratung Thüringen" von Katholischer Kirche mitgegründet

Erfurt/Heiligenstadt (BiP). Unter Beteiligung der Katholischen Kirche ist heute (23.8.) im Erfurter Augustinerkloster die Arbeitsgemeinschaft "Mobile Beratung Thüringen" gegründet worden. Die Arbeitsgemeinschaft will in Thüringen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt bekämpfen, indem sie die Träger von Beratungsangeboten durch Erfahrungsaustausch und Koordination einzelner Maßnahmen unterstützt. Zusammen mit der katholischen Kirche und dem Verein "Mobile Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Thüringen" (Mobit), der von den Gewerkschaften, der jüdischen Landesgemeinde und den Evangelischen Kirchen getragen wird, umfasst die Arbeitsgemeinschaft 23 Mitglieder. Im Sprecherkreis sind Mobit, die katholische Kirche und die Koordinierungsstelle Gewaltprävention der Thüringer Landesregierung vertreten. Die neu gegründete Arbeitsgemeinschaft hofft auf weitere Mitglieder und die Mitarbeit von Wissenschaftlern.

Mit der Katholischen Jugendsozialarbeit, vertreten durch die Heiligenstädter "Villa Lampe", bietet die Katholische Kirche ein eigenes Beratungsangebot. In den zehn Jahren ihres Bestehens hat die "Villa Lampe" ein breit gefächertes, nachhaltiges und personal geprägtes Angebot für junge Menschen entwickelt. Nach Aussage von Winfried Weinrich, dem Leiter des Katholischen Büros Erfurt, versteht sich das Beratungsangebot seiner Kirche als ein "zivilgesellschaftlicher Beitrag". Weinrich wörtlich: "In der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rechtsextremismus wollen wir dazu beitragen, ein erfolgreiches Zusammenwirken von gesellschaftlichen Akteuren und Einrichtungen - Eltern, Schulen, Wirtschaft, Kommunen, Polizei und Jugendhilfe - zu ermöglichen."

Dabei liege ein Schwerpunkt in der präventiven Arbeit, um wertorientierte Einstellungen und Verhaltensweisen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zu entwickeln und zu fördern, wie der Leiter des Katholischen Büros erklärt. Wer in Kommunen, Schulen, Verwaltung oder Wirtschaft mit Gewalt, Fremdenfeindlichkeit oder Rechtsextremismus konfrontiert sei, könne die angebotene Hilfe in Anspruch nehmen, so Weinrich

Weinrich ist froh, dass es seitens der Katholischen Kirche mit der Villa Lampe einen Ansprechpartner gibt, der bereits über Erfahrungen mit Rechtsextremismus im Jugendbereich verfügt. "Wir fangen also nicht bei Null an, sondern können auf ausgebildete Strukturen und konfliktgeschultes Personal zurückgreifen", so Weinrich. Ü;berhaupt findet sich die "Nutzung vorhandener Strukturen und personeller Möglichkeiten" als ein wesentliches Element im sogenannten "Konzept der Katholischen Kirche für ein Beratungsangebot in Thüringen in der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rechtsextremismus". Autoren des Konzeptes sind Winfried Weinrich und der Leiter der Villa Lampe, Pater Ulrich Otto.

Nicht weniger Wert legen Weinrich und Pater Otto auf Nachhaltigkeit. "Es geht uns um ein Beratungsangebot, das zeitlich, sachlich und personal auf Dauer angelegt ist", erklärt Weinrich. Schließlich wolle man kein Strohfeuer erzeugen, sondern vernünftige Arbeit leisten.

Weinrich und Pater Otto ist es ebenso wichtig, dass entstehende Beratungsangebote sich gegenseitig wahrnehmen und Erfahrungen austauschen. "Darum auch unsere Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft ?Mobile Beratung Thüringen?", äußert sich Weinrich über die Mitarbeit der Katholischen Kirche in der Arbeitsgemeinschaft. Es sei nur vernünftig, Kräfte zu koordinieren und Doppel-Aktivitäten zu vermeiden. "Zu hoffen bleibt", so Winfried Weinrich, "dass wir in und außerhalb der Arbeitsgemeinschaft viele Mitstreiter finden, die unsere Anliegen teilen." Schließlich spiegelten die Ziele der Arbeitsgemeinschaft ein Anliegen der ganzen Gesellschaft wider.

DOKUMENTATION:

"Mobile Beratung in Thüringen"
Konzept der Katholischen Kirche für ein Beratungsangebot in Thüringen in der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rechtsextremismus

Gliederung:
1. Einführung
2. Grundsätze der Beratung
3. Inhalte der Beratung
4. Struktur der Beratung

1. Einführung

Vor dem Hintergrund des Anwachsens von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus in unserem Land stellt sich um so dringender die Aufgabe, nach Wegen für einen nachhaltigen Einsatz zum Erhalt eines menschenwürdigen, freien, gerechten und solidarischen Gemeinwesen zu suchen.

Rechtsextremismus und Gewalt, die die Menschenwürde missachten, haben viele Wurzeln. Auch in unserem Land gilt, dass die wirtschaftliche und soziale Lage vor allem junger Menschen und die Situation der Familien die Anziehungskraft gewaltbereiter und rechtsextremer Gruppen und ihre Ideologie wesentlich beeinflussen. Dabei spielt auch das allgemeine politische und gesellschaftliche Klima eine beträchtliche Rolle.
Ohne an dieser Stelle auf die verschiedenen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rechtsextremismus einzugehen, soll mit diesem Konzept ein zivilgesellschaftlicher Beitrag in der Auseinandersetzung mit den beschriebenen Phänomenen geleistet werden.
Das Konzept konzentriert sich dabei auf die Beschreibung eines Beratungsangebotes, das von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren und Einrichtungen genutzt werden kann (Kommune, Wirtschaft, Schule, Polizei, Jugendhilfe . . .).

2. Grundsätze der Beratung

  • Subsidiarität
    Wo ein erfolgreiches Zusammenwirken von gesellschaftlichen Akteuren und Einrichtungen in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Gewalt nicht möglich ist und die Bereitschaft, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen vorliegt, ist Beratung notwendig.
    Um diese zu gewährleisten, ist eine mobile Beratung erforderlich, die kurzfristig auf die Anfragen gesellschaftlicher Akteure und Einrichtungen reagieren kann.
  • Vorhandene Strukturen nutzen und vernetzen
    Die Arbeit der mobilen Beratung soll unter der Voraussetzung der Nutzung vorhandener Strukturen und personeller Möglichkeiten kompetenter freier Träger der Jugendhilfe bzw. Jugend- und Erwachsenenbildung stehen.
  • Nachhaltigkeit
    Beratung ist kontraproduktiv, wenn sie nicht in zeitlich, sachlich und personal verlässliche Angebote eingebunden werden kann. Dies erfordert eine konstante Präsens professioneller Beratung im Rahmen eines Netzwerkes von nachhaltigen Angeboten ausgewiesener regional operierender Träger.
  • Stärkung der Zivilgesellschaft und Wertorientierung
    Die Beratung in ihrer Vernetzung trägt durch die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen dazu bei, rassistische und fremdenfeindliche Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen und demokratische Strukturen bzw. wertorientierte Einstellungen und Verhaltensweisen zu fördern.
  • 3. Inhalte der Beratung

    3.1. Grundsätzliches

    • Beratung bei kommunalen Konflikten und gewalttätigen Ü;bergriffen im Kontext von Rechtsextremismus und Rassismus als Dienstleistung für kommunale Akteure, Sozialarbeit, Schule, kommunale Verwaltung und kommunale/regionale Netzwerke
    • Unterstützung und Stärkung der Initiativen vor Ort
    • Vermittlung von Handlungskompetenzen für Multiplikatoren

      • bezüglich des Schutzes von Opfern rechtsextremistischer Gewalt
      • im Bemühen von Deeskalation im Zusammenhang mit rechtsextrem orientierten Gruppen und ihre Aktivitäten
      • in der Interaktion politischer und sozialer Akteure

       

    3.2. Im Einzelnen:

    • Fachberatung bzw. Vermittlung von kompetenten Gesprächspartnern zum Themenkomplex: "Rechtsextremismus - Ursachen, Erscheinungsform, Gegenstrategien"
    • spezielle Beratung für Lehrer, Entwicklung von Praxismodellen gegen Rechtsextremismus, Beratung zur Deeskalation von Konflikten
    • Beratung von Sozialpartnern und betrieblichen Akteuren
    • Fachberatung zur Etablierung kommunaler Opferunterstützungsstrukturen, Vermittlung von professioneller Opferberatung
    • Vermittlung von professioneller "Community-Coaching"
    • Krisen- und Konfliktmanagement, z. B. Auflösung so genannter "National-Befreiter Zonen"
    • Praxisberatung von Einzelprojekten
    • Initiierung von Netzwerken und Runden Tischen (Analyse und Moderation)
    • Dokumentation und Weitergabe von Erfahrungen und Prozessen

    4. Struktur der Beratung

    Unter der Nutzung vorhandener Strukturen steht die Katholische Jugendsozialarbeit als Ansprechpartner der Katholischen Kirche für die zu erwartende Beratung zur Verfügung.

    Anschrift:
    Villa Lampe
    Soziales Netzwerk für junge Menschen
    Holzweg 2
    37308 Heilbad Heiligenstadt
    Telefon: 0 36 06 / 55 21 - 0
    Fax: 0 36 06 / 55 21 - 50
    Internet: www.villa-lampe.de
    e-mail: mail@villa-lampe.de

    Leitung:
    Pater Franz-Ulrich Otto SDB

    Zwecks Koordinierung und Erfahrungsaustausch arbeitet die Katholische Jugendsozialarbeit in der Arbeitsgemeinschaft "Mobile Beratung in Thüringen" mit.

    Erfurt - Heiligenstadt, den 20. August 2001

    gez.
    Ordinariatsrat Winfried Weinrich
    Leiter des Katholischen Büros

    gez.
    P. Franz Ulrich Otto SDB
    Leiter der Kath. Jugendsozialarbeit


    Bundeszentrale f. polit. Bildung: "Was tun gegen Rechtsextremismus". Infos mit Adressen, Materialien